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E-Book

Antisemitismus im Fußball

Tradition und Tabubruch

AutorFlorian Schubert
VerlagWallstein Verlag
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl488 Seiten
ISBN9783835343337
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis31,99 EUR
Die beliebteste Sportart in Deutschland - ein Ort für Antisemitismus und Diskriminierung. Fußball wird von Millionen von Menschen in Deutschland gespielt, von noch mehr Fans im Stadion oder am Bildschirm verfolgt. Fußball ist ein kulturelles Ereignis - und gleichzeitig ein Bereich, in dem Diskriminierung und besonders Antisemitismus noch immer gegenwärtig sind, so der Autor Florian Schubert. Mit antisemitischen Stereotypen werden seit jeher gegnerische Spieler, Fans und auch Schiedsrichter diskreditiert, unabhängig davon, ob es sich um Juden handelt oder nicht. Florian Schubert eruiert, in welcher Form und in welchen Kontexten Antisemitismus im Fußball seit den 1980er Jahren in der BRD und in der DDR auftaucht und wie er fußballintern bewertet wird. Er untersucht die Funktion antisemitischen Verhaltens bei Fans, Spielern und Vereinsverantwortlichen - von Nationalmannschaft und DFB bis hin zu regionalen Vereinen. Am Ende steht die Frage, ob das Stadion in Bezug auf diskriminierendes Verhalten eine Sonderstellung einnimmt oder als Brennglas gesellschaftlicher Phänomene gesehen werden kann.

Florian Schubert ist Politik-, Sport- und Geschichtswissenschaftler sowie Referent zu Diskriminierung im Fußball. Er arbeitet als Lehrer an einer Hamburger Stadtteilschule und konzipierte u.a. die Ausstellung 'Tatort Stadion' des Bündnisses Aktiver Fußballfans [BAFF] mit.

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Leseprobe

1. Einleitung


Fußball ist ein gesellschaftliches und kulturelles Ereignis, ein Sport, der von Millionen Menschen in Deutschland gespielt und jedes Wochenende von noch mehr im Stadion oder am Bildschirm verfolgt wird. Das Stadion verkörpert für viele Menschen einen Ort, an dem sie ihren spontanen Gefühlserlebnissen freien Lauf lassen können.[1] Fußball dient aber auch der Produktion und der Inszenierung von Männlichkeit.[2] Im Stadion entstehen, in Abgrenzung zu gegnerischen Fangruppen,[3] für kurze Zeit (männliche) Vergemeinschaftungen[4] und identitätsstiftende Sinn- und Wertegemeinschaften.[5] Kennzeichen des modernen Fußballs ist eine Fan- und Kommunikationskultur der Provokation, Beschimpfung und Herabsetzung der zum Feind erklärten gegnerischen Fans.[6] Fans und Fangruppen grenzen sich systematisch, manifest oder latent, durch Abwertung und Diskriminierung von anderen, als fremd oder anders empfundenen Gruppen ab. Hier werden – bewusst und unbewusst – gesellschaftlich gesetzte Grenzen übertreten. Das Stadion nimmt somit eine Sonderstellung ein, denn hier scheint, in der Wahrnehmung der Fans, noch das erlaubt und möglich zu sein, was in der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert, sondern sanktioniert würde.[7] Fußball ist ein Ort, an dem antimodernes Denken konserviert wird.[8] Dies zeigt sich in den hier präsentierten verschiedenen Diskriminierungsformen, besonders im Antisemitismus. Dass Zuschauer_innen beim Fußball ihren manifest oder latent vorhandenen rassistischen, sexistischen, nationalistischen und antisemitischen Haltungen und Überzeugungen freien Lauf lassen, diese Überzeugungen zum Bestandteil kommunikativer Aushandlungsprozesse machen und dies in ihren peer groups toleriert wird, ist ein von den Medien, Beobachter_innen, Wissenschaftler_innen und Fußballfans selbst häufig konstatiertes und kritisiertes Phänomen.[9]

Antisemitisch konnotierten Schmähungen fällt in der Fan- und Kommunikationskultur dabei eine besondere Rolle zu. Antisemitische Stereotype gelten im Fußball als eine der ältesten gebräuchlichen Formen, um gegnerische Spieler, Schiedsrichter, Mannschaften oder Fans zu diskreditieren, zu diskriminieren und zu beschimpfen.[10] Es werden dabei sowohl nichtjüdische Personen oder Gruppen als Juden beschimpft und über die Kategorie »Jude« abgewertet als auch Juden antisemitisch diskriminiert. David Jünger verweist in diesem Zusammenhang auf die historischen Kontinuitäten. So hätte sich das Bild vom Sportler in Deutschland von der Kaiserzeit bis zum Ende des Nationalsozialismus am Amateursportler orientiert. Sport wurde als Möglichkeit zur Charakterfestigung verstanden, die der Gemeinschaft dienen sollte, nicht zum bloßen Selbstzweck. Dieses Verständnis grenzte sich von einem modernen Sportverständnis ab, in dem es dem Westen ein materialistisches Verhältnis zum Sport vorwarf und unterstellte, der Sport solle helfen, die Bevölkerung gegen die Feinde Deutschlands fit zu machen. »Die Feinde Deutschlands waren in dieser Diktion neben verschiedenen Nationen vor allem der antinationale Kosmopolitismus, der raffende Kapitalismus: die Juden.« Der professionelle Sport widersprach damit dem Bild von einer Volksgemeinschaft, da er das individuelle Profitstreben über die Gemeinschaft stellte.[11] »Entsprechend […] war auch der Diskurs über den Berufssport antisemitisch konnotiert.«[12] Nach 1945 wurde die antisemitisch personifizierte Verknüpfung von Antiprofessionalismus und Kommerzialisierungskritik mit Juden tabuisiert.[13] Antisemitismus im Fußball war damit aber nicht verschwunden.

Die vorliegende Studie untersucht antisemitisch konnotierte Handlungen und Schmähungen, wie sie im Umfeld von Fußballspielen auftreten, und beschreibt, wo und wie Antisemitismus im Fußball auftaucht und wie antisemitisches Verhalten hier bewertet und eingeordnet wird. Das Phänomen und Themenfeld Antisemitismus und dessen Funktion im Fußballumfeld ist bisher keiner systematischen wissenschaftlichen Analyse unterzogen worden. Ziel der Untersuchung ist es, einen differenzierten Blick auf die antisemitischen Verhaltensweisen von Fußballfans, aber auch auf die von Spielern und Vereinsverantwortlichen, zu entwickeln.

Die Analyse von Antisemitismus im Fußballumfeld wird von der Beobachtung flankiert, dass antisemitische Einstellungen innerhalb der deutschen Bevölkerung nach wie vor verbreitet sind.[14] Neuere Studien, unter anderem Wilhelm Heitmeyers »Deutsche Zustände«, die »Mitte-Studien« der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie der Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, gehen davon aus, dass bis zu 20 Prozent der Bevölkerung antisemitisch eingestellt sind.[15] Lars Rensmann verwies Mitte der 2000er Jahre sogar darauf, dass Antisemitismus bei den heranwachsenden Generationen erstmals wieder ansteige.[16] Und der Expertenkreis Antisemitismus fasste 2011 zusammen, dass es zwar in den Jahren 2004 bis 2006 einen deutlichen Rückgang antisemitischer Einstellungen gegeben habe, seit 2007 /2008 aber »wiederum ein Anstieg zu beobachten [ist], der allerdings bisher nicht das Niveau von 2002 erreicht hat«.[17]

Wenn heute in Wissenschaft und Medien über Antisemitismus gesprochen wird, steht oft die Frage im Vordergrund, ob Antisemitismus – zumindest unter Jugendlichen – zunehme, weil beispielsweise die Sensibilität in den jungen Generationen gegenüber dem Holocaust schwinden würde, und zusätzlich die damit zusammenhängende Frage, welches Wissen über den Holocaust bei jungen Menschen generell vorhanden ist.[18] Der Antisemitismus in der Alltagskommunikation von Jugendlichen ist jedoch, darauf weist Barbara Schäuble hin, kaum erforscht.[19] In noch größerem Maße trifft dies auf die antisemitische Kommunikation und das antisemitische Verhalten von Fußballfans, gleich welchen Alters, zu. Wenn überhaupt, hat sich die Forschung mit gewalttätigem Verhalten von Fußballfans auseinandergesetzt und hier vor allem rechte und neonazistische Verhaltensweisen thematisiert.[20] Insgesamt kann aber auch für diesen Bereich festgehalten werden, dass es kaum wissenschaftlich abgesicherte Daten über die Verbreitung von diskriminierenden und rechten oder neonazistischen Vorfällen und Verhaltensweisen gibt.[21] Auf der Grundlage des vorhandenen Datenmaterials wird in der Forschung einerseits vermutet, es gebe seit einigen Jahren einen Rückgang rassistischer und xenophober Vorfälle in den Stadien der Bundesliga,[22] andererseits wird aber auch darauf hingewiesen, dass sich die Formen der Diskriminierungen und die Orte ihrer Verlautbarungen verschoben haben: Weg von rassistischen Diskriminierungen, hin zu anderen, gesellschaftlich tolerierteren Diskriminierungsformen wie Homophobie und Sexismus, bei gleichzeitiger Verlagerung der nicht mehr akzeptierten Diskriminierungen, wie Rassismus und Antisemitismus, in die unteren Ligen.[23]

Aus den hier knapp umrissenen Problemlagen zu Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft im Allgemeinen und im Fußball im Besonderen ergeben sich für die vorliegende Untersuchung folgende Schwerpunkte und Leitfragen: Unabdinglich für eine differenzierte Betrachtung von Antisemitismus im Fußball ist zunächst, die gesamte Bandbreite der antisemitischen Gebrauchsweisen im Fußballumfeld zu ermitteln und darzustellen, in welchen Situationen sowie in welchen Kontexten die Aussagen oder Handlungen getätigt werden. Eine solche Datengrundlage fehlt bisher. Um diese Lücke zu schließen, habe ich zum einen qualitative Experteninterviews geführt und zusätzlich bereits vorhandenes Interviewmaterial ausgewertet. Zum anderen habe ich wissenschaftliche Arbeiten und Texte ausgewertet, die Antisemitismus, Diskriminierung und Fanverhalten im Fußball behandeln und analysieren. Von diesem Datenmaterial ausgehend, sollen die soziokulturellen Fundamente, Begründungen, Deutungsmöglichkeiten, Motive und die Funktionalität von antisemitischer Kommunikation und Stereotypen als Mittel der Beschimpfungs- und Abwertungskultur von Fußballfans untersucht werden. Ferner soll gefragt werden, in welchem Zusammenhang antisemitische Verhaltensweisen – verbale und physische – im Fußball mit anderen Diskriminierungsformen in der fußballtypischen Kommunikation stehen.

Konkret soll folgenden Fragen nachgegangen werden: Wie findet Vergemeinschaftung mit Hilfe antisemitischer Abgrenzung statt und welche kollektiven Selbstbilder werden dafür unter Fußballfans konstruiert? Welche Eigenschaften und Verhaltensweisen werden den jeweiligen Gruppen zugeschrieben?[24] Welche Funktion hat die antisemitische Kommunikation im Fußball, wenn gegnerische Fangruppen, Spieler und Vereine mit der Zuschreibung »Jude« belegt werden, auch wenn sie keine Juden sind? Was macht die andere Fangruppe zur »Judengruppe«, was trennt die eigene Gruppe von der als »Judengruppe« bezeichneten? Des Weiteren soll ermittelt werden, wie das antisemitische Verhalten von Fußballanhängern eingeordnet werden kann. Gibt es eine Bedeutungsverschiebung im Sprachgebrauch beim Fußball hinsichtlich des Gebrauchs und der Bedeutung des Lexems »Jude«?[25] Ist eine Kommunikationslatenz auch im Fußball wirkmächtig gewesen? Übernimmt das Stadion hier eine Ventilfunktion oder kann es als Brennglas für gesellschaftliche Phänomene gesehen werden? Zusätzlich stellt sich die Frage, ob es hinsichtlich antisemitischer Verlautbarungen und Handlungen eine Schnittmenge und sich gegenseitig verstärkende Tendenzen zwischen den rechts[26] offenen und neonazistischen Fangruppen und...

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