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Fußballfans in Deutschland. Eine Subkultur im Wandel

Neue Herausforderungen für die soziale Arbeit in den Fanprojekten?

AutorBastian Renner
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2004
Seitenanzahl100 Seiten
ISBN9783638331999
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis24,99 EUR
Diplomarbeit aus dem Jahr 2004 im Fachbereich Sozialpädagogik / Sozialarbeit, Note: 1,7, Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, 47 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: 'Manche Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich bin von dieser Einstellung sehr enttäuscht. Ich kann Ihnen versichern, es ist sehr viel wichtiger als das!' (Bill Shankly, Manager des FC Liverpool) Fußball ist ein Massenphänomen und alleine deshalb schon aus soziologischer Sicht interessant. Außerdem bin ich persönlich nun schon seit über 15 Jahren selbst Fußballfan. Für einige Spiele fahre ich mehrere hundert Kilometer quer durch die Bundesrepublik. Vor den Spielen bin ich nervös und angespannt, nach den Spielen entweder glücklich oder enttäuscht. Mein Hobby ist nicht nur äußerst zeitintensiv, sondern auch ziemlich kostspielig: Dauerkarte, Mitgliedsbeitrag, Auswärtsfahrten, Fan-Artikel etc.. Wenn mich jemand fragt, warum ich das alles mache, habe ich allerdings keine passende Antwort parat, zumal ich Fan eines Vereins bin, der in den letzten Jahren den Sturz aus der ersten Bundesliga bis in die Verbandsliga durchgemacht hat. Somit gab es nur äußerst selten Gründe zur Freude. Die Gegner und Stadien werden zunehmend uninteressanter, die Fußballspiele mehr und mehr unästhetisch, die Stimmung im Stadion wird immer schlechter. Jedoch gehe ich jedes Mal wieder hin und versuche, möglichst kein Spiel zu verpassen. Warum? Diese Frage nicht nur für andere Menschen, sondern vielleicht auch einmal für mich selbst zu beantworten, ist das erste Ziel dieser Arbeit. Der zweite Aspekt, mit dem ich mich beschäftigen möchte, sind Veränderungen, die das gesellschaftliche 'Ereignis' Fußball und damit auch große Teile dessen Fanszene erfahren haben. Die Kommerzialisierung des Profifußballs hat nicht nur ökonomisch weitreichende Folgen gehabt, die Auswirkungen bekommen auch, wenn nicht sogar vor allem, die Fußballfans zu spüren. Einige Sozialarbeiter haben aufgrund ihres Berufes mit Fußballfans zu tun. So z.B. in den zahlreichen Fanprojekten der oberen Fußballligen. Was ist ein Fanprojekt? Wie wird dort gearbeitet? Inwiefern wird dort soziale Arbeit geleistet? Das Klientel der Fanprojekte hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Arbeiten die Fanprojekte noch zeitgemäß und wo liegt die Zukunft der Fanprojekte? Diese Fragen zumindest ansatzweise zu beantworten ist das dritte Ziel meiner Diplomarbeit. Wenn ich im Stadion stehe, bin ich parteiisch. Für mich zählt lediglich mein Verein, die SG Wattenscheid 09. Dieser Arbeit hoffe ich jedoch die nötige Objektivität gegeben zu haben - selbst als Fußballfan.

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Leseprobe

3. Geschichte des Fußballs


 

Die Sportart Fußball und seine Faszination auf die Menschen haben in einer sehr langen Zeitspanne verschiedenste  und sehr konträre Entwicklungen genommen.

 

Ein kurzer Ausschnitt aus einer Zeittafel der Entwicklung des Fußballspiels verdeutlicht sein immenses Alter:

 

 

 (Bausenwein, 1995, S. 527)

 

Weitestgehend ist für uns allerdings nur die Entwicklung des „modernen Fußballs“ interessant, wie er im oft zitierten Mutterland des Fußballs – nämlich Großbritannien – erfunden wurde.

 

3.1. Fußball in Großbritannien


 

In seiner Anfangszeit war Fußball Volkssport, an dem ganze Viertel, Dörfer oder sogar Städte teilnahmen. Feste Regeln gab es so gut wie keine, ebenso fehlten die aus heutiger Zeit bekannten Spielfeld- oder Spieldauerbegrenzungen. Auch eine Unterscheidung zwischen Sporttreibenden und Zuschauern war nur schwer möglich. „Oft wurde über eine Entfernung von mehreren Kilometern auf das gegnerische Stadttor oder auf Marksteine gespielt. [...] In dieser Phase seiner Entwicklung wurde Fußball in England vornehmlich von Bauern und Gesellen gespielt, während sich die Oberschicht, respektive die Aristokratie, fernhielt. Ein Grund für die Popularität und ein wesentlicher Katalysator für die Verbreitung des Fußballspiels war dabei sicherlich der Derbycharakter der Begegnungen: Mit Hilfe des Spiels wurde lokale Identität gestiftet und demonstriert sowie nachbarschaftliche Rivalität ausgetragen“ (König, 2002, S.8).

 

Die Versuche der Obrigkeit zur Eindämmung des wilden Spiels, von dem man eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung befürchtete, und die einsetzende Zeitepoche der Industrialisierung verdrängten diese volkstümliche Art des Fußballsports.

 

Während sich die Ausübung des Spiels für einige Zeit lediglich auf den Schulsport in den damaligen Public-Schools bzw. Universitäten beschränkte, veränderte sich seine Form durch den Einfluss der dortigen feudalen und bürgerlichen Schüler und Studenten. Der Fußball wurde zunehmend reglementiert und zivilisiert. Diese Entwicklung erfuhr ihren vorläufigen Höhepunkt im Jahre 1863 in London mit der Gründung der Football Association (FA), dem ältesten Fußballverband der Welt. Durch das eingeführte offizielle Regelwerk, welches in Grundzügen bis heute erhalten blieb, kam es somit zu einer klaren Abtrennung zur artverwandten Sportart Rugby (Gründung des ersten Rugbyverbands 1871).

 

Im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung wurde der Arbeiterklasse zunehmend mehr Freizeit zur Erholung, vor allem am Wochenende zugesprochen. Da der Sonntag dem Kirchenbesuch vorbehalten war, entdeckten die Fabrikarbeiter insbesondere den Samstag für den Fußballsport als willkommene Abwechslung von der monotonen Fabrikarbeit. „Der Fußball bot ihnen die Möglichkeit, ein kreatives Bewegungsspiel auszuüben. 1883 gewann mit den ‚Blackburn Olympics’ eine Arbeitermannschaft den FA-Cup, und brach damit die Vorherrschaft der Upper-Class. Mit der zunehmenden Popularität des Fußballs unter den Aktiven nahm auch die Zahl der Zuschauer zu. Verfolgten 1872 gerade einmal 2.000 Zuschauer das Finale, so füllten 1901 111.000 Zuschauer das 1884 erbaute ‚Crystal Palace Stadion’“ (König, 2002, S. 9).

 

Fortan waren die Entwicklungen des Fußballs in Großbritannien überwiegend durch den Prozess der Professionalisierung geprägt. Bereits 1885 wurde der Profifußball eingeführt. Erstmals spielten ausgewählte Vereine regelmäßig in einem Ligabetrieb gegeneinander.  Fußball war somit nicht mehr nur ein Freizeit- bzw. Amateursport, sondern er fungierte ab sofort u. a. auch als Einnahmequelle für professionelle Spieler, die Vereine an sich und die Geschäftsleute (z.B. Wirtshausbesitzer) in der Peripherie der Spielstätten.

 

3.2. Fußball in Deutschland


 

Im Gegensatz zu Großbritannien besteht in Deutschland keine vorindustrielle Tradition des Fußballsports. Als Resultat der militärischen Leibesertüchtigung nahm in Deutschland das Turnen einen sehr hohen Stellenwert ein. Der Fußball, der höchstwahrscheinlich durch englische Kaufleute und Studenten um die Jahrhundertwende nach Deutschland quasi importiert wurde, hatte in seiner gegenüber dem Turnen doch robusten Spielart zunächst keine große Akzeptanz in der Bevölkerung.

 

Ähnlich wie in Großbritannien konnte sich der Fußball erst über den Einzug in den deutschen Schulbetrieb etablieren. Der Lehrer Konrad Koch sorgte dafür, dass der Fußball 1878 an seinem Braunschweiger Gymnasium als verbindliches Schulspiel eingeführt wurde, um eine neue Bewegungskultur zu erzielen. Die Schüler verloren nämlich zunehmend die Freude an dem fremddiszipliniertem Turnen mit mili-tärischem Drill-Charakter. Der selbstdisziplinierte Fußball entwickelte sich zum beliebtesten Sport unter den Jugendlichen.

 

Die ersten privaten Fußballvereine wurden allerdings erst kurz vor der Jahrhundertwende gegründet. Diese entsprangen oftmals den ehemaligen Schulmannschaften und den bei den übergeordneten Turnvereinen unbeliebten Fußballabteilungen.

 

Während und nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Fußball zur Massensportart. 1900 bekam der Fußballsport schließlich mit der Gründung des Deutschen Fußball Bundes (DFB) einen eigenständigen Dachverband und somit eine organisatorische Strukturierung. Vor 1914 waren selbst bei sportlich attraktiven Spielen nur weniger Zuschauer zugegen, schon wenige Jahre später fanden die Endspiele um die Deutsche Meisterschaft vor durchschnittlich 50.000 Zuschauern statt.

 

Obwohl sich der Fußball in Großbritannien bereits zunehmend zu einem Arbeitersport gewandelt hatte, prägte in Deutschland vor allem die Bevölkerungsgruppe der Angestellten sein Bild. Sie machten den Großteil der aktiven Spieler auf höherem Niveau aus. Der deutsche Arbeiter hatte aufgrund seiner Arbeitszeiten nur selten die Zeit, sich zusätzlich noch intensiv dem Fußballspiel zu widmen. In fast allen europäischen Ländern, in denen der Fußball als Massensportart Einzug erhalten hatte, wurden durch die jeweiligen nationalen Fußballverbände Profiligen installiert. Dass man in Deutschland stattdessen am Amateurideal festhielt, hatte einen relativ starken bürgerlichen Charakter des Fußballs in Deutschland zur Folge.  Die Zahl der zuschauenden Arbeiter stieg allerdings kontinuierlich, was sicherlich u. a. auch auf die Erfolge des ersten traditionellen Arbeitervereins FC Schalke 04 zurückzuführen war.

 

Bereits 1920 beschloss der DFB die Einführung einer Profiliga. Diese wurde mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten jedoch verhindert, um im Sinne einer konservativ-nationalistischen Ideologie eine zusammengehaltene Volksgemeinschaft zu erreichen.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Fußball in Deutschland seinen zweiten Boom. Weil der nötige Einsatz finanzieller Anstrengungen vergleichsweise gering war, stellte er nicht nur eine der wenigen ausgeübten Sportarten dar, er diente vor allem auch der Ablenkung von den Problemen der damaligen Zeit und in gewissem Sinne auch der Integration, Solidarisierung und lokalen Identifikationsbildung.

 

Insbesondere die lokale und regionale Identifikationsbildung führte dazu, dass in Deutschland im Gegensatz zu Großbritannien die soziale Bindung zwischen Zuschauern und Spielern besonders stark ausgeprägt war. Eine Fußballmannschaft rekrutierte sich weitest-gehend aus Bewohnern des Stadtteils, in dem der jeweilige Verein ansässig war. Auch die Zuschauer spiegelten oftmals die Sozialstruktur des Viertels wider.

 

Der bereits angedeutete Zuschauerboom in den Nachkriegsjahren beschleunigte dann allerdings auch in Deutschland einen Professionalisierungsprozess, der dem in England in weiten Teilen ähnelte. Mit der Professionalisierung ging ein mehrschichtiger Kommerzialisierungsprozess einher, der nachfolgend unter den wichtigsten Einzelaspekten behandelt werden soll, da gerade die noch zu betrachtenden Details einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklungen des Fußballpublikums in Deutschland hatten.

 

3.2.1. Die Spielorte

 

In den Anfangsjahren des Fußballs in Deutschland, wurden zunächst militärische Exerzierplätze als Spielorte benutzt. Darüber hinaus fanden auch größere Rasenflächen und ruhige Straßenzüge ihre Funktion als Spielstätte. Erst im Laufe der Jahre bildeten sich feste Fußballplätze heraus, meist in unmittelbarer Nachbarschaft des Stadtteilvereins.

 

„Mit der Entwicklung des Fußballs zum lukrativen Zuschauersport veränderten sich auch die Plätze. Die ersten baulichen Maßnahmen galten in Deutschland in der Regel nicht der Verbesserung des Komforts, sondern dem Kassieren von Eintrittsgeldern. Deshalb wurden um die Plätze herum Zäune und Mauern errichtet. Es folgten die ersten Tribünen, deren Kapazität gering ausfiel. Sie blieben zunächst den Vereinsmitgliedern, den Gönnern und der lokalen Prominenz vorbehalten. Das gemeine Volk versammelte sich auf der...

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