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E-Book

Auf Stelzen gehen

Geschichte einer Magersucht

AutorLena S
VerlagBALANCE buch + medien- verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl186 Seiten
ISBN9783867398183
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Auf Stelzen gehen vermittelt sehr eindringlich das Gefühlsleben einer Magersüchtigen. Ein Buch für essgestörte Mädchen und junge Frauen sowie ihre Eltern und Helfer. Lena ist 15, als sie feststellt, dass der Körper alles ist, was ihr gehört. So beginnt der Kampf um den perfekten Körper, um die Kontrolle über Kilo und Gramm. Nicht unwillkommen ist die Möglichkeit, noch dünner zu werden als die Mutter, die nervt und immer alles besser weiß. Sie hat auch nichts dagegen, dass man nun nicht mehr wie selbstverständlich vorausSetzt, dass sie funktioniert, eine gute Tochter ist, eine gute Schülerin, eine gute Freundin. Aber Aufmerksamkeit zieht nicht automatisch Verständnis nach sich. So dünn kann Lena nicht werden. Die Sucht bleibt. Das Abi schafft Lena noch in gewohnter Perfektion als Jahrgangsbeste, dann muss sie in die Klinik. Langsam wird Lena klar, dass man auch anders essen kann und sie versucht es. Die Klinik hilft ihr, vor allem Chris, in dem sie sich erkennt, dessen grammweises Sich-Dünnemachen ihr aber auch Angst einjagt. Die Nähe tut gut, aber sie weiß nun genau: Sie will nicht sterben, sie will leben.

Lena S. ist Psychologie-Studentin und lebt in Berlin.

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Leseprobe

I don’t care if it hurts

I wanna have control

I want a perfect body

I want a perfect soul

Radiohead

Wer bin ich? Ich bin 15 und schreibe in mein Tagebuch: Meine Figur ist alles, was ich noch habe, also muss ich sie unbedingt behalten.

An meinem Körper halte ich mich fest. Versuche es zumindest. An irgendetwas muss ich mich festhalten.

Ich sitze Nachmittage lang in meinem Zimmer, höre Radio, wundere mich, wenn Nachrichten vorgelesen werden, dass schon wieder eine Stunde vergangen ist. Ich schließe mich in mir ein, die Welt um mich herum macht mir Angst. Ich passe nicht hinein. Reden tue ich darüber nicht. Es ist doch alles so gut. Mein Ungutes passt nicht, ich habe doch immer so schön gepasst, ich werde geliebt, weil ich passe, weil es mir gut geht, weil ich einfach bin, pflegeleicht. Alles andere wäre zu viel, würde belasten, dürfte nicht wahr sein. Und ich will geliebt sein, ich darf nicht enttäuschen. Darum ziehe ich mich zurück. Baue mir eine Fassade aus perfekt ausgesuchten Anziehsachen, aus Ringen an jedem Finger, aus Lächeln, aus Worten. Leeres Lächeln und leere Worte.

Jemand soll mich verstehen. Aber ich vertraue mich niemandem an. Das, worüber ich reden möchte, ist doch nicht wahr. Es ist doch alles in Ordnung. Eine Familie, ein Haus, keine Geldsorgen, kein prügelnder Vater, keine geschiedenen Eltern. Stark bin ich und erfolgreich, ich schreibe gute Noten und bin beliebt, ich mache keine Probleme. Ich bin ein fröhliches Kind. Ein fröhlicher Teenager. Ich habe keine Stimme außer der, die ausspricht, was alle hören wollen. Ich halte mich fest an meinem Spiegelbild. Manchmal hasse ich meine Eltern abgrundtief. Danach: Schuldgefühle.

Woher der Hass kommt? Weil er nicht sein darf, darf ich auch darüber nicht nachdenken. Nicht darüber nachdenken, dass meine Familie ein Kartenhaus ist, aufgebaut aus Lügen, aus So-tun-als-ob. Ein Haus, das einstürzte, funktionierte ich nicht. Also funktioniere ich und schäme mich für den Hass, der nicht sein darf. Wir haben uns alle lieb. Aber wann haben wir uns lieb? Wenn wir abends ins Bett gehen und versichern, dass wir uns nicht böse sind. Wenn es uns gut geht. Wenn es nur eine Frage gibt: Ist alles in Ordnung?, und nur eine Antwort: Ja. Wenn ich stark bin, groß und einsichtig. Also bin ich stark, groß und einsichtig. Aber ich bin niemand außer für die anderen.

Ich sollte mich wehren. Ich sollte nicht mitspielen. Ich sollte protestieren. Aber erstens möchte ich so gerne geliebt werden. Und zweitens gehört Protest nicht zu meinem Verhaltensrepertoire. Ein Junge von meiner Schule bringt sich um. Wenn ich seinen Bruder angerufen habe, war er manchmal am Telefon: »Moment, ich hole ihn mal.« Jetzt ist er tot. Ich sitze in meinem Zimmer, Nachrichten, eine Stunde Zeit, Nachrichten, und lerne seine Todesanzeigen auswendig. Meine Eltern sind im Urlaub. Als sie anrufen, erzähle ich, dass Lenard sich umgebracht hat. Oh. »Da reden wir mal drüber, wenn wir wieder zu Hause sind.« Klar. Ja. Sicher. Es ist eine böse Information aus der Welt, die nicht sein darf, und wir reden niemals tatsächlich darüber. Schon gar nicht darüber, wie gut ich diesen Tod verstehen kann. Ich tue so, als würde ich schnell vergessen.

Auch sonst rede ich immer weniger. Meinen Freunden gegenüber fühle ich mich fremd. Ich verliebe mich in unerreichbare Typen. Der würde mich verstehen! Wenn ich mit dem zusammen wäre, wäre alles gelöst, könnte ich sein, wie ich bin! Immer wieder steigere ich mich in dieses Aussichtslose hinein, quäle mich mit unerfüllbaren Wünschen. Jedes Scheitern lässt mich noch einsamer zurück. Der wäre es gewesen! Nun ist alles zu spät! Aber auch, wenn ich weine, sieht man mich nur lachen.

Lachen an den dafür vorgesehenen Stellen. Hier ist alles festgelegt, alles läuft in geordneten Bahnen. Die Ordnung meiner Eltern. Wenn wir Milchreis essen, dann den ersten Teller mit Kirschen, den zweiten mit geschmolzener Butter und Zucker und Zimt. Zum Frühstück gibt es Mischbrot (nur am Samstag Brötchen und am Sonntag Toastbrot oder Rosinenbrot) und zum Abendbrot gibt es Schwarzbrot. Beilagen zum Frühstück sind süß (Marmelade, Honig, Nutella, dazu Butter), zum Abendbrot herzhaft (Käse, Wurst, dazu Margarine). Salzkartoffeln werden zerdrückt, Pellkartoffeln zerschnitten. Die Nudeln werden so lange gekocht, wie auf der Packung steht. Was das Seltsame ist: Es wird niemals hinterfragt. Weder mein Bruder noch ich verlangen jemals erst den Zimt zu essen und dann die Kirschen oder beides auf einmal, fordern Rosinenbrot am Dienstagabend. Niemand stellt dieses Leben in Frage, es ist so, naturgesetzgleich, und hinterfragst du es einmal, passt du nicht mehr, passt du nicht in diese Welt, wirst du herausfallen.

Was ich mag: Ich mag mich morgens nach dem Duschen gerne nass im Spiegel angucken, wenn ich am Tag davor und beim Frühstück wenig gegessen habe.

Bald werde ich jeden Morgen vor dem Spiegel stehen und ausschließlich daran denken, was ich am Tag zuvor und zum Frühstück gegessen habe. Werde mich hassen für jeden Milliliter Milch in meinem Kaffee.

Tagein, tagaus laufe ich mit einer Rasierklinge in der Jackentasche herum. Mich jederzeit umbringen zu können gibt mir Sicherheit. Vielleicht tue ich es darum niemals. Wenn du jetzt in der Mathestunde auf die Toilette gehen und dir die Pulsadern aufschneiden kannst, dann kannst du genauso gut auch noch warten bis nach der Schule. Vielleicht im Wald auf dem Nachhauseweg. Oder zu Hause. Oder später bei einem Spaziergang. Oder oder oder. Ich brauche mich nicht umzubringen, denn ich könnte es jederzeit tun. Beruhigende Sicherheit.

Ich möchte am liebsten ausziehen. Es ist so unerträglich, mit Tausenden von unausgesprochenen Äußerungen und Erwartungen und Wünschen und Bewertungen zu leben. Ich versuche immer alles zu spüren, zu wissen, was nicht gesagt wird, zu passen. Niemand stellt den Anspruch, aber wenn ich ihn nicht erfülle, enttäusche ich. Ersticke daran, möchte um Hilfe schreien, aber mit welchem Recht?

Es wäre nicht zu rechtfertigen. Wenn ich drogenabhängig wäre. Wenn ich Krebs hätte. Wenn ich blass wäre mit dunklen Augenrändern. Wenn ich ganz, ganz dünn wäre. Das wäre etwas anderes. Dann hätte ich Anspruch auf Hilfe. Dann würde jemand sehen. So sieht mich niemand. Niemand versteht, wie drogenabhängig, krebskrank, blass, augengerändert und dünn ich innerlich bin.

Ich fülle Bewerbungsbögen aus für ein Schuljahr in Amerika. Machen, was sich gut macht im Lebenslauf. Und vor allem weg von hier. Fragebögen: »Did you ever suffer from bulimia, anorexia nervosa, or any other kind of eating disorder?« No, no, no. Wie ich mich fühle, geht schließlich niemanden etwas an. Did you ever feel as if you could suffer from bulimia, anorexia nervosa, or any other kind of eating disorder ...?

Mit meinem Auslandsjahr fällt der Auszug meines Bruders zusammen. Mit ihm geht das Familienmitglied, das mein Verbündeter hätte sein können. Hätte sein können, wenn wir geredet hätten, schon früher geredet hätten, als wir es dann taten. Später wird er mein Vertrauter werden, mein Angehöriger. Jetzt zieht er aus und ich weiß noch nicht einmal, was ich verloren habe, weiß noch nicht, wie sehr ich einen Partner brauchte in den letzten Jahren zu Hause. So geht er und ich fliege zwanzig Stunden lang in ein neues Land.

Aber auch nach Amerika gehöre ich nicht. Doch genau wie zu Hause, weiß ich auch dort, was ich tun soll, was meine Gasteltern, meine Eltern, meine Mitschüler von mir erwarten. Ich hasse das Land. Hasse die Menschen. Hasse die Sportteams, in denen ich überall Mitglied bin. Ich verliebe mich das erste Mal in meinem Leben in ein Mädchen. Eine Todsünde in diesem Land, in diesem Landstrich. Ich rede mit niemandem darüber. Wäre ich nicht vorher bereits allein gewesen, würde ich noch nie in meinem Leben so allein gewesen sein. Ich habe Gewaltfantasien, erst nur abends allein in meinem Zimmer, später fast überall. Manchmal werden sie so mächtig, dass ich vor mir selbst erschrecke. Stelle mir vor, wie ich nachts aufstehe, die Treppe hinaufgehe, Pistole in der Hand, die Tür zum Schlafzimmer meiner Gasteltern öffne und sie im Schlaf erschieße. Eiskalt, ohne Zweifel. Höre die Schüsse, sehe das Blut.

Nach der Hälfte des Jahres beginne ich die Tage bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland zu zählen.

Als ich zurückkomme, bin ich dick. In Amerika habe ich nicht gemerkt, dass ich zugenommen habe. Früher war ich immer eine der Dünnsten. Jetzt bin ich dick. Im Nachhinein betrachtet, könnte man sagen, ich bin weiblicher geworden, runder. Übergewichtig bin ich nicht. Aber gemessen an mir als Kind und gemessen an meiner Mutter sind meine Rundungen unangemessen.

Ich fahre mit meinen Eltern und meiner besten Freundin Sarah in den Urlaub nach Irland. Wir kaufen Wollpullover. Meiner reicht nicht über den Po. Meine Mutter ist unschlüssig. Begutachtet mich. Fragt, ob es mich nicht störe, dass der Pullover so kurz sei. Er geht nicht über den Po. Sarah sagt: »Meiner doch auch nicht.« – »Aber du kannst es dir leisten«, sagt meine Mutter zu Sarah, meiner Freundin. Getroffen. Ich falle. Später entschuldigt meine Mutter sich. Sie wisse doch, wie tief solche Bemerkungen gehen, sie habe selbst darunter gelitten. Aber sie hat es gesagt. Und was sie gesagt hat, muss sie vorher gedacht haben.

Wir probieren mitten im Sommer Wollpullover an. Wenn ich im Winter diesen Pullover anziehen werde, wird niemand mehr auf die Idee kommen, ich könne es mir nicht leisten.

In mein Tagebuch schreibe ich nichts von alledem. Nur ein Bild von Kate Moss klebt dort, die Arme verschränkt.

Von meiner Mutter habe ich im Laufe der...

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