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Russensommer

Meine Erinnerungen an die Befreiung vom NS-Regime

AutorCornelia Schmalz-Jacobsen
VerlagC. Bertelsmann
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783641194796
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Deutschland 1943. In Berlin fallen die Bomben, und Cornelias Eltern, die sich gegen das Naziregime engagieren, sind in großer Gefahr. Schweren Herzens entschließen sie sich, ihre gerade einmal achtjährige Tochter allein an die Ostsee zu schicken - in Sicherheit. Auf dem Darß bei Tante Maria und Onkel Friedel erlebt das kleine Mädchen einen Sommer, den es niemals vergessen wird: Die russische Armee rückt immer näher, die Menschen fürchten sich, doch Cornelia freut sich auf die Befreiung. Mit drei jungen Rotarmisten schließt sie eine Freundschaft, an die sie sich ihr Leben lang erinnern wird - und kommt am Ende sogar einem alten Familiengeheimnis auf die Spur.


Cornelia Schmalz-Jacobsen, geb. 1934, hat ein Sprachstudium absolviert und arbeitet seit 1962 als Journalistin. Sie trat 1968 in die FDP ein und hat zahlreich politische Ämter innegehabt: u.a. Stadträtin in München, Senatorin für Jugend und Familie in Berlin, FDP-Generalsekretärin, stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP, Bundestagsabgeordnete sowie Beauftragte der Bundesregierung für die Belange der Ausländer. Außerdem ist sie stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung 'Gegen Vergessen - Für Demokratie'. Cornelia Schmalz-Jacobsen hat über ihre Eltern ein Buch veröffentlicht: 'Zwei Bäume in Jerusalem' (2002), in dem sie über den Widerstand ihrer Eltern gegen das Nazi-Regime und ihre Rettungsaktionen für Verfolgte schreibt. (In der 'Allee der Gerechten' in Yad Vashem erinnern zwei Bäume an sie.)

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Leseprobe

Bunkernächte

Ich war noch keine neun Jahre alt. Und ich hatte Angst. Angst vor den Bomben, Angst um mein Zuhause, Angst um meine Eltern und Geschwister. Es war der Herbst 1943, die Schlacht um Stalingrad war schon etliche Monate her, aber der Zweite Weltkrieg noch längst nicht zu Ende.

In Berlin wurden in jenem Herbst die Luftangriffe immer häufiger und auch immer heftiger. Die britischen Bomber kamen fast täglich, meistens mitten in der Nacht. Oft wurde ich aus dem Bett geholt, wenn die Sirenen mit ihrem schrillen Alarm vor einem Bombenangriff warnten. Bis heute wird mir flau im Magen, wenn ich eine Sirene höre. Meine Mutter und meine großen Geschwister hörten damals schon den streng verbotenen Sender BBC. Er war leicht zu empfangen, aber auch der offizielle Deutschlandsender informierte die Bevölkerung. – »Starke Verbände im Raum Hannover-Braunschweig im Anflug auf Berlin.« Es klang unheimlich, und es bedeutete, dass wir uns besser rasch auf den Weg in unseren Bunker machten. Ich hatte »Pullover-Braunschweig« verstanden, da mir wohl weder Hannover noch Braunschweig ein Begriff waren, und so war es fortan bei uns allen ein geflügeltes Wort. »Pullover-Braunschweig« bedeutete Angst, Zerstörung und möglichst schnell in den Bunker.

Unser kleiner Bunker lag hinter unserem Reihenhaus, ganz am Ende des langen, schmalen, handtuchförmigen Gartens. Der Vater einer Schulkameradin meiner Schwester Nico war Bauingenieur, und meine Eltern hatten ihn gefragt, ob er uns einen kleinen Bunker bauen könne. Er sagte zu und baute ihn in einer ganz anderen Form als üblich. Anstatt horizontale und vertikale Elemente zu verwenden, bekamen wir einen runden Bunker, bestehend aus zwei großen, miteinander verbundenen Betonröhren, wie man sie noch immer im Straßenbau sehen kann. Es war ein ganz besonderes Modell. Mein Vater hatte uns, schon bevor er 1941 zur Wehrmacht eingezogen wurde, mehrfach erklärt, dass die runde Form sicherer vor Einschlägen sei als ein eckiger Bau.

Zum nächstgelegenen, öffentlichen Bunker brauchte man zehn bis fünfzehn Minuten. Zu weit und zu gefährlich, um bei Bombenalarm hinzulaufen. Es war Pflicht, bei Alarm einen Bunker aufzusuchen – wenn die Sirenen losgingen, waren also bald alle Häuser leer. Die Türen der Häuser durften nicht abgeschlossen sein, damit der Blockwart, eine Art Hausmeister mit Aufsichtspflichten, der meistens für mehrere Häuser oder einen ganzen Häuserblock zuständig war, überall Zutritt hatte. Es könnte ja irgendwo Licht brennen, ein Brand schwelen oder etwa sogar ein Mensch versteckt sein! Blockwarte hatten den Ruf, Spitzel und Denunzianten zu sein, deshalb war meine Mutter immer darauf bedacht, die von ihr versteckten Juden gut zu verbergen, bevor wir in den Bunker gingen.

Nur unsere Haushaltshilfe Hedda – sie war eine sehr wichtige Person in unserer Familie – bestand darauf, auch bei Alarm im Haus zu bleiben. Sie hatte zwanzig Jahre lang bei einer jüdischen Anwaltsfamilie gearbeitet, bis es ihr die Nürnberger Rassengesetze 1935 verboten. Eine arische Frau unter fünfundvierzig Jahren durfte keinesfalls mehr in einem jüdischen Haushalt arbeiten, zu dem auch Männer gehörten. Sie hatte Sympathie mit den Juden – also konnte meine Mutter ihr vertrauen. Hedda litt allerdings unter einer unerträglich starken Klaustrophobie und wollte deshalb keinesfalls in den engen Bunker gehen. Sie setzte sich durch und blieb im Haus.

Die Fenster blieben möglichst einen Spalt weit geöffnet, damit sie bei einer Bombenexplosion nicht so leicht brachen. Vorsichtsmaßnahmen, die keineswegs immer halfen.

Um in unsere Röhre zu kommen, mussten wir durch den ungeschützten Garten laufen und eine kleine Treppe mit ein paar Stufen hinuntergehen. Dann konnten wir es uns auf den Matratzen, mit denen die beiden Röhren ausgelegt waren, einigermaßen bequem machen. Proviant hatten wir nicht mit dabei. Meistens dauerten die Angriffe nicht so lange.

Ich hatte meiner Mutter an jenem Novemberabend eine Überraschung bereiten wollen, hatte mich ohne Ermahnung ausgezogen und gewaschen. Ich erschien also bettfertig im Nachthemd und wurde gelobt, aber fast im selben Atemzug sagte sie: »Heute wäre das nicht nötig gewesen, denn es ist schon Pullover-Braunschweig angesagt worden.« Ich musste also so schnell wie möglich zurück in meine Kleidung. Dann ab durch den Garten, Mutter, wir drei Schwestern und ein zwölfjähriges Mädchen samt Schäferhund, die ein benachbartes Ehepaar bei uns zur Betreuung abgegeben hatte.

Kaum im Bunker angekommen, gingen der Krach und das Getöse schon los. Der Angriff war schwerer als alle anderen vorher. Die Großen kommentierten die Einschläge der Bomben: »Klingt ziemlich nah!« – »Hoffentlich nicht bei uns!« Ich versuchte, nicht ständig über die Bedeutung der Geräusche nachzudenken. Das Pfeifen der Bomben, ehe sie einschlugen, war beängstigend, weil man nie genau wissen konnte, wo sie landen und welche Zerstörung sie anrichten würden. Manche Silvesterraketen unserer Tage geben einen ganz ähnlichen Pfeifton von sich, den ich noch heute schwer ertrage, weil sofort die Bilder von Krieg und Bomben vor meinem inneren Auge erscheinen.

Wenn die Sirenen mit einem einzigen, langen Ton Entwarnung gaben und der Fliegerangriff vorüber war, verließen meine Mutter und die Schwestern den Bunker, liefen durch den Garten und schauten sich um – ob unser Haus getroffen war oder eines der Nachbarhäuser, ob es irgendwo brannte und gelöscht werden musste. Wassereimer standen bereit – zum Glück gab es Wasser noch aus der Leitung. Die ganze Nachbarschaft war auf den Beinen, um zu löschen und zu helfen, wo Hilfe nottat.

Ich jedoch musste allein im Bunker bleiben, denn die Großen konnten mich nicht gebrauchen! – Ich wusste das und sah es auch ein. Aber scheußlich war es trotzdem.

In jener Nacht, nach dem langen und schweren Angriff, setzte es mir besonders zu, dass ich nicht nach oben konnte. Die Zwölfjährige, die zu Gast war, musste natürlich auch noch im Bunker bleiben, aber sie war keine Freundin von mir, und ich kannte sie kaum. Sie starrte vor sich hin und murmelte undeutliche, verrückte Sätze. Immer wieder wimmerte sie: »Liebergottbittebittebeschützeunsliebergottvergissunsnicht«, dann holte sie kurz Atem, und gleich ging es wieder los mit dem Gewimmer. Ich versuchte, sie etwas zu beruhigen, aber sie hörte überhaupt nicht zu. Das Mädchen flößte mir noch mehr Angst ein, ich fürchtete mich vor ihm. So blieb mir nur Gypsie, der freundliche, große, gutmütige Schäferhund, den ich gut kannte. Ich klammerte mich an das Tier, streichelte sein weiches Fell und versuchte, mit den großen Hundeohren meine kleinen Ohren zuzuhalten. Mal das eine, mal das andere Ohr. Das war gar nicht so leicht. Ich spürte den Herzschlag des Hundes an meinem Gesicht. Diesmal hatte der Angriff sehr lange gedauert.

Es gab damals so viele Dinge, vor denen ich Angst haben konnte, Dinge, die ich nicht verstand. Wie ging es meinem Bruder Konstantin, der gleich nach seinem neunzehnten Geburtstag im letzten Juli zur Wehrmacht eingezogen worden und nun in Russland war? – Wie ging es meinem Vater, der seit mehr als zwei Jahren im sogenannten Generalgouvernement in Polen ein hochgefährliches Leben lebte? Wie lange würde dieser Krieg noch dauern?

Mit dem Hund in den Armen tat ich das Naheliegende: Ich träumte mich weg. Ich dachte an die Ostsee, an eine Welt, in der es ruhig war und friedlich. An meine Reise im vergangenen August mit meiner Lieblingsschwester, der ältesten, genannt Mimi, nach Zingst. Ich dachte an die schöne, schlanke Tante Mary, bei der wir gewohnt hatten, an ihre wehenden Röcke, die hochgesteckte Außenrolle und ihre anmutigen Bewegungen. Sie war halbe Engländerin, wie sie uns erklärte. Das machte sie für mich noch interessanter, wie alles Ungewöhnliche und Fremdartige. Ich erinnerte mich an den blühenden Garten und das gemütliche Haus. An der Ostsee gab es keine Sirenen und keine Bomben.

Tante Mary hatte ein Tutu, ein Ballettröckchen, weil sie früher Ballett getanzt hatte. Ich durfte es anziehen, obwohl es mir viel zu groß war, und war glücklich zur Schallplattenmusik aus dem aufziehbaren Grammofon durchs Haus geschwebt.

Die Einladung nach Müggenburg war ein besonderes Ereignis gewesen, zu einer mir unbekannten Tante Maria und einem unbekannten Onkel Friedel. Wir waren an einem Sommernachmittag auf einen richtigen Bauernhof gefahren. Wenigstens für die Augen eines Kindes hatte nichts in diesem Ort darauf hingedeutet, dass sich Europa mitten in einem Krieg befand. Es gab Kuchen und künstliche Limonade, ich war aber zunächst ziemlich schüchtern. Der kleine Christian, der vierjährige Sohn der beiden, brach den Bann. Mit einem merkwürdigen Akzent schlug er mir vor: »Du kleine Mädchen, ich dir sollen zeigen Stall?« Natürlich wollte ich das alles sehen! – Warum sprach er so komisch? Der kleine Christian war unwiderstehlich. Er war ein munteres Kind, mit blitzblauen Augen, die zu leuchten schienen, und einem ansteckenden Lächeln mit strahlend weißen Milchzähnen. Die Berliner Kinder erschienen mir dagegen blasser und weniger fröhlich. Kein Wunder, bekamen sie den Krieg doch aus nächster Nähe mit.

Wir gingen durch den großen Stall aus rotem Backstein. Nur die Schweine waren da, die Kühe, Schafe und Pferde standen auf der Weide. Es hatte nicht besonders gut gerochen – aber sogar der Stallgeruch war besser gewesen als dieser Geruch nach feuchtem Zement.

Ich unterbrach meinen Tagtraum und nahm den Bunkergeruch wahr. Ich blickte auf die einzelne Glühbirne in der Röhre und erinnerte mich an den schummrigen Heuboden von Müggenburg. Das Mädchen neben mir wimmerte. Ich dachte...

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