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Notting Hill Carnival

Die Aushandlung des Eigenen im multiethnischen Großbritannien seit 1958

AutorSebastian Klöß
VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl543 Seiten
ISBN9783593422701
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis45,99 EUR
Migration und Multikulturalismus, Integration und Identität - bis heute lösen diese Themen in westlichen Gesellschaften Kontroversen aus. Die Begegnung mit dem Anderen hat in der Geschichte wiederholt vertraute Ordnungen und Vorstellungen herausgefordert. Sebastian Klöß analysiert diese Debatten am Beispiel des Notting Hill Carnivals in London. Die mehrtägige Großveranstaltung gilt als Kontaktzone, in der Afrokariben und Briten ihre eigene Identität und die Abgrenzung zum Anderen konflikthaft aushandeln. Die Analyse des multikulturellen Festes leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von Migrations- und Integrationsprozessen.

Sebastian Klöß promovierte am Sonderforschungsbereich »Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel« der HU Berlin.

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Leseprobe
Einleitung

Notting Hill Carnival

'Carnival is something you cannot ignore [...]. In 100 years' time historians will find it very difficult to ignore and dismiss it simply as a bunch of Westindians jumping up and down in the road'. Diese Aussage von Claire Holder, einer früheren Organisatorin des Notting Hill Carnivals, ist prophetisch und falsch zugleich. Prophetisch, weil Historiker den Notting Hill Carnival mittlerweile in der Tat für relevant halten. Sogar für so relevant, dass darüber - siehe die vorliegende Studie - Dissertationen geschrieben werden können. Falsch, weil Historiker keine 100 Jahre benötigten, um das zu erkennen. Denn dann hätte es erste Arbeiten über den Notting Hill Carnival erst im Jahr 2089 geben dürfen.

Doch was ist der Notting Hill Carnival überhaupt? Und warum beschäftigen sich Historiker mit ihm? Der Notting Hill Carnival ist ein jährliches Straßenfest im Londoner Stadtteil Notting Hill. Heute feiern auf ihm Hunderttausende von Menschen - Afrokariben und weiße Briten, Londoner und Touristen, Jung und Alt - am Sonntag und Montag der August Bank Holiday mit bunten Kostümen, lauter Musik, karibischem Essen und Alkohol. Von seinen Anhängern wird das Treiben selbstbewusst als Europas größtes Straßenfest bezeichnet, als Höhepunkt des Jahres, den man sich keinesfalls entgehen lassen dürfe. Viele Anwohner hingegen fliehen regelrecht vor ihm, da ihm der Ruf anhaftet, nicht nur mit Lärm und Müll, sondern auch Gewalt einherzugehen. Um dieses Fest mit all seinen Facetten soll es in dieser Arbeit gehen, von seinem Anfang - oder besser: seinen Anfängen - im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts bis in die 1990er Jahre. Dass sich das Treiben heute selbstbewusst als Europas größtes Straßenfest bezeichnet und an ihm Hunderttausende von Menschen teilnehmen, macht es sicherlich interessant. Für Historiker relevant wird der Carnival in Notting Hill jedoch vor allem - so sei als Ausgangsthese formuliert -, weil er eine zentrale Schnittstelle, ja eine Kontaktzone war, an und in der wiederholt und häufig kontrovers das Eigene und das Andere verhandelt wurden. An ihm und mit ihm wurde jährlich ausgehandelt, was es bedeutete, als Mensch mit afrokaribischer Herkunft in Großbritannien zu leben. Und zugleich, was es für die britische Gesellschaft bedeutete, seit der Nachkriegszeit eine afrokaribische Minderheit zu besitzen.

1. Fragestellung

Von dieser Ausgangsthese leitete sich die konkrete Fragestellung dieser Arbeit ab. Es wird untersucht werden, wie das Eigene und das Andere anhand des Notting Hill Carnivals ausgehandelt wurden, inwiefern und ob es sowohl aufseiten der Afrokariben als auch der britischen Mehrheitsbevölkerung eine Rückbesinnung auf das Eigene gab, wenn sie mit dem jeweils Anderen konfrontiert waren - und wie diese Rückbesinnung aussah. Also: Was wurde jeweils wann, warum als das Eigene betrachtet? Was als eigene Kultur, als eigene Geschichte, als eigene Identität? Was war in Abgrenzung davon das Andere? An welche (konstruierten) Traditionslinien wurde dabei angeknüpft? Wie wurden diese Traditionslinien wahrgenommen, sich angeeignet und in der konkreten zeitlichen und räumlichen Situation in London umgesetzt? Wie wurde dabei insbesondere die Geschichte des karibischen Carnivals, der Afrokariben überhaupt, (um-)gedeutet, wie und warum wurde sie handlungsleitend? Oder, anders formuliert: Wie bestimmten die Afrokariben in Großbritannien ihr In-der-Welt-Sein? Wie definierte sich die britische Mehrheitsgesellschaft? Wer und welche kulturellen Einflüsse zählten jeweils zu unterschiedlichen Zeiten zu ihr?

Es griffe jedoch bedeutend zu kurz, das Eigene und das Andere, die anhand des Notting Hill Carnivals ausgehandelt wurden, nur entlang ethnischer Kategorien zu definieren, sprich: nur entlang einer Grenze zwischen weißer britischer Mehrheitsbevölkerung und Afrokariben. Es standen sich nämlich keineswegs zwei monolithische Blöcke gegenüber. Vielmehr waren beide Seiten vielfach in sich gespalten und insofern jeweils selbst diversen Aushandlungs- und Wandlungsprozessen unterworfen. In dieser Arbeit wird es deshalb insbesondere auch um die Binnendifferenzierungen innerhalb der afrokaribischen Bevölkerung gehen. Denn sie stammte von ganz unterschiedlichen karibischen Inseln, die teils Tausende von Kilometern voneinander entfernt liegen, eine je eigene koloniale Vergangenheit besitzen, sich kulturell unterscheiden und zwischen denen mitunter innerkaribische Rivalitäten bestanden. Obendrein setzte sie sich recht bald aus unterschiedlichen Generationen zusammen - um nur einige der relevanten Binnendifferenzierungen vorwegzunehmen.

Von der Aushandlung des Eigenen und des anderen zwischen Afrokariben und britischer Mehrheitsbevölkerung ausgehend und mit ihr verwoben liegt dieser Arbeit ein zweites Set an Fragen zugrunde, das eher auf das Fest im engeren Sinne zielt. Es lautet: Wer waren jeweils die Protagonisten des Notting Hill Carnivals? Wie wandelte er sich durch die Aushandlung des Eigenen und des Anderen? Inwiefern veränderten sich seine Bestandteile? Und inwiefern nicht zuletzt seine Wahrnehmung? Inwiefern changierte also auch das Fest in der Perzeption der Zeitgenossen wiederholt zwischen Eigenem und Anderem? Dabei sollen zwei gängige Vorannahmen vermieden werden, mit denen Gegner beziehungsweise Anhänger des Carnivals auf das Fest blickten. Nach der ersten hat sich der Notting Hill Carnival zyklisch im Kreis gedreht; nach der zweiten linear-teleologisch entwickelt. Sich zyklisch im Kreis zu drehen schien er sich für zahlreiche seiner Gegner, die kritisierten, er bringe jedes Jahr aufs Neue dasselbe Chaos und dieselbe Belästigung. Sich linear-teleologisch zu entwickeln hingegen schien er sich für all jene, die beim Carnival eine klare Entwicklung zum Positiven ausmachten. Sei es von den Unruhen des Jahres 1958 hin zum heutigen multikulturellen Megaevent; von einer nach der Ankunft der Afrokariben spannungsgeladenen britischen Gesellschaft zu einer multikulturellen, spannungsfreien; oder von einer gespaltenen afrokaribischen Bevölkerung in Großbritannien hin zu einer starken, selbstbewussten Community. Insbesondere die zweite Sicht hat sich häufig auch in wissenschaftlichen Abhandlungen über den Notting Hill Carnival niedergeschlagen.

Diese Fragestellung und die Tatsache, dass es weder eine homogene afrokaribische Bevölkerung noch eine homogene weiße Bevölkerung in Großbritannien gab und gibt, erfordern für die vorliegende Studie ein akteurszentriertes Vorgehen. Schließlich wird es um die Selbst- und Fremdwahrnehmung dieser Akteure gehen, darum, wie sie ihre Welt deuteten, welche Schlüsse sie aus den Deutungen zogen und wie sie dann handelten. Im Mittelpunkt stehen die Organisatoren des Carnivals, also die wechselnden Organisationskomitees und ihre jeweils entscheidenden Mitglieder. Die Organisationskomitees alleine machten jedoch keinen Carnival aus. Daher werden auch ihre Kritiker aus den Reihen der Afrokariben untersucht werden. Außerdem diverse Carnivalbands - wobei Band in der Begrifflichkeit des Notting Hill Carnivals nicht zwangsläufig Musikgruppe meint, sondern ebenso Kostümgruppen. Beispiele für Carnivalbands, die dem Notting Hill Carnival entscheidende Impulse gaben und über die zugleich aussagekräftiges Archivmaterial existiert, sind Lion Youth, Elimu, die Race Today Renegades. Über diesen Kern der am Carnival Beteiligten hinaus werden einzelne einflussreiche Gruppierungen innerhalb der afrokaribischen Community Londons mit berücksichtigt, etwa die Black Parents, Black Students und Black Youth Movement und das Black People's Information Centre. Außerdem relevante afrokaribische Einzelakteure, etwa Darcus Howe, John La Rose und Michael La Rose. Ergänzt werden diese Akteursgruppen durch Organisationen, Nachbarschaftsinitiativen und Interessengruppen, die in Notting Hill aktiv und für den Carnival bedeutend waren, sei es, weil sie für den Carnival entscheidende Persönlichkeiten hervorbrachten oder den Carnival mitorganisierten. Zu nennen sind hier die London Free School und die Golborne-Nachbarschaftsinitiative. Nicht jeder war für den Carnival, weshalb auch einzelne weiße Bewohner Notting Hills berücksichtigt werden, die allein oder in Gruppen zusammengeschlossen gegen den Carnival opponierten. Entscheidenden Einfluss auf den Notting Hill Carnival hatten darüber hinaus die Metropolitan Police, der Bezirk Kensington (1965 mit Chelsea zum Royal Borough of Kensington and Chelsea zusammengelegt) und in ihm aktive Lokalpolitiker. Außerdem diverse Institutionen, die den Notting Hill Carnival finanziell unterstützten, etwa das Arts Council of Great Britain, das Greater London Council, die Community Relations Commission sowie deren Nachfolger, die Commission for Racial Equality.

Bereits in den bisherigen Absätzen dürfte eine gewisse Begriffsproblematik aufgefallen sein, mit der sich die vorliegende Arbeit auseinandersetzen muss. Hier war schon von ?weißen Briten?, von ?Weißen?, einer ?weißen Bevölkerung? und einer ?weißen (britischen) Mehrheitsbe- linebreak völkerung? die Rede, von ?Afrokariben?, einer ?afrokaribischen Minderheit?, einer ?afrokaribischen Bevölkerung? und einer ?afrokaribischen Community?. Mit diesen Begriffen soll keineswegs eine binäre Schwarz-Weiß-Differenz perpetuiert werden. De jure waren bereits die Einwanderer aus der britischen Karibik Briten, ihre in Großbritannien geborenen Kinder und Enkel nicht minder. Streng genommen könnten somit all diese Begriffe einfach durch ?Briten? oder ?britische Bevölkerung? ersetzt werden. Doch das brächte das rein praktische Problem mit sich, dass der Leser jeweils raten müsste, wer gemeint ist. Vor allem aber machte es während des Untersuchungszeitraums sowohl im täglichen Leben als auch im Selbstverständnis de facto eben doch einen Unterschied, ob man ein schwarzer oder ein weißer Brite war. Mehrheitlich wird für die Einwanderer aus der Karibik und ihre Nachfahren daher der Begriff Afrokaribe verwendet werden, abgeleitet vom englischen Afro-Caribbean. Das ist (noch) die gängige und politisch korrekte Bezeichnung für dunkelhäutige Einwanderer aus der Karibik, deren Vorfahren als Sklaven dorthin verschleppt worden waren. Um eine gewisse sprachliche Monotonie zu vermeiden, wird synonym dazu von schwarzen Briten beziehungsweise nur von Schwarzen gesprochen werden.

Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
I. Einleitung10
1. Fragestellung11
2. Theoretisch-methodischer Zugriff15
3. Forschungsstand und Quellenbasis27
4. Aufbau der Arbeit37
II. Wenn aus Briten Fremde werden40
1. Erwartungen und Enttäuschungen40
2. Die »race riots« von 195855
III. Die drei Anfänge des Notting Hill Carnivals64
1. Der erste Anfang? Claudia Jones’ Feiern von 1959 bis 196464
1.1 Claudia Jones und die West Indian Gazette65
1.2 Karibisch feiern, Einheit stiften: Das Fest im Januar 195968
1.3 Die Trinidadisierung des Festes73
1.4 Das Ende von Claudia Jones’ Carnival – der Anfang des Notting Hill Carnivals?78
2. Die Wende in Notting Hill um 197083
2.1 Ein vergessener und vernachlässigter Stadtteil der Kontraste85
2.2 Die London Free School89
2.3 Das Notting Hill Summer Project92
2.4 Die Golborne-Nachbarschaftsinitiative94
2.5 Der Mangrove-Fall97
3. Der zweite Anfang: Das Nachbarschaftsfest auf der Straße108
3.1 Rhauné Lasletts Carnival (1966 bis 1969)109
3.2 Ein Fest im Umbruch (1970 bis 1972)122
3.3 Ein Nachbarschaftsfest mit offenem Ende132
4. Der dritte Anfang des Carnivals (1973 bis 1975): Das Vorbild Karibik135
4.1 Der Carnival auf Trinidad: Von der Bedrohung für die soziale Ordnung zum Nationalfest135
4.2 Reggae und Rasta: Konzepte, um sich die Welt zu erschließen149
4.3 Rasta, Reggae und die Identitätsfrage der afrokaribischen Jugend in Großbritannien158
4.4 Palmers Carnival (1973 bis 1975): Einheit unter afrokaribischem Vorzeichen166
IV. Der Carnival in der Krise?190
1. Der spaltende Einheitsstifter191
1.1 Die Planung des Carnivals 1976191
1.2 »Race riots« statt Carnival? Die Carnivals 1976 und 1977209
1.3 »Alien cultures« versus »English culture«226
1.4 Was ist ein richtiger Carnival?239
1.5 Hilfreiche Ergänzung oder bedrohlicher Rivale? Der Finsbury Park Carnival260
2. Die Überwindung der Krise?265
2.1 Arrangieren und organisieren265
2.2 Reintegrieren der Jugendlichen287
3. Schnittstelle zwischen dem Eigenen und dem Anderen309
V. Konsolidierung oder Ruhe vor dem nächsten Sturm?322
1. Konsolidierung? 1982 bis Anfang 1987323
1.1 Konsolidierung mittels Kooperation323
1.2 Die Grenzen der Kooperation334
1.3 Konsolidierung mittels Anerkennung342
1.4 Konsolidierung mittels Eigeninteresse349
1.5 Zwischen Eigennutz und Multikulturalismus356
1.6 Konsolidierung mittels Vergangenheit(sdeutung)358
2. Der nächste Sturm? Die Carnivals von 1987 und 1988389
2.1 Das Ende von Konsens und Konsolidierung?390
2.2 Wer kann und wer darf den Carnival kontrollieren?401
2.3 Neue und alte Abgrenzungstendenzen413
3. Der Notting Hill Carnival im Kontext der 1980er Jahre: Zwischen Konsolidierung und Konflikt417
VI. 1989 and beyond: Claire Holders Carnival424
1. Carnival 1989: Gelungener Carnival oder Anfang vom Ende?424
2. Verlust des Carnivals oder Europe’s biggest street festival?435
2.1 Holders Kritiker institutionalisieren sich435
2.2 Verloren, verwässert und verkauft?441
2.3 Hat der Carnival noch eine Bedeutung? Zwischen Essentialismus und Konstruktivismus452
2.4 Holders Ende als Carnivalvorsitzende461
VII. Fazit und Ausblick464
Abkürzungsverzeichnis496
Quellen und Literatur498
Dank542

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