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E-Book

Die Stasi lebt

Berichte aus einem unterwanderten Land

AutorJürgen Schreiber
VerlagVerlagsgruppe Droemer Knaur
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl223 Seiten
ISBN9783426559123
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Vom langen Schatten der Stasi Perfide Aktionen, Spionage und flächendeckende Überwachung waren das Geschäft der DDR-Staatssicherheit. Die Täter von einst leben noch immer unter uns und schmähen öffentlich und unbehelligt ihre Opfer. In selbstgerechter Entrüstung wollen sie sich »ihre« DDR nicht nehmen lassen: Die Stasi lebt. Jürgen Schreibers Reportagen verweben die erschreckenden Details zu spektakulären Enthüllungen über die Machenschaften von Mielkes Schattenarmee. Die Stasi lebt von Jürgen Schreiber: als eBook erhältlich!

Jürgen Schreiber ist einer der besten investigativen Journalisten Deutschlands, der für 'Frankfurter Rundschau', 'Geo', 'Zeit', 'SZ-Magazin' und 'Tagesspiegel' schrieb und schreibt und bereits zweimal mit dem Wächter-Preis der deutschen Presse ausgezeichnet wurde. 1991 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis.2005 veröffentlichte er das vielgerühmte Buch 'Ein Maler aus Deutschland' über Gerhard Richter.

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Leseprobe

Es lebe die Völkerfreundschaft!


Die Geschichte des DDR-Ozeanriesen

Sie schwimmt und schwimmt und schwimmt. Vor fast fünfzig Jahren wurde sie auf den Namen Stockholm getauft, heute heißt sie Italia Prima. Und zwischendurch, als Völkerfreundschaft, war sie der ganze Stolz der DDR. Geschichten aus dem Logbuch eines Ozeanriesen, der einmal ein Politikum war.

Das Wohnzimmer von Kapitän Gerd Peters sieht aus, wie Landratten sich ein Kapitänswohnzimmer vorstellen: Umgeben von gemalten und gebastelten Dampfern, sitzt der 62-Jährige im Ohrensessel. Mit Blick auf schöne Windjammer in der Buddel stopft er sich die Pfeife.

Fehlt nur die Uniform, die dem früheren Chef des DDR-Flaggschiffs Völkerfreundschaft auf den Leib geschnitten war. Ein blauer Zweireiher mit vier goldenen, den Rang bezeichnenden Ärmeltressen, diverse Orden vor der Brust: zweifacher »Aktivist« der sozialistischen Arbeit, Hochseeleistungsabzeichen mit dem Bild des segelnden Ministerpräsidenten Pieck. Auf einem Foto trägt Peters die Dienstmütze schräg und keck, die Hände liegen pastoral übereinander.

Bis die DDR unterging, zählte der Rostocker zu den blendenden Erscheinungen des Landes. Titel: »A 6, Kapitän in der Großen Fahrt«, Spitzengehalt 1700 Mark. Durch Funk und Fernsehen bekannt, Mitwirkender bei zweihundert einschlägigen Sendungen. Keiner kannte die volkseigene Flotte besser als der gelernte Stahlschiffbauer, nach der Fahrenszeit bis 1989 Pressesprecher des »Kombinates Seeverkehr und Hafenwirtschaft, Deutfracht/Seereederei Rostock« mit 171 Kähnen. Nicht einer dieser Pötte, ob sie Karl Marx oder Fliegerkosmonaut Sigmund Jähn hießen, kam der 160 Meter langen Völkerfreundschaft gleich. Ein Ozeanriese, die Inkarnation von Fortschritt und Abenteuer mit dem gewissen Tick ins Phantastische. Peters liebte diesen weißen Riesen, stampfte mit Dienstgeschwindigkeit 18 Knoten um den Erdball: »Der Höhepunkt meiner Laufbahn.« Der Prestigejob beförderte die Karriere, mochte es Kollegen auch »vor dem Musikdampfer« und der erhöhten Verantwortung grausen, Peters: »Mit der Porzellanfuhre durfte ja nichts passieren.«

Der vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, FDGB, 1960 für 16,2 Millionen Mark gekaufte Gigant schipperte, ideologisch schwer beladen, über die Meere. Rein technisch ein 12442-Bruttoregistertonner, mit achtzylindrigen Dieselmotoren und unheimlicher Vergangenheit. 1948 in Göteborg auf den Namen Stockholm getauft, kollidierte er in der Nebelnacht vom 25. Juli 1956 vor New York mit der Andrea Doria.Fünfzig Menschen fanden den Tod. Kaum glänzte das dem Internationalismus geschuldete Wort Völkerfreundschaft am Bug, jubelten Parteitenöre enthusiastisch, das sozialistische Wertesystem könne »von keiner Macht der Erde mehr erschüttert werden«. 218593 Privilegierte, Reisekader, aber auch normale Ossis sahen bis zur »Außerdienststellung« 1985 Kuba, Ostsee, Schwarz- und Mittelmeer, intonierten fleißig: »Unsere Braut ist die See/ich schiffe mit dem FDGB

Wer immer in der Großen Mutter Partei der Vater des Gedankens war, die Idee schien genial: Superkreuzer galten als Sinnbild für Optimismus, Technizität – verführerisches Symbol also für ein Land, das bei Wind und Wetter Fahrt machen wollte. Stramm auf SED-Kurs segelnd, gaukelte der Koloss ein Wir-Gefühl im damals »Sowjetzone« genannten Osten vor. Saßen nicht alle in einem Boot, konnten sich den klassenlosen Liner leisten? Der glitt wie ein Phantom durch die Planspiele der Arbeiter-und-Bauern-Macht. Zuvor hatte die schwedische Amerika-Linie auf ihrem Prunkstück Auswanderer nach Kanada oder Australien befördert und im Übrigen nur »Barone, Komtessen, Bankiers, Generaldirektoren, Diplomaten, Konzernherrn, Millionäre« spazieren gefahren. So las sich die kolportagehafte Historie bei den SED-Lyrikern. Pro Tag kostete ein Platz an der Sonne auf der Stockholm 125 bis 185 Mark. Streng handverlesene DDRler, Werktätige, Drahtzieher und Prominente zahlten für den 14-Tage-Törn Rhodos, Athen, Konstanza nur 250 Ostmark. Dafür konnten sie durch Feldstecher, Tagesleihgebühr fünfzig Pfennig, Himmel, Horizonte und greifbar nahe Küsten des Westens betrachten. In der Bar konnte man – am Rotkäppchen-Schaumwein nippend, die Flasche zu 40 Mark – insgeheim von der großen Freiheit träumen. Offiziell war das bei Strafe verboten. Indes brechen im Meer des Unbewussten Schiffe zu neuen Ufern auf, meinen Psychoanalytiker.

Vom ersten Tag an verriet die nautische Demonstration jenen Minderwertigkeitskomplex, den die Völkerfreundschaft eigentlich decken sollte. Die maritime Größenphantasie (Jargon: »V1«) basierte auf traumatischen Erfahrungen der jungen DDR: Außerhalb des Eisernen Vorhangs galt Ulbrichts Reich nichts; das Schiff hatte anstelle des Klabautermanns das Gespenst der Bedeutungslosigkeit an Bord. Der am 4. Januar 1960 im Neuen Deutschland veröffentlichte Bericht über die international beachtete Übernahme des Motorschiffs am Geburtstag Wilhelm Piecks bot alle Signalwörter, die das isolierte, fragile Gebilde aussenden wollte. Es heißt, über dem Stockholmer Amerika-Kai habe neben den Farben Schwedens »die Staatsfahne der DDR« gehangen, eine Kapelle habe »unsere Nationalhymne« gespielt: »Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt«. 12000 PS zogen nun die Flagge mit Ährenkranz, Hammer und Zirkel über die Meere, durch die Jahre. Eine Botschaft für den Rest der Welt, daß es neben Adenauers Land auf deutschem Boden noch etwas anderes gebe. Die vertrauliche Order S 80/60 regelte sogleich: Für die Auslandspropaganda sind mehrsprachige Werbemateralien herzustellen.« Trotzdem gibt’s dazu im Westen nichts Neues, nur die freche Überschrift: KdF-Schiffe für Pankow, die eine Anlehnung an die Nazi-Zeit konstruierte. Die New Yorker Daily News fragten, ob die Russen dank der Völkerfreundschaft »nicht eine bewegliche Spionagebasis für Operationen direkt an unseren Küsten« erhielten, und die Amis versauten den Ossis manches Geschäft, ließen sie einfach nicht andocken.

Das Kommando übernahm zuerst Genosse Kapitän Alfred Zinn. Zu Gründerzeiten stach er mit dem Frachter Vorwärts in See. Mit seiner Biographie kam er stark dem in der Seemannsordnung vorgegebenen Modell nah, der DDR »treu ergeben« und laut Paragraph 8a insbesondere verantwortlich für die »politisch-ideologische Erziehung der Besatzung«. Mit dem Alten war nicht zu spaßen. Seine 220 Leute hießen »Zinnsoldaten«; im Kollektiv geehrt mit dem »Banner der Arbeit«. Der Träger des Vaterländischen Verdienstordens schlupfte später bei der Seereederei (DSR) unter, einem Hort verkniffener Hardliner und Ritualbüttel, über und über behängt mit SED-Auszeichnungen.

Ankunft der Völkerfreundschaft am 15. Januar 1960 in der neuen Heimat Rostock. Spannung auf der Mole von Warnemünde. Die Fahrrinne musste tiefer gebaggert werden. Dicht bei dicht fröhliche, stolze Menschen, um die von vier Schleppern bugsierte Schönheit zu sehen: unerhört lang, hoch, elegant, trotz trüben Wetters wie mit Helligkeit übergossen. Lotse Heinz Kontny vom VEB Bergung und Taucherei dirigierte die Fuhre ins Becken B. Schlag 14.20 Uhr fielen die Taue. Ein Tag der Superlative: Das schwimmende Hotel war das erste Schiff im Port überhaupt, einer Großbaustelle des Nationalen Aufbauwerks. Auf keinem Foto durfte Dr. Brigitte Rogacki, Spitzname »Bigidagi«, vom Krankenhaus Friedrichshain fehlen: »Die erste deutsche Schiffsärztin«. Sprechstunde der Offizierin von neun bis elf Uhr im A-Deck, Backbordseite. Später wurde die Vorzeigefrau nach Auskunft eines Besatzungsmitglieds »republikflüchtig«.

Im Rückblick wirkt es so, als hätte die SED förmlich danach gegiert, endlich ein Stück Sozialromantik am konkreten Objekt demonstrieren zu können. FDGBler Kurt Meier prahlte, der Kahn sei »der sichtbare Ausdruck dafür, dass bei uns die Schöpfer der materiellen und kulturellen Werte auch die Früchte der Arbeit ernten«. Seitenweise ranschmeißerische Zeitungsberichte nach dem Motto: »Dufte, unser Schiff!« Kein Wunder: Eine vertrauliche FDGB-Präsidiumsvorlage vom 10. März 1960 regelte unter Punkt IV die »planmäßige Arbeit« mit Pressevertretern, »um eine politisch richtige Berichterstattung zu gewährleisten«. Fleißig aufgewärmt die Erfolgsstory der Radebeuler Kosmetikfirma Steckenpferd. Dort hatte der »Held der Arbeit« Wolfram Blochwitz 1958 vorgeschlagen, für 100000 Dollar zusätzlich Exportgüter herzustellen und den Ertrag zum Ankauf eines Frachters zu verwenden. 1500 Betriebe schlossen sich der Sache an, es reichte locker für die Völkerfreundschaft. Das Schaffen, Sammeln, Wetteifern spornte die Aussicht auf einen der begehrten blauen FDGB-Ferienschecks an; verheißungsvoll mit Windrose und Schiffssilhouette bedruckt. Folglich erging zur...

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