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E-Book

Das Panoptikum

AutorJeremy Bentham
VerlagMatthes & Seitz Berlin Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl221 Seiten
ISBN9783882211139
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR
Überwachen und Strafen Im Panoptikum, Jeremy Benthams idealem Gefängnis- und Erziehungsbau, werden die Delinquenten permanenter Überwachung durch einen Aufseher unterzogen, der im Mittelpunkt eines kreisförmigen Gebäudes sitzt. Aber zu welchem Zweck? Michel Foucault interpretierte in seinem Werk Überwachen und Strafen (1975) Benthams Bau als Prototyp für die latente Perversion bürgerlicher Aufklärung, die Schizophrenie eines Liberalismus, der stets das Gute will und stets das Böse schafft. Aber stimmt das wirklich? Die erste deutsche Übersetzung von Panoptikum offenbart die Aktualität von Benthams Gedankenwelt. Als Begründer des Utilitarismus und Anhänger des Wirtschaftsliberalismus war er davon überzeugt, dass der Kapitalismus der wahre Schlüssel zum Glück des Menschen ist - und nichts anderes als den Weg zum Glück wollte er mit dem Panoptikum jedem Menschen ebnen. Ebook-Version ohne Interview mit Michel Foucault.

Jeremy Bentham (1748-1832) gilt als Begründer des klassischen Utilitarismus, Sozialreformer und Vordenker des modernen Wohlfahrtsstaats. Seiner Zeit weit voraus forderte er allgemeine Wahlen, das Frauenstimmrecht, die Abschaffung der Todesstrafe, Tierrechte, die Legalisierung der Homosexualität und die Pressefreiheit. Der Antimonarchist Bentham ist aber auch bekannt für seine scharfe Kritik an der französischen Menschenrechtserklärung, seinen radikalen Atheismus, sein Eintreten für Wucherzinsen und seine Argumente für den legitimen Einsatz der Folter.

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Leseprobe

Diese Fenster der Aufseher-Loge öffnen sich zum Zwischenbereich hin in Form von Türen, und zwar an so vielen Stellen, wie man das für angebracht hält, um so rasch wie möglich in Kontakt mit einer der Zellen zu treten.

Nachts werfen kleine Lampen, unterstützt von Reflektoren, an der Außenseite eines jeden Fensters der Loge Licht in die gegenüberliegenden Zellen und sorgen so dafür, dass die Sicherheit vom Tage auch in der Nacht gewährleistet ist.

Um störende Ausübung von Stimmgewalt zu vermeiden, die andernfalls notwendig wäre, und um zu verhindern, dass die Häftlinge aus der Ferne mitbekommen, dass der Aufseher mit einem anderen Häftling beschäftigt ist, sollten schmale Zinnblechröhren von den Zellen über den Zwischenbereich hinweg zum jeweils gegenüberliegenden Fenster der Loge verlaufen. Durch eine solche Vorrichtung kann auch das geringste Flüstern auf der anderen Seite verstanden werden, besonders dann, wenn man sein Ohr nach Anweisung ordnungsgemäß an das Rohr hält.

Was die Unterweisung angeht, muss der Instrukteur in bestimmten Fällen, bei denen er weder dem Arbeitsprozess beiwohnen, noch dem Lernenden Abläufe direkt beispielhaft veranschaulichen kann, seine Position so oft wie möglich verändern, um sich verschiedenen Zöglingen zuzuwenden; dass er diese zu sich ruft, steht bei dieser Art von Gebäude nicht immer zu Gebote, etwa wenn es sich um Häftlinge handelt. Wann immer Anweisungen verbal und aus einem gewissen Abstand heraus zu tätigen sind, werden diese Röhren von Nutzen sein. Sie werden einerseits sicherstellen, dass der Instrukteur, ohne seine zentrale Position in der Loge verlassen zu müssen, seine Stimme nicht zu erheben braucht, um den Arbeitenden Anweisungen zu übermitteln. Andererseits verhindern sie auch, dass es zu einem Durcheinander kommt, wenn unterschiedliche Instrukteure oder Personen aus der Loge heraus gleichzeitig Zellen anrufen. Auch wenn dies auf den ersten Blick unbedeutend scheinen mag, so wird im Falle von Krankenanstalten die auf diese Weise sichergestellte Ruhe einen zusätzlichen Vorteil erwirken.

Eine Glocke, die ausschließlich dazu bestimmt ist, Alarm zu schlagen, ist in einem Glockenstuhl untergebracht, der das Gebäude krönt. Die Glocke kann mit einem Seil geläutet werden, das in die Aufseher-Loge herabhängt.

Am wirtschaftlichsten und wohl auch am praktischsten dürfte es sein, wenn man die Zellen und den vorgelagerten Bereich mittels der Abwärme aus den Kaminrohren heizt, welche die Anlage durchziehen, ähnlich wie dies auch bei Gewächshäusern gemacht wird. Der vollständige Verzicht auf eine Heizanlage würde sich, angesichts der bei uns in England herrschenden Wetterverhältnisse, verheerend auf die Gefangen auswirken5; auf jeden Fall kann darauf nicht verzichtet werden, wenn Arbeiten im Sitzen verrichtet werden müssen. Die Kaminrohre und die dazugehörigen Öfen sollten sich allerdings nicht, wie das bei den Gewächshäusern der Fall ist, an der Außenseite des Gebäudes befinden, sondern innen untergebracht werden. Auf diese Weise würde der Wärmeverlust reduziert, und der Luftstrom, der dann von allen Seiten in die Zellen eindringt und den notwendigen Durchzug für das Feuer in den Feuerstellen sicherstellt, würde so auch als Lüftung dienen. Mehr dazu jedoch im Abschnitt über die Hospitäler.*

 

BRIEF III.


UMFANG EINES EINZELGEBÄUDES.

Soviel also zu den wesentlichen Teilen des Konstruktionsprinzips. Sie werden jetzt vielleicht neugierig sein, zu erfahren, in welchem Maße ein Gebäude dieser Bauart ausgestaltet werden muss, besonders hinsichtlich der verschiedenen Zwecke, denen es dienen kann. Vertrauenswürdig kann dies nur von einem professionellen Architekten dargelegt werden. Haben Sie dennoch die Freundlichkeit, mir zu gestatten, aufs Geratewohl ein paar Worte in dieser Sache zu verlieren.

Was die Zellen betrifft, so müssen diese natürlich mehr oder weniger geräumig sein, abhängig davon, welche Tätigkeiten in ihnen ausgeübt werden sollen.

Für das gesamte Gebäude gilt, dass es, wenn der Umfang zu gering bemessen wird, nicht groß genug ist, um die hinreichende Anzahl an Zellen zu beherbergen. Wird er zu weit bemessen, so wäre der Abstand der äußeren Fenster zu groß geraten, was dazu führt, dass es in der Loge nicht genug Licht gibt.

Was den speziellen Einzelbau meines Bruders angeht, so wurden die Dimensionen durch die Berücksichtigung der am besten geeigneten Kanthölzer und Balken (die für seine Unternehmung das preiswerteste Material darstellten), sowie durch andere lokale Beweggründe bestimmt. Es soll zwei Geschosse hoch sein, und sein Durchmesser wird von einem Ende zum anderen 100 Fuß [ca. 30 Meter] betragen.6

Nur der Anschauung halber werde ich dieses Maß nun als Beispiel für ein Gebäude heranziehen, das er für England vorschlagen würde.

Nimmt man einen Durchmesser von 100 Fuß an, dann ergeben sich daraus 48 Zellen. Sie sind an der Außenseite 6 Fuß [ca. 1,80 Meter] breit, die Wände mitgerechnet. Der Durchgang durch das Gebäude wäre 8 oder 9 Fuß [ca. 2,40 oder 2,75 Meter] breit.

Ich gehe von der Annahme aus, dass es sich um ein zweigeschossiges Gebäude handelt.

Im unteren Geschoss beträgt die Dicke der Wände 2 ½ Fuß [ca. 0,75 Meter].

Von dort aus beträgt die Tiefe jeder Zelle vom Fenster zum Gitter 13 Fuß [ca. 4 Meter].

Von dort aus bis zum Ende der Trennwände sind es weitere 3 Fuß [ca. 0,90 Meter], woraus sich die Länge der verlängerten Trennwände ergibt.

Die Ringzone ist 14 Fuß [ca. 4,30 Meter] breit.

Insgesamt ergibt sich daher eine Länge, gemessen von der Außenseite des Gebäudes bis hin zur Loge, von 32 ½ Fuß [ca. 9,90 Meter].

Das Doppelte dieser Länge, 65 Fuß [ca. 18,80 Meter], lässt für den Umfang der Loge 35 Fuß [ca. 10,70 Meter] übrig, die Dicke der Wände mitgerechnet.

Im Obergeschoss werden die Zellen nur 9 Fuß [ca. 2,75 Meter] tief sein; die Differenz zwischen diesem Maß und den 13 Fuß [ca. 4 Meter] im Untergeschoss werden von der Empore eingenommen, welche die verlängerten Trennwände umgibt.

Diese Empore liefert im Obergeschoss den Raum für einen dortigen Zwischenbereich; durch Treppen, auf die ich gleich zu sprechen komme, wird eine Verbindung zwischen den Zellen im Obergeschoss, an welche die Empore anschließt, und den Zellen im Untergeschoss hergestellt, zusammen mit dem Zwischenbereich und der Loge.

Derjenige Punkt, der am weitesten von dem Bereich entfernt ist, wo das Licht einfällt, ich meine damit den zentral gelegenen Mittelpunkt des Gebäudes und der Loge, wird einen Abstand von nicht mehr als 50 Fuß [ca. 15,25 Meter] zu diesem haben. Das ist eine Entfernung, die, denke ich, nicht größer ist als jene, die sich in Kirchen finden lässt, auch solchen, die nicht nach Art des hier beschriebenen Gebäudes gestaltet sind und die über Fenster in der gesamten Außenwand verfügen. Doch die Fenster des Aufsehers werden sich nicht weiter als 32 ½ Fuß [ca. 9,90 Meter] vom offenen Tageslicht entfernt befinden.

Aus vielerlei Gründen und in den meisten Fällen wird es, wie mir scheint, angebracht sein, dass ein Logengeschoss für zwei Zellengeschosse zuständig ist. Das wird gerade dann der Fall sein, wenn der Baugrund teuer, die Anzahl der Personen, die es zu kontrollieren gilt, hoch, der Raum, der jeder Person zugewiesen wird, nicht besonders groß ist, und Sparsamkeit und Notwendigkeit wichtiger sind, als der äußere Eindruck.

Zu diesem Zwecke ist der Boden des unteren Logengeschosses um etwa 4 ½ Fuß [ca. 1,40 Meter] gegenüber dem Boden des ersten Zellengeschosses angehoben. Dadurch befindet sich der Blick des Aufsehers, wenn er aufrecht steht, auf der Höhe des schon erwähnten Bodens des Obergeschosses der Zellen oder etwas darüber. Auf jeden Fall kann er auf diese Weise sowohl das Untergeschoss wie auch das Obergeschoss ohne Schwierigkeiten übersehen und braucht dafür seine Position nicht zu verändern.

Für den Zwischenbereich gilt, dass sich dessen Boden nicht auf derselben Ebene wie der Boden der Loge befindet, sondern auf der Ebene des Bodens der im Untergeschoss befindlichen Zellen. Doch im Obergeschoss wird dieser Raum von der bereits erwähnten Empore eingenommen; deshalb entspricht der Höhenunterschied dieses Bereichs vom Boden zur Decke dem beider Zellengeschosse zusammen.

Da sich der Boden der Loge nicht auf dem...

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