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Leben im Moment?

Soziale Milieus in Brasilien und ihr Umgang mit Zeit

AutorFlorian Stoll
VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl366 Seiten
ISBN9783593418131
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis33,99 EUR
Die brasilianische Moderne unterscheidet sich grundlegend von den europäischen und nordamerikanischen Sozialformationen. Dies arbeitet Florian Stoll exemplarisch mit einer an Bourdieu angelehnten mehrdimensionalen Analyse der sozialen Milieus in der Großstadt
Recife heraus. Die Beschreibung der sozialen Schichtung und der Lebensverhältnisse der Milieus ist darüber hinaus ein Beispiel für die theoretische und methodische Ausdehnung sozialwissenschaftlicher Forschung auf außereuropäische Kontexte.

Florian Stoll, Dr. phil., ist Postdoc-Mitarbeiter an der TU Darmstadt.

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Leseprobe
Einleitung


Inzwischen hat auch eine breite Öffentlichkeit im deutschsprachigen Raum den wirtschaftlichen Aufschwung Brasiliens bemerkt. Aber immer noch werden in den Medien meist nur einzelne Aspekte des größten Landes Südamerikas aufgegriffen und normalerweise genauso unpassend wie unzusammenhängend nebeneinander gestellt (siehe auch Busch 2010: 13-15): Zwar wird die neue wirtschaftliche Stärke Brasiliens zur Kenntnis genommen, aber trotzdem wird das Land vor allem mit Fußball und mit dem Leben an den Stränden verbunden. Diese Vorstellungen werden in den Medien oft relativ unvermittelt der Armut und der Gewalt in den Favelas gegenübergestellt. Darüber hinaus wird auch noch häufig über die Mega-City São Paulo und über die Abholzung der Regenwälder am Amazonas berichtet. Anhand der genannten Beschreibungen ist es jedoch schwer, sich den Alltag und die Lebensbedingungen der verschiedenen sozialen Milieus in Brasilien zu erschließen.


Alle zuvor genannten Phänomene gibt es tatsächlich. Nur werden diese Ausschnitte der brasilianischen Realität in deutschen Medien meist losgelöst voneinander betrachtet und können daher kaum in einen größeren Kontext eingeordnet werden. Diese isolierte Wahrnehmung einzelner Besonderheiten verhindert aber ein Verständnis von Brasilien als moderner Sozialformation und verrät wenig über die Sozialstruktur oder über den Alltag der Bevölkerung. Jedoch werden die beschriebenen Phänomene nicht zufällig einzeln herausgegriffen und nebeneinander gestellt, denn Brasilien ist tatsächlich viel komplexer und in vielen Hinsichten widersprüchlicher als europäische Staaten oder die USA. Unterschiedlich stark technisch und ökonomisch entwickelte Bereiche existieren in Brasilien oft nebeneinander oder hängen sogar eng zusammen. Schon wegen der enormen regionalen Unterschiede und wegen der von europäischen Staaten oder von den USA abweichenden historischen und kulturellen Einflüsse ist Brasilien nicht so leicht zu fassen wie die genannten Länder. Dazu kommen viele ökonomische und politische Veränderungen während der letzten Jahrzehnte. Aber gerade die Besonderheiten Brasiliens würden die sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Land interessant machen. Jedoch findet in den deutschsprachigen Sozialwissenschaften - ähnlich wie im Fall anderer Schwellenländer - keine größere Debatte über Brasilien als ?nichtwestliche? Sozialformation statt.


Eine Auseinandersetzung mit Brasilien lohnt sich auch wegen der gestiegenen Bedeutung des Landes im internationalen Kontext: Die von Goldman Sachs als BRIC-Staaten bezeichneten Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China werden in naher Zukunft eine noch wichtigere Rolle in der Weltwirtschaft spielen. Aus dieser Gruppe dürfte Brasilien trotz riesiger Unterschiede zu Europa und zu den USA das Land sein, das dem ?Westen? in vielen Hinsichten am ähnlichsten oder zumindest kulturell am leichtesten zugänglich ist.


Auch die Sozialwissenschaften im deutschsprachigen Raum vergeben vielversprechende Möglichkeiten, solange die Beschäftigung mit Brasilien auf einen kleinen Kreis von ExpertInnen begrenzt bleibt: Einerseits kann so der Global Player Brasilien nur von außen und vor allem fast nur auf Grundlage quantitativer Daten beurteilt werden, anhand derer die Unterschiede in Sozialstruktur, Kultur und in anderen Bereichen meist nur oberflächlich beschrieben werden können. Andererseits wird durch die Ignoranz gegenüber Brasilien und gegenüber anderen Schwellenländern auch die Chance vergeben, die Besonderheiten der europäischen Moderne und Entwicklungen in ?westlichen? Ländern aus einer anderen Perspektive zu reflektieren. Eine sozialwissenschaftliche Analyse von Brasilien als eine unter anderen Voraussetzungen entstandene, aber auch entwickelte Form von Moderne könnte in vielen Fällen als Vergleichsmodell für bestimmte Veränderungen in europäischen und nordamerikanischen Ländern dienen.


Wie ein Blick auf das moderne Brasilien auch die Wahrnehmung ?westlicher? Staaten schärfen könnte, hat Ulrich Beck bereits im Jahr 1999 gezeigt, als er den Begriff Brasilianisierung (1999) in die deutschsprachigen Sozialwissenschaften einführte. Für Beck ist Brasilianisierung der 'Einbruch des Prekären, Diskontinuierlichen, Flockigen, Informellen in die westlichen Bastionen der Vollbeschäftigungsgesellschaft.' (1999: 8) Beck beschreibt eine wichtige Entwicklung in den europäischen Wohlfahrtsstaaten, da befristete Arbeitsverhältnisse, Zeitarbeit und eine Kultur des Jobbens in den letzten zwei Jahrzehnten stark zugenommen haben: 'Damit breitet sich im Zentrum des Westens der sozialstrukturelle Flickenteppich aus, will sagen: die Vielfalt, Unübersichtlichkeit und Unsicherheit von Arbeits-, Biographie- und Lebensformen des Südens.' (ebd.)


Beck gelingt es, den hohen Anteil informeller Arbeit in Brasilien theoretisch zu fassen und so mit einem zentralen Moment der brasilianischen Sozialstruktur neue Entwicklungen in Europa zu reflektieren. Damit geht er einen entscheidenden Schritt über die oft klischeebeladene Darstellung Brasiliens in den Medien hinaus und beschäftigt sich ernsthaft mit dem Land als entwickelter Sozialformation. Aber auch Beck vertieft seine Analyse brasilianischer Besonderheiten leider nicht weiter, da er mit Brasilianisierung nur eine Tendenz in europäischen Ländern illustrieren will.


Genau an dieser Stelle setzt die vorliegende Arbeit an und versucht, ein komplexes Bild der brasilianischen Sozialformation zu zeichnen: Welche sozialen Milieus gibt es in Brasilien - genauer: in Recife im Bundesstaat Pernambuco? Welche Lebensbedingungen bestimmen den Alltag jedes Milieus? Welchen Einfluss besitzen Arbeitsteilung, Sozialstruktur und weitere Dimensionen? Was sind wichtige ökonomische, historische und kulturelle Elemente jedes Milieus? Welche Bedeutung besitzen die hohe Ungleichheit und die Tatsache, dass Brasilien als letztes Land in Europa und in den Amerikas die Sklaverei erst im Jahr 1888 abschaffte? Welche Milieus sind wie in die von Beck als 'politische Ökonomie der Unsicherheit' (ebd.) bezeichneten Arbeitsverhältnisse eingebunden? Auf diese und weitere Fragen will die vorliegende Studie zumindest einen Ausblick geben.

Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Vorwort9
Einleitung10
1. Theoretischer Rahmen und Methode22
1.1 Anpassung der Soziologie Bourdieus22
1.2 Der zeitliche Habitus in Anschluss an Bourdieu30
1.3 Aspekte des Umgangs mit Zeit in Brasilien42
2. Historischer und soziokultureller Kontext54
2.1 Historische Phasen Brasiliens54
2.2 Besondere Merkmale des modernen Brasilien67
2.3 Recife im brasilianischen und im regionalen Kontext87
3. Die sozialen Milieus100
3.1 Zur Methodologie der Milieubildung100
3.2 Zur Geschichte der oberen, mittleren und unteren Milieus119
3.3 Zusammenfassung von Kapitel 4 bis 9138
4. Oberschicht: Beschleunigtes Leben mit wenig Freizeit150
4.1 Die Position der Oberschicht in der Sozialstruktur152
4.2 Die Stellung in der Arbeits- und Tätigkeitsteilung158
4.3 Luxuriöser Lebensstil und distinguierter Habitus161
4.4 Soziokulturelle Einflüsse auf die Oberschicht167
4.5 Zeitlicher Habitus: Beschleunigtes Leben171
4.6 Der zeitliche Habitus der Untergruppen176
5. Obere Mittelschicht: Führungskräfte mit Balance aus Arbeit und Freizeit184
5.1 Die Position in der Sozialstruktur185
5.2 Arbeitsformen und Tätigkeiten der oberen Mittelschicht189
5.3 Merkmale von Habitus, Lebensstil und Kultur192
5.4 Soziokulturelle Einflüsse198
5.5 Zum zeitlichen Habitus: Balance aus Arbeit und Freizeit200
5.6 Zeitlicher Habitus der Untergruppen206
6. Mittlere Mittelschicht: Langfristige Perspektive (aber Krise seit den 1980er Jahren)211
6.1 Die mittlere Mittelschicht in der Sozialstruktur212
6.2 Zur Stellung in der Arbeits- und Tätigkeitsteilung219
6.3 Habitus, Lebensstil und Kultur220
6.4 Soziokulturelle Einflüsse226
6.5 Zeitlicher Habitus: Zwischen Langfristigkeit und Krise232
6.6 Der zeitliche Habitus der Untergruppen240
7. Untere Mittelschicht: Relative Stabilität246
7.1 Mittelschicht oder mittleres Einkommen?248
7.2 Arbeitsformen und Tätigkeiten253
7.3 Merkmale von Habitus, Lebensstil und Kultur255
7.4 Die untere Mittelschicht als Schnittpunkt von Auf- und Abstieg261
7.5 Formen des zeitlichen Habitus: Relative Stabilität264
7.6 Der zeitliche Habitus der Untergruppen267
8. ArbeiterInnen: Vorrang der Ereigniszeit276
8.1 Die schlechte sozialstrukturelle Position der ArbeiterInnen278
8.2 Zur Stellung in der Arbeits- und Tätigkeitsteilung283
8.3 Aspekte von Habitus und Lebensstil der ArbeiterInnen285
8.4 Soziokulturelle Einflüsse291
8.5 Formen des zeitlichen Habitus: Vorrang der Ereigniszeit295
8.6 Der zeitliche Habitus der Untergruppen304
9. Marginalisierte: Gefangen im Moment312
9.1 Die extrem schlechte Situation der Marginalisierten314
9.2 Die Stellung in der Arbeits- und Tätigkeitsverteilung318
9.3 Merkmale von Habitus, Lebensstil und Kultur320
9.4 Historische Einflüsse auf die Marginalisierten326
9.5 Formen des zeitlichen Habitus: Gefangen im Moment330
9.6 Der zeitliche Habitus der Untergruppen336
Schlussbetrachtungen351
Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen356
Literatur357
Anhang: Der Interview-Leitfaden365

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