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Die Alchemie der Gefühle

Mit einem Vorwort von Daniel Goleman - Wie die moderne Hirnforschung unser Seelenleben entschlüsselt - das Navigationssystem zu emotionaler Klarheit -

AutorDaniel J. Siegel
VerlagKailash
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl448 Seiten
ISBN9783641040628
FormatePUB/PDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Der Weg zu emotionaler Souveränität
Im Inneren eines jeden von uns verbirgt sich ein Ozean voller Gefühle, Erinnerungen und Träume - aber auch voller Ängste, Groll und Enttäuschungen. Diese können, wenn sie unbewusst bleiben, unser Denken und Handeln auf zerstörerische Weise beeinflussen.
Daniel Siegel, ein Pionier auf dem Feld der Neurowissenschaften, hat in 25-jähriger Forschungsarbeit eine therapeutisch einsetzbare Methode entwickelt, mit deren Hilfe wir eine klarere Sicht auf unsere eigene Innenwelt und die unserer Mitmenschen erlangen. Er nennt sie Mindsight. Einfühlsam und anhand vieler Fallgeschichten führt er uns auf eine faszinierende Reise durch die Welt unserer Emotionen und zeigt, wie wir mithilfe von Mindsight Traumata aus der Vergangenheit heilen und die Gegenwart glücklicher gestalten können. Es ist tatsächlich möglich, unser Hirn völlig neu zu »verdrahten«, so dass negative Erfahrungen unser Handeln nicht länger sabotieren.
»Die Alchemie der Gefühle« bietet einzigartiges psychologisches Handwerkszeug, um unsere emotionale und soziale Intelligenz nachhaltig zu steigern. Ein Buch, das die Art und Weise, wie wir über uns denken, verändern wird.


Dr. med. Daniel J. Siegel ist Professor für Psychiatrie an der School of Medicine der Universität von Kalifornien in Los Angeles und Direktor des Mindsight Institute. Seit einem Vierteljahrhundert erforscht der Harvard-Absolvent Wege, Erkenntnisse der Hirnforschung therapeutisch nutzbar zu machen. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Los Angeles.

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Leseprobe
Immer waren es schöpferische Einsichten, die große Fortschritte in der Psychologie ermöglicht, menschliche Erfahrungen plötzlich aus einem neuen Blickwinkel beleuchtet und verborgene Zusammenhänge eröffnet haben. Freuds Theorie vom Unbewussten und Darwins Evolutionsmodell tragen weiterhin zum Verständnis der heutigen Forschungsergebnisse über das menschliche Verhalten und viele Geheimnisse des Alltags bei. Daniel Siegels Mindsight-Theorie - die Fähigkeit des Gehirns sowohl zur Einsicht wie zur Empathie - löst ein ähnliches »Aha-Erlebnis« aus. Er macht uns den Wirrwarr der uns manchmal in den Wahnsinn treibenden, chaotischen Gefühle begreiflich.
Sowohl den eigenen Geist kennenzulernen wie die Innenwelt anderer erspüren zu können ist wahrscheinlich eine einmalige menschliche Gabe. Sie ist auch der Schlüssel zur Pflege eines gesunden Geistes und Herzens, ein Gebiet, das ich in meiner Arbeit über emotionale und soziale Intelligenz erforscht habe. Selbstwahrnehmung und Empathie sind (zusammen mit Selbstbeherrschung und sozialer Kompetenz) wesentliche menschliche Fähigkeiten für ein erfolgreiches Leben. Diese in uns zu fördern erlaubt es uns, in Beziehungen, im Familienleben und in der Ehe genauso aufzublühen wie im Arbeitsbereich und in Führungspositionen.
Unter den vier genannten Fähigkeiten bildet die Selbstwahrnehmung die Grundlage für die übrigen. Können wir beispielsweise unsere Gefühle nicht beobachten, so sind wir nur schlecht dazu gerüstet, mit ihnen umzugehen oder aus ihnen zu lernen.
Wenn wir nicht auf unsere eigene Erfahrungswelt eingestimmt sind, fällt es uns umso schwerer, uns bei anderen darauf einzustimmen. Ein guter Umgang mit Menschen hängt von der reibungslosen Integration der Selbstwahrnehmung, Selbstbeherrschung und Empathie ab - das ist meine Ansicht. Daniel Siegel wirft ein neues Licht auf die Diskussion darüber, indem er diese Dynamik im Hinblick auf Mindsight (die innere Sicht) beleuchtet und überzeugende Nachweise für deren zentrale Rolle im Leben anführt.
Siegel, ein begabter und empfindsamer Kliniker sowie meisterhafter Vernetzer von Forschungsergebnissen auf dem Gebiet der Neurowissenschaften sowie der kindlichen Entwicklung, liefert uns ein zukunftsweisendes Bild. Über Jahre hinweg sind seine Arbeiten über das Gehirn, die Psychotherapie und die Kindererziehung immer wieder wegweisend gewesen. Seine Vortragsreihen und Seminare stoßen bei Fachleuten weltweit auf außerordentlich großes Interesse.
Er erinnert uns daran, dass das Gehirn ein soziales Organ ist. Mindsight ist der Kernbegriff der »zwischenmenschlichen Neurobiologie«, ein Gebiet, auf dem Siegel Pionierarbeit leistet. Seine »Zwei-Personen-Sicht« dessen, was im Gehirn abläuft, macht verständlich, inwieweit unsere alltäglichen Interaktionen neurologisch eine Rolle spielen und die Nervenbahnen formen. Jede Mutter und jeder Vater tragen dazu bei, das wachsende Gehirn eines Kindes zu gestalten. Zu den Faktoren eines gesunden Geistes gehören feinfühlige, auf ihr Kind eingestimmte Eltern: Eltern mit Mindsight. Eine entsprechende Erziehung fördert diese wesentliche Fähigkeit auch beim Kind.
Mindsight spielt eine integrierende Rolle im Dreieck, das Beziehungen, Geist und Gehirn miteinander verknüpft. Der Energie- und Informationsfluss zwischen diesen Elementen menschlichen Erlebens erzeugt Muster, von dem alle drei geprägt werden (wobei hier zum Gehirn auch dessen Ausläufer über das Nervensystem im ganzen Körper gehören). Diese Sehweise ist im wahren
Sinn des Wortes ganzheitlich; sie schließt unser ganzes Wesen ein. Dank Mindsight können wir diesen wesentlichen Strom des Seins besser erkennen und mit ihm umgehen.
Die Biografie Daniel Siegels ist beeindruckend. Nach seinem Medizinstudium an der Harvard-Universität wurde er klinischer Professor der Psychiatrie an der UCLA (University of California, Los Angeles) und einer der Leiter des dortigen Mindful Awareness Research Center. Zudem hat er das Mindsight Institute gegründet, welches er noch heute leitet. Noch eindrücklicher aber als die Biografie ist der achtsame, auf Mitmenschen eingestimmte Mensch Siegel, der alle mit seiner warmherzigen Präsenz bereichert. Er verkörpert, was er lehrt.
Fachleuten, die sich mit dieser neuen Wissenschaft befassen möchten, empfehle ich Siegels erstes Buch über interpersonale Neurobiologie: Wie wir werden, die wir sind. Neurobiologische Grundlagen subjektiven Erlebens und die Entwicklung des Menschen in Beziehungen. Für Eltern hat sich ein weiteres Buch, das er in Zusammenarbeit mit Mary Hartzell geschrieben hat, als ungeheuer wertvoll erwiesen: Gemeinsam leben, gemeinsam wachsen: Wie wir uns selbst besser verstehen und unsere Kinder einfühlsam ins Leben begleiten können. Doch alle, die ein erfüllteres Leben anstreben, werden in dem jetzt vorliegenden Buch überzeugende praktische Antworten finden.
Daniel Goleman
Einleitung
Eintauchen in das innere Meer
Im Inneren jedes Menschen befindet sich eine geistige Welt, die ich gerne als »inneres Meer« bezeichne. Es ist ein wunderbar reichhaltiger Ort voller Gedanken und Gefühle, Erinnerungen und Träume, Hoffnungen und Wünsche. Es kann natürlich auch ein turbulenter Ort sein, an dem wir die dunklen Seiten aller schönen Gefühle und Gedanken erleben - Ängste, Leid, Sorgen, Reue und Albträume. Wenn dieses innere Meer über uns hereinzubrechen und uns in dunkle Tiefen mitzureißen droht, haben wir manchmal das Gefühl, wir würden ertrinken. Wen haben die Empfindungen aus dem eigenen Inneren nicht schon das eine oder andere Mal überwältigt? Manchmal gehen solche Gefühle schnell wieder vorbei - ein schlechter Tag in der Arbeit, ein Streit mit einem geliebten Menschen, plötzliche Nervosität wegen einer Prüfung, die wir ablegen, oder eines Referats, das wir halten müssen, oder wir blasen aus einem unerklärlichen Grund einen oder zwei Tage lang Trübsal. Doch manchmal handelt es sich offenbar um etwas sehr viel Hartnäckigeres, um etwas, das so sehr zu unserem Wesenskern gehört, dass es uns nicht einmal in den Sinn kommt, wir könnten es ändern. Hier kommt die Gabe, die ich »Mindsight« nenne, zum Zug, denn meistert man Mindsight erst einmal, wird es zu einem echten Werkzeug der Transformation. Mindsight birgt das Potenzial, uns von geistigen Mustern zu befreien, die uns daran hindern, voll und ganz zu leben.
Was ist Mindsight?
Mindsight ist eine konzentrierte Aufmerksamkeit, die uns die inneren Abläufe des eigenen Geistes offenbart. Sie macht uns die inneren Prozesse bewusst, ohne dass wir uns von ihnen mitreißen lassen, ermöglicht es uns, vom Autopiloten mit all seinen tief verwurzelten Verhaltensweisen und gewohnheitsmäßigen Reaktionen wegzukommen, und löst uns aus den emotionalen Gefühlsschlaufen, in denen wir alle gelegentlich feststecken. Mindsight lässt uns die erlebten Gefühle benennen und zähmen, statt dass wir von ihnen überschwemmt werden. Denken Sie nur an den Unterschied, wenn Sie sagen: »Ich bin traurig« oder »Ich empfinde Trauer«. So ähnlich die beiden Sätze auch klingen, so besteht doch ein sehr großer Unterschied zwischen ihnen. »Ich bin traurig« ist eine Art Selbstdefinition, und zwar eine sehr einschränkende. In der Wendung: »Ich empfinde Trauer« liegt die Fähigkeit, ein Gefühl zu erkennen und zuzulassen, ohne davon verzehrt zu werden. Die konzentrierte Aufmerksamkeit, die zu Mindsight gehört, ermöglicht es, die Abläufe im eigenen Inneren wahrzunehmen, sie anzunehmen, durch dieses Annehmen loszulassen und schließlich zu transformieren.
Sie können sich Mindsight auch als spezielle Brille vorstellen, dank welcher wir den Geist deutlicher denn je wahrnehmen. Diese Brille kann praktisch jeder entwickeln, und wenn wir sie erst einmal besitzen, können wir tief in das geistige Meer im Inneren eintauchen und unser eigenes sowie das Innenleben anderer erforschen. Als Fähigkeit, die nur dem Menschen eigen ist, erlaubt uns Mindsight, die Prozesse, die unsere Gedanken, Gefühle und unser Verhalten steuern, genau und in allen Einzelheiten zu untersuchen und ihnen auf den Grund zu gehen. Sie erlaubt zudem, innere Erfahrungen anders zu gestalten und umzulenken, damit wir mehr Entscheidungsfreiheit bei alltäglichen Betätigungen und mehr Kraft haben, die Zukunft zu planen und Autoren unserer eigenen Lebensgeschichte zu werden. Anders ausgedrückt:
Mindsight ist die Grundfähigkeit, die allem zugrunde liegt, was wir meinen, wenn wir von sozialer und emotionaler Intelligenz sprechen.
Interessanterweise wissen wir heute aus den Entdeckungen der Neurowissenschaften, dass die geistigen und emotionalen Veränderungen, die wir bewirken können, wenn wir Mindsight als Fähigkeit kultivieren, auch die rein physische Beschaffenheit des Gehirns verändern. Durch Entwickeln der Gabe, unsere Aufmerksamkeit auf die Innenwelt zu richten, nehmen wir gleichsam ein »Skalpell« zur Hand, mit dem wir unsere Nervenbahnen neu formen und das Wachstum der Hirnbereiche stimulieren, die für die geistige Gesundheit wesentlich sind. Ich werde in den folgenden Kapiteln noch einiges darüber sagen, denn Grundkenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns zu besitzen hilft zu erkennen, wie groß sein Veränderungspotenzial ist.
Veränderungen kommen jedoch nicht einfach so zustande. Man muss daran arbeiten. Auch wenn die Fähigkeit, auf dem inneren Meer des eigenen Geistes zu navigieren - Mindsight zu nutzen -, unser Geburtsrecht ist und manche Menschen aus Gründen, die später noch deutlich werden, sehr viel mehr davon besitzen als andere, so stellt sie sich ebenso wenig automatisch ein, wie die Tatsache, dass wir mit Muskeln zur Welt kommen, Leichtathleten aus uns macht. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass wir bestimmte Erfahrungen brauchen, um diese grundlegende menschliche Fähigkeit zu entwickeln. Ich sage oft, dass Eltern und Erzieher uns die ersten Schwimmstunden auf diesem inneren Meer geben, und wenn wir schon früh im Leben mit fürsorglicher Förderung gesegnet waren, konnten wir Grundlagen von Mindsight entwickeln, auf denen wir aufbauen können. Doch auch wenn diese erste Unterstützung gefehlt hat, gibt es bestimmte Tätigkeiten und Erfahrungen, die im weiteren Verlauf des Lebens Mindsight fördern. Wie Sie sehen werden, ist Mindsight eine Art mentaler Kompetenz, die sich ungeachtet frühkindlicher Erfahrungen bei jedem Menschen verfeinern lässt.
Als ich erstmals beruflich die Natur des Geistes zu erforschen begann, kannte unsere Alltagssprache keinen Begriff, der beschreibt, wie wir Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Erinnerungen, Überzeugungen, Haltungen, Hoffnungen, Träume und Fantasien wahrnehmen. Natürlich füllen diese inneren Aktivitäten unseren Alltag aus - wir brauchen keine Fertigkeit zu erlernen, um sie zu erfahren. Wie aber lernen wir, einen Gedanken wahrzunehmen - nicht bloß ihn zu denken? Wie erkennen wir, dass der Gedanke eine Tätigkeit unseres Geistes ist - nicht etwas, das Besitz von uns ergreift? Wie können wir für den Reichtum des Geistes empfänglich sein und nicht nur auf seine Reflexe reagieren? Wie können wir Gedanken und Gefühle lenken, statt von ihnen angetrieben zu werden? Und wie können wir den Geist anderer kennenlernen, damit wir wirklich verstehen, »wie sie ticken«, und dann besser und mitfühlender reagieren?
Als ich noch ein junger Psychiater war, gab es keine leicht zugänglichen wissenschaftlichen oder klinischen Begriffe, um die Gesamtheit dieser Fähigkeit zu beschreiben. Als Hilfe für meine Patienten prägte ich damals den Begriff Mindsight, um diese wichtige Gabe mit ihnen besprechen zu können, die uns die inneren Abläufe des eigenen Geistes wahrnehmen und sie gestalten lässt.
Dank der ersten fünf Sinne nehmen wir die Außenwelt wahr - hören den Gesang eines Vogels oder das warnende Rasseln einer Klapperschlange -, dank ihnen können wir eine belebte Straße entlanggehen oder im Frühjahr den Duft der sich erwärmenden Erde riechen. Was man den sechsten Sinn nennt, gibt Aufschluss über innere körperliche Befindlichkeiten - den schnellen Herzschlag, der Angst oder Aufregung signalisiert, Schmetterlinge im Bauch, den Schmerz, um den man sich kümmern sollte. Mindsight - die Fähigkeit, nach innen zu schauen, den Geist wahrzunehmen, über die eigene Erfahrung nachzudenken -, ist genauso wichtig für unser Wohlbefinden. Mindsight ist unser siebter Sinn.
Wie ich in diesem Buch aufzuzeigen hoffe, kann uns diese wesentliche Fertigkeit helfen, soziale und emotionale Intelligenz zu entwickeln, aus Unordnung im Leben zu Wohlbefinden zu gelangen und befriedigende, verbundene, einfühlsame mitmenschliche Beziehungen aufzubauen. Führende Vertreter aus Wirtschaft und Politik haben mir berichtet, wie sehr ein tiefes Verständnis der geistigen Prozesse in Gruppen ihnen geholfen hat, effizienter zu sein und ihre Organisationen produktiver zu machen. Kliniker sowohl im medizinischen Bereich wie in der Psychiatrie sagen, Mindsight habe ihre Haltung Patienten gegenüber verändert, und den Geist in den Mittelpunkt ihrer Heilarbeit zu stellen habe ihnen geholfen, neue und nützliche Hilfsmaßnahmen auszuarbeiten. Lehrer, die sich mit Mindsight befassten, haben gelernt, »mit dem Gehirn im Sinn zu unterrichten«. Sie erreichen ihre Schüler und Studenten besser, und was sie ihnen beibringen, hat mehr Bestand.
Im eigenen Leben bietet Mindsight Gelegenheit, die subjektive Essenz unseres Seins zu ergründen sowie ein sinnvolleres Leben mit einer reicheren und verständlicheren Innenwelt zu schaffen. Mit Mindsight gelingt uns der Ausgleich der Gefühle besser, und mit ihrer Hilfe können wir eine innere Stabilität erlangen, die es uns erlaubt, mit kleinem und großem Stress im Leben fertigzuwerden. Dank konzentrierter Aufmerksamkeit trägt Mindsight auch zur Homöostase (Selbstregulierung) in Körper und Gehirn bei, zum Erlangen des inneren Gleichgewichts, der Koordinierung und Anpassungsfähigkeit, welche die Basis der Gesundheit bilden. Und schließlich kann Mindsight die Beziehungen zu Freunden, Kollegen, Ehepartnern und Kindern verbessern - und auch die Beziehung zu uns selbst!

Ein neuer Weg zum Wohlbefinden
Alles Folgende fußt auf drei Grundprinzipien. Das erste lautet, dass Mindsight sich in ganz praktischen Schritten entwickeln lässt. Dies bedeutet, dass das Erlangen des Wohlbefindens - geistig, in nahen Beziehungen und sogar körperlich - eine erlernbare Fertigkeit ist. In jedem Kapitel dieses Buches wird diese Fähigkeit zum Navigieren auf dem inneren Meer erforscht, von der einfachen bis zur fortgeschrittenen Form.
Zweitens verändern wir durch die Entfaltung von Mindsight die physische Hirnstruktur an sich. Die Brille zu entwickeln, die uns den Geist deutlicher wahrnehmen lässt, stimuliert das Gehirn zum Erzeugen wichtiger neuer Verbindungen. Diese Erkenntnis basiert auf einer der erfreulichsten wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten zwanzig Jahre: Die Art, die Aufmerksamkeit auszurichten, formt die Hirnstruktur. Die Neurowissenschaften vertreten die Ansicht, dass die Förderung von Reflexionsfähigkeit und Mindsight eben die Schaltkreise aktiviere, die zu Elastizität (Resilienz) und Wohlbefinden führen und die zudem der Empathie und dem Mitgefühl zugrunde liegen. Ebenso haben die Neurowissenschaften eindeutig nachgewiesen, dass wir nicht nur in der Kindheit solche neuen Verbindungen schaffen können, sondern das ganze Leben lang. Die kurzen, im ersten Teil eingestreuten Abschnitte »Blick ins Gehirn« sind Wegweiser auf diesem neuen Gebiet.
Das dritte Prinzip bildet den Kern meiner Arbeit als Psychotherapeut, Erzieher und Wissenschaftler. Wohlbefinden entsteht, wenn wir Verbindungen im Leben knüpfen: wenn wir lernen, Mindsight zur Unterstützung des Gehirns zu nutzen, um Integration zu erreichen und aufrechtzuerhalten, ein Prozess, bei dem sich verschiedene Elemente zu einem funktionierenden Ganzen verbinden. Ich weiß, dass es zuerst fremd und abstrakt klingen mag, aber ich hoffe, Ihnen bald verständlich machen zu können, dass dies eine natürliche und nützliche Betrachtungsweise des Lebens ist. Integration ist beispielsweise der Haupt- und Angelpunkt gesunder Kontakte unter Menschen, bei denen wir die Verschiedenheit anderer achten, während unsere Kommunikationslinien weit offen sind. Getrennte Einheiten miteinander zu verbinden - Integration - ist außerdem auch die Vorbedingung für die Freisetzung von Kreativität, die zu sprudeln beginnt, wenn die linke und rechte Gehirnhälfte zusammenspielen.
Integration ermöglicht, flexibel und frei zu sein. Fehlen gut integrierte Verbindungen, wird das Leben entweder starr oder chaotisch, verläuft in langweiligen, festgefahrenen Bahnen, oder man braust wie aus heiterem Himmel immer wieder auf. Mit gut integrierten Verbindungen entstehen Freiheit, ein Gefühl von Vitalität und die Leichtigkeit des Wohlbefindens. Ohne Integration geraten wir leicht in einen Trott, in Angstzustände und Depressionen, rutschen ab in Gier, Besessenheit und Suchtverhalten.
Eignet man sich Mindsight-Fähigkeiten an, kann man die Funktionsweise des Geistes verändern, das Leben in Richtung Integration lenken und sich von den Extremen Chaos oder Starrheit lösen. Mit Mindsight können wir den Geist so konzentrieren, dass das Gehirn buchstäblich integriert wird, und das heißt, dass es stabiler, spannkräftiger und gesünder wird.
Falsch verstandene Mindsight
Es ist höchst erfreulich, E-Mails von Zuhörern meiner Vorträge oder Patienten zu bekommen, in denen zum Beispiel steht: »Meine ganze Weltsicht hat sich verändert.« Doch nicht alle, für die Mindsight neu ist, verstehen sie gleich richtig. Manche sorgen sich, es handle sich dabei nur um eine neue Art der Selbstbetrachtung, um eine Nabelschau, die sich mit »Reflektieren« beschäftigt, statt dass man voll und ganz lebt. Vielleicht haben Sie auch über jüngst durchgeführte Forschungen (oder die alten Lehren) gelesen, die besagen, Glück hänge davon ab, »über sich selbst hinauszugehen«. Lenkt Mindsight uns von diesem übergeordneten Wohl ab? Zwar stimmt es, dass übertriebene Selbstbezogenheit das Glück mindert. Mindsight aber führt dazu, dass Sie sich weniger mit sich selbst beschäftigen, nicht mehr. Wenn wir nicht von Gedanken und Gefühlen übermannt werden, wird uns die eigene Innenwelt klarer, und wir werden zugleich aufnahmefähiger für die Innenwelt anderer. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen diese Idee und haben ergeben, dass Menschen mit mehr Mindsight mehr Interesse und Empathie für andere auf- bringen. Die Forschung hat auch deutlich aufgezeigt, dass Mindsight nicht nur das innere und zwischenmenschliche Wohlbefinden fördert, sondern auch mehr Effizienz und bessere Leistungen in der Schule und im Arbeitsbereich ermöglicht.
Eine weitere, kritische Frage in Bezug auf Mindsight kam eines Tages in einem Gespräch mit einigen Lehrern zur Sprache. »Wie können wir denn von den Kindern verlangen, sie sollten über ihren eigenen Geist nachdenken?«, wollte ein Lehrer wissen. »Öffnen wir damit nicht die Büchse der Pandora?« Sie erinnern sich: Als die Büchse der Pandora geöffnet wurde, flog alles Schlechte heraus und brach über die Welt herein. Stellen wir uns unser Innenleben oder das Innenleben unserer Kinder so vor? Nach meiner eigenen Erfahrung kommt ein großer Wandel in Gang, wenn wir unseren Geist neugierig und achtungsvoll betrachten, statt dies voller Angst zu vermeiden. Die eigenen Gedanken und Gefühle ins Bewusstsein einzulassen erlaubt uns, aus ihnen zu lernen, statt von ihnen getrieben zu werden. Wir können sie bändigen, ohne sie zu verdrängen. Wir können die Weisheit, die sie enthalten, hören, ohne vor ihren kreischenden Stimmen zu erschrecken. Und wie Sie bei der Lektüre dieses Buches noch sehen werden, können sogar erstaunlich kleine Kinder die Fähigkeit entwickeln, innezuhalten und sich zu entscheiden, was sie tun wollen, wenn ihnen ihre Impulse besser bewusst werden.

Wie entwickeln wir Mindsight?
Mindsight ist keine Alles-oder-nichts-Fähigkeit, also nicht etwas, das wir entweder haben oder nicht haben. Mindsight ist ein Geschick, das man sich aneignen kann, wenn man die nötige Mühe und Zeit für seine Einübung aufbringt.
Die meisten Menschen kommen mit dem Gehirnpotenzial zur Entfaltung von Mindsight zur Welt, doch benötigen die ihr zugrunde liegenden Neuralschaltkreise Erfahrungen, damit sie sich richtig entwickeln. Bei manchen, zum Beispiel bei Menschen, die an Autismus oder an Nervenkrankheiten leiden, entwickeln sich die Neuralschaltkreise möglicherweise trotz der besten Fürsorge nicht gut. Bei den meisten Kindern jedoch entsteht die Fähigkeit, das Innere wahrzunehmen, im täglichen Umgang mit anderen, besonders aber dank aufmerksamer Kommunikation seitens der Eltern und Betreuer. Spiegeln Erwachsene in harmonischen Beziehungen dem Kind ein exaktes Bild seiner Innenwelt wider, so beginnt es, sein Inneres klar zu erspüren. Dies ist die Grundlage für die innere Sicht, für Mindsight. Neurowissenschaftler arbeiten zurzeit an der Bestimmung derjenigen Schaltkreise im Gehirn, die an dieser intimen Interaktion Anteil haben, und erforschen dabei, wie die Einstimmung einer Betreuungsperson auf die Innenwelt des Kindes die Entfaltung von dessen Neuralschaltkreisen stimuliert.
Gehen Eltern hingegen nicht auf das Kind ein, sind sie distanziert oder reagieren verwirrend, so bedeutet die fehlende Einstimmung, dass sie dem Kind kein genaues Bild seines Innenlebens widerspiegeln. In diesem Fall kann es den Forschungsergebnissen zufolge vorkommen, dass sich die Mindsight-Brille des Kindes trübt oder verzerrt. Dann sieht das Kind möglicherweise nur einen Teil seines inneren Meeres oder nimmt auch diesen nur verschwommen wahr. Oder aber das Kind sieht zwar durch eine gute, jedoch fragile Mindsight-Brille, die durch Stress und intensive Gefühle leicht zu Bruch gehen kann.
Das Gute an der Sache aber ist, dass es ungeachtet der frühkindlichen Erlebnisse nie zu spät ist, das Wachstum jener Nervenbahnen zu stimulieren, dank welchen Mindsight florieren kann. Sie werden gleich einen 92-jährigen Mann kennenlernen, der eine schmerzhafte, desolate Kindheit überwinden konnte und zum Mindsight-Experten wurde. Dies ist ein lebendiger Beweis für eine weitere vielversprechende Entdeckung der modernen Neurowissenschaften, nämlich die, dass das Wachstum des Gehirns dank dessen Reaktionen auf Erfahrungen nie aufhört.13 Dies trifft auch auf Menschen mit glücklicher Kindheit zu. Sogar wenn wir schon früh positive Beziehungen zu Betreuern und Eltern entwickelt haben können wir zeitlebens den entscheidenden siebten Sinn immer weiter entfalten und die Verbundenheit und Integration fördern, die den Kern des Wohlbefindens bilden.
Im ersten Teil des Buches wollen wir Situationen unter die Lupe nehmen, in denen die lebenswichtige Mindsight-Fähigkeit fehlt. Diese Berichte zeigen auf, wie entscheidend die klare Wahrnehmung des Inneren und die Fähigkeit, die Funktionsweise des Geistes zu verändern, für das Erlangen des Wohlbefindens sind. Der erste Teil ist der eher theoretische Teil, in dem ich Grundbegriffe erkläre, den Lesern eine Einführung in die Hirnforschung gebe und Arbeitsdefinitionen des Geistes und der geistigen Gesundheit liefere. Da ich weiß, dass meine Leser sehr unterschiedliche Vorgeschichten und Interessen haben, ist mir klar, dass manche vielleicht über vieles davon hinweglesen oder es sogar überspringen und sich direkt mit dem zweiten Teil befassen möchten. In diesem sehen wir uns Berichte aus meiner Praxis genauer an, die aufzeigen, welche Schritte zur Entfaltung von Mindsight nötig sind. Dort erläutere ich ebenjene praktischen Fertigkeiten, die Ihnen helfen sollen, selbst zur Gesundheit Ihres eigenen Geistes beizutragen. Ganz am Ende des Buches befindet sich ein Anhang, in denen die Grundbegriffe umrissen sind, und in einer Reihe von Anmerkungen sind die wissenschaftlichen
Quellen und Hintergrundinformationen angegeben, die diese Ansichten untermauern.
Unsere Erforschung von Mindsight beginnt mit der Geschichte einer Familie, die mein Leben und meine gesamte Betrachtungsweise der Psychotherapie verändert hat. Die Suche nach Möglichkeiten, um ihnen zu helfen, hat mich bewogen, neue Antworten auf einige schmerzliche Fragen zu suchen, zum Beispiel auf die Frage, was geschieht, wenn jemand Mindsight, seine innere Sicht, verliert. Die Suche hat mich auch dazu bewogen, Methoden ausfindig zu machen, mit deren Hilfe wir Mindsight in uns selbst, in unseren Kindern und unseren Gemeinschaften wiedererwecken und neu aufbauen können. Ich hoffe, Sie werden mich bei diesem Eintauchen in das innere Meer begleiten. In dessen Tiefen erwartet uns eine riesige Welt voll ungeahnter Möglichkeiten.

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