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E-Book

Stalking

AutorJens Hoffmann
VerlagSpringer-Verlag
Erscheinungsjahr2005
Seitenanzahl222 Seiten
ISBN9783540303855
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis36,99 EUR

'Stalking' ist mittlerweile ein bekannter Fachbegriff, der synonym mit 'obsessiver Verfolgung' und 'obsessiver Belästigung' gebraucht wird. - Aber was genau ist 'Stalking'? Endlose Briefe, Telefonate und E-Mails, Auflauern und Verfolgen, Drohungen und Liebesbekundungen: Es gibt keine spezifische Verhaltensweise, die bei Stalking immer präsent ist - aber im Kern geht es immer um ein einseitiges Kontaktstreben: Einer will, dass der andere an ihn denkt, der andere möchte ihn aus dem Gedächtnis verbannen.

Hoffmann, der als der deutsche Stalking-Experte gilt, zeigt die unterschiedlichen Facetten von Stalking auf. Als theoretischer Hintergrund dienen psychologische Theorien der Bindungsforschung und Lerntheorie. Für Fachleute und Betroffene relevant sind die Analysen, wie gefährlich Stalking in extremen Ausprägungen werden kann und was dagegen getan werden kann.

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Leseprobe

Auswirkungen von Stalking auf Betroffene (S. 149-150)

9.1 Psychische und soziale Folgen
9.2 Körperliche Belastung
9.3 Auswirkungen auf den Lebensstil
9.4 Posttraumatische Belastungsstörung
9.5 Vulnerabilität
9.6 Therapeutische Interventionen

Erst in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre wurden die Folgen der Viktimisierung durch Stalking zum Gegenstand wissenschaftlichen Interesses. Die wohl erste Untersuchung über die Auswirkungen von Stalking stammte aus Australien und erschien im Jahr 1997. Insgesamt 100 Betroffenen war ein ausführlicher Fragebogen vorgelegt worden. Die Ergebnisse der Studie waren erschreckend: Die Mehrzahl der Opfer litt unter Furcht und Panik sowie unter chronischen Schlafstörungen; auf die fortgesetzte Belästigung wurde oftmals mit sozialem Rückzug reagiert und die Betroffenen verließen etwa aus Angst seltener ihr Haus oder verloren Kontakte zu Freunden (Pathé u. Mullen 1997).

Da es sich hier offenbar um Opfer von schwereren Formen von Stalking handelte – die Teilnehmer der Befragung waren entweder bei einer psychiatrischen Beratung gewesen oder hatten sich hilfesuchend an die Autoren gewandt –, war zu vermuten, dass es im Allgemeinen nur vergleichsweise wenige Personen in der Bevölkerung gab, die einer solchen außerordentlichen Belastung durch fortgesetzten Psychoterror ausgesetzt waren.

Doch die Hoffnung trog, wie schon bald repräsentative Studien auf internationaler Ebene offenbarten. So ließ etwa das US-amerikanische Justizministerium bei 16.000 Bürgern eine Telefonumfrage durchführen (Tjaden u. Thoennes 1998b, 2000). Ein Drittel der weiblichen Betroffenen und ein Fünftel der männlichen gaben demzufolge an, sich aufgrund des Stalkings in psychotherapeutische Behandlung begeben zu haben. Ein Viertel aller Opfer berichtete von zeitweisen Ausfällen bei der Arbeit. In einer weiteren umfangreichen Studie wurde in Großbritannien eine Gruppe von nahezu 10.000 Bürgern untersucht (Budd u. Mattinson 2000). Dabei sagten 3 Viertel aller Stalkingopfer aus, dass der Vorfall ihnen Leid zugefügt oder sie aus dem Gleichgewicht gebracht habe, und 71% gaben an, dass die Belästigungen ihren Lebensstil verändert hätten, etwa dadurch, dass sie bestimmte Orte mieden, weniger ausgingen oder spezielle Maßnah- men für ihre persönliche Sicherheit ergriffen hätten. Ähnliche Zahlen fanden Purcell et al. (2000) in einer Zufallsstichprobe von 1844 australischen Bürgern. Knapp 2 Drittel der Betroffenen sprachen von einer Änderung in ihrem Lebensstil als Auswirkung des Stalkings, wie etwa zusätzliche Sicherungsmaßnahmen an der Wohnung oder die Variation täglicher Routinehandlungen, um Übergriffen seitens des Stalkers aus dem Weg zu gehen.

Doch nicht nur die Zielpersonen der grenzverletzenden Belästigungen sind betroffen, auch deren Umfeld leidet nicht selten unter dem Stalking. Man spricht in solchen Fällen von Sekundäropfern (Pathé 2002). Hier sind zunächst einmal Familienmitglieder zu nennen. Beispielsweise kann der Ehemann oder ein neuer Freund auch körperlich angegriffen werden, wenn der Stalker eine Beziehung mit dem Opfer anstrebte oder in der Vergangenheit gehabt hatte. Aber es ist zumeist vor allem die seelische Belastung, die dem Opfer nahestehenden Personen zu schaffen macht. Auch sie sind dem Psychoterror ausgesetzt, sie müssen mit ansehen, wie der von ihnen geliebte Mensch psychisch an den Rand gedrängt wird und erleben sich dabei selbst nicht selten als hilflos. Gerade der letzte Punkt kann auch das Selbstbild einiger männlicher Sekundäropfer erheblich belasten, erleben sie es doch manchmal als Demütigung oder Schwäche, die Partnerin nicht wirkungsvoll schützen zu können. Auch die Kinder des Opfers leiden regelmäßig unter der Situation.

Außer direkt bedroht zu werden oder Haustiere zu verlieren, erleben sie möglicherweise in einem beträchtlichem Ausmaß elterliche Angst, Depression und Handlungsunfähigkeit. Einige von ihnen sind Sachbeschädigungen, dem Eindringen in die Wohnung oder bizarreren Aktivitäten des Stalkers ausgesetzt, wie beispielsweise das Hinterlassen verstümmelter Tiere an der Haustür. (Pathé u. Mullen 2002, S. 9)

Man kann sich leicht vorstellen, dass solche Erlebnisse für ein Kind oftmals traumatische Qualitäten besitzen. – Eine weitere gefährdete Personengruppe für eine sekundäre Viktimisierung sind Menschen, die dem Opfer beistehen und es sichtbar unterstützen. Sie ziehen nicht selten den Zorn des Stalkers auf sich und werden zum Ziel beispielsweise von anonymen Telefonterror oder von Beschädigungen an ihrem Auto. Allgemein ist es für Stalkingopfer oft nicht leicht, ernstgenommen zu werden, männliche Betroffene haben hier manchmal sogar besondere Probleme. Gerade wenn diese Opfergruppe von einer Frau belästigt wird, reagieren Polizeibeamte nicht selten mit Spott und regen ironisch an, dass sich der Mann doch über die Zudringlichkeiten des anderen Geschlechts freuen sollte. Hall (1998) berichtete von einem Fall, in dem ein Stalkingopfer von seiner Exfreundin verfolgt wurde. Er versuchte auf juristischem Wege, ein Näherungs- und Kontaktverbot zu erwirken, doch der Richter sagte ihm, er solle sich doch lieber von der Aufmerksamkeit geschmeichelt fühlen. Einige Wochen später wurde er von der Stalkerin ermordet. Tatsächlich kommt es immer wieder auch hierzulande vor, dass offizielle Stellen die Bedrohlichkeit weiblicher Verfolger verneinen oder sogar das Opfer ins Lächerliche ziehen. So gab in einem Fall, in dem der Autor konsultierend tätig war, eine Polizeibeamtin zu bedenken, dass es sich doch nur eine Frau handeln würde und die Angst des verfolgten Mannes wohl übertrieben sei. Die Stalkerin hatte ihn zuvor mit einem Messer attackiert, worauf er sich hilfesuchend an die Polizei gewendet hatte. Die Vorstellung, dass Stalkerinnen ungefährlicher sind, ist bedauerlicherweise weit verbreitet. Tatsächlich ist die Rate der Gewalttätigkeit bei weiblichen Stalkern ebenso hoch wie bei obsessiven Verfolgern männlichen Geschlechts (Purcell et al. 2001; Meloy u. Boyd 2003).

Inhaltsverzeichnis
Vorwort6
Inhaltsverzeichnis8
Formen, Auftreten, Verbreitung10
Definitionen10
Psychologische Ebenen13
Verhaltensweisen13
Motive15
Stalking und psychische Krankheit16
Verhältnis zwischen Stalkern und Opfern17
Wissenschaftliche Erforschung17
Verbreitung19
Nimmt Stalking zu?21
Soziale Konstruktion24
Stalking als kulturelle Erzählung24
Konstruktionen der Begrifflichkeit von Stalking25
Genderaspekt27
Mythen des Stalkings und ihre Auswirkungen28
Künstler als Stalker29
Stalking als Sujet von Film und Literatur31
Medienberichte und Nachahmungstaten32
Interkultureller Vergleich35
Fallbeispiele und Untersuchungsergebnisse35
Stalking als Folge interkultureller Fehlinterpretationen38
Prominentenstalking39
Stalkingtheorien41
Relationale Modelle42
Behaviorismus45
Evolutionspsychologische Ansätze45
Bindungstheorie46
Objektbeziehungstheorien49
Psychodynamische Theorien52
Kohuts Narzissmustheorie60
Der Fall Günter P.70
Typologien von Stalkern75
Unterschiede zwischen den Klassifikationssystemen77
Allgemeine Modelle verschiedener Arbeitsgruppen79
Spezielle Typologien von Prominentenstalkern87
Prominentenstalking98
Begriff des Prominenten99
Unterscheidung zwischen Fan und Stalker100
Bisherige Forschungsprojekte102
Stalkingerfahrungen von Prominenten – empirische Studie aus Deutschland106
Erotomanie122
Historische Entwicklung des Erotomaniekonzepts123
De Clérambaults Erotomaniemodell126
Persönlichkeitsbild und Krankheitsverlauf128
Moderne Klassifikation128
Erklärungsmodelle129
Biografisches Entwicklungsmodell132
Geschlechterverteilung133
Erotomanie und Gewalttätigkeit134
Kritik und erweiterte Konzeptionen136
Erotomanisches Prominentenstalking138
Grenzen des Erotomaniekonzepts140
Therapie von Stalkern142
Diagnostischer Prozess143
Behandlung psychischer Störungen144
Unterschiedliche therapeutische Ansätze147
Besonderheiten im therapeutischen Umgang mit Stalkern149
Rückfallgefahr151
Beispiel für einen Therapieplan152
Therapeuten als Stalkingopfer153
Auswirkungen von Stalking auf Betroffene156
Psychische und soziale Folgen158
Auswirkungen auf den Lebensstil160
Körperliche Belastung160
Vulnerabilität161
Posttraumatische Belastungsstörung161
Therapeutische Interventionen162
Management164
Ansatzpunkte verschiedener Berufsgruppen und Institutionen164
Grundregeln für den Umgang mit Stalking168
Individuelles Fallmanagement170
Besonderheiten beim Prominentenstalking173
Gewaltanwendung und Gewalterfahrung175
Häufigkeit von Gewalt176
Tödliche Gewalt178
Ziele von Stalkinggewalt180
Vorhersagefaktoren der Gewalt182
Wirkmechanismen der Gewalt184
Stalking als Fortsetzung häuslicher Gewalt190
Definitionen190
Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens191
Formen192
Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Stalkern und häuslichen Gewalttätern193
Praktisches Vorgehen194
Vorgebliche Stalkingopfer (»Falsches-Opfer-Syndrom«)195
Häufigkeit195
Typologie196
Mögliche Merkmale198
Cyberstalking200
Empirische Befunde201
Besondere Qualitäten201
Formen204
Prävention207
Literatur209
Über den Autor219
Sachverzeichnis220

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