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Mod Helmy

Wie ein arabischer Arzt in Berlin Juden vor der Gestapo rettete

AutorIgal Avidan
Verlagdtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl304 Seiten
ISBN9783423432856
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR

Die wahre Geschichte des »arabischen Schindler«

Die meisten Menschen in Nazi-Deutschland reagierten gleichgültig auf die Judenverfolgung, viele nahmen aktiv daran teil. Nur 600 von ihnen wurden von Yad Vashem als Judenretter geehrt und ein einziger war ein Araber. Der Arzt Mod (Mohamed) Helmy wurde von den Nationalsozialisten als »Nichtarier« diskriminiert und als Ägypter inhaftiert. Trotzdem half er jahrelang einer jüdischen Familie, sich vor der Gestapo zu verstecken. Mitten in Berlin gelang es ihm sogar mithilfe von Hitlers Intimfreund, dem Mufti von Jerusalem, eine Jüdin als Muslima in Sicherheit zu bringen. Igal Avidan fand Helmys ehemalige Patienten, besuchte seine Verstecke und zeichnet seine einzigartige Geschichte nach.



<p><I>Igal Avidan</I>, 1962 in Tel Aviv geboren, hat in Israel Englische Literatur und Informatik und dann in Berlin Politikwissenschaft studiert. Seit 1990 arbeitet der Nahostexperte als freier Berichterstatter aus Berlin für israelische und deutsche Zeitungen und Hörfunksender. </p>

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Leseprobe

Eine Berliner Jüdin sucht Schutz im Islam


Es ist sehr einfach, eine Muslimin zu werden. Und wenn man jüdisch ist und sich mitten in Berlin vor den Nazis verstecken muss, greift man zu jedem Strohhalm. Anna Boros ist 17, sie sitzt in einer Wohnung in Berlin-Moabit neben einem Araber und bemüht sich, die Worte des islamischen Glaubensbekenntnisses, der Schahada, zu wiederholen.[1] Sie versteht den Sinn nicht, denn sie spricht kein Arabisch. Vorsichtshalber hat man den Text für sie phonetisch zu Papier gebracht: Ashadu an la-e-laha il-ala-lahu wahdahu la sharika lahu wa ashhadu anna Muhammadan Abduhu wa Rasuluh. Der Mann übersetzt ihr das Bekenntnis: »Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah, und ich bezeuge, dass Mohammad Sein Diener und Sein Gesandter ist.«

Der Mann, der diese Zeremonie am 10. Juni 1943 durchführt, ist Dr. Kamal Eldin Galal. Der ägyptische Journalist ist kein Imam, sondern ein Freund von Dr. Mod Helmy. Mod Helmy ist der Arzt und Freund von Annas jüdischer Familie. Bereits seit 15 Monaten lebt das junge Mädchen illegal in Helmys Moabiter Wohnung und in einem verzweifelten Versuch, ihr zu helfen, hat Helmy in dieser Nacht des 10. Juni ihren Übertritt zum Islam organisiert.

Anna ist nicht religiös. Ihre Mutter lebt in einer Mischehe, und ihre Großmutter ist eine überzeugte Jüdin. Muslimin zu werden fällt Anna dennoch nicht leicht, auch wenn es nur zum Schein geschieht und dem Überleben dient.

Nun legt Galal Anna eine Bescheinigung vor, die er selbst auf der Schreibmaschine getippt hat und die Annas Übertritt bestätigt. Damit ist die Jüdin nun Muslimin geworden und darf nach der Scharia, dem religiösen Gesetz des Islam, einen Muslim heiraten.[2] Er unterschreibt mit »Dr. K. E. Galal«. Annas Bescheinigung trägt den Stempel des Islamischen Zentralinstituts zu Berlin und einen schmückenden Namen: ausgerechnet den Namen des Instituts-Schirmherrn und notorischen Judenfeindes Mohammed Amin al-Husseini. Der Mufti von Jerusalem hatte 1936 den arabischen Aufstand in Palästina angestiftet, war 1941 von Hitler persönlich empfangen worden. Er rekrutiert Muslime für die Waffen-SS, sendet Nazi-Radiopropaganda in die arabische Welt, kämpft gegen die jüdische Einwanderung nach Palästina und wird dafür von den Nazis großzügig entlohnt. Ab Mitte Mai 1943 hält er sich in seinem Büro in Rom auf, wo er sein Ziel vorantreibt: Die Achsenmächte sollen offiziell die Abschaffung des national-jüdischen Heimes in Palästina und die Unabhängigkeit der arabischen Länder erklären. Am 10. Juni 1943 schreibt er einen Brief an den italienischen Außenminister Graf Ciano, in dem er ihn auffordert, die Ausreise von Juden unter anderem aus Rumänien auf dem Weg nach Palästina zu unterbinden.[3]

Galal, die rechte Hand des Muftis, vollzieht in dieser Nacht souverän Annas Übertritt zum Islam. Er kennt sich aus mit der Zeremonie, denn er hat an der renommierten islamischen Al-Azhar Universität in Kairo studiert. Galal erläutert Anna die fünf Grundsätze des Islams und zeigt ihr ein Exemplar des Korans. Er hat das Buch aus der Berliner Moschee in Berlin-Wilmersdorf mitgebracht, der ältesten bestehenden Moschee Deutschlands. Eine in Leinen gebundene Luxusausgabe bekommt man dort für 10 Reichsmark.

In dieser von den Nazis im Propagandaministerium eingebundenen Moschee mit den beiden imposanten Türmen predigt auch der Mufti von Jerusalem, Hitlers Verbündeter und Imam auf der Gehaltsliste der Nazis. Damals kommen viele muslimische Wehrmachtssoldaten, die im Berliner Umland ausgebildet werden, zum Freitagsgebet.[4] Sie marschieren in Uniform und mit ihren Standarten hinein.

Zu dieser toleranten Haltung der Nazis gegenüber Muslimen passt die 1941 erschienene Tornisterschrift des Oberkommandos der Wehrmacht, die Soldaten im Orient im Rucksack aufbewahren sollen. Darin empfiehlt man zum Beispiel: »Dringe nie in eine Moschee ein, es sei denn, dass man Dich dazu einlädt, sie zu besichtigen.« Oder: »Suche niemals durch Gruß oder Wort Beziehung zu gewinnen zu einer muslimischen Frau.« Und schließlich: Fange und töte keine der vielen Tauben bei Moscheen oder Heiligengräbern. Es ist verdienstlich, sie zu füttern.« Die Toleranz der Wehrmacht kennt aber auch Grenzen: »Wird der Besuch einer Moschee an irgendwelche Bedingungen geknüpft, wie Waffen oder Schuhe abzulegen, gebietet es Deine Selbstachtung, auf den Besuch zu verzichten.«[5]

 

Mod Helmy schätzt, dass er die Jüdin Anna besser schützen kann, wenn sie eine Muslimin ist. Denn die Lage wird für sie immer gefährlicher, obwohl sie die Jüdische Gemeinde verlassen hat. Bereits am Tag nach ihrem Übertritt wird die »Reichsvereinigung der Juden in Deutschland« aufgelöst. Die jüdischen Vertreter der von Nazi-Deutschland gegründeten und von der Gestapo kontrollierten Organisation versuchten seit 1941, nachdem die Emigration praktisch unmöglich geworden war, die zurückgebliebenen Juden, so gut es ging, zu versorgen. Doch selbst das wird nun offensichtlich nicht mehr gewollt. Die verbliebenen fünf jüdischen Mitglieder der Geschäftsstelle, die nicht durch eine Mischehe geschützt sind, werden umgehend deportiert. Fast alle im Nazi-Jargon »volljüdischen« Angestellten der Reichsvereinigung hatten bereits im März 1943 das gleiche Schicksal erlitten. Und nur fünf Tage zuvor hatte Propagandaminister Goebbels im Berliner Sportpalast von der »gänzlichen Ausschaltung des Judentums aus Europa« gesprochen. Er setzte die Juden mit Kartoffelkäfern gleich. Dagegen gäbe es nur ein Mittel: die »radikale Beseitigung der Gefahr!«. Dafür erhielt er frenetischen Applaus.

Hätte sie die entsprechenden Papiere einer Muslimin, könnte Anna in dieser Nacht einen Spaziergang unternehmen, zum ersten Mal als »Nichtjüdin«, denn nun gilt für sie die Ausgangssperre nach 20 Uhr nicht mehr. Die Nazis begründeten dies damit, dass es angeblich »häufiger vorgekommen sei, dass Juden die Verdunkelung benutzt hätten, um arische Frauen zu belästigen«.[6] Würden nur die Anweisungen für die Wehrmacht auch für die Gestapo gelten. In diesen Befehlen ist zu lesen: »Sprich niemals eine Frau auf der Straße oder in einem Laden an. Begegne dem Muslim mit der gleichen Achtung und Duldsamkeit, wie Christen verschiedener Konfession einander immer begegnen sollten.«[7]

Solche Achtung brachte Helmy in jener Zeit auch Juden wie Anna Boros entgegen. Trotz der damit verbundenen Gefahr setzte er sich unermüdlich für sie und ihre Familie ein.

Meine Recherche führte mich zu den letzten Zeitzeugen und ihren Kindern und Enkelkindern, die mir Schwarzweißfotos und alte Briefe zeigten und diesen Dokumenten sozusagen ein Gesicht und eine Stimme verliehen. Ich durfte die Nachlässe der Familien von Miriam Mahdi und Hartmut von Hentig einsehen und bekam wertvolle Fotos von Jürgen und Angelika Comes, Ursula Kraus, Sabine und Karsten Mülder, Hanns und Ute Rohde sowie Karl-Heinz Wolter.

Im Berliner Zentrum Moderner Orient gibt die Sammlung Nachlass Prof. Gerhard Höpp Auskunft über Araber in Berlin der Weimarer Republik.

Im Archiv der Humboldt-Universität fand ich Helmys Promotionsakten, unter anderem seine Eidesstattliche Erklärung, in der er gelobt, »die Pflichten des ärztlichen Standes gegenüber den meine Hilfe Heischenden in humaner Gesinnung treu und gewissenhaft zu erfüllen«.[8] Anders als viele andere hat er sich an seinen Eid gehalten.

Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes lässt sich Helmys Internierung zu Beginn des Zweiten Weltkriegs als »gefährlicher Feind« nachverfolgen.

Im Bundesarchiv befindet sich Helmys medizinische Akte aus dem Krankenhaus der Polizei, wo er über vier Monate verbrachte.

Im Berliner Entschädigungsamt habe ich viel über Helmys Leben erfahren. Diese Unterlagen beleuchten sein Leben vor und während des Kriegs sowie in den ersten Nachkriegsjahren, als er um Entschädigung kämpfte.

Unterlagen und Fotos von Annas Familie fand ich in Helmys Akte in der Sammlung der Judenretter im Yad Vashem Archiv in Jerusalem. Eine weitere nützliche Akte war die des rumänischen »Gerechten unter den Völkern«, Constantin Karadja, der sich für verfolgte rumänische Juden eingesetzt hat.

Einige Informationen über Helmys Privatleben und seine Tätigkeit als Arzt fand ich im Archiv des Geschichtsvereins Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin.

Im Diplomatischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Bukarest stieß ich auf eine Akte über Anna Boros aus der Zeit, in der sie in der Illegalität lebte.

In den Berliner Adressbüchern lässt sich nachverfolgen, wo Helmy in der Nazizeit gewohnt hat bzw. wer seine Nachbarn waren. Weitere Auskünfte fand ich in den Bauarchiven verschiedener Bezirke.

Im Landesarchiv Berlin werden Helmys Akten in Verbindung mit seiner Ehrung als einer der »unbesungenen Helden« aufbewahrt.

In der Bibliothek der Gedenkstätte Deutscher Widerstand gibt es Publikationen zum Gedenken an den »Stillen Helden«.

Im Archiv des Centrum Judaicums finden sich Unterlagen über Anna Boros und ihre Familie in Bezug auf die Jüdische Gemeinde.

Im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung stieß ich auf Nachkriegsfotos von Mod...

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