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E-Book

Demenzkranke Menschen pflegen

AutorSven Lind
VerlagHogrefe AG
Erscheinungsjahr2007
Seitenanzahl238 Seiten
ISBN9783456944579
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis26,99 EUR

Ein neuer, praxisnaher Weg, Menschen mit der Krankheit Demenz zu begegnen. «Mitmachen» und «Mitgehen» - Ein Plädoyer, sich in das Erleben demenzkranker Menschen einzufühlen und ihr Handeln besser zu verstehen. Zahlreiche Beispiele zeigen, wie dieser neuropsychologische Ansatz von Pflegenden praktisch in der Alten- und Langzeitpflege eingesetzt wird.

Sie ermutigen und bestärken Pflegende, eigene positive Erfahrungen zu reflektieren, zu verstehen und den Umgang mit Verwirrten zu verändern. Die zweite Auflage wurde um einen Exkurs über den Stellenwert der Neurowissenschaften für die Demenzpflege und das Modell der kompensatorischen Interaktion ergänzt. Der Autor zieht verhaltens- und neurophysiologische Parallelen zwischen Demenzkranken und Neugeborenen und beschreibt die Parallelität der Reaktionsweisen von Pflegenden und Müttern.

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Kapitelübersicht
  1. Inhaltsverzeichnis und Vorwort
  2. 1. Einleitung
  3. 2. Verstehen
  4. 3. Wahrnehmen
  5. 4. Selbstwahrnehmung
  6. 5. Agieren
  7. 6. Reagieren
  8. 7. Pflegekonzept und Leitbild «Demenzspezifische Normalität»
  9. Literaturverzeichnis
  10. Adressenverzeichnis
  11. Sachwortverzeichnis
Leseprobe

4. Selbstwahrnehmung (S. 105-106)

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass Demenzkranke noch über die Fähigkeit zur Wahrnehmung der Pflegenden in ihrer jeweiligen Befindlichkeit verfügen (siehe Abschnitt 3.4). Sie spüren den Stress und die Hektik bei ihren Interaktionspartnern und reagieren entsprechend mit Abwehr, Flucht oder Pflegeverweigerung. Sie spüren andererseits auch genau die Wärme, Freundlichkeit und das Einfühlungsvermögen der sie pflegenden Mitarbeiter.

Für Pflegende und andere Betreuungspersonen stellt sich in diesem Kontext somit eine neue Aufgabe. Es gilt nicht nur die Bewohner, sondern nun auch sich selbst zu beobachten und auf die Wirkung der eigenen Person auf die Demenzkranken genau zu achten.

Im folgenden Kapitel geht es vorrangig um die Aspekte, die die Kommunikation mit den Demenzkranken beeinträchtigen bzw. erschweren. Diese Faktoren sind den Betroffenen oft gar nicht im Alltag des Pflegens und Betreuens bewusst, sie besitzen jedoch einen großen Einfluss auf die Betroffenen und bedürfen daher der eingehenden Darstellung und Erläuterung.

Für Pflegende ist es von großer Bedeutung, sich zu vergewissern, dass der Wohnbereich für sie Arbeitsplatz und berufliches Tätigkeitsfeld, jedoch nur einen Teilbereich ihres Lebens darstellt.

Für Demenzkranke hingegen ist der Wohnbereich die eigene Lebenswelt, der Raum für alle ihre Lebensäußerungen, Lebensmittelpunkt und Heimat in einem. Diese Feststellung mag banal und trivial sein, sie deutet jedoch auch auf einige wesentliche Strukturelemente hin:

• Zwei Sinnzusammenhänge: Pflegende arbeiten und Demenzkranke leben auf Station, wobei die Arbeit der Pflegenden erst das Leben und die Lebensqualität der Bewohner ermöglicht.

• Zwei Geschwindigkeiten: «Zeitkorridore» und der damit verbundene Arbeitsdruck laufen mit der eigenweltlichen Lebensgestaltung der Bewohner parallel.

• Zwei Gestaltungsweisen: Pflegende strukturieren, organisieren und gestalten die Lebenswelt, während die Bewohner die Empfänger dieser Leistungen sind.

• Zwei Perspektiven: Arbeitsplatz, vielleicht nur begrenzt und mittelfristig für die einen und letzte Lebenswelt und Heimat für die anderen.

Die Vergegenwärtigung, dass sich im Heim Arbeitswelt und Lebenswelt überschneiden, kann wiederum der erste Schritt für ein bewusstes Einfühlen in die Lebenssituation des Bewohners bedeuten.

Im Folgenden werden einzelne Faktoren der Selbstwahrnehmung und Regulationsmechanismen in den Heimen dargestellt.

4.1 Das eigene Stressniveau

Die Pflege in den stationären Einrichtungen ist in manchen Situationen wie bei unterdurchschnittlicher Personalbesetzung (aufgrund von Krankmeldungen etc.) oder unvorhergesehenen Mehrarbeiten (z. B. von Akuterkrankungen mehrerer Bewohner) von Hektik und Überstress geprägt. Pflegende spüren diese Überforderungssymptome sowohl physiologisch als auch psychisch. Sie spüren auch, dass sie in diesen Situationen zu ruhigen und gelassenen Interaktionen mit Bewohnern nicht mehr in der Lage sind. Denn aufgrund ihrer Anspannung und Hektik ist ihr Wahrnehmungsund Reaktionsvermögen bezogen auf die zwischenmenschliche Sensibilität stark beeinträchtigt.

Im übertragenen Sinne hat man in diesem Zustand das Empfinden, im 5. Gang auf der Überholspur zu rasen.

In diesem Zustand sind Pflegende in der Regel für Demenzkranke nicht mehr kommunikationsfähig. Denn Hektik und Stress werden von den Bewohnern aufgrund der noch gut erhaltenen psychosozialen Sensibilität sofort wahrgenommen und als Bedrohung und Belastung empfunden. Sie reagieren darauf mit Abwehrverhalten, Flucht und Aggressivität. Dass Hektik und Stress zum Alltag der Pflegenden in den Heimen gehört, haben eine Reihe von Untersuchungen und Erhebungen in den letzten Jahren ergeben (Zimber et al., 1999).

Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis und Vorwort6
1. Einleitung18
1.1 Das Problem18
1.1.1 Unterschiedliche Erkenntniswelten18
1.1.2 Gefahren20
1.1.3 Das pflegerische Vakuum20
1.2 Anspruch dieses Buches21
1.2.1 Verhaltenssicherheit stärken21
1.2.2 Diskurs über Demenzpflege22
1.3 Das Konzept22
1.3.1 Der Stellenwert der Hirnpathologie22
1.3.2 Die Bedeutung von Erfahrungen und Veranlagungen23
1.3.3 Abgrenzungen24
1.3.4 Exkurs: Neurowissenschaftliche Erkenntnisse – Erste Überlegungen und Ansätze24
1.4 Die Vorgeschichte28
1.4.1 Praxisbezug28
1.4.2 Theoretische Zugänge29
1.4.3 Erfahrungen aus der Pflege29
1.5 Überblick über den Buchinhalt29
2. Verstehen36
2.1 Die Krankheit36
2.1.1 Definition der Demenz36
2.1.2 Demenztypen38
2.1.3 Primäre Demenzen39
2.1.4 Krankheitsursachen40
2.1.5 Verlauf41
2.1.6 Häufigkeit42
2.2 Das Verhalten45
2.2.1 Die Überforderung45
2.2.2 Die eingeschränkte Umweltkompetenz46
2.3 Das Individuum75
2.3.1 Persönlichkeit75
2.3.2 Biographie als Zugang zum Demenzkranken76
2.3.3 Biographisch bedingte Verhaltensweisen77
2.3.4 Biographie als Schlüssel für die Pflege79
2.4 Zusammenfassung81
3. Wahrnehmen88
3.1 Körperlicher und geistiger Abbau89
3.1.1 Der Abbauprozess90
3.1.2 Die Veränderungen91
3.1.3 Die Konsequenzen für die Pflege92
3.2 Tagesform bzw. Tagesschwankungen93
3.3 Abweichungen vom Normalverhalten95
3.4 Veränderungen der Pflegenden97
3.5 Demenzkranke und ihre Mitbewohner99
3.6 Zusammenfassung und Empfehlungen101
4. Selbstwahrnehmung106
4.1 Das eigene Stressniveau107
4.2 Regulieren des Stressniveaus109
4.2.1 Aus dem Pflegekontext heraustreten109
4.2.2 Selbstregulation110
4.2.3 Beruhigung durch Essen und Rauchen110
4.2.4 Tätigkeitswechsel110
4.2.5 Gespräche mit den Kollegen111
4.3 Rahmenbedingungen111
4.3.1 Kollektivierung: Billigung durch Kollegen111
4.3.2 Akzeptanz: formale Anerkennung112
4.3.3 Rückkoppelung: gegenseitige Unterstützung112
4.3.4 Gruppenempfinden: Angleichung und Gemeinsamkeiten112
4.4 Eigene Belastungen und Schwierigkeiten113
4.5 Einstellung zum Bewohner113
4.6 Zusammenfassung und Empfehlungen114
5. Agieren118
5.1 Pflege und Kommunikation119
5.2 Kommunikationsstörungen120
5.3 Problembereiche121
5.3.1 Fehlende Krankheitseinsicht121
5.3.2 Scham122
5.3.3 Furcht und Unsicherheit123
5.3.4 Frustration und Verzweifelung123
5.3.5 Überforderung124
5.3.6 Persönlichkeit124
5.3.7 Lebensgeschichtlich bedingte Verhaltensweisen124
5.3.8 Milieubezogene Faktoren125
5.4 Kommunikations- und Interaktionsformen126
5.4.1 Charakteristika der Umgangsformen126
5.4.2 Wesensmerkmale der Umgangsformen128
5.5 Beispiele aus der Praxis132
5.5.1 Stress abbauen132
5.5.2 Gespräche führen138
5.5.3 Komplimente machen139
5.5.4 Perspektiven geben141
5.5.5 Entscheidungsfreiheit einräumen143
5.5.6 Nachahmung anregen144
5.5.7 Stetigkeit und Ritualisierung145
5.5.8 Ablenken durch Aktualisieren147
5.6 Demenzspezifische Pflegeaspekte150
5.6.1 Mehrdimensionale Vorgehensweisen150
5.6.2 Vorbereitung, Anpassung und Bestärkung153
5.6.3 Gefahren tätlicher Aggressionen156
5.7 Zusammenfassung160
6. Reagieren166
6.1 Kritik an gängigen Konzepten167
6.1.1 Fehlender Nachweis der Wirksamkeit und Schadensfreiheit167
6.1.2 Mangelnde Allgemeingültigkeit und Kompatibilität168
6.2 Das Modell der abgestuften Bedrohungsintensität169
6.3 Das Modell der abgestuften Reaktionsformen171
6.3.1 Reaktionsformen auf wahnhafte Verkennungen171
6.3.2 Reaktionsformen auf Zeitverschränkungen172
6.3.3 Die Wirkung von «Demenzgesprächen»173
6.4 Das Modell «Umgang mit Realitätsverlusten»175
6.4.1 Geistige Entkernung der Lebenswelt175
6.4.2 Emotionalisieren der Kontakte175
6.4.3 Lenken und Führen176
6.4.4 Gestalten von Eigenweltlichkeit176
6.4.5 Scheinwelten und das Akzeptanz-Prinzip177
6.5 Das Zwei-Welten-Konzept177
6.5.1 Das labile Gleichgewicht Demenzkranker178
6.5.2 Das relativ stabile Gleichgewicht Nicht-Demenzkranker180
6.6 Handlungsweisen: Reagieren181
6.6.1 Ablenken bei Fehlwahrnehmung, Halluzination und Wahn181
6.6.2 Mitgehen und Beruhigen bei Zeitverschränkungen187
6.6.3 Beruhigen bei Ängsten189
6.6.4 Beruhigen durch Erinnern191
6.6.5 Argumentieren und Überzeugen192
6.6.6 Mitgehen bei plötzlichen Eingebungen193
6.7 Indirektes Reagieren195
6.7.1 In der Nähe sein196
6.7.2 Gruppenangebote196
6.7.3 Mittagsschlaf veranlassen197
6.7.4 Gegenstände anbieten197
6.7.5 Einsetzen von Haustieren199
6.7.6 Nutzung der Außenbereiche200
6.7.7 Beruhigungsmusik oder vertraute Musik spielen201
6.7.8 Kontakt zu Angehörigen herstellen202
6.8 Zusammenfassung und Empfehlungen202
7. Pflegekonzept und Leitbild «Demenzspezifische Normalität»208
7.1 Der Kompensationsansatz208
7.2 Die Konzeption «Demenzspezifische Normalität»209
7.3 Kernelemente210
7.3.1 Stetigkeit210
7.4 Flexibilität214
7.4.1 Anpassung an das krankheitsbedingte Belastungsniveau214
7.4.2 Anpassung an die augenblickliche Tagesform215
7.4.3 Orientierung an Zeiträumen und nicht an Zeitpunkten215
7.5 Tagesstrukturierung und Betreuungsangebote215
7.6 Biographische Orientierung218
7.7 Das räumliche Milieu219
7.7.1 Wohngruppen-Konzept219
7.7.2 Präsenzmilieu220
7.7.3 Wanderwege220
7.7.4 Bewohnerzimmer221
7.7.5 Geschützter Außenbereich221
7.7.6 Beschützende bzw. geschlossene Unterbringung222
7.7.7 Doppelmilieu für Demenzkranke222
7.8 Fazit und Ausblick222
Literaturverzeichnis224
Adressenverzeichnis232
Sachwortverzeichnis234
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