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Gewalt wandeln: Das Anti-Aggressivitäts-Training AAT

AutorGabriele Fischwasser-von Proeck, Michael Heilemann
VerlagPabst Science Publishers
Erscheinungsjahr2001
Seitenanzahl188 Seiten
ISBN9783935357531
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Gewälttätigkeiten unter Schülern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nehmen in den letzten Jahren kontinuierlich zu. Und nach wie vor mangelt es an Behandlungskonzepten, mit denen kriminelle Gewalttäter und dissoziale Persönlichkeiten erfolgreich behandelt werden können.
Das "Anti-Aggressivitäts-Training AAT" ist da eine wichtige Ausnahme. Es handelt sich um ein deliktspezifisches und defizitorientiertes Training. Neben einer genauen Defizitanalyse und der Konfrontations-arbeit steht die Kompetenzentwicklung des Täters und die Erfahrung der Perspektive des Opfers im Vordergrund der therapeutischen Arbeit.
Die in der Jugendanstalt Hameln entwickelte gruppentherapeutische Maßnahme weckt mittlerweile bundesweit Interesse, wenn es um die Frage geht, wie und ob brutale Schläger therapierbar sind. Über mehrere Jahre von den Autoren entwickelt, konkret in der Arbeit mit Gewalttätern im Gefängnis erprobt und ausgearbeitet, wird das Programm inzwischen in einer Vielzahl von Projekten im Strafvollzug und in der gerichtsnahen Präventionsarbeit eingesetzt.     

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Kapitelübersicht
  1. Inhalt, Geleitwort von Prof. Dr. Peter Fiedler und Vorwort
  2. Harte Zahlen und Gestalt von Gewalt
  3. Sinn-Bestimmung
  4. Zielvision: Lob-Kultur
  5. Das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT)
  6. Therapeutischer Extremismus: Therapeutenvariablen
  7. Professioneller Strafvollzug - LoGo
  8. Hamelner Modell goes Prävention (AAT: Ambulant)
  9. Opferhilfe
  10. Zeitalter der Aufmerksamkeit, Grundsätze der Anti-Gewalt-Arbeit in der Zukunft, Justizpolitische Einordnung und Fazit
  11. Literatur
  12. Anlage
Leseprobe
7 Therapeutischer Extremismus: Therapeutenvariablen

7.1 Die Gier nach Wirksamkeit

Der Schläger und Körperverletzer ist extremst radikal - die Therapeuten müssen immer etwas radikaler sein, um seine Anfangs- Blockade zu durchbrechen.

Therapeuten im AAT zeichnen sich durch extrem hohe Wirksamkeitsansprüche aus: Sie müssen häufig noch paradoxer und verrückter agieren als es der schon an einiges gewöhnte Täter je erlebt hat. Dieser "Irrsinn der Therapeuten" führt erst zu einer Verunsicherungs- und dann zu einer Orientierungsreaktion beim Täter. Nichtausrechenbarkeit ist das oberste Gebot für den Anti-Gewalt-Trainer: Er muss fähig sein, bei Kleinigkeiten auszuflippen und er muss gleichzeitig bei Kleinigkeiten extreme Liebe vermitteln können. Diese "Rein-Raus-Methode" gibt den Therapeuten höchstmögliche Freiheitsgrade: Sie selbst bestimmen in jeder Mikrosituation, welche Inszenierung notwendig ist, damit der Täter entweder aufgescheucht wird - oder aber wieder "zurück ins Boot kommt".

Wechsel der Sprachebenen dient hierbei ebenso als "Behandlungsturbo" wie das direkte Berühren, das unmittelbare Zugehen auf den Täter und die autoritär-direktive Abforderung von Verhaltensproben seinerseits. Der Therapeut darf sich niemals "zu schade sein", auch das Unmögliche zu fordern. Vor allem muss er in der Lage sein, es jedes Mal vorzumachen, es mitzumachen, es beizubehalten und sich "im Haifisch-Becken" wirklich wohl zu fühlen. Dazu gehört auch, dass der Therapeut gut kann, was der Täter beherrscht: Backgammon zu spielen, Blitzschach, Tischtennis, Liegestütz, Kampfsportfiguren, Beleidigungsakrobatik und cooles Auftreten. Das "Charisma" des Trainers besteht darin, dass er sowohl "summa cum laude" als auch "extrem ordinär" sein kann. Der fliegende Wechsel zwischen dargestellten theoretischen Ableitungen einerseits und unmittelbar einsetzenden, unerwarteten, distanzlosen Handlungen andererseits beweist dem Täter die "therapeutische Vollkommenheit". Sie wird in jedem einzelnen Training erarbeitet - die Vision eines "integrativen Therapeuten" ist langfristige Zielvariable und konkreter Handlungsauftrag gleichzeitig.

gibt natürlich auch andere Vorstellungen, die allerdings beim AAT keinen Platz haben, aber von den TrainerInnen aber trotzdem berücksichtigt werden müssen. M. Hermer etwa schreibt: "Oft fordern Patienten von Therapeuten Ratschläge im Sinne von Patentlösungen. Sie unterstellen dem Therapeuten, allmächtig zu sein, den Klienten voll und ganz zu durchschauen und die Problemlösung nur nicht zu verraten... Das Geheimnis des charismatischen Therapeuten liegt in all diesen Situationen in einer geschickten Handhabung dessen, was Bateson als Doppelbindung bezeichnete: Das nonverbale Signal hebt die sprachliche Aussage des Therapeuten sofort wieder auf und bestätigt den Klienten in seiner Vermutung, dass der Therapeut alles kann und weiß. Das Resultat ist nicht wie bei Bateson eine Schizophrenie, sondern das blinde Vertrauen in die Fähigkeit des Therapeuten." Davon allerdings sind die Probanden des AAT anfangs weit entfernt. Vertrauen, gar blindes Vertrauen, müssen sie überhaupt erst lernen, vor allem aber müssen sie lernen, auf sich selbst zu vertrauen.

Problem der Therapeuten im Knast besteht in der Konkurrenz: Der Pate der organisierten Kriminalität, der Chef des subkulturellen Bezirks, hat genügend Lockmittel, um den "potenten" Schläger in seine Organisation hineinzuziehen. Die Chefs der Subkultur lassen im Jugendstrafvollzug Schaulaufen - wer es von den Tätern schafft, die anderen 500 Mitinsassen für ein oder zwei Jahre in Schach zu halten, der ist auch im Rotlichtviertel als "rechte Hand des Chefs" zu gebrauchen. Der Strafvollzug bezahlt viel Geld, um Täter "im geschlossenen Kessel" zu domestizieren - der "Pate" schaut sich einfach das Ergebnis an und lässt über seine "Headhunter" die Besten aufkaufen. Er macht es sich ziemlich leicht - auf Steuerzahlers Kosten. Die Faszination des Trainerteams entsteht aus der Unterschiedlichkeit der Einzelpersonen: Der Bluffer, der Theoretiker, die Amazone, das Model, die kühl Berechnende, die Sängerin, der Karatekämpfer, die ganz normale Studentin, der Polizeichef und eben die professionellen Sozialpädagogen und Psychologen mit ihren unterschiedlichsten Talentprofilen bilden die Mischung, welche die Faszi-nation ausmacht.

hoher Professionalisierungsgrad des Teams ist erreicht, wenn das "psychologische Skalpell der Schlägertherapeuten" dazu führt, dass der Schläger das Angebot zur Veränderung tatsächlich als attraktiv erlebt: Professionelle Schlägertherapeuten sind mithin Under-Cover-Agents im Gehirn und im Herzen des Schlägers, die ihn dazu bringen, seine stumpfen Unterschichtideale - Berühren ist Schubsen; Kontaktaufnahme ist Schlagen; Gegenwehr erwirkt Tötungsberechtigung - aufzugeben. Professionelle Schlägertherapeuten verführen den Täter zum "Verrat an seiner Schicht", damit er die Möglichkeiten mittelschichtorientierter Handlungsweisen für sich erkennen, erarbeiten und in seine Schicht zurücktragen kann. Er soll die Option erhalten, sich mittelschichtadäquat zu verhalten, ohne dass er tragfähige und positiv zu bewertende Anteile seiner Herkunft aufgeben muss. Letztlich ist er ein Wanderer zwischen den Welten, der bilingual beide Schichtsprachen spricht und als Tutor oder Agent für Friedfertigkeit vermittelt.
Inhaltsverzeichnis
Inhalt8
Geleitwort von Prof. Dr. Peter Fiedler11
1 Vorwort12
2 Harte Zahlen15
2.1 Wie die Zerstörung zunimmt15
3 Gestalt von Gewalt24
3.1 Definitionselemente und Tätertypen24
3.2 Definitionsversuch: Destruktive Gewalt25
3.3 Klassifikation der Täter27
3.4 Die Wiedergutmachungsforderung29
3.5 Feigheitspaket31
3.6 Legitimationsstrategien33
3. 6. 1 Ablehnung der Verantwortung33
3. 6. 2 Verneinung des Unrechts33
3. 6. 3 Ablehnung des Opfers33
3. 6. 4 Verdammung der Verdammer33
3.6. 5 Loyalität zum „Ganzen“34
3.7 Treueverpflichtung des Gewalttäters34
4 Sinn-Bestimmung40
4.1 Was will der Mensch?40
4.2 Psychologische Gesetze43
4.3 Die kulturelle Überformung archaischer Gewaltmuster – überleben durch Gewalt?46
4.4 Entwicklungsphasen51
5 Zielvision: Lob-Kultur54
5.1 Von der Kritikgesellschaft zur Lobhaltung54
5.2 Selbstlob als Friedensgrundlage58
5.2.1 Thesen zur neuen Beurteilungs-Maxime61
5.3 Das Anti-Miesepeter- Programm62
5.4 Fremdlob-Abhängigkeit und „falsche“ Loyalität64
5.5 Die Menschenwürde des Täters65
5.6 „Innerer Pazifismus“ als Leitidee70
6 Das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT)74
6.1 Die Wurzeln des AAT74
6.2 Durchführungsmodalitäten77
6.3 Die vier Phasen des Hamelner Modells78
6. 3. 1 Biographische Analyse (Deskriptionsphase)78
6.3. 2 Konfrontationsphase (Heifler Stuhl)80
6.3. 3 Attraktivitäts-Training80
6. 3. 4 Realisationsphase86
6.4 Zusatzimplementierung (handlungsorientierter Ansatz)87
6.4.1 Ausgangssituation (was mir passiert)90
6.4.2 Zielverhalten (was ich weifl)91
6.4.3 Denkinhalte (was ich denke)91
6.4.4 Artikulationsebene (was ich sage)92
6.4.5 Ausweichtechniken92
6.4.6 Körperliche Selbstverteidigung (Notwehr)93
6.4.7 Fazit und Grundregel (was ich immer bedenken muss)94
6.5 Anti-Schläger-Gelübde95
6.5.1 Schläger sind fiese Schweine95
6.5.2 Ich war ein Schläger95
6.5.3 Ich will ein Mensch werden96
6.5.4 Ich will andere Schläger befreien96
6.6 Evaluation und Supervision96
7 Therapeutischer Extremismus: Therapeutenvariablen99
7.1 Die Gier nach Wirksamkeit99
7.2 Stellenwert der ehrenamtlichen Mitarbeiter103
7.3 Das Menschenbild der Trainerinnen und Trainer107
8 Professioneller Strafvollzug - LoGo108
8.1 Die Quadratur des Kreises108
8.2 Das LoGo109
8.3 Weg vom Wärter111
8.4 Vollzugsentwicklung112
8.5 „Flache Hierarchien“ in einer „totalen Institution“?114
8.6 Opferorientierter Strafvollzug116
8.7 Kundenorientierter Strafvollzug: Wie soll das gehen?118
8.8 Knast als „therapeutischer Rahmen“119
8.9 Erwartungen an die Therapie121
8.10 Zwei Versuche zur Reduzierung von Gewaltbereitschaft im Vergleich124
9 Hamelner Modell goes Prävention (AAT: Ambulant)130
9.1 Die Weiterentwicklung des stationären AAT: AAT. pro130
9.1.1 Der Offene Vollzug131
9.1.2 Auflenwirkung des AAT. pro132
9.1.3 Integration in den Offenen Vollzug135
9.1.4 Das therapeutische Dreieck138
9.1.5 Rückwirkung auf den klassischen Vollzug138
9.1.6 Das AAT in der Bewährungshilfe140
10 Opferhilfe142
10.1 AAT als „Opfertherapie“?142
10.2 Trainingskurse für Opfer142
10.2.1 Was das Opfer fühlt143
10.2.2 Opferarbeit nach der Tat145
10.3 Opfertraining – die „Versorgungslücke" wird geschlossen147
11 Zeitalter der Aufmerksamkeit149
12 Grundsätze der Anti-Gewalt-Arbeit in der Zukunft153
13 Justizpolitische Einordnung156
14 Fazit: Gewalt im Wandel – Gewalt gewandelt ....?158
Literatur166
Anlage174
Anlage 1 Funktion und Stellenwert der Gäste175
Anlage 2 Funktion und Stellenwert der ehrenamtlichen Mitarbeiter176
Anlage 3 Trainerausbildung: Didaktische Vermittlung des AAT-Trainings-Manuals (Präsentation und Workshops)177
Anlage 4 Trainer- Zertifizierung178
Anlage 5 Übertragbarkeit des AAT auf den schulischen Bereich (Beispiel Niedersachsen)179
Anlage 6 Patenschaft für Gewaltopfer181

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