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E-Book

Hass im Netz

Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können.

AutorIngrid Brodnig
VerlagChristian Brandstätter Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl232 Seiten
ISBN9783710600593
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis6,99 EUR
Wir leben in zornigen Zeiten: Hasskommentare, Lügengeschichten und Hetze verdrängen im Netz sachliche Wortmeldungen. Die digitale Debatte hat sich radikalisiert, ein respektvoller Austausch scheint unmöglich. Dabei sollte das Internet doch ein Medium der Aufklärung sein: Höchste Zeit, das Netz zurückzuerobern. Das Buch deckt die Mechanismen auf, die es den Rüpeln im Internet so einfach machen. Es zeigt die Tricks der Fälscher, die gezielt Unwahrheiten verbreiten, sowie die Rhetorik von Hassgruppen, um Diskussionen eskalieren zu lassen. Damit die Aggression im Netz nicht sprachlos macht, werden konkrete Tipps und Strategien geliefert: Wie kann man auf untergriffige Rhetorik reagieren? Wie entlarvt man Falschmeldungen oder Halbwahrheiten möglichst schnell? Was tun, wenn man im Netz gemobbt wird? Denn: Wir sind den Rüpeln, Hetzern und Hassgruppen nicht hilflos ausgeliefert - die Gegenwehr ist gar nicht so schwer.

Ingrid Brodnig behagt die Tonalität im Netz nicht. Als Medienredakteurin des Nachrichtenmagazins profil und Autorin plädiert sie für eine sachliche digitale Diskussionskultur. Sie wünscht sich ein Internet, in dem Argumente Vorrang haben - und differenzierte Stimmen mehr Gehör finden.

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Leseprobe

1.WIE BRENZLIG DIE SITUATION IST


Es gab einen Schlüsselmoment, der mir die Ernsthaftigkeit der Lage klarmachte. Auf den ersten Blick war es ein unscheinbarer, harmloser Anlass, der mir dennoch monatelang in Erinnerung blieb, an den ich immer wieder denken musste, wenn ich im Internet wütende Kommentare oder auch Falschmeldungen las.

Im Juni 2015 führte ich ein Telefoninterview mit einer „besorgten Bürgerin“. Ich hatte damals für einen Artikel zum Thema „Lügenpresse“ recherchiert und Menschen auf Facebook angeschrieben. Mich interessierte, warum sie sich online so enttäuscht oder gar erzürnt über Journalisten äußerten. Das Problem: Die meisten wollten nicht mit mir reden, einige antworteten nicht, andere schrieben Sätze wie: „Uns interessieren ‚unabhängige Medien‘ wie Sie nicht – danke. Schreiben Sie einfach, was Sie wollen, Sie machen das sowieso.“ Auch wurde mir vorgeworfen, ich sei ohnehin „gekauft“.

Dann aber – endlich! – bekam ich eine Facebook-Nutzerin an den Apparat: eine zweifache Mutter aus Westösterreich. Nur unter der Voraussetzung und der Zusage, ihren Namen nicht zu veröffentlichen und private Details auszulassen, stimmte sie einem Interview zu.

Am Telefon hatte ich dann eine Frau, der die Angst regelrecht in der Stimme lag. „Ich steh in der Früh mit Zweifeln auf und leg mich abends mit Zweifeln nieder“, sagte sie. Sie war eine höfliche, gebildete, aber mir gegenüber durch und durch skeptische Interviewpartnerin. Sie wollte anonym bleiben, um später nicht als „Nazi“ beschimpft zu werden – ein Vorwurf, der online in ihren Augen zu leichtfertig ausgesprochen wird. Sie erzählte mir, sie überlege, bei der nächsten Wahl die österreichischen Rechtspopulisten von der FPÖ zu wählen.1 In den Jahren zuvor hatte sich ihr Blick auf die Welt drastisch verändert. Früher war ihr Politik nicht so wichtig gewesen. Jetzt las sie jeden Tag auf Facebook mit, konsumierte sowohl Tageszeitungen als auch alternative Blogs und Fanpages.

Darunter sehr viele islamkritische Accounts: Pegida, die Seite der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, das sogenannte „Info-Direkt-Magazin“, das von der rechtsextremen Szene nicht weit entfernt liegt, sowie eine Seite namens „der Infokrieger“. Diese Medien oder Gruppen vertreten unter anderem die Ansicht, wir befänden uns in einem Desinformationskrieg, bei dem die Mainstream-Medien die Bürger gezielt hinters Licht führen und nur sie selbst „die Wahrheit“ sagen würden.

Ich wusste natürlich, dass viele Menschen solche Seiten verfolgen und dies wohl eine Auswirkung auf ihr Weltbild haben würde. Allein Pegida hat mehr als 200.000 Fans auf Facebook, der gleichnamige österreichische Ableger davon noch einmal 18.000 Mitlesende. Erst mit diesem Telefonat wurde mir aber klar, wie erfolgreich diese „alternativen Medien“ faktisch sind, und wie geschickt diese obskuren Seiten mit klarem ideologischen Einschlag agieren.

Ich verstand allmählich, wie Angstmache im Internet funktioniert: Zum Beispiel mit ständiger Wiederholung. Ein Gerücht wird nicht glaubwürdiger, wenn man es hundertmal wiederkäut, hatte ich bis dahin naiv geglaubt. Irrtum! Durch die ständige Wiederholung von Halbwahrheiten und Schreckensmeldungen werden Feindbilder und komplett überzogene Ideen etabliert.

Ein paar der sichersten Länder der Welt werden beispielsweise als Horrorstaaten verunglimpft. Über Skandinavien berichten solche Seiten, dass „der hohe Norden vor allem die multikulturelle Hölle auf Erden“ und „Schweden – Europas Vergewaltigungsmetropole“ sei.2 3 Einmal abgesehen davon, dass Schweden keine Metropole, sondern ein Staat ist, ist dieses Vorgehen ziemlich perfide. Bewusst werden jene Länder attackiert, die international Symbole für Progressivität und Toleranz sind. Solche Schwarz-Weiß-Muster sind ein gängiger Trick der Rechtspopulisten. Sie suggerieren: Progressivität und Offenheit sind böse; Abgrenzung und reaktionäre Impulse gut.

Die „besorgte Bürgerin“ erzählte mir damals am Apparat, wie verunsichert sie ist. Sie fragte sich, was dran ist, an diesen ständigen Geschichten über Skandinavien. Ganz nach dem Motto: Wo Rauch ist, ist da nicht auch Feuer? Doch gerade im Internet ist es sehr leicht, mit Falschmeldungen, mit purer Aggression und kunstvoll interpretierten Halbwahrheiten Stimmung zu machen – digitale Rauchmaschinen quasi, die den Durchblick unter Umständen enorm erschweren.

Ich wünschte, ich könnte berichten, dieses Telefonat hat etwas Positives bewirkt oder zumindest ihren Umgang mit unseriösen Quellen verändert. Dem ist nicht so. Es gibt kein Allheilmittel, um andere Menschen umzustimmen. Aber es gibt kluge Ansätze und gute Ideen, wie man auf irreführende Rhetorik antworten kann – ich habe einige zusammengetragen.

Dieses Buch gliedert sich in drei Teile: Zuerst liefere ich wissenschaftliche Erklärungen, warum im Internet häufig so hart diskutiert wird, warum so schnell Schimpfworte fallen und wieso menschliche und technische Faktoren ein sachliches Diskutieren oft so schwer machen. Dieses Wissen ist wichtig, um Gegenstrategien oder Antworten zu entwickeln. Nur wer versteht, was online tatsächlich anders als offline ist, kann eine Kurskorrektur betreiben.

Zweitens liefere ich eine Typologie von besonders untergriffigen Usern – den „Trollen“, die sich am seelischen Leid anderer Menschen erfreuen, und den „Glaubenskriegern“, denen zum Verbreiten ihrer „Wahrheit“ kaum ein Mittel zu billig erscheint. Zwischen diesen Gruppen zu unterscheiden, ist sinnvoll, denn ihr Verhalten hat verschiedene Ursachen, sie verfolgen mit ihrer Aggression unterschiedliche Ziele – und dementsprechend braucht es auch unterschiedliche Reaktionen, um ihre Wut oder Schadenfreude einzudämmen. Beispielsweise kann man Trolle manchmal tatsächlich totschweigen, bei einem Glaubenskrieger wäre das aber genau die falsche Reaktion.

Drittens beschreibe ich die Methoden dieser Glaubenskrieger und Trolle und liefere Tipps dagegen: Woran lassen sich Falschmeldungen frühzeitig erkennen? Wie entlarve ich die Bösartigkeit eines rhetorischen Übergriffs? Welche konkreten Formen der Deeskalation gibt es? Wie kann man eine erhitzte Debatte wieder etwas entspannter machen – und funktioniert das überhaupt? Wann ist es an der Zeit und ratsam, zu juristischen Mitteln zu greifen? Und wie kann uns Humor helfen, mit Hass und Hetze im Netz umzugehen?

Wollen wir online allesamt etwas gelassener werden, müssen wir uns jedoch von einem Gedanken verabschieden: Dass wir jedes Argument gewinnen können und es nur eine Frage der richtigen Wortwahl ist, bis der andere einsieht, wie sehr er im Unrecht ist. Ich plädiere stattdessen für eine neue Form der Höflichkeit, für ein empathisches Diskutieren miteinander, bei dem man sich oft nicht einig wird, aber das Gegenüber immerhin respektiert. Dies kann nur gelingen, wenn auch gewisse Mindeststandards im Umgang miteinander eingehalten werden. Beschimpfungen beispielsweise zerstören jede sachliche Debatte. Das mag simpel klingen, ist es aber nicht. Im Internet bleiben zu viele Beleidigungen und Zuschreibungen stehen.

Ich glaube nicht, dass das Internet die Ursache für gesellschaftliche Dissonanz ist. Das wäre wohl zu kurz gegriffen. Wohl aber kann es diese Dissonanz verstärken und vorantreiben – die Architektur vieler Webseiten hilft oft ausgerechnet den Rüpeln, wie ich auf den nächsten Seiten darlegen werde.

Vermutlich hat die aktuelle Flüchtlingsdebatte viele Menschen auf den Hass und die Hetze im Netz überhaupt erst aufmerksam gemacht und sensibilisiert. Der Eindruck stimmt, dass sich in den vergangenen Monaten die Tonalität verschärft hat: Wenn eine politische Debatte die Gesellschaft entzweit, wird auch die Diskussionskultur im Netz umso verbitterter. Wir können dann auch beobachten, wie radikale Gruppen dieses Klima für sich nutzen und wie sie mit Aggression statt Argumenten versuchen, auf sich aufmerksam zu machen. Zu oft geht diese Strategie auf.

Wenn Sie dieses Buch gekauft haben, sehen Sie das vielleicht ähnlich wie ich: Ein anderer Stil muss beim Diskutieren im Netz doch möglich sein. Es lohnt sich, das Internet als das zu verteidigen, was es eigentlich sein sollte – ein Ort der Aufklärung.

Der Duden bezeichnet die Aufklärung als eine „von Rationalismus und Fortschrittsglauben bestimmte europäische geistige Strömung des 17. und besonders des 18. Jahrhunderts, die sich gegen Aberglauben, Vorurteile und Autoritätsdenken wendet.“4 Ausgerechnet im modernsten Kommunikationstool, das uns zur Verfügung steht, werden diese rückwärtsgerichteten Denkmuster wieder stark sichtbar: Der Aberglaube erlebt eine Renaissance, sowohl auf den Verschwörungstheorieseiten auf Facebook als auch auf Webseiten, die so tun, als könne man die Welt...

Blick ins Buch

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