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E-Book

Mainstream

Wie funktioniert, was allen gefällt -

AutorFrédéric Martel
VerlagKnaus
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl512 Seiten
ISBN9783641053895
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Wer beherrscht unsere Köpfe und warum? - Eine faszinierende Expedition zu den Mächtigen des Kulturbetriebs
Avatar, Stieg Larsson, Google, Michael Jackson - wie funktioniert die Kultur der Massen und wer macht sie? Was gefällt allen, überall auf der Welt? Und warum? Es geht in diesem Report über die weltweite Kulturindustrie um ein Billionengeschäft. Es geht aber auch um die Herrschaft über Worte, Bilder, Träume und Weltanschauungen.
Fünf Jahre reiste der Medienforscher Frédéric Martel auf allen Kontinenten, befragte in 1250 Interviews die Mitwirkenden der Kreativindustrien von 30 Ländern. Auf der Suche nach Gewinnern und Verlierern begleitet ihn der Leser in die Kapitalen des Entertainment, nach Hollywood und Bollywood, zu TV Globo nach Brasilien, zu Sony, Al Jazeera, Televisa, in ägyptische Multiplexkinos, die Kleinstädten gleichen, zu Kellnern in L.A., aus denen Weltstars wurden, und zu Julliard-School-Absolventen, die kellnern. Noch beherrscht Amerika den globalen Markt, doch deutlich dringt aus den Medienkonzernen in Mumbai, Shanghai, Seoul, Rio und Dubai der Schlachtruf: »Wir haben ein Milliardenpublikum, wir haben Geld, wir werden es Hollywood zeigen.« Dagegen spielen europäische Filme, Bücher, Musik eine immer geringere Rolle, da wir in Europa unsere elitäre Position, die auf Massenkultur hinunterschaut, nicht aufgeben wollen. Wir brauchen uns daher nicht zu wundern, wenn wir den Krieg um Werte, Bilder und die Inhalte in den Köpfen der Menschen verlieren.
Provozierende These: Will Europa ein internationaler Player sein, braucht es mehr Mainstream.

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Leseprobe
"Kapitel 14 Wie Al Dschasira der Mainstream-Sender der arabischen Welt wurde (S. 295-296)

An einem schönen Nachmittag im Juli 1997, einem Samstag gegen 16 Uhr, als es draußen heiß und feucht war, schauten sich saudische Familien in aller Ruhe eine Bildungssendung für Kinder auf Canal France International an, einem französischen Kultursender und Ableger von France Télévisions. Die Übertragung erfolgte über den Satelliten ArabSat, den 21 arabische Länder 1985 ins All schossen. Plötzlich wurde durch einen Fehler bei Télédiffusion de France statt CFI das Programm des Bezahlsenders Canal+ übertragen. Der Vorfall hätte nicht weiter Aufsehen erregt, wenn an diesem Tag nicht ausgerechnet der Pornofilm Club privé au Portugal gesendet worden wäre. »Ich kann nur sagen, dass es der schlimmste Vorfall in meiner Karriere war.«

Philippe Baudillon sitzt in einem ausladenden Sessel in seinem Büro an der Place des Ailes in Boulogne-Billancourt, einem westlichen Vorort von Paris, wo die meisten französischen Fernsehsender ihre Zentrale haben. In jenem Juli 1997 leitete er Canal France International (heute ist er CEO von Clear Channel France, einer Tochterfirma des amerikanischen Giganten für Außenwerbung; in ihren Büros empfängt er mich): »Über Canal France International erreichten französische Sendungen immer mehr Zuschauer in der Golfregion. Aber dieser Zwischenfall hat unsere ganze Expansionsstrategie zunichte gemacht.«

Der Porno von Canal+ lief ungefähr 30 Minuten, bis die Techniker in Paris ihr Versehen bemerkten (der Film war für einen Bezahlsender im Pazifik bestimmt), er konnte rund 20 arabische Länder und ein potenzielles Publikum von 33 Millionen Menschen erreichen. »Es war schrecklich. Mit der französischen Präsenz am Golf war es schlagartig vorbei. Wir wurden buchstäblich ausradiert«, klagt Philippe Baudillon. In der saudischen Hauptstadt Riad äußert sich Ahmed H. M. Al Kilani heute kritischer: »Ich war damals der Repräsentant von CFI in Saudi-Arabien und erinnere mich sehr gut. Es war grauenvoll. Wir haben versucht, das Programm sofort zu stoppen, aber bei CFI hat niemand reagiert.

Im Übrigen war das nicht der erste Alarm: CFI hatte schon einmal eine gewagte Variété-Show übertragen. Die Leute bei CFI waren nicht sehr kompetent, von arabischen Wertvorstellungen hatten sie keine Ahnung.« Laut der offiziellen Pariser Version, die allerdings bisher nur durch wenige Belege gestützt wird, diente dieser Zwischenfall als Vorwand, um die Franzosen von dem Satelliten ArabSat zu verdrängen.

»Das ist plausibel«, bestätigt Saud Al Arifi, der CEO von Salam Media Cast, einem wichtigen saudischen Systemintegrator von satellitengestützten Medien, ebenfalls in Riad; Al Arifi ist zuständig für die Inhalte auf dem Satelliten ArabSat. Und er fährt fort: »Pornofilme gibt es in Saudi-Arabien im Abonnement-Fernsehen. Sie sind natürlich verschlüsselt, aber viele entschlüsseln sie illegal. Die Wut der Saudis war genauso intensiv wie ihr Wunsch, die Franzosen loszuwerden.«

Um sich zu vergewissern, greift Al Arifi zum Telefon und ruft in meiner Gegenwart einen Vertreter von ArabSat in Jordanien an und fragt ihn direkt: »Glaubst du, es war ein Vorwand, um die Franzosen rauszukriegen?« Ich höre, wie der Mann in Amman auf Arabisch antwortet. Saud Al Arifi legt auf und übersetzt für mich ins Englische: »Bei ArabSat sagen sie, es war kein Vorwand, der Film habe sie wirklich wütend gemacht.« Inszenierung? Vorwand? Jedenfalls hatte der Vorfall zur Folge, dass CFI umgehend vom Satelliten ArabSat entfernt wurde. Die Saudis empörten sich über das »technische Versehen« der Franzosen und verhängten trotz diplomatischen Drucks aus Paris den Bann über CFI."
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