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Nach jedem Sonnenuntergang bin ich verwundet und verwaist. Liselotte Richter zum 100. Geburtstag

VerlagFrank & Timme
Erscheinungsjahr2006
Seitenanzahl213 Seiten
ISBN9783865960887
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis24,99 EUR
„Nach jedem Sonnenuntergange bin ich verwundet und verwaist" – unter dieses Motto, dem „Stundenbuch" Rilkes entnommen, stellen die Herausgeber eine Sammlung von Aufsätzen namhafter Autoren zum Leben und Werk Liselotte Richters, deren Geburtstag sich am 7. Juni 2006 zum 100. Male jährt. Das vielschichtige Werk der ersten deutschen Professorin für Philosophie und Theologie wird exemplarisch in den Blick genommen, indem den Aufsätzen Auszüge aus ihren Schriften vorangestellt sind, die einen authentischen Zugang zu ihrem Denken ermöglichen. Der Band bietet eine historische Würdigung der Philosophin in den unterschiedlichen politischen und geistigen Kontexten, in denen sie schrieb, und leistet damit einen Beitrag zur Erforschung der neueren Philosophie- und Theologiegeschichte.

Die Herausgeber

Richard Schröder, Professor für Philosophie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin Catherina Wenzel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Religions- und Missionswissenschaften sowie Ökumentik an der Theologischen Fakultät der Humboldt- Universität zu Berlin

Michael Weichenhan, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Philosophie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin 

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Leseprobe
Liselotte Richter: Philosophie der Dichtkunst. Moses Mendelssohns Ästhetik zwischen Aufklärung und Sturm und Drang (S. 53-54)

Chronos Verlag Berlin 1948, 5–8; 42–47 (Auszüge)

I. Zur Einführung: Unsere heutige Stellung zu Moses Mendelssohn

[6] Alle diese Tatsachen, die eine Bestätigung des Herder-Wortes von Mendelssohn als „Philosophen der deutschen Nation und Sprache" waren, mußten in der jüngst verflossenen Epoche über ein Jahrzehnt hindurch verschwiegen, entstellt oder tendenziös in ihr Gegenteil verkehrt werden. Und so bilden sich heute überall weiße Flecken auf der geistigen Landkarte, wo es sich um bedeutende Kulturleistungen jüdischer Philosophen, Künstler oder Schriftsteller handelt. Der Bann des Schweigens, den der Nazismus über diesen Fragenkomplex geworfen hat, ist immer noch nicht gebrochen worden. Die weißen Flecken auf der Landkarte werden zwar nicht mehr künstlich neu geschaffen und vermehrt werden können. Es kommt aber alles darauf an, nun die Beseitigung der durch die zwölf Jahre nazistischer Geschichtsfälschung entstandenen verzerrten Kulturansicht so schnell wie möglich ins Werk zu setzen. Gerade unsere Jugend, die ja durch jene tendenziösen Entstellungen niemals etwas von den eigentlichen Kulturleistungen des Judentums erfahren hat, würde stillschweigend weiter in diesem falschen Geschichtsbilde aufwachsen, dessen verhängnisvolle Wirkungen von Generation zu Generation zunehmen werden, wenn die passive Duldung und Übernahme des Schweigens über jüdische Kulturleistungen beibehalten wird. Es entsteht so in Analogie zum „kalten Krieg" nach dem Aufhören des Schießkrieges nun auf dem geistig-kulturellen Gebiet ein heimlicher „kalter Antisemitismus", der nach dem äußerlichen Abschluß der grausigen Wirkungen der KZs und Gaskammern das Werk der geistigen Einsargung durch Stillschweigen über das, was die Welt dem Schöpfergeist unserer jüdischen Mitmenschen verdankt, vollenden hilft.

So soll die vorliegende Abhandlung nicht einer nur rückwärts gewendeten historischen Betrachtung dienen, sondern sie hat eine höchst gegenwärtige [7] und aktuelle Aufgabe, als einer der ersten Versuche, dieses verhängnisvolle Schweigen zu brechen, der zu weiteren verwandten Bemühungen Mut machen möchte. Trotz des bekenntnishaften Charakters, der dieser (bereits in den verhängnisvollen zwölf Jahren entstandenen) Arbeit (die damals nirgendwo in Deutschland veröffentlich werden konnte) eigen ist, soll einer solchen Bestrebung zur Wie derherstellung der geistesgeschichtlichen Gerechtigkeit jedoch keineswegs das Gewaltsame einer umgekehrten Tendenz verliehen werden, das entstehen könnte, indem man sich allzu eifrig und krampfhaft bemüht, ein lange schon bestehendes Versäumnis nachzuholen. Nein, es sollen nichts als die Tatsachen, die man bisher zum Schweigen verurteilte, selber sprechen, aber sie müssen nun auch sprechen, um der wissenschaftlichen Objektivität endlich wieder Raum zu geben. Es gibt eine Fülle von Fragen und Wirkungszusammenhängen, die man sonst streng wissenschaftlich nicht aufklären könnte, wenn man weiterhin bisher unerwünschte Themenstellungen mit Schweigen überginge.

So wäre in unserem Falle die Wirkung Mendelssohns auf seine Zeitgenossen nicht zu erklären, wenn man nicht einginge auf die Eigenart und auf den Wert seiner Persönlichkeit wie seiner Denkarbeit. Er gehört der deutschen Bildungsgeschichte an durch seinen Kampf für die Freiheit des Denkens und die Sache der Aufklärung. Es ist nicht hinwegzudenken aus der deutschen Philosophiegeschichte durch seine kritischen und grundlegenden Arbeiten zur Ästhetik und Psychologie. Er ist nicht hinwegzudenken aus der deutschen Literaturgeschichte durch die Anwendung seiner philosophischen Erkenntnisse auf die literarische Kritik. Eben auf jenes Thema konzentriert sich die vorliegende Arbeit. Sie entkräftet allein durch die Heranziehung der Tatsachen die in den zwölf Jahren befehlsgemäß verbreitete Rassenlüge von der „zersetzenden, rein intellektualistischen und rationalistischen" Struktur des jüdischen Denkens. Es stellt sich heraus, daß gerade Mendelssohn, in dem man geneigt ist einen reinen Aufklärungsdenker zu sehen, in der Harmonie und Reinheit seiner Persönlichkeit wie in der unbestechlichen Aufrichtigkeit und Echtheit seines Philosophierens selbst die Grenzen des bloßen Aufklärungsdenkens im Sinne einer „raison étroite" weit hinter sich läßt. Seine Feinfühligkeit, seine große Bescheidenheit und Ehrfurcht vor echter Schöpferleistung lassen ihn etwas ahnen vom Wesen des Genies, das sich niemals vollständig rational in Gesetzen und Regeln einfangen läßt. So wird er der erste ahnende Ankündiger der tiefgreifenden Wirkung Shakespeares im deutschen Geiste. Es, der Freund Lessings, ist und wirkt anregend und befruchtend gerade dadurch, daß in ihm die schöpferische Spannung zwischen Rationalität und Irrationalität lebt und lebendig erhalten wird. Nur vergröbernde Klassifikation einer oberflächlichen Betrachtungsweise kann ihn unter die reinen Rationalisten einreihen.
Inhaltsverzeichnis
Inhalt4
Vorwort6
Liselotte Richter: Jakob Böhme. Mystische Schau.10
MITTEN IM KRIEG AUF DER SUCHE NACH EINEM GEISTIGEN EUROPA. LISELOTTE RICHTER ÜBER JACOB BÖHME (MICHAEL WEICHENHAN)22
1. „Philosophus teutonicus“22
2. „Durchhalten dieser oft unerträglichen Spannung“32
3. Böhme gegen Descartes – oder: Brinckmann, Richter und das „geistige Europa“38
BEFREIUNG OHNE FREIHEIT – ODER: VON DER SCHWIERIGKEIT, IN DER DDR EIN PHILOSOPH ZU BLEIBEN (RICHARD SCHRÖDER)44
Liselotte Richter: Philosophie der Dichtkunst. Moses Mendelssohns Ästhetik zwischen Aufklärung und Sturm und Drang54
I. Zur Einführung: Unsere heutige Stellung zu Moses Mendelssohn54
IV. Schlußperspektive: Zur philosophiegeschichtlichen Bedeutung Mendelssohns56
JÜDISCHE GEISTESARBEIT. HINWEISE ZU LISELOTTE RICHTERS BEZIEHUNGEN ZUM JUDENTUM (MANFRED VOIGTS)60
1. Moses Mendelssohn60
2. Sören Kierkegaard64
3. Otto Spear67
Liselotte Richter: Immanenz und Transzendenz im reformatorischen Gottesbild.72
Schlußthesen (S. 114–117)72
DAS EINE VON GOTT UND WELT. PHILOSOPHIEREN IM GETEILTEN LAND (CATHERINA WENZEL)78
Einleitung – oder: Wenn das Ei zu hart gekocht ist78
1. Kierkegaard, Luther und Vom Maßgebenden der Religion79
2. Reformatorische Motive. Eine Hegelsche Reminiszenz82
3. Über Goethe zur Natur oder Im fremden Körper89
4. Geheimnis und Untergang? Ein Fazit ...94
Liselotte Richter: Schöpferischer Glaube im Zeitalter der Angst.102
Schlußperspektive: Unvergängliche Aufgabe: R. M. Rilkes Gottesbild102
Destruktion und Abschied106
Erfüllung und Verheißung111
GOTT IST NUR, INDEM ER WIRD. RAINER MARIA RILKES GOTTESBILD BEI LISELOTTE RICHTER KARL-WOLFGANG TRÖGER118
1. „Ich bin meine Zeit“ (Rudolf Hermann)118
2. „Zwischen Nichts und Ewigkeit“ (Hans Jonas)121
3. „Denn Bleiben ist nirgends “ (Rilke)125
Liselotte Richter: Camus und die Philosophen in ihrer Aussage über das Absurde.130
Phänomenologie des Absurden130
Camus und der Existentialismus133
Kierkegaard und das Absurde133
Der fragwürdige Sprung (Kierkegaard und Schestow)136
Jean-Paul Sartre137
Ambivalenz des Absurden141
Das Absurde als Nullpunkt142
ALBERT CAMUS: WIRKLICHKEIT UND MYTHOS DES ABSURDEN (HEINRICH BALZ)146
1. Zur Einführung: Richter, Sartre und Camus146
2. Sisyphos und die Widersprüche des Absurden. „Der Fremde“ als Bringer der absurden Wahrheit6149
Sisyphos: Das Absurde als Begriff und als Mythos151
Liselotte Richter: Die Ausnahmestellung des Religiösen.168
Warum „dialektische Lyrik“?170
Abrahams Glaube171
DIE BINDUNG ISAAKS. RICHTERS BINDUNG AN KIERKEGAARD (GESINE PALMER)174
Wenn er Hebräisch gekonnt hätte...174
1. Pachad Yitzchaq175
2. Die Geschichte176
3. Versuchung vor und nach der Aufklärung179
4. Der Ritter des Glaubens und das Davonfliegen der Idole182
Liselotte Richter: Studienbücher zur Religionswissenschaft190
ZUM VERHÄLTNIS VON THEOLOGIE UND RELIGIONSWISSENSCHAFT (ANDREAS FELDTKELLER)198
Über die Autoren212

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