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E-Book

Stabilisierung traumatisierter Patientinnen

AutorChantal Cordier
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl45 Seiten
ISBN9783640671229
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Studienarbeit aus dem Jahr 2010 im Fachbereich Psychologie - Beratung, Therapie, Note: 1,0, , Sprache: Deutsch, Abstract: Die Traumatherapie hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Statt PatientInnen damit zu quälen, alle Details immer wieder durchzukauen und oft unter dadurch entstehenden Retraumatisierungen und Destabilisierung zu leiden, haben sich vielfältige, schützende, ressourcenorientierte Verfahren etabliert. In dieser Arbeit ist eine Fülle an psychologischen Werken der letzten Jahren berücksichtigt worden. Ziel dieser Arbeit soll es sein, sich 1. einen Überblick über die mit einem nicht oder noch nicht ausreichend verarbeiteten Trauma einhergehende spezifische Symptomatik bei PatientInnen zu verschaffen, 2. für die Therapie traumatisierter PatientInnen diagnostische Sicherheit zu gewinnen, 3. betroffene PatientInnen darüber informieren zu können (bzw. zu informieren), wie in der Traumatherapie vorgegangen wird und 4. adäquate Interventionen für die Stabilisierung vorzustellen. Eine wissenschaftlich genau recherchierte, praxisnahe und für Betroffene hilfreiche Arbeit, in der es gelingt, Perspektiven verschiedener therapeutischer Schulen für die therapeutische Arbeit nutzbar zu machen.

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Leseprobe

2  Therapie traumatisierter PatientInnen

 

2.1  Therapeutische Grundhaltungen gegenüber traumatisierten PatientInnen

 

Das Risiko eines Therapieabbruchs ist bei traumatisierten PatientInnen besonders groß. Oft sind Traumatisierungen außerdem mit Umbrüchen, Verlusten in der Familie bzw. Veränderungen im sozialen Umfeld verbunden, z. T. spielt auch ein kritisches Umfeld bezüglich der Wahrnehmungen und Entscheidungen des/der Betroffenen eine Rolle bis hin zur sozialen Isolierung, so dass eine Phase der Orientierungslosigkeit entsteht. Orientierungshilfen und Hilfsmaßnahmen sind nötig, wobei letztere langfristig wirksamer sind, wenn der/die Patient/-in sie selber initiiert hat; zu direktives Vorgehen kann das Hilflosigkeitserleben (insbesondere bei einer schon vorliegenden erlernten Hilflosigkeit) verstärken.

 

Daher ist eine sichere, bedürfnis-, begegnungsorientierte therapeutische Beziehung, die das Kontrollbedürfnis respektiert, besonders wichtig. Das bedeutet, besonders in der Anfangsphase: keine klassische Abstinenz oder wohlwollende Neutralität, sondern ein supportives Setting, unterstützendes Klima, relative Parteilichkeit für traumatisierte Patienten/-innen. Der/die Therapeut/-in fungiert als Zeuge/-in; seine/ihre Aufgabe ist weder, die Erinnerungen des/der Patienten/-in auf deren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, noch über den Schweregrad der Traumatisierung zu urteilen.[90] Das betrifft auch die Anamnese: Ausfragen, z. B. aus Neugier oder Faszination für traumatische Geschichten, ist nicht angebracht.[91] Wichtiger ist es – gerade in der Anfangsphase -, Schutz vor subjektiver bzw. objektiver Bedrohung zu gewährleisten bzw. dafür Hilfestellungen zu geben, z. B. die Frage zu klären, ob noch Täterkontakt besteht, oder einen adäquaten Umgang

mit Intrusionen zu vermitteln, da diese als noch präsente Bedrohung erlebt werden und damit retraumatisierend sein können.[92] Wichtig ist also ein systemischer, ganzheitlicher Blickwinkel.[93]

 

Auch die Geschlechtszugehörigkeit spielt eine Rolle (gender bias): Oft generalisieren Traumatisierte ihre Befürchtungen auf alle Männer bzw. alle Frauen oder Männer bzw. Frauen eines bestimmten Typs, besonders Opfer sexualisierter Gewalt.[94]

 

Weitere Anforderungen sind[95]

 

eine akzeptierende Grundhaltung,

 

eine sehr genaue Diagnostik, damit Symptome wie Dissoziation und Amnesie im therapeutischen Prozess berücksichtigt werden können[96],

 

Personenzentriertheit[97], damit einhergehend

 

maximale Transparenz[98] und Aufklärung über das Vorgehen,

 

Betonung der Entscheidungs- und Reflexionskompetenzen[99],

 

Glaube an die „innere Weisheit“ bzw. die Intuition des/der Patienten/-in (der/die Patient/-in als Experte/-in seines/ihres Lebens)[100],

 

Prozess-/Erfahrungsorientierung[101], was auch heißt

 

Akzeptanz aller Bewältigungsstrategien und Erlebensaspekte (wie z. B. Suizidalität, Selbstverletzungsimpulse) solange keine gesünderen (z. B. auch heißt, den Umgang mit unvollständigen oder wieder aufgetretenen Erinnerungen zu erlernen) zur Verfügung stehen[102],

 

Ressourcenorientierung[103]. (Hinweise auf Ressourcen können allerdings kränkend wirken, da das Gefühl entstehen kann, im eigenen Leid nicht ernst genommen zu werden).

 

Eine hilfreiche Zusammenstellung zu den therapeutischen Grundhaltungen nach Petzold, „Die 14 Heilfaktoren“, findet sich im Anhang (IX).

 

TherapeutInnen sollten sich bei traumatisierten PatientInnen besonders bewusst sein, dass die Beziehungserfahrung eine neue Lernerfahrung sein kann, wobei die Beziehung eine asymmetrische ist.[104]

 

Therapiehürden können sein:

 

Unsicherheit in der therapeutischen Beziehung[105],

 

eine Fehldiagnose (z. B. durch Schnittpunkte zu Persönlichkeitsstörungen)[106],

 

zu frühes Aufbrechen des lebenserhaltenden und –rettenden Vermeidungs-verhaltens, z. B. durch zu ausführliche Anamnese[107],

 

die These, dass nur Sitzungen, in denen Tränen fließen oder Wutausbrüche vorkommen, erfolgreich sind[108],

 

zu frühe Traumakonfrontation[109],

 

Übersehen von Symptomen[110] wie der Dissoziation oder der Amnesie,

 

Überforderung durch Symptome, z. B. bei selbstverletzendem Verhalten[111],

 

die „Amnesie für die Amnesie“ seitens des/der Patienten/-in, dem/der eigene Erinnerungslücken eventuell nicht bewusst sind[112],

 

das Verleugnen von Täter-Introjekten, auch seitens des/der Therapeuten/-in (die auch wichtige Überlebensstrategien waren bzw. sind)[113],

 

Trigger seitens des/der Therapeuten/in, vor allem im Erstgespräch[114],

 

Schweigen, das von traumatisierten PatientInnen oft als belastend erlebt wird[115],

 

aggressives PatientInnenverhalten und sonstige maladaptive Verhaltensmuster wie z. B. Beziehungstests (als Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung)[116],

 

Überforderung des/der Therapeuten/-in, bei dem/der ebenfalls Lebens-zusammenhänge und Sinnfragen berührt werden, was belastend sein kann[117],

 

sekundäre Traumatisierung der/des Psychotherapeutin/en auf Grund von Gegen-übertragungen, z. B. bei der Arbeit mit Täter-Introjekten[118].

 

Daher ist Selbstfürsorge auch für den/die Therapeuten/-in bei der Arbeit mit Traumatisierten immens wichtig,

 

z. B. durch

 

Supervision oder bei Bedarf auch Psychotherapie,

 

Achtsamkeitsübungen oder andere Distanzierungs-/Stressregulierungstechniken,

 

Anwendung der in der Traumatherapie angewandten Techniken wie Beobachtertechnik, Arbeit mit dem inneren Kind, Imaginationsübungen,

 

Aktivieren von Ressourcen wie durch die Imagination des „inneren Teams“ oder inspirierende Sozialkontakte,

 

Abschiedsrituale nach Sitzungen mit traumatisierten PatientInnen,

 

positive Gegenbalance z. B. durch Führen eines Freudetagebuchs.[119]

 

2.2  Therapiephasen in der Traumatherapie

 

In der Traumatherapie haben sich seit 1994 die Phasen nach Herman etabliert:

 

Als erste Phase schalten manche AutorInnen die Phase der Sicherheit vor, in der es darum geht, äußere und innere Sicherheit (im Sinne einer akuten Krisenintervention) zu schaffen, indem zunächst ein bewussterer und dadurch entlastender Umgang mit Symptomen und das Erlernen von Techniken der Selbstregulation angestrebt werden. Auch die Verhinderung von Retraumatisierungen, die Aktivierung sozialer und individueller Ressourcen und der Aufbau einer therapeutischen Beziehung stehen im Mittelpunkt.

 

Es folgt die Phase der Stabilisierung, die bei manchen AutorInnen auch die in der Phase der Sicherheit benannten Aspekte enthält, aber darüber hinaus geht: differenzierter Umgang mit allen oben genannten Symptomen, insbesondere denjenigen, die den/die Patienten/-in akut belasten, Förderung der inneren Wahrnehmung und Kommunikation, Erlernen von Distanzierungstechniken, Abbau selbstschädigenden Verhaltens, positives Stress-Coping. Die Exploration von Trauma-Material bleibt an der Oberfläche.

 

Danach kann erst eine tiefer gehende Traumakonfrontation/-exposition stattfinden, die nur von erfahrenen...

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