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E-Book

Der Welt nicht mehr verbunden

Die wahren Ursachen von Depressionen - und unerwartete Lösungen

AutorJohann Hari
VerlagHarperCollins
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl448 Seiten
ISBN9783959678230
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR

Das erste Rätsel, vor dem ich stand, war: Wie konnte es sein, dass ich immer noch depressiv war, obwohl ich Antidepressiva nahm? Ich machte alles richtig – und doch lief etwas falsch. Warum?
Das zweite Rätsel: Warum gibt es heute so viel mehr Menschen, die unter Depressionen und schweren Ängsten leiden? Was hat sich verändert?
Da ging mir auf, dass noch ein drittes Rätsel über allem schwebte. Konnte es sein, dass etwas anderes, und nicht die Chemie in meinem Hirn, Depressionen und Ängste bei mir und so vielen anderen Menschen auslöste? Und wenn ja: Was konnte es sein?
»Wenn Sie sich jemals niedergeschlagen oder verloren gefühlt haben, wird dieses Buch Ihr Leben ändern.« Elton John
»Eine wunderbare und bestechende Analyse.« Hillary Clinton
»Ein Buch, das viel über unsere innere Verzweiflung und unseren Lebenswandel verrät« Naomi Klein
»Ein brillanter, anregender und radikaler Ansatz zur psychischen Gesundheit« Matt Haig
»Mit seinem persönlichen Erfahrungsbericht und der gleichzeitigen Gesellschaftsanalyse trifft Johann Hari den Nerv unserer Zeit.« psychologie.neuropraxis



Johann Hari hat u.a. für die New York Times, Guardian und Le Monde geschrieben. Für seine journalistische Arbeit wurde er mit dem Martha Gellhorn Prize for Journalism ausgezeichnet und zweifach zum Journalisten des Jahres ernannt. Sein Enthüllungsbuch 'Drogen. Die Geschichte eines langen Krieges' wurde in elf Sprachen übersetzt und wird derzeit verfilmt. Sein vielbeachteter TED-Talk über die Funktionsweise und Lösung von Süchten hat bereits 20 Millionen Zuschauer erreicht.

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Leseprobe

Einführung
Ein Rätsel

Ich war achtzehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal Antidepressiva schluckte. Ich stand im matten englischen Sonnenlicht vor einer Apotheke in einem Londoner Einkaufszentrum. Die Tablette war klein und weiß, und als ich sie einnahm, fühlte es sich an wie ein chemischer Kuss.

Am Vormittag hatte ich meinen Arzt aufgesucht. Es falle mir schwer, erklärte ich ihm, mich an einen Tag zu erinnern, an dem ich nicht geheult hätte wie ein Schlosshund. Seit ich ein kleines Kind war – in der Schule, im Studium, zu Hause, bei Freunden –, musste ich mich oft zurückziehen, mich irgendwo einschließen und weinen. Das waren nicht nur ein paar Tränen. Es war ein regelrechtes Schluchzen. Und auch wenn die Tränen ausblieben, lief in meinen Gedanken ein unaufhörlicher angstvoller Monolog ab. Dann schalt ich mich selbst: Das ist alles nur in deinem Kopf. Reiß dich zusammen. Sei nicht so schwach.

Damals war es mir peinlich, es auszusprechen; heute ist es mir peinlich, es aufzuschreiben.

In jedem Buch über Depressionen oder schwere Ängste, verfasst von Betroffenen, gibt es einen ausführlichen Schmerzporno, in dem der Autor oder die Autorin eloquent die Abgründe der Verzweiflung schildern, in die sie gefallen sind. Das war nötig, als die anderen noch nicht wussten, wie man sich fühlt, wenn man unter Depressionen oder schweren Angstzuständen leidet. Dank der Menschen, die dieses Tabu seit Jahrzehnten brechen, muss ich meine Leidensgeschichte in diesem Buch nicht darstellen. Das ist hier nicht mein Thema. Aber glauben sie mir: Es tut weh.

Einen Monat bevor ich diese Arztpraxis betrat, lag ich in Barcelona am Strand und weinte, während mich die Wellen umspülten, als mir ganz plötzlich dämmerte, warum mir das passierte und wie ich da wieder herausfinden könnte. Damals, in jenem Sommer, bevor ich als erstes Mitglied meiner Familie das Studium an einer Spitzenuniversität aufnahm, reiste ich mit einer Freundin durch Europa. Wir hatten uns ein günstiges Interrail-Ticket gekauft, mit dem wir einen Monat lang jeden Zug in der EU kostenlos nutzen konnten, und übernachteten unterwegs in Jugendherbergen. Ich sah gelbe Sandstrände und Hochkultur vor mir – den Louvre, ein paar Joints, temperamentvolle italienische Jungs. Aber kurz bevor wir fuhren, hatte ich eine Abfuhr von dem ersten Menschen bekommen, in den ich richtig verliebt war. Und ich hatte das Gefühl, dass die Emotionen wie ein peinlicher Geruch aus mir herausströmten.

Die Reise lief nicht wie geplant. Auf einer Gondel in Venedig brach ich in Tränen aus. Ich heulte auf dem Matterhorn. In Kafkas Haus in Prag fing ich an zu schluchzen.

Für mich war das ungewöhnlich, aber so ungewöhnlich auch wieder nicht. Ich hatte schon solche Phasen erlebt, in denen der Schmerz nicht mehr zu ertragen war und ich mich von der Welt verabschieden wollte. Aber damals in Barcelona, als ich nicht aufhören konnte zu weinen, sagte meine Freundin zu mir: »Dir ist schon klar, dass die meisten Menschen das nicht machen, oder?«

Und dann hatte ich eine der wenigen Erleuchtungen in meinem Leben. Ich schaute sie an und sagte: »Ich bin depressiv! Es ist nicht nur in meinem Kopf! Ich bin nicht unglücklich, ich bin nicht schwach – ich bin depressiv!«

Es mag merkwürdig klingen, aber was ich in diesem Augenblick erlebte, war ein unverhoffter Glücksfall – als würde man plötzlich in der Sofaritze ein dickes Geldbündel finden. Es gibt einen Begriff für dieses Gefühl! Es ist eine Krankheit, so wie Diabetes oder Reizdarm! Natürlich hörte ich seit Jahren die Botschaft, die in unserem Kulturkreis immer wieder auftauchte, aber jetzt fiel endlich der Groschen bei mir: Die meinten mich! Und es gibt, ging mir in dem Moment plötzlich auf, ein Mittel gegen Depression: Antidepressiva. Die brauche ich! Sobald ich heimkomme, probiere ich diese Tabletten aus, und dann werde ich normal, und alle Teile von mir, die nicht deprimiert sind, werden befreit. Schon immer hatten mich Dinge gereizt, die nichts mit Depressionen zu tun hatten – Menschen treffen, lernen, die Welt verstehen. All das werde ich machen können, sagte ich mir, und zwar bald.

Am nächsten Tag besuchten wir den Park Güell im Zentrum von Barcelona. Dieser merkwürdige Park wurde von dem Architekten Antoni Gaudí entworfen – alles ist dort unsymmetrisch, als würde man in einen Zerrspiegel blicken. Man geht durch einen Tunnel, der ganz und gar schief ist und in dem die Wände sich zu kräuseln scheinen, als würde er von einer Welle erfasst. An einer anderen Stelle erheben sich Drachen, die den Eindruck machen, als würden sie sich bewegen. Nichts sieht so aus, wie die Welt aussehen sollte. Als ich durch den Park stolperte, dachte ich mir: So sieht es in meinem Kopf aus – alles ist unförmig, falsch. Und bald wird es in Ordnung gebracht.

Wie alle Erleuchtungen schien sie jäh auf, aber in Wirklichkeit hatte sie sich schon lange angebahnt. Ich wusste, was Depressionen sind. Sie kamen in Fernsehserien vor, und ich hatte Bücher darüber gelesen. Meine eigene Mutter hatte ich von Depressionen und Ängsten reden hören und beobachtet, wie sie Pillen dagegen schluckte. Auch über die Heilverfahren wusste ich Bescheid, weil sie vor wenigen Jahren weltweit durch die Medien gegangen waren. Meine Teenagerzeit fiel in die Prozac-Ära (in Deutschland unter dem Namen Fluoxetin beziehungsweise Fluctin vermarktet) – es war das Zeitalter der neuen Medikamente angebrochen, die erstmals Heilung von Depressionen ohne lähmende Nebenwirkungen versprachen. Ein damals erschienener Bestseller erklärte, dank dieser Medikamente gehe es einem »besser als gut«2 – sie machten einen stärker und gesünder als normale Menschen.

All das nahm ich auf, ohne mir wirklich Gedanken darüber zu machen. Ende der Neunzigerjahre wurde viel über das Thema geredet, es war allgegenwärtig. Und jetzt sah ich – endlich –, dass es mich selbst betraf.

Als ich an jenem Vormittag meinen Arzt aufsuchte, wurde mir rasch klar, dass er mit alldem ebenfalls vertraut war. In seinem kleinen Sprechzimmer erklärte er mir geduldig, warum ich mich so fühlte. Es gebe Menschen, in deren Gehirn von Natur aus ein Mangel an einer Chemikalie namens Serotonin herrsche, sagte er, und dadurch würden Depressionen verursacht – diese seltsame, hartnäckige Fehlzündung, die man Unglück nennt und die nicht weichen will. Glücklicherweise gab es, gerade rechtzeitig für meinen Start ins Erwachsenenleben, eine neue Generation von Medikamenten – Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs, selective Serotonin Reuptake Inhibitors) –, die den Serotoninspiegel auf das Niveau eines normalen Menschen heben. Eine Depression ist eine Krankheit des Gehirns, sagte er, und das ist die Kur. Er holte die Abbildung eines Gehirns hervor und sprach mit mir darüber.

Er führte aus, dass die Depression tatsächlich nur in meinem Kopf angesiedelt sei – aber anders, als man sich das vorstellt. Sie ist nicht eingebildet. Sie ist durchaus real, und sie ist eine Fehlfunktion des Gehirns.

Groß drängen musste er mich nicht. Ich war sofort begeistert.3 Zehn Minuten später verließ ich die Praxis mit meinem Rezept für Paroxetin, das auch unter den Bezeichnungen Paxil, Seroxat und etlichen anderen verkauft wird.

Erst Jahre später – als ich bereits an diesem Buch schrieb – hat mich jemand auf all die Fragen aufmerksam gemacht, die mein Arzt an jenem Tag nicht gestellt hatte. Zum Beispiel: Gibt es einen Grund, warum Sie so verzweifelt sind? Was geht in Ihrem Leben vor sich? Gibt es etwas, das Ihnen wehtut und das wir ändern könnten? Auch wenn er sie gestellt hätte, ich hätte ihm wahrscheinlich keine Antwort darauf geben können. Vermutlich hätte ich ihn verdutzt angeschaut. Mein Leben, hätte ich gesagt, verlaufe gut. Sicher, Probleme gebe es schon, aber ich hätte keinen Grund, unglücklich zu sein – jedenfalls nicht so unglücklich.

Ohnehin fragte er nicht, und mich wunderte das auch nicht. In den nächsten dreizehn Jahren stellten mir Ärzte immer wieder Rezepte für dieses Medikament aus, und auch sie fragten nicht. Wenn sie es getan hätten, wäre ich wohl empört gewesen und hätte entgegnet: Wenn man ein kaputtes Hirn hat, das nicht die richtigen Glück produzierenden Chemikalien erzeugen kann, welchen Sinn haben dann solche Fragen? Ist das nicht grausam? Sie fragen Demenzpatienten ja auch nicht, warum sie nicht mehr wissen, wo sie ihre Schlüssel gelassen haben. Wie können Sie mir so dumme Fragen stellen? Haben Sie nicht Medizin studiert?

Der Arzt hatte mir erklärt, es würde zwei Wochen dauern, bis sich die Wirkung des Medikaments einstellte, aber am Abend des Tages, an dem ich das Rezept eingelöst hatte, spürte ich, wie mich Wärme durchflutete – es war wie ein leichtes Beben, das bestimmt daher rührte, dass die Synapsen in meinem Gehirn stöhnend und ächzend in die richtige Konstellation fanden. Ich lag auf meinem Bett, hörte ein ausgeleiertes Mixtape und war mir sicher, dass ich lange Zeit nicht mehr weinen würde.

Ein paar Wochen später ging ich an die Uni. Mit meiner neuen chemischen Rüstung hatte ich keine Angst. Dort wurde ich zum Wanderprediger für Antidepressiva. Wenn Freunde traurig waren, bot ich ihnen an, eine meiner Pillen auszuprobieren, und riet ihnen, sich beim Arzt welche zu besorgen. Ich gelangte zu der Überzeugung, dass ich nicht nur meine Depression abgelegt, sondern in einen noch besseren Zustand aufgestiegen war – ich nannte das »Antidepression«. Ich war, so sagte ich mir,...

Blick ins Buch

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