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E-Book

4000 Meilen durch die USA

Meine Reise zu den großen Fragen des Lebens

AutorAndrew Forsthoefel
VerlagGütersloher Verlagshaus
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl415 Seiten
ISBN9783641208653
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
»Was auch immer mir auf dieser Reise begegnet - jeder Moment, jede Begegnung zählt.« (Andrew Forsthoefel)
Viel Wissen hatte er angehäuft nach seinem College-Abschluss, vom Leben selbst wusste er aber nichts. Um das zu ändern, begann Andrew Forsthoefel direkt hinter dem Haus seiner Mutter eine Wanderung, die ihn 4.000 Meilen durch die USA führte. Auf seinem Rucksack ein Schild: Walking to listen. So machte er sich auf den Weg zu den Menschen und ihren Geschichten, durch ein Amerika der Vielfalt - landschaftlich wie menschlich.
Auf seine Fragen nach dem, was wirklich wichtig ist im Leben, erhält er vielfältige Antworten - philosophische, pragmatische, humorvolle, nachdenklich stimmende. Dieses außergewöhnliche und farbenreiche Porträt erlaubt einen ganz neuen Blick auf die Vereinigten Staaten.
Ein Aufbruch ins Leben
Walking to listen - eine poetische (Lebens-)Reise
Begegnungen, die ein neues Bild der USA zeichnen
Für alle Suchenden, die offen durch die Welt gehen


Andrew Forsthoefel, geb. 1990, ist Autor, Radio-Produzent und Redner. Nach seinem College-Abschluss war er fast ein Jahr lang zu Fuß in den USA unterwegs. Für ihn war diese Reise das bisher größte Privileg und Geschenk in seinem Leben. Er leitet Workshops zu den Themen Gehen und Zuhören als Übungen für persönliche Veränderung, für einen neuen Zugang zu anderen Menschen, für Techniken zur Konfliktlösung. Andrew Forsthoefel lebt in Northampton, Massachusetts.

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Leseprobe

1. »Vertraue niemandem.«

Ich ging auf den Bahngleisen in der Nähe von Kennett Square, Pennsylvania, da sah ich in der Ferne vier Männer auf den Gleisen sitzen. Ich blickte mich um: im Norden Wald, im Süden brachliegendes Industriegelände, sonst weit und breit niemand zu sehen, niemand, den ich um Hilfe hätte rufen können. Was sind das für Typen, die außerhalb einer Kleinstadt auf Bahngleisen herumhängen? Zwei Gehstunden und sieben Meilen von zu Hause weg würde ich ausgeraubt, erschossen und hier liegengelassen werden, ob tot oder nicht. Das schien mir ziemlich sicher. Vielleicht sollte ich umkehren, dachte ich, aber meine Füße gingen einfach weiter.

Auf diesen Bahngleisen war ich losgewandert, denn sie führten hinter unserem Haus vorbei, und ich hatte vor, ihnen 25 Meilen bis nach Maryland zu folgen. Das war besser, als auf der Straße zu gehen. An meinem ersten Tag war ich noch nicht bereit für die Straße. Zu viele Gefahren. Zu viel Lärm. Währenddessen schlängelten sich die Bahngleise durch eine ruhige Märchenwelt – durch Wälder, Farmland und an Vorstadthinterhöfen vorbei. Nur hin und wieder zerriss ein Güterzug die Stille, der jedoch so langsam fuhr, dass ich fast neben ihm herlaufen konnte. Es hatte sich gut angefühlt, hier meine Wanderung zu beginnen. Selbst die Industriebrache vor den Toren der Stadt hatte bis jetzt friedlich gewirkt – bis ich diese vier Männer vor mir erblickte. Einer bemerkte mich ebenfalls, und dann drehten auch die anderen drei die Köpfe in meine Richtung. Mist.

Nicht ganz zwei Stunden zuvor war mir Bob, der Vermieter meiner Mutter, im Wagen nachgefahren, um mich von meinem Vorhaben abzubringen. Als er einige Meter entfernt an den Straßenrand fuhr, hatte ich ihn zunächst nicht erkannt. Vermutlich jemand, der mein Walking-to-Listen-Schild an meinem Rucksack bemerkt hatte, dachte ich. Allem Anschein nach wollte er mir etwas Wichtiges mitteilen, denn er bahnte sich einen Weg durch das dichte Unterholz, um zu mir zu gelangen.

Dann sah ich, dass es Bob war – Motorradfahrer, Inhaber einer kleinen Baufirma, Veteran der Polizei von Philadelphia. Er hatte einen Spitzbart und blickte wie immer grimmig drein. Bob hatte einen alten Wohnwagen in unserem Hinterhof stehen – seinem Hinterhof, im Grunde –, und oft hielt er sich dort auf, machte sich zwischen kaputten Maschinen zu schaffen und stapelte immer mehr Äste auf einen Haufen, den er eines Tages verbrennen wollte. Meistens winkten wir einander nur kurz zu, ohne viel zu reden.

»Hallo, Bob«, sagte ich, als er zu mir auf das Gleis trat. »Was für ein Zufall.«

»Nein, kein Zufall«, erwiderte Bob. Er klang wie gewöhnlich recht finster. »Deine Mutter ist am Boden zerstört. Du musst das hier doch nicht tun.«

Ich blickte auf seine Füße hinab, unsicher, ob ich ihm für sein Kommen danken oder mich entschuldigen sollte. Stattdessen beließ ich es bei einem vagen »Hmm.«

»Das, was du da vorhast, kann sechs Monate oder auch nur sechs Stunden dauern, weißt du.« Er sah mich unverwandt an. Vielleicht handelte er aus einer Art väterlichem Verantwortungsgefühl heraus, weil mein eigener Vater nicht da war und mich nicht von meinem Plan abbringen konnte. Er wohnte am anderen Ende von Pennsylvania, sieben Fahrstunden entfernt. Ich sah ihn nur noch wenige Male im Jahr.

»Ich weiß«, sagte ich zu Bob. »Wir werden sehen, was passiert.«

»Hast du ein Messer dabei?« Ehe ich seine Frage beantworten konnte, fischte er ein schweres Winchester-Taschenmesser aus seiner Jackentasche.

»Hier, nimm das. Du bist jetzt ganz auf dich gestellt. Vertraue niemandem.«

Ich erwiderte nicht, dass es bei meinem Vorhaben genau darauf hinauslief, den Menschen zu vertrauen, ihnen zuzuhören; mich von ihnen abzuschotten wäre kontraproduktiv. Aber ich dankte ihm nur und meinte, ich würde unterwegs an ihn denken.

»Denk nicht an mich«, sagte er. »Denk an deine Mutter.«

Als ich jetzt, sechs Meilen später, außerhalb von Kennett Square auf die vier Männer zuging, tastete ich nach Bobs Messer in meiner Jackentasche. Vielleicht würde ich es ja doch benutzen müssen. Abgesehen vom Wrestling-Unterricht in der Highschool, hatte ich noch nie mit jemandem gekämpft. Und obwohl damals durchaus so etwas wie ein urzeitlicher Kampfinstinkt im Spiel war, gab es einen Schiedsrichter, außerdem trugen die Wrestler glitzernde Hemden, die eher an Turner denken ließen. In einem Gymnastiktrikot fällt es einem ziemlich schwer, den nötigen Kampfgeist zu entwickeln. Aber das hier war etwas anderes. Würde ich tatsächlich mit dem Messer auf einen dieser Kerle einstechen, wenn es darauf ankäme?

Körperlich war ich noch frisch und bereit, die Flucht zu ergreifen; noch hatte ich keinen Muskelkater. Nur merkwürdig fühlte sich alles an. Mein Rucksack wog an die 50 Pfund, und dieses Gewicht hing jetzt an meinem Rücken. Aus einer Seitentasche hing ein schlabbriger Trinkbeutel. Mein Kochtopf schwang mit jedem Schritt hin und her und schepperte gegen den Blechbecher. Meine Mandoline verrutschte immer wieder. Auf der rechten Seite stach mir eine kleine amerikanische Flagge in die Hüfte und auf der linken eine Erdflagge. Ich kam mir wie ein Clown vor, wie ein Möchtegern-Bergsteiger, der durch einen Randbezirk von Philadelphia stapft. Ich hatte keine Ahnung, was ich hier tat. Und die vier Männer sahen mir das ganz offensichtlich an.

Auf den letzten Metern starrten mich alle vier schweigend an, während ich mich ihnen näherte. Einer hatte einen großen Schmerbauch, zwei hatten Schnurrbärte. Sie waren Latinos und möglicherweise obdachlos, und plötzlich war ich mir meiner hellen Hautfarbe überaus bewusst und dass meine Bewegungsfreiheit hauptsächlich darauf gründete. Und meine geistige Freiheit auch. Was für einen Unterschied würde es machen, wäre ich jemand mit einer anderen Hautfarbe und würde in die Ungewissheit der amerikanischen Weite hinausmarschieren? Oder eine Frau? Nicht, dass es unmöglich gewesen wäre. Vielleicht war die berühmteste aller Personen, die zu Fuß die USA durchquert hatten, sogar eine Frau – Mildred Normann, auch bekannt als »Peace Pilgrim«, die Friedenspilgerin –, und einer meiner Helden, John Francis, der »Planetwalker«, war ein schwarzer Umweltschützer, der 22 Jahre lang gegangen war, 17 davon unter einem Schweigegelübde. Auf dem College hatte ich eine Vorlesung von Dr. Francis über seinen langen Marsch gehört, die mich unter anderem zu meinem eigenen Abenteuer inspiriert hatte. Man musste gewiss kein Weißer sein, um im Jahr 2011 quer durch Amerika zu wandern, aber jeder, der nicht mit Blindheit gegenüber den Vorurteilen in diesem Land geschlagen war, musste erkennen, dass es half, ein Weißer zu sein. Noch bevor ich von zu Hause losgegangen war, hatte sich das Privileg, in der Haut eines weißen Mannes zu stecken, positiv auf meine Psyche ausgewirkt: Ich wurde nicht von Albträumen geplagt, in denen ich auf der Straße vergewaltigt oder entführt wurde; ich war nicht vor Angst gelähmt – vor der Polizei oder vor Horden von Amerikanern, die noch immer die konföderierten Flagge schwenkten. Klar, ich würde auf meiner Wanderung nicht vor Gewalt gefeit sein, aber ich hatte gute Chancen, sie heil und erfolgreich zu überstehen, darauf vertraute ich irgendwie. Das war der Rassismus und Sexismus heutiger Prägung – diese versteckte, aber überwältigend einseitige Verteilung der Privilegien. Was bedeutete das? Es bedeutete, dass es noch einige Generationen nach mir brauchte, bis ein männlicher Schwarzer so unbeschwert von zu Hause losgehen konnte wie ich, oder bis eine junge Frau furchtlos und frei auf einer Fernstraße dahinspazieren konnte. Wo war dieses Amerika? Das, welches ich mich soeben zu durchqueren aufgemacht hatte, war es jedenfalls nicht, so sehr ich es mir auch wünschte.

Gleichzeitig konnte meine helle Haut mich an manchen Orten natürlich auch zur Zielscheibe machen. Und das hier war womöglich ein solcher Ort, die Bahngleise außerhalb einer Kleinstadt, auf denen ich mich diesen Latinos näherte. Ich fragte mich, ob diese Männer womöglich keine Weißen wie mich mochten. Was dachten sie, während ich auf sie zukam?

Ich nickte ihnen zu und sagte »Hallo«. Die Männer wirkten verwirrt. Ich sicherlich auch. Vielleich sogar klinisch verwirrt. Eine Sekunde standen wir wortlos da und sahen einander an, dann fragte mich einer der Männer mit schwerem Akzent: »Was machen Sie hier?«

Ich erwiderte, ich würde Amerika durchqueren. Was in meinen Ohren lächerlich klang, schließlich hatte ich noch keine zehn Meilen zurückgelegt, aber das wussten sie ja nicht. »Unterwegs lasse ich mir von den Menschen ihre Geschichten erzählen«, fuhr ich fort, »daher das Motto Walking to Listen.« Ich deutete auf mein selbstgebasteltes Schild, als würde mir das irgendeine Art von Glaubwürdigkeit verleihen.

Sie schienen indes nicht überzeugt zu sein. Der Mann, der die Frage gestellt hatte, sah einen seiner Kumpel an, der auf einem Stoß Bahnschwellen saß. Er sagte etwas auf Spanisch – zweifelsohne mein Todesurteil –, woraufhin der Typ auf den Bahnschwellen in einer Plastiktüte neben sich zu kramen begann. Vielleicht sollte ich jetzt besser gehen, dachte ich.

Doch bevor ich wegrennen konnte – oder besser gesagt weggehen, denn rennen konnte ich mit meinem Rucksack nicht –, brachte der Kerl eine ungeöffnete Schachtel Plätzchen und ein Apfelsaft-Päckchen zum Vorschein. Er hielt mir beides hin und forderte mich auf, mich neben ihn auf die Bahnschwellen zu setzen. Ich tat das, und die anderen drei gesellten sich zu uns. Sie hießen Martín,...

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