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Friedrich Schiller und die Französische Revolution

Schillers Verarbeitung der revolutionären Ereignisse in den 'ästhetischen Briefen' und in der Schrift 'Über das Erhabene'

AutorAndreas Hanke
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl47 Seiten
ISBN9783656217503
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Studienarbeit aus dem Jahr 2000 im Fachbereich Didaktik - Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen, Note: 1,0, Universität Bielefeld, Veranstaltung: Friedrich Schiller: 'Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen', Sprache: Deutsch, Abstract: Im folgenden soll Schillers Haltung zur Französischen Revolution und dem damit unlösbar verbundenen Projekt der Moderne am Beispiel seiner 'Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen' und seiner Schrift 'Über das Erhabene' einer genaueren Analyse unterzogen werden. Dabei sollen vor allem folgende Fragen im Mittelpunkt stehen: Welche aufschlussreichen und aussagekräftigen Untersuchungsgegenstände über Schillers Einstellung zur Französischen Revolution existieren neben seinen mittlerweile bereits überbeanspruchten Dramen und wie können sie für diese Arbeit und die weitere Forschung fruchtbar gemacht werden? Wie beurteilt Schiller die Auswirkungen der Französischen Revolution und der modernen Zivilisation und welche Alternativkonzeptionen entwickelt er in den 'ästhetischen Briefen' und in der Schrift 'Über das Erhabene'? Wie definiert Schiller den Begriff des menschlichen Spiels und der menschlichen Vollkommenheit? Was versteht Schiller unter dem optimalen Gleichgewicht zwischen Gefühl und Verstand und wie will er dieses Gleichgewicht erreichen? Inwiefern sind Schillers ästhetisch-pädagogische Forderungen und Handlungsstrategien heute noch aktuell und realisierbar?

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1. Einleitung:

 

Als Friedrich Schiller am 1. März 1798 überraschend ein Diplom aus dem französischen Jenseits erhielt, in dem er feierlich zum französischen Ehrenbürger gekürt wurde, zeigte er sich wenig stolz und beeindruckt, allenfalls verwundert und amüsiert: Seit seiner offiziellen Ernennung zum „citoyen francais“ durch die Französische Nationalversammlung am 26. August 1792 waren bereits fünfeinhalb Jahre ins Land gegangen und sämtliche Unterzeichnende, vom damaligen französischen Finanzminister Etienne Clavière, über den Innenminister Jean Marie Roland bis zum Justizminister und Revolutionär Georges Jacques Danton, waren in den Exzessen der Französischen Revolution längst eines gewaltsamen Todes gestorben. Selbst der rührige General Adam Philippe Comte de Custine, der nach dem Übertritt Dumouriez´ zu den Österreichern im April 1793 an der Spitze der französischen Nordarmee gestanden hatte, war inzwischen der Denunziations-Hysterie des Wohlfahrtsausschusses zum Opfer gefallen und als vermeintlicher girondistischer Verräter hingerichtet worden.[1] So erreichte Schiller diese verspätete Ovation tatsächlich „ganz aus dem Reich der Todten.“[2] Wie an diesen Ereignissen zu erkennen ist, hatte sich im revolutionären Frankreich in der Zeit zwischen 1792 und 1798 nicht nur personell, sonder auch ereignisgeschichtlich und institutionell einiges verändert: Nach der anfangs relativ moderaten Konstituierung der Nationalversammlung (17. 6.), der Abschaffung der Feudalrechte (4. 8.) und der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte im Jahre 1789 hatte die Gewalttätigkeit der Französischen Revolution im Zuge der blutigen Septembermorde (2. - 6. 9.) im Jahre 1792 und der Ermordung der Königsfamilie (21.1. u. 16.10.) im Jahre 1793 sprunghaft zugenommen. Unter der kleinbürgerlich-radikaldemokratischen Diktatur der Jakobiner, die zwischen 1793 (2. 6.) und 1794 (27. 7) über 40.000 Menschenleben forderte, waren sämtliche traditionelle Rechts- und Glaubensgrundsätze beseitigt und der blinde Terror als vermeintliches Mittel staatsbürgerlicher Läuterung etabliert worden. Erst nach der Hinrichtung des mittlerweile größenwahnsinnig gewordenen Robespierre am 28. Juli 1794 und der Beendigung der bürgerlich-konservativen Gewaltherrschaft der Jeunesse dorée im März 1795 hatte die Französische Revolution in der großbürgerlich-oligarchischen Herrschaft des Direktoriums bis zur Machtergreifung Napoleons am 9. November 1799 wieder einen vorübergehenden Ruhepunkt finden können.[3] Kein Wunder also, dass sich Schiller beim Erhalt des ominösen Ehrentitels im März 1798 zu keinen größeren Begeisterungsausbrüchen hinreißen ließ und die ganze Angelegenheit mit wohlbegründeter Ironie und Skepsis betrachtete. So bemerkte er z.B. am 2. März 1798 in einem Brief an Johann Heinrich Campe, in dem er sich für die Vermittlung der missverständlich adressierten Ehrengabe durch Campe bedankte: „Die Ehre, die mir durch das ertheilte fränkische Bürgerrecht widerfährt, kann ich durch nichts als meine Gesinnung verdienen, welche den Wahlspruch der Franken vom Herzen adoptiert; und wenn unsre Mitbürger über dem Rhein diesem Wahlspruch immer gemäß handeln, so weiß ich keinen schöneren Titel, als einer der ihrigen zu seyn.“[4] Das volle Ausmaß seiner Abscheu und Entrüstung über die revolutionären Entgleisungen wird jedoch in einem Brief spürbar, den Schiller bereits am 8. Februar 1793, also genau 18 Tage nach der Hinrichtung Ludwig des XVI., an Körner schrieb: „Ich habe wirklich eine Schrift für den König schon angefangen gehabt, aber es wurde mir nicht wohl darüber, und da liegt sie mir nun noch da. Ich kann seit 14 Tagen keine franz. Zeitung mehr lesen, so ekeln diese elenden Schindersknechte mich an.“[5] Beim aufmerksamen Lesen dieser Zeilen dürfte nun eigentlich kaum der Eindruck entstehen, dass Schiller ein begeisterter Verfechter der Französischen Revolution oder gar ein revolutionärer Tendenz- oder Propagandaschriftsteller gewesen sein könnte. Sicherlich, seine tief empfundene Verbitterung über die Barbareien der französischen Revolutionäre und sein aufrichtiges Bemühen um die Rehabilitierung des französischen Königs lassen ein waches Interesse Schillers an den Ereignissen jenseits des Rheins plausibel erscheinen. Aber dennoch kann von einer veritabeln Revolutionseuphorie, wie sie gelegentlich z.B. Hölderlin[6] oder Klopstock[7] zu Recht attestiert wird, im Bezug auf Schiller keine Rede sein. An diesem Befund ändert sich auch dann nichts, wenn man dem vorigen Zitat aus der Zeit unmittelbar nach der Hinrichtung des französischen Königs noch weitere Stellungnahmen Schillers aus der Anfangszeit der Französischen Revolution an die Seite stellt.[8] Ganz im Gegenteil: Gerade dann wird unmissverständlich deutlich, dass Schiller den gewaltsamen äußeren Wirkungsmöglichkeiten der Französischen Revolution, ähnlich wie Goethe, von Anfang an misstraute und sich statt dessen viel eher innere Erkenntnisse und geistige Veränderungen wünschte. Dies zeigt sich insbesondere darin, dass Schiller die äußeren gesellschaftlich-politischen Umwälzungen von vornherein durch gezielte erzieherische Begleitmaßnahmen absichern wollte.[9] Um so überraschender ist es aber, dass gerade Schiller von Seiten marxistischer Literaturwissenschaftler, wie L. Balet und E. Gerhard, immer wieder als anfänglicher Sympathisant und bewusster geistiger Wegbereiter der Französischen Revolution bezeichnet worden ist, der erst angesichts der unmenschlichen Gräueltaten der Jakobiner-Diktatur von der „platten“ in die „überschwängliche Misere“ (Engels) geflohen sei.[10] Ebenso zweifelhaft und unglaubwürdig klingen auf der anderen Seite aber auch Einschätzungen bürgerlicher Literaturwissenschaftler, die Schillers Interesse für politische und geschichtliche Vorgänge gänzlich leugnen und ihn in die Rolle eines konservativen oder weltfremden Idealisten und Sozialromantikers zu drängen suchen.[11] Genau an dieser Stelle beginnt nun das erkenntnisleitende Interesse der vorliegenden Arbeit: Im folgenden soll Schillers Haltung zur Französischen Revolution und dem damit unlösbar verbundenen Projekt der Moderne am Beispiel seiner „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ und seiner Schrift „Über das Erhabene“ einer genaueren Analyse unterzogen werden. Dabei sollen vor allem folgende Fragen im Mittelpunkt stehen:

 

Welche aufschlussreichen und aussagekräftigen Untersuchungsgegenstände über Schillers Einstellung zur Französischen Revolution existieren neben seinen mittlerweile bereits überbeanspruchten Dramen und wie können sie für diese Arbeit und die weitere Forschung fruchtbar gemacht werden?

 

Wie beurteilt Schiller die Auswirkungen der Französischen Revolution und der modernen Zivilisation und welche Alternativkonzeptionen entwickelt er in den „ästhetischen Briefen“ und in der Schrift „Über das Erhabene“?

 

Wie definiert Schiller den Begriff des menschlichen Spiels und der menschlichen Vollkommenheit?

 

Was versteht Schiller unter dem optimalen Gleichgewicht zwischen Gefühl und Verstand und wie will er dieses Gleichgewicht erreichen?

 

Inwiefern sind Schillers ästhetisch-pädagogische Forderungen und Handlungsstrategien heute noch aktuell und realisierbar?

 

Aus diesen Fragestellungen ergibt sich folgender Aufbau der Arbeit:

 

Im ersten Teil der Arbeit (Kapitel 2) mit dem Titel „Die Besonderheiten der Französischen Revolution“ sollen die typischen Wesensmerkmale der Französischen Revolution im Vergleich zur Englischen und Amerikanischen Revolution herausgearbeitet werden, um ein skizzenhaftes Panorama der damaligen zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Vorgänge im revolutionären Frankreich zu erhalten und einen tragkräftigen Bewertungshintergrund für die Untersuchung von Schillers persönlicher Einstellung zu den revolutionären Ereignissen bereitzustellen. Diesem Abschnitt schließt sich eine detailliertere Exkursion über die spezifischen Voraussetzungen, Ereignisse und Folgen der Französischen Revolution an (Kapitel 3), die zur Vertiefung der Ergebnisse des ersten Kapitels und für das Verständnis der folgenden Teile der Arbeit zwar hilfreich, jedoch nicht unbedingt erforderlich ist und daher zunächst auch übergangen werden kann. Hierauf folgt im nächsten Teil der Arbeit (Kapitel 4) eine genauere Untersuchung von Schillers Persönlichkeitsentwicklung und Erfahrungshintergrund in seiner Kindheit und Jugend (Kapitel 4.1) sowie seiner unmittelbaren Reaktion auf die revolutionären Ereignisse in seinen Briefen an Körner (Kapitel 4.2) und seiner allgemeinen ästhetischen Alternativkonzeptionen (Kapitel 4.3).

 

      Die Untersuchung von Schillers allgemeinen ästhetischen Alternativkonzeptionen bildet den Übergang zum Hauptteil der vorliegenden Arbeit (Kapitel 5, 6 und 7), in dem Schillers gesellschaftspolitische und ästhetische Bestandsaufnahme und seine Zielvorstellungen (Kapitel 5) sowie seine Postulate und Handlungsempfehlungen in den „ästhetischen Briefen“ (Kapitel 6) erörtert werden und schließlich die weitere Ausarbeitung seiner ästhetischen Konzeption in der „Schrift über das Erhabene“ (Kapitel 7) untersucht wird.

 

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