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Alternative Weltordnungsmodelle?

IB-Diskurse in China

AutorNele Noesselt
VerlagVS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl373 Seiten
ISBN9783531923291
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis49,44 EUR


Dr. Nele Noesselt ist Akademische Rätin für Ostasienwissenschaft / Sinologie (Schwerpunkt chinesische Politik) an der Universität Göttingen.

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Leseprobe
Theoriebausteine: Zwischen Ontologie und Epistemologie (S. 135-136)

Der Grad der Institutionalisierung und der Autonomie des Feldes der chinesischen IB-Forschung allein sagt noch nichts über die Existenz einer eigenständigen wissenschaftlichen Modellbildung im chinesischen Kontext aus. Und der Begriff der „chinesischen IB-Theorie“ beziehungsweise einer „IB-Theorie mit chinesischen Charakteristika“ steht zunächst nur für eine abstrakte Zielvorgabe der chinesischen IB-Forschung, über den gegenwärtigen Zwischenstand, die einzelnen Schritte und Strategien zur Zielerreichung wird hiermit noch keine Aussage getroffen.

Obwohl die chinesischen Theorie-Aventuren nunmehr seit über zwanzig Jahren andauern, ist allem Anschein nach hieraus bislang noch keine in sich geschlossene Theoriemodellbildung hervorgegangen. Weiterhin verharren die innerchinesischen Debatten bei epistemologischen und methodologischen Fragestellungen und konzipieren in Kenntnis des ZK-Dokuments von 2004 (ZK 05- 01-2004, vergl. 2.5.) Rahmenbedingungen für die Konstruktion einer „chinesischen“ IB-Theorie.

Wenn aber der Theoriemodellbildung eine derart zentrale Funktion innerhalb der chinesischen Forschung wie auch von Seiten der Politik zugeschrieben wird, ist es kaum vorstellbar, dass die bisher geführten innerchinesischen Debatten allesamt ergebnislos geblieben sein sollen. Ein Blick in die chinesischen IB-Fachzeitschriften zeigt, dass dies auch nicht der Fall ist: Es existieren durchaus Ansätze und Fragmente einer „chinesischen“ IBModellbildung, die jedoch dem uneingeweihten Leser eventuell entgehen mögen, da sie nicht unter dem Label „chinesische Theorie“ geführt werden, sondern sich ausgewählten Teilsegmenten und ontologischen Grundkonzepten der IB-Forschung widmen und weitgehend auf die Erwähnung einer Dichotomie von „westlicher“ und „chinesischer“ Modellbildung verzichten.

Um Aussagen über den gegenwärtigen Theoriefortschritt der chinesischen IB-Forschung treffen zu können, müssen diese Fragmente aus den chinesischen Studien herausseziert, in thematischen Gruppen zusammengeführt und mit Blick auf ihre Funktion und Stellung in der „chinesischen“ IB-Modellbildung analysiert werden. Sollte sich hierbei herausstellen, dass das Feld der chinesischen IB-Forschung bereits über Ansätze und Teilmodelle einer „eigenständigen“ Modellbildung verfügt, würde dies im Umkehrschluss auch den Autonomiegewinn des IB-Feldes gegenüber der „westlichen“ IB-Modellbildung unterstreichen. Um einen qualitativen Vergleich zwischen der „chinesischen“ und der „westlichen“ IB-Modellbildung vornehmen zu können, müssen Kategorisierungskriterien gewählt werden, die es erlauben, die beiden Theoriesysteme auf Konvergenz, Divergenz und Äquivalenz zu untersuchen.
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Verwendete Abkürzungen11
Verzeichnis der Tabellen12
Einleitung13
Vorbetrachtungen19
I. Theorie-Dilemma19
1.1. Theoriekonstruktionen jenseits des Zentrums?21
1.2. Forschungsstand25
1.3. Theorie und Ideologie30
1.4. Theorie und Praxis im chinesischen Kontext38
1.5. Analyse-Strukturen und Arbeitshypothesen42
Feldstrukturen49
II. Bestandsaufnahme des Feldes49
2.1. Periodisierung49
2.1.1. Zwei-Phasen-Modell (Yu Zhengliang / Chen Yugang)51
2.1.2. Drei-Phasen-Modell (Ni Shixiong / Xu Jia)56
2.1.3. Fünf-Phasen-Modell (Wang Yizhou)61
2.1.4. Institutionalisierung64
2.2. Strömungen der chinesischen IB-Forschung67
2.2.1. Marxistische Strömungen70
2.2.2. Realistische Strömungen72
2.2.3. Konstruktivismus74
2.2.4. Neoinstitutionalismus und Regime-Theorie75
2.2.5. Internationale Politische Ökonomie77
2.3. Vor-, Gegen-und Zerrbilder der chinesischen IB-Theorie78
2.3.1. Chinesische Betrachtungen der russischen Theorieund Strategiebildung79
2.3.2. Bedingungslose Übernahme „westlicherfi IB:Japan82
2.3.3. Lateinamerika als Vorbild der Peripherie?82
2.3.4. „Westlichefi Alternative: De Englische Schule der IB84
2.3.5. Hintergrund Parochialismus-Vorwurf86
2.3.6. Wettstreit der hundert Schulen?88
2.4. Partikulare Analysemodelle der chinesischen IB-Forschung?90
2.4.1. Chinesische Analyse-Einheit: shidai90
2.4.2. Konstruierte Pfadabhängigkeit93
2.5. Freiräume und Rahmenvorgaben96
2.6. Selbstbetrachtungen des Feldes102
2.6.1. Konzeption einer eigenständigen chinesischen IB-Theorie?110
2.6.2. Dimensionen113
2.6.3. Funktionen119
2.6.4. „Chinesische" IB-Modelle: Contra und Pro121
2.7. Zwischenbilanz129
Theoriebausteine: Zwischen Ontologie und Epistemologie133
III. Systemstrukturen141
3.1. Weltmodelle chinesischer Politiker141
3.1.1. Lager-und Zonenbildung143
3.1.2. Drei-Welten-Theorie147
3.2. Internationales System151
3.2.1. Multipolarität152
3.2.2. Polare Weltkonzeptionen: Strukturvergleich153
3.3. Wandel des internationalen Systems?159
3.3.1. Chinesischer Blick auf die Rolle der USA: Struktureller Konservatismus162
3.3.2. Strategie als Strukturelement163
3.4. Ordnungsideale des alten China166
3.4.1. Das Tianxia-Modell im 21. Jahrhundert169
3.5. Ordnungsideale des „neuen" China171
3.5.1. Demokratisierung der internationalen Beziehungen173
3.5.2. Wandel des chinesischen Sicherheitsbegriffs174
3.6. Post-Westfälisches Staatensystem?177
3.7. Zwischenbilanz179
IV. Ordnungsprinzip: Harmonie181
4.1. Harmonische Gesellschaft181
4.2. Harmonische Welt184
4.3. Harmonie-Kontroversen chinesischer Politikwissenschaftler187
4.4. Beijing Consensus191
4.5. Exkurs: Modelle der ausgehenden Kaiserzeit und ihre Spiegelbilder in der Gegenwart198
4.6. Zwischenbilanz207
V. Krieg und Frieden209
5.1. Friedlicher Aufstieg: Strategie oder Theorie?210
5.1.1. Politische und politikwissenschaftliche Definitionen215
5.2. Der „Friedliche Aufstieg": Legitimierungsstrategie im internationalen Kontext218
5.3. Kritik und Gegenkritik224
5.4. Chinesische Stellungnahmen zu den westlichen Friedensmodellen144229
5.5. Fixpunkte der chinesischen Friedensentwürfe147232
5.6. Zwischenbilanz239
VI. Akteursebene241
6.1. Akteurs-Konzeptionen: Chinesische 159 Alternativen zu „westlichen" Kategorisierungsmodellen?243
6.2. Nationale Interessen und Positionierungsstrategien250
6.3. Machtbegriff256
6.4. Globalisierung260
6.4.1. Globale Formen des Regierens266
6.4.2. Sonderfall Taiwan?270
6.5. Regionalisierung272
6.6. Zwischenbilanz273
Wirkungszusammenhänge und Hintergründe275
VII. Wirkungsebenen der chinesischen IB-Theoriesuche275
7.1. Theorie und Praxis278
7.2. Internationale Beziehungen – Außenpolitik – Diplomatie281
7.3. Konstruktion nationaler Export-Images291
7.4. Soft Power und Kulturdiplomatie299
7.5. Nation-Building303
7.6. Zwischenbilanz306
VIII. Schlussbetrachtungen309
8.1. Implikationen309
8.2. Conclusio und Ausblick313
Bibliographie335

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