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E-Book

Karl Mannheims Kultursoziologie

Eine Einführung

AutorMichael Corsten
VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl222 Seiten
ISBN9783593408354
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Karl Mannheim gilt als Klassiker der Soziologie. Dass seine Kultursoziologie aber auch auf die aktuellen Gesellschaftswissenschaften großen Einfluss hat, zeigt Michael Corsten in seiner Einführung in das Mannheim'sche Werk. Das wechselseitige Verhältnis von Kultur und Gesellschaft sieht er dabei als Schlüssel zum Denken des Soziologen. Der von Mannheim entwickelte 'dynamische Relationismus' dient auch heute noch dazu, die Beeinflussung von Kultur und Gesellschaft durch ihre Zeit und den sie umgebenden Raum zu analysieren. So hilft beispielsweise seine Definition von Generationen zu verstehen, warum diese einen jeweils eigenen Stil ausprägen. Michael Corsten nimmt sich mit dieser Einführung der überfälligen Aufgabe an, die Arbeiten Karl Mannheims in ihrer Gesamtheit zu betrachten und ihre internen Zusammenhänge nachzuweisen.

Michael Corsten ist Professor für Soziologie an der Universität Hildesheim.

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Leseprobe
4. Dynamischer Relationismus – Ideologie und Utopie (S. 115-116)

»Ich bin ferner nicht gegen, sondern ausdrücklich für Metaphysik und Ontologie, lehre sogar ihre Unentbehrlichkeit für die seinsverbundene Art der Empirie und bin nur dagegen, dass sie unerkannt ihr Wesen treibt und Partialgeltungen verabsolutiert.«

In den bisherigen Kapiteln haben wir uns mit Argumentationsfiguren Mannheims aus seinen frühen Arbeiten Anfang bis Mitte der 1920er Jahre beschäftigt. Dabei erwies sich sein Verständnis von »Weltanschauung « als eine Totalität beanspruchende Substanz als erkenntnisleitend sowohl für die Profilierung der kultursoziologischen Grundkategorien als auch für die Entfaltung methodischer Regeln der Sozial- und Kulturforschung.

Mit seiner Studie zu Ideologie und Utopie wird Mannheims Verständnis der Kategorie der Weltanschauung abgerundet. Ausgangsproblem ist die zu seiner Zeit »fraglich gewordene Lebenslage« (IU: 49), die für ihn weniger in den politischen und ökonomischen Krisen der 1920er Jahre ersichtlich wurde als in einer »Krisensituation des Denkens« (IU: 51). In den geistigen Phänomenen der Ideologie und der Utopie drückt sich für Mannheim das fraglich gewordene Denken seiner Zeit aus. Daher setzt er sich zwei Aufgaben: (1) Die Ideologiehaftigkeit des Denkens in ihrer vorliegenden Fassung präzise zu erfassen. Diesem Aspekt widmet sich Mannheim mit dem Abschnitt zu der Frage, ob »Politik als Wissenschaft möglich« sei. (2) Er rekonstruiert die utopischen Elemente im sozialen und politischen Bewusstsein, um die sinngenetischen Voraussetzungen des gesellschaftlichen Strukturwandels offenzulegen. Dies geschieht in dem Abschnitt zum »utopischen Bewusstsein«.

Die heute geschlossen wirkende Monographie »Ideologie und Utopie« ist insofern – ähnlich wie die meisten anderen Beiträge Mannheims – eine Zusammenstellung verschiedener Abhandlungen, die eben kein in sich geschlossenes Werk darstellt. Zudem liegt sie heute nicht in der Originalfassung von 1929, sondern in der Übersetzung der englischsprachigen Fassung von 1937 vor. Ursprünglich erschienen 1929 lediglich die Kapitel zwei bis vier der heute bekannten Version. Erst 1952 wurde eine deut sche Fassung des Buches wiederaufgelegt, allerdings einschließlich einer Übersetzung der englischen Einleitung und dem Handbucheintrag »Wissenssoziologie« aus dem Jahr 1931.

Seitdem ist sie in acht Auflagen erschienen. Im Zentrum der drei Kapitel der ursprünglichen Fassung stehen die oben schon genannten Abhandlungen zur »Politik als Wissenschaft« und zum »utopischen Bewusstsein«. Gerahmt werden diese beiden empirisch angelegten historisch-soziologischen Einzelstudien durch die allgemeinen Überlegungen zu »Ideologie und Utopie«, in denen Mannheim seinen Standpunkt des »Dynamischen Relationismus« erstmals in geschlossener Form erörtert und verteidigt. In diesem Kapitel beschäftigen wir uns nun vor allem mit den rahmenden, grundlagentheoretischen Überlegungen zu »Ideologie und Utopie«, die vorwiegend im heutigen zweiten Kapitel und teils im vierten Kapitel aufzufinden sind. Auf den Handbuchartikel zur Wissenssoziologie gehe ich lediglich in Definitionen prüfender Absicht und rekapitulierend ein.

4.1 Denkkrisis und der Verdacht der »totalen Ideologie«

Die Krise des Denkens ergibt für Mannheim aus der Diskreditierbarkeit von Ideen. Die aus seiner Sicht ›naive‹ Vorstellung von Ideen als »unbezweifelbare « Voraussetzungen der Erkenntnis und des Seins werde durch die »Möglichkeit des ›falschen Bewusstseins‹« tangiert. Schon im 19. Jahrhundert liegt mit der Marx-Engelschen Kritik an der »Deutschen Ideologie« der Junghegelianer eine Argumentation vor, die einen weltanschaulichen Standpunkt als »Ideologie« systematisch fehlerhaft und in dem Sinn als »falsches Bewusstsein« entlarvt. Wie können wir Ideologie als falsches Bewusstsein zunächst einmal alltäglich verstehen? Gelegentlich treffen wir im Alltag auf Sichtweisen und Auffassungen, die uns unangemessen erscheinen und die wir deshalb zurückweisen. Aber liegt in jeder fehlerhaften oder unangemessenen Auffassung schon eine Ideologie vor?
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Einleitung und Überblick8
Aufbau des Buches11
Leben und Werk13
1.Mannheims Grundfrage18
1.1 Die gesellschaftliche und geschichtliche Bedingtheit der Kultur18
1.2 Drei Perspektiven der Soziologie24
1.3 Mannheims Ansatz: Umkreisen als Weg – Synthese als Ziel38
1.4 Zusammenfassung des ersten Kapitels41
2. Das Umkreisen kultursoziologischer Grundbegriffe – frühe Studien44
2.1 Konjunktives Erkennen – elementare Praxis der Welterschließung46
2.2 Sprache und Kommunikation als erweiterbare Praxisformen51
2.3 Gemeinschaftsbildende Kraft und die Gegebenheitsweise der Kultur52
2.4 Historische Dynamik63
2.5 Stil, Echtheit und Kennerschaft72
2.6 Zusammenfassung: Wichtige Aspekte des zweiten Kapitels77
3.Das Umkreisen methodischer Regeln79
3.1 Die »dokumentarische Methode« in der heutigen Sozialforschung80
3.2 Strukturgenetische Rekonstruktionen von Kulturgebilden96
3.3 Erweiterungen: Von der dokumentarischen Methode zur Visuellen Soziologie112
3.4 Zusammenfassung des dritten Kapitels114
4. Dynamischer Relationismus – Ideologie und Utopie116
4.1 Denkkrisis und der Verdacht der »totalen Ideologie«117
4.2 Die Programmatik der wissenssoziologischen Analyse120
4.3 Begründung des Dynamischen Relationismus126
4.4 »Utopie« und das Problem der »realen Deckung«128
4.5 Zusammenfassung des vierten Kapitels131
5. Vier beispielhafte Analysen und ihr heutiger Wert133
5.1 Das Problem der Generationen135
5.2 Über das Wesen und die Bedeutung des wirtschaftlichen Erfolgsstrebens145
5.3 Der Wettbewerb der intellektuellen Standpunkte162
5.4 Die Seinsgebundenheit der politischen Denkströmungen174
6.Wie weiter mit Karl Mannheim?194
6.1 Mannheims späte Werke – Anlass zur Revision?195
6.2 Seinsverbundene Wirklichkeitssuche – eine praxistheoretische Wissenssoziologie?202
6.3 Die dokumentarische Methode – ein Schlüsselder Interpretativen Sozialforschung?206
6.4 Dynamisch-relationistische Synthesen – anstelle unverbundener Gegenwartsanalysen?209
Literatur215

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