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Das Menschenbild bei Marx

Marx's Concept of Man. With a Translation of Marx's Economic and Philosophical manuscripts by T.B. Bottomore

AutorErich Fromm
VerlagEdition Erich Fromm
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl52 Seiten
ISBN9783959120463
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis6,99 EUR
Kaum ein Denker wurde so missverstanden wie Karl Marx, und kaum eine Idee wurde so missbraucht wie die des Sozialismus. In diesem Buch, das in der DDR auf dem Index stand, vermittelt Erich Fromm den Zugang zur philosophischen Denke von Marx. Fromm zeigt, dass Marx einen Menschen im Blick hatte, der seine Erfüllung in der Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen findet - und wie diese humanistische Vorstellung im real existierenden Sozialismus pervertiert wurde. Fromm löst viele Missverständnisse und Fehldeutungen auf und holt die Aussagen und Wertvorstellungen des Menschenbildes von Marx zurück ins Licht. Sie sind wichtig, um die jüngere Geschichte von Ost und West zu verstehen und haben angesichts der heutigen Konflikte von ihrer Aktualität kaum etwas eingebüßt.

Erich Fromm, Psychoanalytiker, Sozialpsychologe und Autor zahlreicher aufsehenerregender Werke, wurde 1900 in Frankfurt am Main geboren. Der promovierte Soziologe und praktizierende Psychoanalytiker widmete sich zeitlebens der Frage, was Menschen ähnlich denken, fühlen und handeln lässt. Er verband soziologisches und psychologisches Denken. Anfang der Dreißiger Jahre war er mit seinen Theorien zum autoritären Charakter der wichtigste Ideengeber der sogenannten 'Frankfurter Schule' um Max Horkheimer. 1934 emigrierte Fromm in die USA. Dort hatte er verschiedene Professuren inne und wurde 1941 mit seinem Buch 'Die Furcht vor der Freiheit' weltbekannt. Von 1950 bis 1973 lebte und lehrte er in Mexiko, von wo aus er nicht nur das Buch 'Die Kunst des Liebens' schrieb, sondern auch das Buch 'Wege aus einer kranken Gesellschaft'. Immer stärker nahm der humanistische Denker Fromm auf die Politik der Vereinigten Staaten Einfluss und engagierte sich in der Friedensbewegung. Die letzten sieben Jahre seines Lebens verbrachte er in Locarno in der Schweiz. Dort entstand das Buch 'Haben oder Sein'. In ihm resümierte Fromm seine Erkenntnisse über die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Am 18. März 1980 ist Fromm in Locarno gestorben.

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Leseprobe

5. Die Entfremdung


Die Vorstellung des tätigen, produktiven Menschen, der die gegenständliche Welt mit seinen Kräften ergreift und sich aneignet, kann ohne den Begriff der Negation der Produktivität, der Entfremdung, nicht umfassend verstanden werden. Für Marx ist die Geschichte der Menschheit eine Geschichte der wachsenden Entwicklung des Menschen und gleichzeitig seiner wachsenden Entfremdung. Marx’ Sozialismus bedeutet die Befreiung von der Entfremdung, die Rückkehr des Menschen zu sich selbst, seine Selbstverwirklichung.

Entfremdung (oder Entäußerung) bedeutet für Marx, dass der Mensch sich selbst in seiner Aneignung der Welt nicht als Urheber erfährt, sondern dass die Welt (die Natur, die anderen, und er selbst) ihm fremd bleiben. Sie stehen als Gegenstände über ihm und ihm gegenüber, obgleich sie von ihm selbst geschaffen sein können. Entfremdung heißt, die Welt und sich selbst wesentlich passiv, rezeptiv, in der Trennung von Subjekt und Objekt zu erfahren.

Die ganze Vorstellung der Entfremdung fand im westlichen Denken ihren ersten Ausdruck in der alttestamentlichen Auffassung des Götzendienstes.[15] Das Wesentliche dessen, was die Propheten Götzendienst nennen, ist nicht, dass viele Götter anstatt eines einzigen verehrt werden, sondern dass die Götzen der eignen menschlichen Hände Werk sind – sie sind Dinge, und der Mensch kniet nieder und betet Dinge an, betet an, was er selbst geschaffen hat. Indem er das tut, verwandelt er sich selbst in ein Ding. Er überträgt die Attribute seines eigenen Lebens auf die von ihm selbst geschaffenen Dinge, und anstatt sich selbst als die erschaffende Person zu erfahren, tritt er zu sich selbst nur durch die Anbetung des Götzenbildes in Beziehung. Er ist seinen eigenen Lebenskräften, dem Reichtum seiner eigenen Möglichkeiten entfremdet worden, und er tritt nur indirekt zu sich selbst in Beziehung: durch Unterwerfung [V-369] unter das in den Götzenbildern erstarrte Leben.[16] Die Leblosigkeit und Leere des Götzenbildes ist im Alten Testament ausgedrückt: „Sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht.“ (Ps 115,5°f.) Je mehr der Mensch seine eigenen Kräfte auf das Götzenbild überträgt, umso ärmer und umso abhängiger wird er selbst von den Götzen, sodass sie ihn nur einen kleinen Teil dessen, was ursprünglich sein eigen war, zurückgewinnen lassen. Die Götzen können eine gottähnliche Figur, der Staat, die Kirche, eine Person, Besitz sein. Götzendienst wechselt die Gegenstände seiner Anbetung, er ist keinesfalls nur unter den Formen zu finden, bei denen der Götze eine sogenannte religiöse Bedeutung hat. Götzendienst ist immer die Anbetung von etwas, in das der Mensch seine eigenen schöpferischen Kräfte gesteckt hat und dem er sich nun unterwirft, anstatt sich selbst in seinem Schöpfungsakt zu erleben.

Unter den vielen Formen der Entfremdung ist die häufigste die Entfremdung in der Sprache. Wenn ich ein Gefühl mit einem Wort ausdrücke, wenn ich zum Beispiel sage „ich liebe dich“, dann soll dies Wort den Hinweis auf eine Realität bedeuten, die in mir vorhanden ist, soll die Kraft meines Liebens anzeigen. Das Wort „Liebe“ ist als Symbol der Tatsache Liebe gemeint, aber sobald es ausgesprochen ist, neigt es dazu, ein Eigenleben anzunehmen, es wird zu einer Realität. Ich bilde mir ein, dass das Aussprechen eines Wortes gleichbedeutend mit dem Erleben ist, und bald sage ich das Wort und fühle nichts, außer dem Gedanken „Liebe“, den das Wort ausdrückt. Die Entfremdung der Sprache zeigt die ganze Komplexität der Entfremdung. Sprache ist eine der kostbarsten menschlichen Leistungen; es wäre ein verrückter Gedanke, nicht zu sprechen, um die Entfremdung zu vermeiden. Man muss sich jedoch immer der Gefahr des gesprochenen Wortes bewusst sein, der Drohung, dass es sich selbst an die Stelle der lebendigen Erfahrung setzt. Dasselbe gilt auch für andere Leistungen des Menschen: für Ideen, für die Kunst, für jegliche Art von von Menschen geschaffenen Dingen. Sie sind die Schöpfungen des Menschen, sie sind wertvolle Hilfen für das Leben, und doch ist jede von ihnen zugleich eine Falle, indem sie nämlich dazu verführen, das Leben selbst mit Dingen zu verwechseln, die Erfahrung mit künstlich Geschaffenem, das Gefühl mit Selbstaufgabe und Unterwerfung.

Die Denker des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts kritisierten ihre Epoche wegen der wachsenden Erstarrung, Leere und Leblosigkeit. Der gleiche Gedanke der Produktivität, der sowohl bei Spinoza als auch bei Hegel und Marx im Zentrum steht, war der Eckstein im Denken Goethes:

Die Gottheit aber ist wirksam im Lebendigen, aber nicht im Toten; sie ist im Werdenden und sich Verwandelnden, aber nicht im Gewordenen und Erstarrten. Deshalb hat auch die Vernunft in ihrer Tendenz zum [V-370] Göttlichen es nur mit dem Werdenden, Lebendigen zu tun; der Verstand mit dem Gewordenen, Erstarrten, dass er es nutze. (Goethes Gespräch mit Eckermann am 13. 2. 1829).

Bei Schiller und Fichte finden wir eine ähnliche Kritik, und dann bei Hegel und bei Marx, der die allgemeine Feststellung trifft, dass in seiner Zeit die Wahrheit ohne Leidenschaft und die Leidenschaft ohne Wahrheit sei. (Vgl. Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 08.)

Die ganze existenzialistische Philosophie ist im wesentlichen von Kierkegaard an, wie Paul Tillich formuliert, „eine über hundert Jahre alte Bewegung der Rebellion gegen die Entmenschlichung des Menschen in der industriellen Gesellschaft“ (P. Tillich, 1953). Tatsächlich bedeutet der Begriff der Entfremdung in nicht-theistischer Sprache das Äquivalent von dem, was in theistischer Sprache „Sünde“ genannt würde: der Verzicht des Menschen auf sich selbst, auf Gott in ihm.

Hegel war es, der den Begriff der Entfremdung prägte. Für ihn war die menschliche Geschichte zugleich die Geschichte der Entfremdung des Menschen. In der Philosophie der Geschichte schrieb er, dass das, wonach der Geist wirklich strebe, die Verwirklichung seiner Vorstellung sei, aber indem er das tue, verberge er dieses Ziel vor seiner eigenen Vision und sei in dieser Entfremdung von seinem eigenen Wesen stolz und zufrieden. (Vgl. G. W. F. Hegel, 1928.) Für Marx wie für Hegel basiert der Begriff der Entfremdung auf der Unterscheidung zwischen Existenz und Wesen, auf der Tatsache, dass die menschliche Existenz ihrem Wesen entfremdet ist, dass der Mensch in Wirklichkeit nicht das ist, was er potenziell ist, oder, anders ausgedrückt, dass er nicht ist, was er sein sollte, und dass er sein sollte, was er sein könnte.

Für Marx drückt sich der Prozess der Entfremdung in der Arbeit und der Arbeitsteilung aus. Arbeit ist für ihn die tätige Bezogenheit des Menschen zur Natur, die Erschaffung einer neuen Welt einschließlich der Erschaffung des Menschen selbst. (Natürlich ist für Marx intellektuelle Tätigkeit, wie künstlerische oder körperliche Betätigung, Arbeit.) Aber mit der Entwicklung des Privateigentums und der Arbeitsteilung verliert die Arbeit den Charakter, ein Ausdruck der menschlichen Kräfte zu sein. Die Arbeit und ihre Produkte nehmen ein vom Menschen, seinem Wollen und seinem Planen getrenntes Sein an.

Der Gegenstand, den die Arbeit produziert, ihr Produkt, tritt ihr als ein fremdes Wesen, als eine von dem Produzenten unabhängige Macht gegenüber. Das Produkt der Arbeit ist die Arbeit, die sich in einem Gegenstand fixiert, sachlich gemacht hat, es ist die Vergegenständlichung der Arbeit. (Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEGA I, 3, S. 83 = MEW Erg. I, S. 511°f.)

Die Arbeit ist entfremdet, weil sie aufgehört hat, ein Teil der Natur des Arbeiters zu sein und

er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. (Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEGA I, 3, S. 85 = MEW Erg. I, S. 514°f.)

Daher wird im Akt der Produktion das Verhältnis des Arbeiters zu seiner eigenen Tätigkeit „als einer fremden, ihm nicht angehörigen, die Tätigkeit als Leiden, die Kraft als Ohnmacht, die Zeugung als Entmannung“ erfahren (Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEGA I, 3, S. 86 = MEW Erg. I, S. 515). Während der Mensch so sich selbst entfremdet ist, wird zugleich das Produkt der Arbeit zu einem „fremden und über ihn mächtigen Gegenstand. Dies Verhältnis ist [V-371] zugleich das Verhältnis zur sinnlichen Außenwelt, zu den Naturgegenständen als einer fremden ihm feindlich gegenüberstehenden Welt“ (Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEGA I, 3, S. 86 = MEW Erg. I, S. 515). Marx betont zwei Punkte: 1. Im Arbeitsprozess und besonders in der Arbeit unter den Bedingungen des Kapitalismus ist der Mensch seinen eigenen schöpferischen Kräften entfremdet, und 2. die Gegenstände seiner Arbeit werden ihm fremde Wesen und beherrschen ihn schließlich, sie werden von dem Produzenten unabhängige Mächte. So sagt Marx, dass „der Arbeiter für den Produktionsprozess, nicht der Produktionsprozess für den Arbeiter da ist“ (Das Kapital, 1. Band, MEW 23, S. 514).

Selbst unter Sozialisten gibt es in diesem Punkt ein weitverbreitetes Missverständnis über Marx. Man glaubt, dass Marx hauptsächlich von der ökonomischen...

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