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E-Book

Die Produktion des Geldes

Ein Plädoyer wider die Macht der Banken

AutorAnn Pettifor
VerlagHamburger Edition HIS
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl230 Seiten
ISBN9783868549324
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis21,99 EUR
Die Macht über die Produktion des Geldes liegt in der Hand von Geschäfts- oder Privatbanken. Ann Pettifor, eine der führenden Ökonom_innen, erklärt, wie Geld und Kredit in modernen Gesellschaften geschaffen werden und welche politischen und sozialen Konsequenzen der Finanzmarkt-Kapitalismus für Mensch und Ökosystem hat. Der Finanzsektor verzerrt und dominiert die Realwirtschaft. Bezahlbare Finanzierungen werden vorenthalten, das Geld stattdessen für Spekulationen und Risikogeschäfte verwendet. Investitionen, die nachhaltig Arbeitsplätze, Löhne und Gewinne schaffen, werden nur noch marginal getätigt, denn: Geld wird mit Geld verdient. Der Finanzsektor ist außer Kontrolle, es ist dringend geboten, dass Demokratien die Kontrolle über die Geldproduktion zurückgewinnen und den Finanzsektor einhegen. Nur dann wird die Finanzbranche wieder im Sinne der Gesellschaft und des Ökosystems agieren.

Ann Pettifor ist Ökonomin und Direktorin von Policy Research in Macroeconomics (PRIME) sowie Mitglied der Organisation New Economics Foundation in London. Sie lehrt am Political Economy Research Centre der City University, London, und ist geschäftsführende Direktorin von Advocacy International.

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Leseprobe

1Die Macht des Kredits


Das moderne Finanzwesen ist für durchschnittliche Männer und Frauen im Allgemeinen unverständlich […]. Das Niveau des Verständnisses vieler Banker_innen und Regulator_innen ist nicht wesentlich höher. Wahrscheinlich ist das Absicht. Wie der Wolf im Märchen sagt: »Damit ich dich besser schröpfen kann.«

Satyajit Das, Traders, Guns and Money (2010)

Das Finanzwesen muss der Diener sein, und zwar ein intelligenter Diener, für die Gemeinschaft und die produktive Industrie; es darf nicht ihr dummer Herr und Meister sein.

Nationales Exekutivkomitee der britischen Labour Party

(Juni 1944) über Vollbeschäftigung und Finanzpolitik

Der globale Finanzsektor hat heute außerordentliche Macht über die Gesellschaft und insbesondere über Regierungen, die Industrie und den Arbeitsmarkt. Finanzmarktakteur_innen bestimmen die Wirtschaftspolitik, unterhöhlen demokratische Entscheidungsprozesse und tragen dazu bei, nahezu alle Bereiche der Wirtschaft (vielleicht ausgenommen Glaubensorganisationen) den Gesetzen des Finanzkapitalismus zu unterwerfen. Investor_innen haben riesige Gewinne gemacht, indem sie Renten (Zinsen) aus Schulden einstrichen, haben aber auch mühelos Renten aus vorhandenen Vermögenswerten, wie Land, Immobilien, Monopole auf natürliche Ressourcen (Wasser, Elektrizität), Wälder, Kunstwerke, Rennpferde, Marken und Unternehmen, bezogen. Wie Michael Hudson schreibt: »Ziel des Finanzsektors ist es nicht, die Kosten von Straßen, Elektrizität, Verkehr, Wasser und Bildung zu minimieren, sondern die Beträge zu maximieren, die als Monopolrente veranschlagt werden können.«1

Banker_innen und Hedgefonds-Manager_innen an der Wall Street und in anderen Finanzzentren haben sich sehr bemüht, die demokratischen Institutionen zu schwächen. Sie haben sich für die Aufweichung von Regulierungsvorschriften, für Steuersenkungen auf Kapitalerträge und für die Rücknahme fortschrittlicher Besteuerungsregeln eingesetzt. Und der Sektor hat die Mobilität des Kapitals ausgenutzt, um es außerhalb der nationalen Grenzen zu verschieben, in Steuerparadiese wie Panama, London, Delaware in den Vereinigten Staaten, Luxemburg, die Schweiz und britische Überseegebiete. Der globale Finanzsektor hat allen Grund zu triumphieren. Es ist ihm gelungen, Staaten und ihre Steuerzahler_innen zu kapern, auszuplündern und den Interessen ungebundener und nicht rechenschaftspflichtiger Investor_innen und der Finanzmärkte zu unterwerfen.

Geoffrey Ingham, Soziologe in Cambridge, hat die heutige Macht des Finanzsektors als »despotisch«2 bezeichnet.

Weil der Finanzsektor so undurchsichtig ist und weil es gezielte Bemühungen gibt, seine Aktivitäten zu verschleiern, herrscht leider verbreitet Unwissen darüber, wie Geld geschaffen wird, welche Rolle Kredit und Schulden in einer Volkswirtschaft spielen, welche Aufgabe Banken haben und wie das Finanz- und Geldsystem funktioniert. Schuld daran tragen die meisten orthodoxen Ökonom_innen, denn in ihren universitären Lehrveranstaltungen und in ihren Analysen wirtschaftlicher Aktivitäten gehen sie auf Geld, Schulden und das Bankensystem nicht ein. Ein einflussreicher internationaler Ökonom, der nicht genannt werden will, hat es so ausgedrückt: Geld und Kredit seien »von drittrangiger Bedeutung«. Die meisten Ökonom_innen (sowohl die »klassischen« wie die »neoklassischen« und viele vermeintliche »Keynesianer_innen«) behandeln das Geld als »neutral« oder einfach als »Schleier«, der wirtschaftliche Transaktionen umgibt. Banken sind in ihren Augen lediglich Vermittlungsinstanzen zwischen Sparer_innen und Kreditnehmer_innen, und der Zinssatz ergibt sich »natürlich« aus der Nachfrage nach dem Geld und dem Angebot an Geld. Angesichts dieser Ignoranz gegenüber Geld und Bankwesen darf es nicht überraschen, dass die meisten Mainstream-Ökonom_innen die große Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009 weder vorausgesehen noch korrekt analysiert haben. Besorgniserregend ist diese Missachtung grundlegender Tatsachen im Zusammenhang mit der Finanzierung der Volkswirtschaft auch deshalb, weil dadurch Debatten über die »despotische Macht« des Finanzwesens und die Frage, in wessen Interesse das Geldsystem gesteuert wird, lange ausgeblendet wurden. Manche halten das nicht für einen Zufall. Schließlich konnte das globale Finanzkapital dank dieser Ignoranz florieren, ohne kritischen Blicken der Wissenschaft oder der Öffentlichkeit ausgesetzt zu sein.

Aber das hat auch zu gravierenden Missverständnissen geführt. Ein sehr schwerwiegendes ist der häufig wiederholte Vorwurf, Zentralbanken würden »Geld drucken« und dadurch Inflation verursachen. Es stimmt zwar, dass die Zentralbanken für die Ausgabe des Geldes und die Erhaltung der Geldwertstabilität verantwortlich sind, aber sie lassen nicht das Geld »drucken«, das ein Land braucht. Wie der damalige Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, 2013 gesagt hat, »drucken« die privaten Geschäftsbanken 95 Prozent der Geldmenge (Geld in jeder Form einschließlich Bank- und anderer Guthaben sowie Geldscheine und Münzen), während die Zentralbank höchstens 5 Prozent ausgibt.3 In einem wenig regulierten System liegt die Macht, die wirtschaftlichen Akteur_innen mit Geld zu versorgen oder ihnen Geld vorzuenthalten, bei den privaten Geschäftsbanken.4 Doch neoliberale Ökonom_innen ignorieren das »Drucken« von privatem Geld weitgehend und nehmen stattdessen die Regierungen und staatlich ernannten Zentralbanker_innen ins Visier und werfen ihnen regelmäßig vor, sie würden die Inflation schüren. Der blinde Fleck der Monetarist_innen für den Zusammenhang zwischen der Geldschöpfung durch private Banken und Inflation erklärt zum Teil, warum Margaret Thatchers Wirtschaftsberater_innen meinten, sie könnten die Inflation nicht eindämmen.5 Sie zielten nur auf die staatliche Geldversorgung – Ausgaben und Kreditaufnahme des Staates. Monetarist_innen wiesen der Deregulierung der Kreditvergabestandards bei der Kreditschöpfung durch private Geschäftsbanken den Weg. Dank dieser Deregulierung konnten die Banken in einen Kreditvergaberausch verfallen, der die Inflation befeuerte. Deshalb hatte es Margaret Thatcher im ersten Jahr ihrer Regierungszeit mit einer Inflationsrate von 21,9 Prozent zu tun. Erst im vierten Regierungsjahr lag die Inflationsrate niedriger als bei ihrem Amtsantritt, und das nur infolge strikter »Austerität«. Wie William Keegan erklärt, führte die »überholte (monetaristische) Lehre nicht nur zu einem Anstieg der Inflation, sondern auch zu einem starken Einbruch der britischen Wirtschaft und steigender Arbeitslosigkeit«.6

Der blinde Fleck gegenüber privater Kreditschöpfung ist Teil einer Ideologie, die behauptet, der private Sektor sei gut und der staatliche sei schlecht. Man könne sich darauf verlassen, so heißt es, dass »freie, kompetitive Märkte«, die unsichtbar und nicht verantwortlich sind, den weltweiten Finanzsektor und die Weltwirtschaft richtig steuerten. Diese Denkweise rührt nicht nur von einem geradezu religiösen Glauben an »freie« Märkte her, sondern auch von Verachtung gegenüber dem demokratischen, regulierenden Staat – die Anhänger_innen von Thatcher und Reagan drückten diese Verachtung in den 1980er Jahren ganz offen aus, ebenso wie gewählte Politiker_innen seither.

Das Management des Geldsystems


Es ist eine faszinierende und für viele neue Entdeckung, dass Geld »aus dem Nichts« geschaffen wird. Ich werde argumentieren, dass es nicht auf das Geld per se ankommt, sondern vielmehr auf das Management oder die Kontrolle über die, wie Keynes sagte, »elastische Produktion von Geld«. Es sollte keinen Widerstand gegen ein Währungssystem geben, in dem Geschäftsbanken das für produktive Aktivitäten in der Realwirtschaft erforderliche Geld schaffen, Aktivitäten, die Menschen in Lohn und Brot bringen. Tatsächlich spielen Geschäftsbanken eine entscheidend wichtige Rolle bei der Bewertung von Risiken, sie sorgen für den Geldfluss innerhalb der Volkswirtschaft und für seinen reibungslosen Verlauf. Bankangestellte sind wichtig in den zahllosen sozialen Beziehungen zwischen Schuldner_innen und der Bank, sie schätzen die Risiken ein, die potenzielle Kreditnehmer_innen für die Bank darstellen. Ich lehne zwar die Verstaatlichung von Banken nicht ab, aber Beamte in großen bürokratischen Apparaten sind nicht am besten dafür geeignet, die Risikobewertungen bei den vielen Kreditanträgen vorzunehmen, die an jedem Arbeitstag bei Banken eingereicht werden. Ich kann mir bessere Aufgaben für unsere Staatsdiener_innen vorstellen, als dass sie Ms Jones’ Antrag auf ein Hypothekendarlehen, Mr Smiths Antrag auf einen Autokredit und den Antrag des Ladenbesitzers um die Ecke auf einen Überziehungskredit...

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