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Reiseberichte als kultur- und wirtschaftshistorische Quelle

Am Beispiel von Henry Th. von Böttingers: 'Durch 360 Längengrade'

AutorJosef Knoke
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl77 Seiten
ISBN9783640654000
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Masterarbeit aus dem Jahr 2009 im Fachbereich BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Note: 1,7, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (Institut für Geschichtswissenschaften), Sprache: Deutsch, Abstract: Die Erfindung der Buchdruckkunst und die damit verbundenen Vervielfältigungsmöglichkeiten führten zur schnellen und weiten Verbreitung von Reiseberichten. Diese Literaturgattung hat die Menschen schon immer fasziniert, da sie dadurch auf einfache Weise Kenntnis von anderen Völkern und Kulturkreisen erlangen konnten, ohne selbst reisen zu müssen. Reiseberichte sind eine kultur- und wirtschaftshistorische Quelle erster Güte, deren Rolle im Rahmen materieller und theoretischer Transfers durch die Arbeit näher beleuchtet wird. Vor dem Hintergrund eines wachsenden Interesses an historischen Reiseberichten in den letzten Jahren sind aber nicht nur gedruckte Reiseberichte von Interesse, sondern auch die zahlreich überlieferten handschriftlichen Beispiele, deren Autoren nicht a priori beabsichtigten, sie literarisch zu verwerten. Ein solcher Reisebericht ist die 800 seitige Tagebuchaufzeichnung Henry Theodor von Böttingers seiner Reise um die Welt, 'Durch 360 Längen - Grade' (Rund d´rum Rum), die der Autor in seiner Eigenschaft als Mitglied der Direktion der Bayer AG vom 11. Dezember 1888 bis zum 1. Juni 1889 unternommen hat. Böttinger war ein Schwiegersohn des Firmengründers Friedrich Bayer und mit dessen jüngerer Tochter Adele verheiratet. Er war ab 1882 in führender Position für die Bayer AG tätig, zunächst im Vorstand, und ab 1907 bis zu seinem Tode 1920 als Aufsichtsratsvorsitzender. In diesen nahezu vierzig Jahren hat er maßgeblich die Entwicklung und den Aufstieg der Bayer AG zu einem Weltkonzern vorangetrieben.

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Leseprobe

2. DER REISEBERICHT - ZUR HISTORIE EINER LITERATURGATTUNG 

 

Mobilität kennzeichnet die Geschichte der Menschheit von Beginn an; sie ist,  sozusagen als erste Conditio Humana, eine der Grundlagen unserer Entwicklungsgeschichte und unseres heutigen Wissens. Leed sagt dazu: „Wenn wir unsere Gegenwart verstehen wollen, dann müssen wir verstehen, welche Funktion die Mobilität in der Geschichte hatte: Sie war immer eine auf Veränderung gerichtete Kraft, die Persönlichkeiten, soziale und kulturelle Landschaften verändert und zur Herausbildung einer globalen Zivilisation geführt hat“.[15] In der Anfangsgeschichte der Menschheit war permanente Mobilität das kennzeichnende Grundelement des Zusammenlebens von Jägern und Sammlern in Familienverbänden und Horden. Mit Beginn von zivilisiertem Zusammenleben in Form von Sesshaftigkeit bekam Mobilität eine neue Qualität. Aus allgemeinem, ziellosem Umherziehen wurden nun zielgerichtete Reiseaktivitäten. Bereits gegen Ende des 5. Jahrtausends v. Chr. weiß man von hochseefähigen Segelschiffen, die wohl vorwiegend zu Erkundungs- und Handelszwecken genutzt wurden. Abenteurer und Händler waren also, wenn man so will, die ersten Reisenden.

 

2.1. Von den Anfängen bis zum 20. Jahrhundert

 

Von der Durchführung einer Reise bis zum Reisebericht nach deren Abschluss war es nur ein kleiner Schritt. Denn wollte man für die mit einer Reise verbundenen Mühen Lohn in Form von Bewunderung, Ruhm und Ehre ernten, so musste von den gemachten Erlebnissen, Erfahrungen und bestandenen Abenteuern berichtet werden, sicherlich vorwiegend in Form von Erzählungen und mündlichen Überlieferungen, aber bereits frühzeitig auch in schriftlicher Form.

 

2.1.1. Von den frühesten Anfängen bis zum Mittelalter

 

Frühester uns bekannter und in Schriftform erhaltener Bericht über eine Reise ist mit dem Gilgamesch – Epos eine Abenteuerreise.[16]  Dort lesen wir von König Gilgamesch von Uruk, der zu einem Feldzug in den Libanon aufbricht, um Unsterblichkeit zu erlangen. „Allumfassende Weisheit erwarb er in jeglichen Dingen. / Er sah das Geheime und deckte auf das Verhüllte, / er brachte Kunde von der Zeit vor der Flut. / Einen weiten Weg kam er her, um (zwar) müde / doch (endlich) zur Ruhe gekommen zu sein. / Festgehalten auf einem Steinmonument ist all die Mühsal“.[17] Zwar war es kein Steinmonument, sondern es waren Tontafeln, die von dem britischen Assyriologen George Smith in den Ruinen des Königspalastes von Ninive gefunden wurden. Aber diese Tontafeln, die Smith 1872 der Londoner Society of Biblical Archaeology vorstellte, sind wohl der früheste bekannte schriftliche Reisebericht.[18]

 

Aus der Antike sind diverse Beispiele über durchgeführte Reisen und Berichte darüber bekannt. Neben dem um 800 v. Chr. entstandenen abenteuerlichen Reisebericht Homers über die sagenumwobenen  Fahrten des Odysseus und dem Bericht Herodots über seine Ägyptenreise um 468 herum liegt uns zum Beispiel ein Fahrtenbericht über die Erkundung des afrikanischen Kontinents durch den karthagischen Seefahrer Hanno vor, der um das Jahr 470 vor Christus entlang der afrikanischen Westküste vermutlich bis in den Golf von Guinea segelte um Seewege zu erkunden, neue Handelswege zu erschließen und Kolonien zu gründen.[19]

 

Aus der römischen Zeit sind zahlreiche Reisebeschreibungen verschiedener Form von Geschichtsschreibern, Geographen, Naturforschern und Ärzten erhalten. Diese beinhalten vor allem geographische oder naturwissenschaftliche Beobachtungen und detaillierte Angaben (zum Beispiel zu Gezeiten und Meeresströmungen), aber zumeist auch „Memoranda“: Bemerkenswertes und Phantastisches zur Ergötzung und zum Staunen der Leserschaft.

 

Man reiste entweder in amtlicher Eigenschaft, als Händler oder aus Wissbegier; aber auch Erholungsreisen waren bereits en vogue, vorwiegend nach Griechenland, Kleinasien, Ägypten und nach Spanien. Diodor, Strabo, Pausanias, Dioskur, Galen oder die beiden Plinius (Plinius der Ältere und Plinius der Jüngere) haben uns in ihren Werken reichlich Zeugnisse davon hinterlassen. Plinius d. Ä. beschreibt die menschliche Natur (und damit auch sich selbst) als „reiselustig und nach Neuem begierig“.[20] Dies reflektiert, dass die Reisetätigkeit in dieser Zeit sehr hoch war, wohl auch, weil die Bedingungen in weiten Teilen des römischen Reiches dazu gute Voraussetzungen boten.[21]

 

Im Mittelalter änderte sich dies. Reisen wurde vorwiegend als beschwerlich und gefährlich angesehen. Gleichwohl wurde gereist, entweder aus profanen kaufmännischen oder amtlichen Gründen, sehr häufig aber auch aus religiöser Motivation heraus:

 

Missionarsreisen[22]

 

Pilgerreisen und Wallfahrten des persönlichen Heilsgewinns wegen, zum Erlass der Sündenstrafen, um ein Gelübde zu erfüllen oder als Sühnereise;

 

Kreuzzüge zur Erlangung ruhmreicher Taten für den Glauben und für himmlischen Lohn;

 

Ritterreisen als standesgemäße Abenteuerreisen zum Kennenlernen der Welt und als Prüfung individueller und sozialer Fähigkeiten, sowie

 

 Scholarenreisen als fachliche Bildungsreise.

 

All diesen Reisen lag aber ein wesentliches Zusatzmotiv zugrunde: die Erlangung von Ehre, dem zentralen Motiv im Mittelalter. Um nun in den Genuss solcher Ehre zu gelangen, musste von den Reisen und den dabei gemachten Erlebnissen und Erfahrungen auch berichtet werden. So kam es zu erstaunlich vielen Reiseberichten aus dieser Zeit, in der eine Vervielfältigung ja noch nicht per Druck, sondern handschriftlich geschah.

 

Eine dazu von Werner Paravicini und Christian Halm herausgegebene Bibliographie verzeichnet allein für die zwei Jahrhunderte von 1334 bis 1531 insgesamt 154 uns erhaltene Reiseberichte aus dem deutschsprachigen Raum, wobei darin Reisen in die Neue Welt ebenso wie solche in andere Erdteile (mit Ausnahme des Heiligen Landes) nicht enthalten sind. Inhaltlich handelt es sich dabei vorwiegend um Pilgerreisen.[23]

 

2.1.2. Entwicklungsvarianten seit Beginn der Frühen Neuzeit

 

Mit der Renaissance und dem Ideal des „uomo universale“, also eines möglichst umfassend gebildeten Menschen, bildeten sich neue Reisemotive heraus. Wurden im Mittelalter Reisen, die nicht amtlichen oder kirchlichen Zwecken dienten, von den Kirchenvätern als Ausdruck von „luxuria“, „superbia“ oder „curiositas“ als sündhaft charakterisiert, als Hinwendung zu Nutzlosem und Abwendung von Gott, so wird nun zumindest die „curiositas“ im Sinne von Wissbegierigkeit als ein legitimes Reisemotiv akzeptiert und geachtet.[24]

 

Die Natur, bisher meist als etwas Bedrohliches angesehen, sowie die Schönheit der Landschaft werden neu wahrgenommen. Petrarca unternimmt eine Reise zur Besteigung des Mont Ventoux und entdeckt und beschreibt dabei die Schönheiten der Natur.[25]

 

Man reiste innerhalb und außerhalb des eigenen Kulturbereiches um neue Völker, Tiere, Pflanzen und Landschaften kennen zu lernen und sein Weltbild zu erweitern.

 

Die „peregrinatio academica“ kam in Mode: zur Vervollkommnung des Studiums sollte man nicht nur die eine Heimatuniversität, sondern auch „terra aliena“, d. h. andere Universitäten in verschiedenen Ländern besucht haben. Bologna, Padua, Perugia, Pisa, Siena, Paris, Orleans, Bourges, Montpellier, Löwen, Dole oder Wien wiesen einen hohen Anteil an ausländischen Studenten in Theologie, Jura und Medizin auf, ja es kam sogar zur Bildung von Landsmannschaften an diesen Universitäten, die einen eigenen, privilegiertem Rechtsstatus genossen.[26]

 

Bekannte Humanisten wie Erasmus von Rotterdam, Rudolf Agricola und andere reisten häufig und viel zu Studienzwecken an andere Universitäten sowie in die verschiedensten Städte Europas. Francis Bacon definierte mit seinem auf den Prinzipien empirischer Beobachtung und unverfälschter Erfahrung beruhenden Ansatz Wissenschaft neu und beeinflusste damit wiederum den Stil von Reisebeschreibungen, die nunmehr stark als objektive Beschreibung der Welt verstanden wurden. In Folge dieser neuen Sichtweisen auf Reisen kam es zu einer Welle von Reiseanleitungen, die wiederum zu einer inhaltlich neu strukturierten Art von Reisebeschreibungen führte. 1574 erschien in Straßburg als erste gedruckte Reiseanleitung „De peregrinatione“ des sächsischen Juristen Hieronymus Turler, die bereits ein Jahr später in London unter dem Titel „The Travailer“ abgedruckt wurde. 1577 wurde in Ingolstadt der „Commentariolus de arte apodemica seu vera peregrinandi ratione“ des Humanisten und Arztes Hilarius Pyrckmair veröffentlicht. Ebenfalls 1577 erschien in Basel das Werk: „Methodus Apodemica: in Eorum Gratiam Qui Cum Fructu in Quocunq Tandem Vitae Genere Peregrinari Cupiunt„ des Universalgelehrten Theodor Zwinger.

 

In der Folgezeit kam es zu einer Flut von Veröffentlichungen auf diesem Gebiet, nicht nur in Latein, sondern auch in den wichtigsten europäischen Sprachen. Stagl hat in einer Bestandsaufnahme dazu über 300 Veröffentlichungen gleicher Art bis zum Ende des 18....

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