Sie sind hier
E-Book

Die Bundespflegekammer

Mehr Autonomie - mehr Anerkennung: Warum eine Selbstverwaltung für Pflegende so wichtig ist

AutorUrsula Jendrsczok, Manuela Raiß
VerlagSchlütersche
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl128 Seiten
ISBN9783842688766
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis28,99 EUR
Die erste Landespflegekammer (Rheinland-Pfalz) hat ihre Arbeit aufgenommen; weitere (Schleswig-Holstein, Niedersachsen) befinden sich in der Gründungsphase. In anderen Bundesländern (Berlin, Mecklenburg-Vorpommern) wurde bereits positiv abgestimmt. Immer wird dabei die Errichtung einer Bundespflegekammer angestrebt. Sie soll die Interessen der Pflegenden auf Bundesebene vertreten und auch Einfluss auf die Qualität und Ausbildung der Pflegenden nehmen. Dieses Buch basiert auf der Masterarbeit von Ursula Jendrsczok (benotet mit 'sehr gut'). Es zeigt den Weg zur Bundespflegekammer, nennt die Ziele und Aufgaben, zeigt Chancen und Risiken einer solchen Gründung.

Ursula Jendrsczok ist Gesundheits- und Krankenpflegerin. Sie studierte Pflegemanagement und Health Care Management. Manuela Raiß ist Altenpflegerin. Sie studierte Pflegemanagement und -wissenschaft, arbeitete als Pflegesachverständige und Qualitätsbeauftragte. Beide Autorinnen arbeiten seit der Gründung bei der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

2 PROZESS DER PROFESSIONALISIERUNG DES PFLEGEBERUFS


2.1 Pflegen zwischen Zeitnot und fachlicher Komplexität – Eine Beschreibung der Ist-Situation


Zusammenfassung

Die pflegerische Versorgung einer hochentwickelten Gesellschaft stellt umfassende Herausforderungen an die gesamte Pflegebranche. Eine immer älter werdende Gesellschaft und die damit steigende Anzahl an pflegebedürftigen, multimorbiden Patienten stehen einem zunehmenden ökonomischen Druck durch steigende Gesundheitsausgaben gegenüber. Der bestehende Fachkräftemangel, hohe physische und psychische Belastungsfaktoren und das steigende Arbeitspensum stellen dabei hohe Anforderungen an die Berufsangehörigen der Pflege.

Verändern sich die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten eines Landes, hat dies unmittelbaren Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung, die Gesundheitsversorgung und die pflegerische Berufsausübung. Aufgrund der rasanten Veränderungen in Deutschland haben sich die Anforderungen an die Pflegebranche und damit der Arbeitsalltag der Pflege seit Beginn des 20. Jahrhunderts umfassend gewandelt.13

Im Zuge der demographischen Entwicklung der deutschen Bevölkerung steigt die Lebenserwartung der Bürgerinnen und Bürger zunehmend, wie auch der Altersmeridian. Während im Jahr 2000 noch rund 35 % der Bevölkerung über 50 Jahre alt war, werden es im Jahr 2030 bereits 47 % sein, d. h. knapp die Hälfte der deutschen Bürger.14 Dabei nimmt die Zahl der potentiellen und tatsächlichen Pflegebedürftigen in Deutschland zu.15 Die neusten Angaben des Statistischen Bundesamtes sind alarmierend. Bereits im Jahr 2013 waren 2 626 206 Menschen in Deutschland pflegebedürftig.16 Bis 2050 wird sich diese Zahl den Berechnungen zufolge vermutlich mehr als verdoppeln.17

Mit zunehmendem Alter steigt der Bedarf an pflegerischer Betreuung18 – siehe Abbildung 1 (S. 7). Die Dauer der Pflegebedürftigkeit nimmt analog dem Alter zu. Während 0,8 % der Bürger in Deutschland im Alter von 60 Jahren einen Pflegebedarf aufweisen, sind von den 60- bis 80-jährigen bereits 4,7 % und ab einem Alter von 80 Jahren, knapp jeder dritte Deutsche (29,0 %), pflegebedürftig.19

 

Abb. 1: Pflegequote nach Altersgruppen in Deutschland im Jahr 2013.20

Um den Pflege- und Betreuungsbedarf der zunehmenden Anzahl kranker und hilfsbedürftiger Menschen in Deutschland quantitativ und qualitativ decken zu können, werden zukünftig mehr und besser qualifizierte Pflegefachpersonen benötigt.21 Doch mangelt es in Deutschland, wie auch in anderen Branchen, an qualifiziertem Fachpersonal. Ein bereits eklatanter Fachkräftemangel in der Pflegebranche ist zunehmend erkennbar.22 Im Jahr 2013 waren in der Pflege rund 129 Arbeitsstellen pro eine Million Einwohner unbesetzt.23

Hinzu kommt der Abbau von Arbeitsstellen in der Pflege. In den Jahren 2000 bis 2012 sank die Anzahl der in der Pflege Beschäftigten im Krankenhaussektor um rund 12 %. Gleichzeitig stieg die Anzahl der hauptamtlichen Ärzte in diesem Sektor um rund 40 %.24 Dies führt zwangsläufig dazu, dass immer weniger Pflegefachpersonen immer mehr Pflegebedürftige betreuen müssen. Das Betreuungsverhältnis Pflegekraft zu Patienten liegt in Deutschland heute bei 1 zu 13 mit steigender Tendenz. Hingegen weisen andere Länder wie z. B. die Schweiz ein Verhältnis von 5,3 Patienten zu einer Pflegekraft auf, die Niederlande ein Verhältnis von 4,8 Patienten zu einer Pflegekraft und in Norwegen versorgte eine Pflegekraft im Schnitt nur 3,7 Patienten.25

Des Weiteren sinkt die Verweildauer der Patienten im Krankenhaus und die Fallzahl steigt erheblich an. Dies bedeutet, dass die Patientenanzahl zunimmt und gleichzeitig die Arbeitsintensität für das Personal deutlich steigt. Das wachsende Arbeitspensum muss dabei von immer weniger Pflegefachpersonen geleistet werden, wie Abbildung 2 zeigt.

 

Abb. 2: Entwicklung Vollkräfte im Pflegedienst in allgemeinen Krankenhäusern.26

In Deutschland haben sich Altersbilder und Lebensformen der Gesellschaft grundlegend geändert. Obgleich die Bereitschaft des ›für-einander-Sorgens‹ in der Gesellschaft zunimmt, können heute viele Pflegebedürftige nicht mehr mit der Unterstützung und Pflege in der eigenen Familie rechnen.27 Deutsche Bürger bauen auf die professionelle Pflege. Eine aktuelle Studie der Deutschen Gesellschaft für Qualität e.V. (DGQ) ergab, dass die Befragten die professionelle Pflege und Betreuung der privaten Pflege deutlich vorziehen.28 Die Pflege und Betreuung der Menschen sowie die Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen wird aus den Familien in Kranken- und Pflegeeinrichtungen übertragen und somit die Verantwortung delegiert.29 Rund ein Drittel aller Pflegbedürftigen wird bereits heute in vollstationären Pflegeeinrichtungen betreut.30 Im Vergleich zum Jahr 1999 stieg die Zahl der betreuten Pflegebedürftigen in stationären Pflegeeinrichtungen 2013 um rund 36 %. Ambulante Pflegedienste versorgen heute im Vergleich zu den Zahlen vor zwei Jahren rund 200 000 Pflegeempfänger mehr. Dies entspricht einem Anstieg von 48,3 %.31 Diese Ursachen führen zusätzlich zu einem erhöhten Bedarf an Pflegefachpersonen in Deutschland, der die heute bestehende Infrastruktur der Pflegebranche bereits an ihre Grenzen bringt.32

Neben der Zunahme der Patientenzahlen und dem gleichzeitigen Rückgang der Pflegestellen hat sich auch die Patientenstruktur gewandelt. Immer mehr Menschen leiden an hoch komplexen Krankheitsbildern sowie an chronischen und dementiellen Erkrankungen. Die pflegerische Fachexpertise wird mehr denn je benötigt.33 Die Multimorbidität der zu Pflegenden erfordert eine umfassende professionelle Pflege und Betreuung. Es besteht der Bedarf an einer intensiven pflegerischen Versorgung bei vergleichsweise niedrigem medizinischem Behandlungsbedarf.34 Doch dies bindet erhebliche zeitliche und personelle Ressourcen. Die aufgeführten Faktoren führen bereits dazu, dass die Patienten nicht mehr bedarfsgerecht versorgt werden können. Isfort, Klostermann, Gehlen und Siegling belegen in ihrer Studie, dass aufgrund des steigenden Arbeitspensums in stationären Einrichtungen im Frühdienst gerade einmal rund 60 % der Patienten mit einer Demenz eine ausreichende Pflege erfahren. Auf nur jeder 5. Station wird die pflegerische Versorgung von demenziell erkrankten Patienten als sicher eingestuft.35

Pflegefachpersonen unterstützen Menschen in der Bewältigung existenzieller Lebenskrisen.36 Die Begleitung pflegebedürftiger Menschen erfordert dabei von den Pflegenden ein hohes Maß an physischer und psychischer Stärke und verlangt außerdem von ihnen, ethisch schwierige Entscheidungen mittragen zu müssen.37 Auf der einen Seite rückt das soziale Umfeld, bedarfsgerechte Beratungen sowie die Pflegeüberleitung aus den stationären in ambulante Versorgungseinrichtungen immer mehr in den Fokus der pflegerischen Aufgaben.38 Auf der anderen Seite führt die Versorgungssituation zu hohen psychischen und physischen Belastungen, mit denen Pflegekräfte täglich konfrontiert werden. Können die Belastungen nicht mehr ausreichend kompensiert werden, führt dies zu Unzufriedenheit, einem erhöhten Krankenstand und nicht selten einem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Pflegeberuf.39 Eine deutschlandweite Studie im Jahr 2009 hat ergeben, dass jede vierte Pflegefachperson aufgrund ihrer Überforderung im Beruf eine Reduzierung ihrer vertraglichen Arbeitszeit anstrebte. Gleichzeitig haben die Pflegefachpersonen, hochgerechnet auf alle Pflegende Deutschlands, in nur einem halben Jahr Überstunden in Höhe von 15 000 Vollzeit-beschäftigten geleistet.40 Dabei stellt die Berufsgruppe der Pflege die größte Berufsgruppe des Gesundheitswesens dar, wie Abbildung 3 zeigt.

 

Abb. 3: Anzahl Berufsangehörige der Heilberufe nach Berufsgruppe.41

Aus Kostengründen wird versucht, diese Personallücken meist mit Aushilfskräften zu kompensieren.42 Der Mangel an ausgebildeten Pflegefachpersonen führt zu einem erhöhten Leistungspensum der einzelnen Pflegekraft43, was den Druck zusätzlich erhöht. Der dringend benötigte berufliche Nachwuchs der Pflege nimmt angesichts der allgemein sinkenden Geburtenrate aber auch aufgrund der schlechten Reputation des Pflegeberufes weiter ab.44 Die Pflegeausbildung gilt als unattraktiv. Nach einer Studie des Instituts für Public Health und Pflegeforschung (IPP) der Universität Bremen wird eine Ausbildung in der Pflege von Seiten der Schüler und deren Eltern nicht näher in Betracht gezogen.45

Der erhöhte Versorgungsaufwand bei gleichzeitiger Verkürzung der Verweildauer der zu Pflegenden erfordert eine Umstrukturierung der Patientenversorgung.46 Dies stellt zukünftig höhere Anforderungen an die Organisation und Leitung des Berufsstandes. Die veränderten Versorgungsstrukturen und der Fachkräftemangel bedürfen vielseitiger administrativer, koordinierender und...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Pflege - Heilberufe - Betreuung - Altenpflege

Burnout in der Pflege

E-Book Burnout in der Pflege

Immer mehr Menschen leiden unter dem Burnout-Syndrom, einem chronischen Erschöpfungszustand, der sich in Form eines längeren Prozesses entwickelt und in verschiedenen Phasen verläuft. Schwierige ...

Handbuch Gesundheitsrecht

E-Book Handbuch Gesundheitsrecht

In kaum einem anderen Land ist die Gesundheitsversorgung - sei es Krankenbehandlung, Prävention oder Rehabilitation - derart durch Recht strukturiert wie in Deutschland. Recht hat hier nicht nur die ...

Brücken bauen 2

E-Book Brücken bauen 2

Die in diesem Sammelband publizierten Beiträge basieren auf Vorträgen, die im Rahmen der regelmäßigen Sitzungen der "AG Pflegeforschung Rhein-Neckar" gehalten wurden. Die AG Pflegeforschung ist ...

Weitere Zeitschriften

ARCH+.

ARCH+.

ARCH+ ist eine unabhängige, konzeptuelle Zeitschrift für Architektur und Urbanismus. Der Name ist zugleich Programm: mehr als Architektur. Jedes vierteljährlich erscheinende Heft beleuchtet ...

Augenblick mal

Augenblick mal

Die Zeitschrift mit den guten Nachrichten"Augenblick mal" ist eine Zeitschrift, die in aktuellen Berichten, Interviews und Reportagen die biblische Botschaft und den christlichen Glauben ...

Berufsstart Bewerbung

Berufsstart Bewerbung

»Berufsstart Bewerbung« erscheint jährlich zum Wintersemester im November mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren und ermöglicht Unternehmen sich bei Studenten und Absolventen mit einer ...

BIELEFELD GEHT AUS

BIELEFELD GEHT AUS

Freizeit- und Gastronomieführer mit umfangreichem Serviceteil, mehr als 700 Tipps und Adressen für Tag- und Nachtschwärmer Bielefeld genießen Westfälisch und weltoffen – das zeichnet nicht ...

bank und markt

bank und markt

Zeitschrift für Banking - die führende Fachzeitschrift für den Markt und Wettbewerb der Finanzdienstleister, erscheint seit 1972 monatlich. Leitthemen Absatz und Akquise im Multichannel ...

DHS

DHS

Die Flugzeuge der NVA Neben unser F-40 Reihe, soll mit der DHS die Geschichte der "anderen" deutschen Luftwaffe, den Luftstreitkräften der Nationalen Volksarmee (NVA-LSK) der ehemaligen DDR ...