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'Nachts hörten wir Hyänen und Schakale heulen.'

Das Tagebuch eines Südtirolers aus dem Italienisch-Abessinischen Krieg 1935-1936

AutorMarkus Wurzer
VerlagUniversitätsverlag Wagner
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl164 Seiten
ISBN9783703009242
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis21,99 EUR
Der Sterzinger Bauernsohn Andrä Ralser war 1935 einer von rund 1.200 jungen Südtirolern, die in der faschistischen Ära unter Benito Mussolini in die italienische Armee eingezogen wurden, um am weit entfernten Horn von Afrika am Abessinienfeldzug teilzunehmen. Der Krieg war von zahlreichen Verstößen gegen die Haager Landkriegsordnung geprägt und endete 1936 damit, dass Äthiopien Teil des italienischen Kolonialgebietes in Ostafrika wurde. Von seinem Kriegseinsatz hinterließ Andrä Ralser ein dichtbeschriebenes Notizbüchlein, in dem er seine Erlebnisse - beginnend mit der Überfahrt von Livorno nach Massaua über den folgenden Aufmarsch in Eritrea bis hin zu den Kämpfen im wilden Hochland Abessiniens - fortlaufend festhielt. Sorgsam von der Familie aufbewahrt, bildet das Tagebuch rund 80 Jahre später eines der wenigen erhalten gebliebenen schriftlichen Selbstzeugnisse von Südtirolern aus dem Abessinienkrieg. Ralser gibt darin tiefe Einblicke in seine Kriegserfahrungen und beschreibt auch, wie er die doppelte Fremdheit, als Europäer in Afrika einerseits und als deutschsprachiger Südtiroler in der italienischen Armee andererseits, wahrnahm. Markus Wurzer spürt diesen Fragen nach und bettet das sorgsam edierte Tagebuch auch methodisch-theoretisch sowie in seinen historischen Kontext ein.

Markus Wurzer, Mag., geb. 1990 in Lienz/Osttirol, Studium der Geschichte und Germanistik an den Universitäten Graz und Bologna; seit 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte an der Universität Graz. Forschungsschwerpunkte: Konstruktion und Rezeption von Heldenbildern im Gebirgskrieg 1915-1918; Grazer NS-Studentenschaft in den 1930er-Jahren, Erfahrungs-, Alltags- und Mentalitätsgeschichte des Italienisch-Abessinischen Krieges 1935-1941.

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Leseprobe

2. Theoretische Verortung


2.1 Tagebücher als historische Quellen


Das Phänomen „Krieg“ verursacht grundsätzlich in den Biografien der Betroffenen durch sein Ausgreifen auf sämtliche Lebensbereiche einen markanten Bruch.55 Diese Tatsache ignorierend blieben Kriege lange Zeit Gegenstand der Politik- und Militärgeschichte, die sich diesen aus der Perspektive einer Ereignis- und Operationsgeschichte oder „Geschichte von oben“ annäherten.56 Das Kriegserleben des einfachen Mannschaftssoldaten, der in der militärischen Hierarchie auf der niedrigsten Stufe rangiert, fand dagegen keinerlei Beachtung. Er existierte zumeist lediglich im Plural und als anonyme Masse.57 Erst im Laufe der 1980er Jahre entdeckte die Geschichtswissenschaft ihr Interesse am „einfachen Menschen“ sowie an seinen Denk- und Verhaltensmustern.58 Ausschlaggebend dafür war der wachsende Einfluss der Kulturgeschichte, die erkannte, dass sich die Ausnahmesituation des Kriegszustandes als Untersuchungsfeld par excellence für kulturhistorische Fragestellungen eignete.59 Infolgedessen etablierte sich im deutschsprachigen Raum eine Alltags-, Erfahrungs- und Erinnerungsgeschichte nach angloamerikanischem Vorbild.60 Hinsichtlich der Methode, der Theorie und der Breite der Anwendbarkeit des Ansatzes ist in aller Kürze auf die Cultural Studies hinzuweisen. Sie trugen wesentlich zu diesem Paradigmenwechsel bei, hatten die Kulturwissenschaften bis zu diesem Punkt doch eher mit philosophisch-theoretischen und hochkulturellen Zugängen hantiert. Jedenfalls verstand sich dieser Ansatz als Pendant zur Ideologie-, Institutionen- und Sozialgeschichte, in denen der Mensch stets nur entweder als Entscheidungsträger oder in Form von Massen von Relevanz war.61 Zentral ist ihm die Forderung, Personen exemplarisch zu individualisieren62 und nach ihren Deutungen, Wertungen und sozialem Wissen zu fragen.63 Der Ausdruck der „Erfahrung“ wurde hierbei zum zentralen Schlüsselbegriff.64

Hand in Hand mit dieser neuen Blickrichtung ging die „Entdeckung“ neuer Quellen, die eine „Geschichte von unten“65 überhaupt erst ermöglichten. Dies sind inoffizielle und private Selbstzeugnisse wie Briefe, Memoiren, Autobiografien, Feldpostkarten und Tagebücher.66 Sie liefern Informationen über die Lebensumstände und Erfahrungen von „einfachen“ Menschen, die die Geschichte nicht prägten, sondern durchlebten.67 Im Spannungsfeld von Militär und Krieg können sie den Geschichtswissenschaften als Quelle für alltägliche Routinen dienen, die in offiziellen Dokumenten keinen Platz fanden, sowie als Informationsträger, die einen Eindruck davon geben, wie sich Kriege physisch und psychisch auf Individuen und ihr soziales Umfeld auswirkten. Schließlich geben sie Auskunft über kulturelle Deutungsmuster und Sinnzuweisungen und stellen Dokumente des kommunikativen (Tagebuch/Brief) und kulturellen (Autobiografie/Memoiren) Gedächtnisses dar.68 Dabei ist den aufgezählten Selbstzeugnissen einerseits allen gemein, dass sie in schriftlicher Form vorliegen. Andererseits weisen sie trotzdem höchst unterschiedliche Qualitäten auf.69 Wichtige Arbeiten aus den Literaturwissenschaften machten darauf aufmerksam, indem sie den Blick über das historische Subjekt ausweiteten und sowohl die Sprache als auch die Art und Weise der Erzählung in den Fokus nahmen.70

Dieser fundamentale Perspektivenwechsel manifestierte sich in den Geschichtswissenschaften in einer Reihe von Wenden wie dem linguistic, cultural, topographic, spatial, iconic etc. turn. So ist mittlerweile ein breiter methodischer und theoretischer Diskurs vorhanden, in dem sich die Selbstzeugnisse verorten lassen.71 Dies soll im Folgenden speziell für die Textsorte des (Kriegs-)Tagebuchs erfolgen, was besonders wichtig erscheint, wenn man sich vergegenwärtigt, dass dieses erst bei einer gezielten methodischen Analyse zu einer aussagekräftigen Quelle zur Rekonstruktion von Kriegserfahrung und -wahrnehmung werden kann.72 Dabei erscheint es zunächst sinnvoll danach zu fragen, wie aus Erlebtem Erfahrenes werden kann und welche Selektionsmechanismen in diesem Prozess zu berücksichtigen sind. Erst im Anschluss daran soll die Textsorte als solche beschrieben und dabei von anderen Selbstzeugnissen unterschieden werden. Dies soll schließlich zu einer Einschätzung der Quellengattung hinsichtlich ihrer Authentizität und ihres Aussagewertes führen.

2.2 Methodische Überlegungen


Mittlerweile hat sich die Forschung vom Glauben distanziert, dass Tagebücher den Zugriff auf „authentische“ Kriegserlebnisse gewähren würden.73 Das Erlebte passiert nämlich zahlreiche Filter, sodass es im Text nur noch reduziert widergespiegelt wird.74 Folglich bedarf es der Bestimmung dieser Auswahlmechanismen, die auf ihre Wirkweisen hin abzuklopfen sind, um in der praktischen Analyse (Kapitel 5) darauf Rücksicht nehmen und so die sich im Tagebuch abbildende Mentalität freilegen zu können. Der Begriff „Mentalität“ ist dabei als Bündel von Verhaltens- und Denkmustern zu verstehen, die für ein Kollektiv zu einem bestimmten Zeitabschnitt prägend sind. Dabei geht es um Ängste, Hoffnungen, Glück, Tod, Gewalt, Krieg an sich, Religiosität, das Fremde und das Eigene, Raum, Natur und Umwelt etc.75

Für dieses Vorhaben erscheint das Zeitschichten-Modell von Thiemo Breyer und Daniel Creutz76, das sie in Anlehnung an die Überlegungen von Reinhart Koselleck77 entwickelten, nützlich zu sein. Ausgangspunkt Kosellecks sind zweierlei Prämissen: Einerseits stelle Krieg eine Zäsur da, auf die Erfahrungsschübe folgen, die sich abseits von Gewohntem manifestierten. Diese neuen Erfahrungen würden das Bewusstsein dazu nötigen, sie in den bereits vorhandenen Erfahrungshaushalt zu integrieren. Zweitens werde ein gemeinsam erlebter Krieg, auch wenn er in sämtliche Lebensbereiche ausgreife und so kaum jemanden nicht betreffe, von jedem Individuum der Gesellschaft auf eine andere Art und Weise erlebt. Koselleck führt fort, dass deshalb analytische Schnitte notwendig seien, um mögliche Gemeinsamkeiten und Differenzen des Erlebens zu lokalisieren. Zunächst sei es wichtig, das Kriegsgeschehen selbst von seinen Folgen zu separieren. In der Erinnerung würden diese Dimensionen zusammenfallen, weshalb analytisch zwischen synchronen Faktoren, die während des Krieges bereits ihre bewusstseinsprägende Wirksamkeit entfalteten, und diachronen Momenten, die erst durch die Kriegsfolgen entstanden und die Erfahrung retrospektiv verformten, unterschieden werden müsse.78 Für die vorliegende Arbeit sind letztere Gesichtspunkte zu vernachlässigen, da es sich beim Tagebuch Andrä Ralsers um eines handelt, in dem der Diarist zeitnah zum Erlebnis die gemachten Erfahrungen verschriftlichte (vgl. Kapitel 4.2).

Breyer und Creutz übernahmen diese Unterscheidung und konstruierten darauf aufbauend ein dreiteiliges Schichten-Modell, das davon ausgeht, dass historische Erfahrung dann entsteht und kulturgeschichtlich analysierbar wird, wenn zwei in der Erfahrung wirksame „Zeitschichten“ in Beziehung zueinander gestellt werden. Ebene 1 (Kurzfristigkeit) bündelt die Eigenheiten des Erfahrung-Machens. Ihr liegen Phänomene der Einzigartigund Unwiederholbarkeit des (Überraschungs-)Moments zugrunde. Mittelfristig knüpft die Person, die Erfahrung generiert, dabei an bereits vorhandene Erfahrungsgehalte an, die sich im Sozialisationsprozess, in der Adaption kultureller Vorgaben und generationeller Erfahrungsmuster sowie in der Habitualisierung von Verhaltens- und Deutungsweisen konstruieren. Diese zweite Stufe des Erfahrung-Habens bildet den Deutungshintergrund für die Ebene des Erfahrung-Machens. Die dritte Schicht bezieht sich dagegen auf eine langfristige Zeitspanne. Sie speist Elemente in den Erfahrungshaushalt, die die generationellen Trennlinien überschreiten. Sie entspringen erstens der biologisch-anthropologischen Grundausstattung des Menschen und zweitens der natürlich gegebenen Umwelt. Eine kulturelle Überformung selbiger geht nur äußerst langsam vonstatten.79

Für die vorliegende Arbeit sind speziell die ersten beiden Zeitschichten von Bedeutung, die in wechselseitiger Abhängigkeit zueinander analysiert werden müssen. Die dritte spielt aufgrund des kurzen Untersuchungszeitraums keine tragende Rolle. Das Individuum macht auf kurzfristiger Ebene eine Erfahrung, die es mittelfristig an Haltungen anknüpft und vor dem Deutungshintergrund seiner kulturellen Sozialisation interpretiert. So entsteht laut Breyer/Creutz eine mögliche Mentalität für eine bestimmte Zeit. In diesen beiden Ebenen spiegeln sich schließlich die synchronen Faktoren der Bewusstseinsprägung Kosellecks wider. Sie helfen nun dabei, die Zeitschichten näher zu untersuchen.

Erstes synchron wirksames Element für die Bewusstseinsprägung ist das Kriegserlebnis selbst. Erlebnisse resultieren aus...

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