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'Con tan poderosa amiga como la Gran Bretaña' - Ein globalhistorischer Blick auf die Auflösung des spanischen Imperiums in Amerika

Ein globalhistorischer Blick auf die Auflösung des spanischen Imperiums in Amerika

AutorNadja Schuppenhauer
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl94 Seiten
ISBN9783640435357
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis10,99 EUR
Masterarbeit aus dem Jahr 2009 im Fachbereich Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung, Note: 1,0, Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) (Professur für vergleichende europäische Geschichte der Neuzeit), Sprache: Deutsch, Abstract: Im August 1806 setzte Francisco de Miranda (1750-1816), ein aus Caracas stammender und der kreolischen Elite Spanisch-Amerikas angehörender Weltenbummler, mit zehn Schiffen und 500 Soldaten an der venezolanischen Küste an. Sein Ziel war die Befreiung seiner Heimat von spanischer Herrschaft, mithin die Revolution. Mit seinem Expeditionsheer, das er mit britischer und US-amerikanischer Unterstützung zusammengestellt hatte, wollte er erst die Stadt Coro erobern und die kreolische Bevölkerung mobilisieren, um so mithilfe einer 'patriotischen Armee' auf Caracas zu marschieren und sein Vorhaben zu einem, den gesamten südamerikanischen Kontinent erfassenden Befreiungsschlag auszuweiten. Neben Waffen und Uniformen befand sich in Mirandas Gepäck auch eine Druckerpresse, mit deren Hilfe er mehrere Tausend revolutionäre Flugblätter für die durch ihn zu befreienden Kreolen drucken ließ, ganz so wie er es zuvor in den vielen Jahren seiner Reisen in den USA und in Europa gesehen hatte. Und obschon Miranda noch heute in Lateinamerika vielfach als precursor, als Wegbereiter der Unabhängigkeit betrachtet wird, so war seine Expedition im Sommer 1806 ein Fiasko in jeglicher Hinsicht: nicht nur, dass ihn die spanischen Autoritäten dank ihres weitgesponnenen Spionagenetzes bereits mit einer entsprechenden Armee erwarteten , auch die kreolische Bevölkerung, der er die 'Freiheit' bringen wollte, verhielt sich völlig passiv, so sie denn nicht gleich aus der Stadt geflohen war. Miranda zog sich mit seinen Truppen zurück, noch bevor es zu einer Konfrontation zwischen den beiden Armeen kommen konnte. Kaum 20 Jahre später hatte sich das Antlitz der Amerikas sowie, damit einhergehend, die politische Weltordnung grundlegend gewandelt. Das größte und reichste Imperium in der Weltgeschichte hatte aufgehört zu existieren.

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Leseprobe

2 Mächtekonkurrenz im Atlantik: Spanien – Großbritannien – Frankreich


 

Das Verhältnis der europäischen Mächte zueinander erfuhr im Laufe des 18. Jahrhunderts einen tiefgreifenden Wandel, der sich sehr deutlich in einer Verschiebung der Hegemonien äußerte und sich durch eine vermehrte Ausrichtung an den Überseekolonien auszeichnete. Vormals eher weniger gewichtige Staaten wie z. B. England erstarkten, während andere, traditionell dominierende Mächte wie die Niederlande ihre Vormachtstellung allmählich verloren. Neben innenpolitischen und dynastischen Ursachen für diesen Wandel hatte jedoch vor allem die sich in dieser Zeit konsolidierende europäische Weltwirtschaft[43] veränderte Kriegsinteressen und damit eine Verschiebung der Kriegsschauplätze nach sich gezogen, die dem 18. Jahrhundert eine globale, von ökonomischen Fragen geleitete Dimension verlieh. In diesem Kapitel soll diese durch wirtschaftliche und koloniale Interessen bedingte Globalität nachgezeichnet werden, sowie ein Blick auf den für diese Arbeit relevanten Ausschnitt der europäischen Weltwirtschaft, namentlich den atlantischen Raum geworfen werden, der Europa, die Amerikas und Westafrika umspannte. So kann im Anschluss das Verhältnis der Hauptakteure in der Konkurrenz um die Hegemonie in dem neuen Weltsystem, namentlich Großbritannien und Frankreich, sowie das durch deren Sog mitgerissene Spanien, in seinen globalen Kontext eingeordnet und die Verflechtungen der einzelnen Mächte miteinander sichtbar gemacht werden. 

 

2.1 Die Globalität des ‚langen‘ 18. Jahrhunderts


 


Wurden in Europa die Kriege des 17. Jahrhunderts noch um Religion geführt und um die Machterweiterung des Staates,[44] so ließ das ‚lange‘[45] 18. Jahrhundert die Versuche der Bildung einer europäischen Hegemonialmacht hinter sich und zeichnete sich seit dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs durch ein neues Grundmuster der Mächtekonkurrenz, der balance of power aus. Die großen Mächte hielten sich nun gegenseitig die Balance, was zu einer Verdrängung des vormaligen Prinzips der Allianzbildung führte.[46] Daneben ist eine aufkommende „Verflechtung des Geld-Interesse [sic] mit der Politik[47] zu beobachten, die nicht nur den Überseehandel – vor allem mit der Neuen Welt[48] – für die einzelnen Mächte immer bedeutungsvoller werden ließ, sondern gleichzeitig auch für das Aufkommen einer reichen Kaufmannsschicht in den westeuropäischen Handelshäfen sorgte. Der Überseehandel war bereits seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu einem zentralen Aspekt der europäischen Ökonomie geworden[49] und seit dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714), in dem primär die ökonomischen Interessen Englands und Frankreichs im Mittelpunkt standen,[50] wurden die kommerziellen Interessen zu einem immer wichtigeren politischen Entscheidungsfaktor für die Regierungen der europäischen Staaten. So erfuhr das 18. Jahrhundert eine erneute Expansion der kapitalistischen Weltwirtschaft,[51] womit auch den Überseekolonien neuer Wert und neue Bedeutung zukam und Kriege sich zunehmend zu Kommerzialkriegen entwickelten.

 

Der „sich ausbreitende Kolonialismus und die entstehende Weltwirtschaft veränderten auch den europäischen Schauplatz, auf dem um die Dominanz gerungen wurde“[52], bzw. bedingten immer häufiger die Verlagerung auch innereuropäischer militärischer Konflikte an die asiatischen und amerikanischen Küsten, an denen um eine wirtschaftliche Vorrangstellung, um Handelsrechte und den Neuerwerb bzw. die Erhaltung von Kolonialbesitz gekämpft wurde.[53] Neben das kontinentale Gleichgewichtssystem Europas trat also Außereuropa, und hier vor allem Amerika, als weiterer Machtbereich hinzu, der von den europäischen Staaten in erster Linie aufgrund seiner ökonomischen Bedeutung hart umkämpft wurde. Besonders die aufstrebende Seemacht England, die ihren Horizont auf den gesamten Erdball ausweitete, wurde so zu einem Motor dieser frühneuzeitlichen Globalisierung.[54] Bis zum 18. Jahrhundert waren Europa und die Amerikas durch diese frühkapitalistische Expansion politisch und geographisch so eng miteinander verflochten, dass die Gebiete westlich des Atlantiks, wenn auch als Peripherie, so doch vollständig in die europäische Weltwirtschaft integriert waren. Die räumliche Ausweitung und eine die Kontinente umspannende Arbeitsteilung hatte den außereuropäischen Kontext so weit mit dem europäischen vermengt, dass eine protokapitalistische Globalisierung zu einem Charakteristikum dieser Epoche geworden war.[55]

 

Die beiden Protagonisten im Kampf um die Hegemonie im Kolonialhandel und im globalen Wettlauf um die Ausweitung von Kolonialbesitz waren während des gesamten Jahrhunderts Großbritannien und Frankreich.[56] Und obschon Spanien immer versuchte, sich aus dem britisch-französischen Konflikt herauszuhalten, sah es sich dennoch stets den ökonomischen Interessen Frankreichs und Englands an seinen Kolonien ausgesetzt,[57] so dass es sich dem Schutz seines Kolonialreichs wegen häufig in die Kriegshandlungen Großbritanniens und Frankreichs verstrickt sah. Als entscheidende Phase der britisch-französischen Auseinandersetzungen um die koloniale Vorherrschaft vor allem in der Karibik und in Nordamerika[58] kann wohl die Zeit zwischen dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) und Napoleons endgültiger Niederlage im Jahr 1815 betrachtet werden. In dieser Zeit kam es zu einer vollständigen Überformung der dynastischen Politik vorangegangener Jahrhunderte durch eine die Grenzen Europas überschreitende Kommerzialpolitik der rivalisierenden Mächte. Spätestens mit dem Frieden von Paris, der 1763 den Siebenjährigen Krieg beendete, ging daher „allen Beteiligten die neue, globale Qualität des Konflikts endgültig auf“.[59] Und eben diese Globalität des ‚langen‘ 18. Jahrhunderts zog auch Spanien in seinen Sog und beeinflusste die Geschehnisse im spanischen Imperium so weit, dass es sich bis zum Jahr 1826 schließlich aufgelöst hatte.

 

2.2 Die Wirtschaft des Atlantiks


 


Die vier großen europäischen Kolonialmächte, die im 18. Jahrhundert Kolonialgebiete in Amerika besaßen, waren Spanien und Portugal sowie Großbritannien und Frankreich. Während sich die Krongebiete Spaniens über den gesamten Doppelkontinent erstreckten, blieben die portugiesischen Besitzungen auf den östlichen Teil Südamerikas beschränkt. Die Machtbereiche Großbritanniens und Frankreichs konzentrierten sich auf Nordamerika und die karibischen Inseln, wobei es Großbritannien im Laufe des Jahrhunderts streckenweise auch gelang, in Zentralamerika Fuß zu fassen.

 

Die amerikanischen Kolonien lassen sich in drei Gruppen unterteilen:[60] Vor allem die britischen und französischen Kolonien in Nordamerika waren Siedlerkolonien, in denen sich Migranten aus Europa freiwillig oder unter Zwang angesiedelt hatten.[61] Die indigene Bevölkerung dieser Gebiete war eliminiert oder vertrieben worden. In diesen Kolonien gab es hauptsächlich kleinere Farmbetriebe, die zumeist Agrarprodukte europäischen Ursprungs anbauten. Weitere Güter aus diesen Kolonien, wie Holz, Fisch, Fleisch und Häute wurden in die Karibik oder andere, auf den Anbau von Cash Crops spezialisierten Gebiete verschifft. Im karibischen Raum, der die großen und kleinen Antillen, sowie die südlichen Randgebiete Nordamerikas und die Nordküsten Südamerikas mit einschloss, und auch in den portugiesischen Besitzungen in Brasilien herrschte das Plantagensystem vor, in dem mit Hilfe von zwangsverschleppten Sklaven aus Afrika tropische Produkte wie Zucker, Kaffee, Kakao, Tabak oder Indigo zum Export nach Europa angebaut wurden. Gerade diese kapitalintensiven Sklavenplantagen stellten eine frühe kapitalistische Spezialisierung dar, die „eine flexible, finanziell hoch entwickelte, kundenorientierte und technologisch innovative Form menschlicher Scheußlichkeit war“.[62] Die Bevölkerung in diesen Teilen Amerikas bestand, der Natur des Systems folgend, zu einem überwältigenden Anteil aus schwarzen Sklaven, die den weißen Plantagenbesitzern und –aufsehern zahlenmäßig um ein vielfaches überlegen waren. Eine dritte Kategorie waren die „Silberkolonien“ wie Neu-Spanien (Mexiko) und Peru, die die traditionellen Machtzentren der Spanier ausmachten. Hier lebte eine große indigene Bevölkerung, die meist zu Zwangsarbeit in den Silberminen und in der Landwirtschaft herangezogen wurde. Im 18. Jahrhundert stammten 90 % des weltweit abgebauten Silbers aus den Minen dieser Kolonien.[63] Neben dem Silberabbau fanden sich hier die großen haciendas, sowie ein relativ weit entwickeltes Handwerk.

 

Die Handelsströme, die sich aus diesen Gegebenheiten entwickelten, verliefen in Form eines Dreiecks, indem sie Amerika, Europa und auch Westafrika miteinander verbanden, da eben nicht nur Waren, sondern auch Menschen gehandelt wurden. Schiffe aus Europa transportierten so genannte Sklavenhandelsware (Gewehre, Stoffe, Glasperlen) an die Küste von Westafrika, wo sie Sklaven einluden, die wiederum zu den Plantagen nach Amerika geschifft wurden. Hier konnten die Schiffe für ihren Rückweg nach Europa die Rohstoffe und...

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