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Liturgie als Theologie

AutorWalter Homolka
VerlagFrank & Timme
Erscheinungsjahr2005
Seitenanzahl177 Seiten
ISBN9783865960085
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Das jüdische Gebetbuch ist von jeher eine Brücke zwischen dem großen Reservoir der jüdischen Tradition und den modernen Lebensumständen. Die ständige Überarbeitung und Veränderung der Liturgie ist dabei nicht nur eine historische Tatsache, sondern liegt in ihrem Wesen begründet: Liturgie als Theologie. Das Gebetbuch ist also ein zutiefst menschliches Produkt, zu dem jede Generation ihren jeweiligen Beitrag leistet. Dazu muss man zwischen Liturgie und Gebet unterscheiden. Das eine ist Gebets-Ordnung, das andere Gebets-Haltung.

Der vorliegende Band dokumentiert die Studientagung 2003 des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam. Rabbiner und Gelehrte haben Ursprung und Entwicklung der jüdischen Liturgie nachgezeichnet. Entstanden ist ein vielschichtiges Kaleidoskop, das Werden und Sein des jüdischen Gottesdienstes vertieft.

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Kapitelübersicht
  1. Inhalt und Vorwort: Das Gebet als Abbild jüdischen Denkens
  2. Ein Genisa- Fragment des Tischdank (Reif)
  3. Die Geschichte des Kaddisch-Gebets (Lehnardt)
  4. Zwischen Tora und Tefilla im Lehrhaus (Kosman)
  5. Die Entwicklung der Kawana-(Gelegenheits-)Gebete (Ben-Chorin)
  6. Liberale Gebetbücher von Die Deutsche Synagoge (1817) bis zum Einheitsgebetbuch (1929) (Hermmann)
  7. Haben wir gelogen oder waren wir schwerhörig? Zum Text eines Sündenbekenntnisses in der jüdischen Liturgie (Böckler)
  8. Von den jüdischen Wurzeln des christlichen Gottesdienstes (Osten-Sacke)
  9. „Groß erzeigt sich ER über die Mark Jisraels“ Zur Gegenwart und Vergegenwärtigung Israels in der christlichen Liturgie (Kampling)
  10. Partikularismus und Universalismus in der Liturgie des Progressiven Judentums (Rayner)
  11. Die Autoren
Leseprobe
Peter von der Osten-Sacken

Von den jüdischen Wurzeln des christlichen Gottesdienstes (S. 130-131)

D. Eduard Lohse zum 80. Geburtstag

1. Fremdheit und Nähe: Die Weite des Themas

Wer heute als Christin oder als Christ einen beliebigen traditionellen jüdischen Gottesdienst besucht, wird ohne nähere Vorkenntnisse kaum auf den Gedanken kommen, dass es einen besonderen Zusammenhang zwischen ihm und dem christlichen Gottesdienst geben könnte. Dies gilt nicht nur deshalb, weil der synagogale Gottesdienst christlichen Besuchern allein schon aufgrund der hebräisch gesprochenen Gebete verschlossen ist. Denn selbst wenn wir uns diesen Gottesdienst ganz in der Landessprache vorstellten, würde eine erhebliche Fremdheit bleiben. Die Ahnung einer Gemeinsamkeit würde sich am ehesten immer dann einstellen, wenn Texte aus den Juden und Christen gemeinsamen biblischen Schriften erklingen. Doch würde selbst dies alsbald an eine Grenze stoßen. Denn im synagogalen Gottesdienst stehen vielfach Texte im Mittelpunkt, die in den christlichen Kirchen keinen vergleichbaren Rang haben.

Die dennoch gegebene, zum Teil enge Verwandtschaft zwischen beiden Gottesdienstformen wird erst erkennbar, wenn wir uns nicht von Impressionen leiten lassen, sondern etwas systematischer vorgehen. Deshalb fragen wir zunächst nach Faktoren, die ganz generell die Größe ‚Gottesdienst‘ bestimmen, und wählen sie als ersten Leitfaden, um Zusammenhänge zwischen jüdischem und christlichem Gottesdienst zu erfragen. Solche Faktoren sind vor allem: der Ort (oder der Raum), den eine Gemeinschaft braucht, um Gottesdienst feiern zu können, sodann die Zeit oder die Zeiten, von denen ihr Leben bestimmt wird und die sie gottesdienstlich begeht und gestaltet, weiter gehören zu den herausragenden Faktoren gottesdienstlichen Geschehens die Personen, die einzelne organisatorische oder liturgische Funktionen wahrnehmen, ferner die Riten oder festen Abläufe, durch die das gemeinsame gottesdienstliche Handeln geregelt wird, und nicht zuletzt ist, bereits in enger Nachbarschaft zu den Riten, die Prägung des Gottesdienstes durch Sprache im weitesten Sinne zu nennen – durch heilige Texte, durch motivisch fest fixierte oder verschriftlichte Gebete, durch Lieder und durch freie Rede.

Unter diesen Faktoren, deren Reihe sich sicher erweitern ließe, kommen dem Ort oder den Orten, der Zeit und den Zeiten und schließlich der Sprache mit ihren verschiedenen Manifestationen in der Frage nach den jüdischen Wurzeln des christlichen Gottesdienstes die größte Bedeutung zu. Was die Größe Ort betrifft, so sind für die christliche Frühzeit nach Ausweis des Neuen Testaments drei Bereiche gottesdienstlichen Lebens im weitesten Sinne von Bedeutung gewesen: der Tempel als das Zentrum allen Gottesdienstes, die Synagoge – auch wenn sie in jüngerer Zeit als Ort mehr oder weniger regulären Gottesdienstes in der Zeit des Zweiten Tempels bestritten worden ist1 – und das Haus oder die Familie als die Stätte, an der die Religion in bestimmten Formen eingeübt und praktiziert wird. Fraglos kommt dieser letzten Größe, dem Haus oder der Familie, neben dem Tempel besonderes Gewicht zu. Es ist selbstevident und wird sich später auch noch an einem signifikanten Beispiel zeigen: Die Entstehung, Ausbreitung und auch die Ausformung eines gottesdienstlichen Lebens der frühchristlichen Gemeinden wären gar nicht denkbar gewesen, hätte es nicht an den verschiedensten Orten Menschen gegeben, die in einem jüdischen Hause gelernt haben, ‚wie man so etwas macht‘, nämlich als Einzelner, in einem kleinen oder in einem größeren Kreis, religiös zu leben.

Was die Zeiten angeht, so gilt die Orientierung des christlichen gottesdienstlichen Lebens am jüdischen für den Tag, für die Woche und für das Jahr. Für den Tag ist der bereits früh aus dem Judentum übernommene Usus zu nennen, dreimal täglich das Hauptgebet zu beten, d. h. im christlichen Kontext das Vaterunser.
Inhaltsverzeichnis
Inhalt3
Vorwort: Das Gebet als Abbild jüdischen Denkens5
Ein Genisa- Fragment des Tischdank7
1. Einführung7
2. Beschreibung8
3. Text9
4. Varianten14
5. Zusammenfassung20
6. Synoptischer Vergleich21
7. Schlussfolgerungen23
Abkürzungen24
Die Geschichte des Kaddisch- Gebets26
1. Einführung26
2. Die rabbinischen Quellen27
3. Zusammenfassung39
Zwischen Tora und Tefilla im Lehrhaus43
Die Entwicklung der Kawana- ( Gelegenheits-) Gebete50
1. Einführung50
2. Die Institution der Synagoge52
3. Fester Ritus und Gelegenheitsgebet in der Bibel53
4. Festgelegte Gemeinschaftsgebete und Kawana-Gebete in der Neuzeit56
5. Zusammenfassung58
Liberale Gebetbücher von Die Deutsche Synagoge (1817) bis zum Einheitsgebetbuch (1929)59
1.Einleitung59
2.David Friedländers63
3.Die Deutsche Synagoge, Berlin 181765
4. Die Ordnung der öffentlichen Andacht für die Sabbath- und Festtage des ganzen Jahres. Nach dem Gebrauch des Neuen-Tempel-Vereins, Hamburg 181966
5. Die revidierte Ausgabe des Hamburger Gebetbuches von 1841 und Abraham Geigers Kritik70
6. Kirchenrath Joseph von Maiers Stuttgart 184872
7. Die Gebetbücher der „Genossenschaft für Reform im Judenthume75
8. Abraham Geigers Gebetbuch von 185477
9. Abraham Geigers revidiertes Gebetbuch von 187080
10. Manuel Joëls Revision des Geigerschen Gebetbuches von 185481
11. Das Gebetbuch der Neuen Synagoge, Berlin 186683
12. Musikalische Erneuerung des Synagogengottesdienstes85
13. Heinemann Vogelsteins Gebetbuch von 189486
14. Das Einheitsgebetbuch von 192989
15. Zusammenfassung89
Haben wir gelogen oder waren wir schwerhörig? Zum Text eines Sündenbekenntnisses in der jüdischen Liturgie95
1. Das Aschamnu in seiner heutigen Form und seine Verwendung im Gottesdienst96
2. Die wichtigsten Interpretationen dieses Textes, die sein heutiges Verständnis prägen98
3. Die Textgeschichte des Aschamnu102
4. Liturgie als Theologie am Beispiel des Aschamnu124
Von den jüdischen Wurzeln des christlichen Gottesdienstes126
1. Fremdheit und Nähe: Die Weite des Themas126
2. Turbulenzen in der Wissenschaft130
3. Urworte jüdischen und christlichen Gottesdienstes136
4. Jesu Segen und Dank über Brot und Wein140
5. Einblicke in die Alte Kirche142
„Groß erzeigt sich ER über die Mark Jisraels“ Zur Gegenwart und Vergegenwärtigung Israels in der christlichen Liturgie150
1. Herangehen150
2. Die Gegenwart Israels – Erinnerung als Wesensmerkmal152
3. Die Vergegenwärtigung Israels – Die Schrift hören155
Partikularismus und Universalismus in der Liturgie des Progressiven Judentums159
1. Partikularismus und Universalismus in der traditionellen jüdischen Liturgie159
2. Der Einfluss der Aufklärung und universalisierende Tendenzen im orthodoxen Judentum160
3. Die Gebetbücher des progressiven Judentums161
4. Exemplarischer Textvergleich163
5. Fazit173
Die Autoren175

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