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Im Zeichen der Religion

Gewalt und Friedfertigkeit in Christentum und Islam

VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl228 Seiten
ISBN9783593405209
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis24,99 EUR
Dschihad, Kreuzzüge, fundamentalistische Gewalt - die Geschichte des Christentums wie des Islam ist voll von blutigen Ereignissen. Zugleich sind beide Religionen Quelle für Frieden, Nächstenliebe und Menschenwürde. Die Bedeutung von Aggression und Friedfertigkeit in den Schriften und Traditionen beider Weltreligionen diskutieren hier Theologen, Philosophen, Journalisten, Islam- und Politikwissenschaftler.

Christine Abbt, Dr. phil., ist wiss. Assistentin für Politische Philosophie an der Universität Zürich. Donata Schoeller, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Lehrstuhl der ETH Zürich.

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Leseprobe
Im Zeichen der Religion
Christine Abbt/Donata Schoeller
Religion mag aus heutiger Perspektive als eine der merkwürdigsten Ausprägungen der Ideen- und Geistesgeschichte der Menschheit erscheinen. Sie knüpft die Verbindung zu der unfassbaren Ursache der Welt und allen Lebens. Sie bricht den weltlichen Horizont auf und gibt doch die Sicherheit, dass nichts verloren gehen kann, sondern sich alles aufgehoben wissen darf. Die wundersame Beziehung zwischen Mensch und Gott, zwischen Weltlichem und Transzendentem, prägt seit jeher Denksysteme und Weltanschauungen, lässt überwältigende Architektur entstehen und regelt das Verhalten von Individuen teilweise minutiös bis hin zu Tagesablauf, Kleidung oder Speiseplan. Im Zeichen der Religion kommt es zu unbedingter Liebe und Gastfreundschaft, aber auch zu Gewalt und Krieg. Das im Jenseits liegende Ziel religiöser Sehnsüchte scheint beide Verhaltensweisen zu stimulieren. Die der Religion eigene Ambivalenz wird uns in jüngster Zeit immer wieder beunruhigend vor Augen geführt. Im Zeichen der Religion werden Kriege nicht nur geführt, sondern auch legitimiert. Fast täglich erreichen uns die Meldungen von religiös motivierter Gewalt, von Anschlägen, durchgeführt von Menschen, die sich sicher sind, gemäß Gottes Willen zu handeln. Wir lesen von Mord und Vergeltung, die neues Morden und Vergelten nach sich ziehen, und vernehmen begleitend dazu Stellungnahmen, in deren Rhetorik sich Religion und Politik, theologische Lehrmeinung und machtpolitisches Interesse auf unheimliche Art und Weise vermischen.
Wie ist es möglich, dass Religionen, die grundlegende ethische Impulse motivieren und Werte wie Barmherzigkeit, Milde, Gastfreundschaft oder Nächstenliebe dem Anderen und Hilfsbedürftigen gegenüber als moralische Imperative formulieren, dennoch Anlass für Feindseligkeit und grauenvolle Taten sind? Wie kommt es, dass sogar wesensverwandte Religionen, die an nur einen Gott glauben, sich so erbittert bekämpfen? Ein Außenstehender, der dieses Treiben aus der Distanz beobachtete, würde sich wundern, wie Religionsgemeinschaften, die sich teilweise sogar auf ähnliche Traditionen berufen und deren zentraler Wert die Liebe zu einem Gott ist, zu scheinbar unüberbrückbaren Differenzen gelangen können.
Die Vorlesungsreihe 'Wissenschaft und Weisheit', getragen vom Philosophischen Seminar der Universität Zürich, beschäftigte sich unter Anderem mit verschiedenen Aspekten der Thematik Religion. Die 'dunklen' Seiten des Themas standen dabei weder in den Vorträgen noch in den Diskussionen im Mittelpunkt. Schwerpunkte bildeten vielmehr die unterschiedlichen Gebetstraditionen, die verschiedenen Formen der Mystik oder die Frage nach der Erneuerungsfähigkeit von Religion. Im Rahmen dieser Veranstaltungen blitzte während eines Vorlesungstages plötzlich ein religiös motivierter, unterschwelliger Chauvinismus auf, den wir als Organisatorinnen nicht erwartet hatten. In einem Referat wurde auf einmal ein religiöser Geltungsanspruch vernehmbar, der die Überlegenheit der eigenen Religion unverhohlen einforderte. Argumentation verkam zu reiner Rhetorik. Die Diskussion bewegte sich im Anschluss wie auf Treibsand, da die Voraussetzungen für einen echten Austausch nicht mehr gegeben schienen.
Was war geschehen? Die von uns, dem Publikum und dem Referenten selbst wahrgenommene starke Irritation veranlasste uns zu fragen, wie es zu dieser Radikalisierung der Positionen gekommen war und ob es sich hier um ein spezifisch religiöses Phänomen handle. Stellen sich dem Gespräch zwischen den Vertretern verschiedener Religionen besondere Hürden? Was macht die Verständigung zwischen Angehörigen auch der gleichen Religion so schwierig, wenn sie jene ganz unterschiedlich auslegen und leben? Warum weicht der kommunikative Austausch sehr schnell Misstrauen und sprachlicher Verweigerung, die ihrerseits zu Gewalt führen können? Denn Gewalt äussert sich bereits dort subtil, wo das Argument des Anderen prinzipiell keine Chance hat.
Das Thema der Vorlesungsreihe 2007 stand damit fest. In welchem Verhältnis, fragten wir, stehen Aggression und Religion? Was hat es mit der Aggression durch Religion auf sich? Angesichts des politischen Diskurses unserer Tage entschieden wir uns, die Kontroverse zwischen Christentum und Islam als Ausgangspunkt zu wählen. Es sollte dabei vor allem darum gehen, die Verbindung zwischen religiösem Selbstverständnis und Gewalt besser zu verstehen und dabei einen Hintergrund zu öffnen, der in den laufenden Debatten kaum in den Blick gerät. Dabei war es unser Hauptanliegen, der Radikalisierung und Einseitigkeit des Vokabulars in Politik und medialer Öffentlichkeit, der Verschärfung des Tonfalls und der meist damit einhergehenden, erschreckenden Polarisierung im Denken etwas entgegenzusetzen. Gerade angesichts der Aktualität und Brisanz des Themas schien es uns notwendig, die Polarität, die sich in der immer häufigeren Verwendung gegensätzlicher Begriffspaare zeigt, durch den Hinweis auf komplexere Hintergründe in Frage zu stellen. Denn Staaten sind nicht einfach nur gut oder böse, Personen sind nicht nur entweder rechtgläubig oder ungläubig, Verhandlungen finden nicht nur unilateral, sondern immer auch multilateral statt, und der gerechte Krieg ist offensichtlich nicht das eindeutige Gegenteil von Terror. So versammelten wir Experten und Expertinnen, die sich in ihrer wissenschaftlichen und journalistischen Tätigkeit, aber auch aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen mit den religiösen Schriften, den Traditionen, der Auslegung und der sozialen Wirksamkeit von Christentum und Islam in der gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit auseinandersetzen.
Die vorliegenden Artikel spiegeln jene Gedanken, die innerhalb der Vorlesungsreihe zur Sprache kamen, und vertiefen diese noch. Sie zeugen von der Bereitschaft, sich der Spannung eines kritischen und doch unvoreingenommenen Blickes auf die eigene und die fremde religiöse Tradition zu stellen. Sie tragen das editorische Anliegen mit, sich der Komplexität des Problems anzunehmen, und machen deutlich, dass dies weder aus zu großer Distanz, noch in unmittelbarer Nähe gelingen kann. Der in den Texten zum Ausdruck kommende Blick zeichnet sich aus durch eine Nähe zur jeweiligen religiösen Tradition und ihrer Geschichte, die sich jedoch nicht vereinnahmen lässt. Diese Balance von Nähe und Distanz entsteht aus der Bereitschaft, die Oberfläche der momentanen Geschehnisse durch aufmerksames Nachfragen und profunde Kenntnisse von Zusammenhängen zu vervollständigen. Aus dieser Bereitschaft kristallisiert sich in den Artikeln immer wieder die Frage heraus, welche Bedeutung der persönlichen Haltung jedes Einzelnen im Umgang mit religiösen Texten zukommt.
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Im Zeichen der Religion8
»Jihad«: Sinn und Bedeutung aus der Perspektive der Koranwissenschaft15
Text, Kontext und Hermeneutik16
Die Analysemethodik18
Der Koran als Diskurs19
Diskurse über Jihad21
Fiqh als Paradigma24
Die Grundlagen der Diskursanalyse28
Schlussfolgerungen32
Anmerkungen von Abu Zayd33
Islamischer Puritanismus und die religiöse Gewalt35
II37
III40
IV43
V48
VI52
VII56
»Wehe den Ungläubigen« Das Konfliktpotential der absoluten Wahrnehmung58
Friedensfördernde und konfliktfördernde Religion58
Von der Wahrnehmung des Absoluten zur absoluten Wahrnehmung60
Konsequenzen absoluter Wahrnehmung60
Absolute Wahrnehmung und frühchristliches Märtyrertum61
Absolute Wahrnehmung und politische Führung im frühen Islam64
Absolute Wahrnehmung und religiöse Selbstjustiz66
Befreiung aus den Schlingen der absoluten Wahrnehmung?68
»Der Buchstabe tötet – der Geist aber macht lebendig « Theologische Überlegungen zum Verhältnis von Aggressivität und Literalität der Religion72
Zur literalen Rationalität moderner Rechtsstaatlichkeit75
Aggression durch die »Heilige« Schrift? Zur poetologischen Deutung der Religion77
Schriftreligionen als Gewaltreligionen?80
Zum (vermeintlichen) Gewaltpotential der monotheistischen Schriftreligion. Eine Auseinandersetzung mit Jan Assmann83
Friede im Glauben, Friede durch Glauben: Die Lösungen des Christentums. Religionsphilosophisches Nachdenken92
Das 21. Jahrhundert: Ein Kampf der religiösen Kulturen?92
Gegenwärtige Revitalisierung von Religion93
Zur Gewalt der Götter95
Zur Gewalt des Einen Gottes im Alten Testament und ihren Gegenpolen: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit97
Grundlagen der Gewaltüberwindung im Neuen Testament100
Das Konzept einer neuen gewaltfreien Menschlichkeit in der Bergpredigt Jesu und im Neuen Testament102
Zwei Modelle der europäischen Geistesgeschichte: Lessing und Nicolaus Cusanus106
Intellektuelle Wende: Christentum und Versöhnung, postmodern beleuchtet112
Gewalt in der christlichen Geschichte114
Aggression durch den Glauben? Eine christliche Sicht zum Thema » Religion und Gewalt « unter besonderer Berücksichtigung des Toleranzbegriffes119
Christliche Gewalt – ein Widerspruch in sich?119
» Schematischer Dualismus « als gewaltförderndes Muster120
Die Besonderheit der monotheistischen Religionen in Bezug auf Gewalt121
Gewalt als Phänomen steht bereits mit Ethik und Religion in Verbindung124
Die Unterscheidung von Macht und Gewalt125
Angst, auch religiöse Angst, fördert Gewalt126
Ursprünge des Begriffes Toleranz129
Die Toleranz-Konzeptionen des Respekts und der Wertschätzung132
Das Verständnis von Toleranz bei Forst132
Toleranz in christlich-theologischer Sicht134
Die Spannweite des Toleranzbegriffes138
Es könnte alles ganz anders sein. Versuch einer Antwort aus genuin theologischer Perspektive139
Fundamentalismus und Machtpolitik Ein kritischer Blick auf den Westen143
»Okzident« und »Orient«: So viele Missverständnisse144
Ein Konflikt der Kulturen?145
Die »Triade«: Demokratie, Marktwirtschaft und etwas Religionstradition146
Welt des Friedens, Welt des Kriegs148
Fundamentalisten: Wie viele gibt es?150
Jerusalem und die Macht des Mythos151
Schiiten: Kein Mensch besitzt das absolute Wissen!153
Vermischung von Politik und Religion bei George W. Bush154
Und Tony Blair?155
Lehren für uns156
Zeichen der Gewalt in der christlichen Frömmigkeit158
Kirchlicher Segen für Gewalttäter160
Gewalt im Kampf um den rechten Glauben162
Frömmigkeit – Symbole – Sprache166
Gegenläufige Traditionen und bleibende Herausforderungen169
Islam in Iran: Zwischen Gewalt und liberalem Gedankengut174
Schiismus in der neueren Geschichte Irans176
Die Mashruteh-Revolution (1906 – 11)177
Herrschaft Reza Shahs (1921 – 41)178
Machtübernahme des Pahlavi II. (1941 – 79)180
Der klerikale Aufstand von 1963184
Die Revolution von 1979186
Die zweite Revolution190
Potentiale in den Quellen des Islam: Eine Suche194
Gewalt, Krieg, Frieden und Verbreitung der Religion im Islam207
Einleitung208
Ist die Praxis von Djihad als Qital eine Aggression?212
Der Djihadismus als religiös begründete Aggression215
Der Papst und der Islam. Themen des Dialogs und seine Grenzen. Gewalt und Vernunft216
Schlussfolgerungen222
Autorinnen und Autoren225
Herausgeberinnen228

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