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E-Book

Ethischer Welthandel

Alternativen zu TTIP, WTO & Co

AutorChristian Felber
VerlagDeuticke im Paul Zsolnay Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl160 Seiten
ISBN9783552063464
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Der Gründer der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung Christian Felber widmet sich möglichen Alternativen zu TTIP, WTO & Co, deren Zustandekommen immer unwahrscheinlicher wird. Er plädiert konsequent dafür, der Ideologie von Freihandel, Standortwettbewerb und noch mehr Globalisierung endgültig abzuschwören. Weniger Hürden soll es für jene Staaten und Unternehmen geben, die einen Beitrag leisten, um die eigentlichen Ziele der Wirtschaft zu erreichen: nachhaltige Entwicklung, Verteilungsgerechtigkeit, kulturelle Vielfalt oder sinnvolle Arbeitsplätze. Und Barrieren im Handel für jene, die Menschenrechte missachten, für Klimasünder und Ausbeuter.

Christian Felber, geboren 1972, lebt als Autor und Universitätslektor in Wien. Er hat Attac Österreich mitbegründet und initiierte 2010 die internationale Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung sowie das Projekt 'Bank für Gemeinwohl'. Zuletzt erschienen bei Deuticke Die Gemeinwohl-Ökonomie (aktualisierte und erweiterte Neuausgabe 2012, übersetzt in zehn Sprachen), Retten wir den Euro! (2012), Geld. Die neuen Spielregeln (2014) und als Hanser Box Freihandelsabkommen TTIP. Alle Macht den Konzernen? (2014). 2017 wurde sein neuestes Buch Ethischer Welthandel. Alternativen zu TTIP, WTO & Co veröffentlicht, zeitgleich hat er für die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung den ZEIT WISSEN Nachhaltigkeitspreis gewonnen.

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Leseprobe

II. Entstehung und Kritik der Freihandelsreligion


Adam Smith: Absolute Vorteile


 

Der erste prominente Fürsprecher des Freihandels war Adam Smith. Mit seinem zweiten Hauptwerk, dem »Wohlstand der Nationen«, legte der schottische Moralphilosoph 1776 den Grundstein für die klassische Wirtschaftswissenschaft. Darin schrieb er gegen den damals vorherrschenden Merkantilismus an, dessen Strategie lautete: möglichst viel exportieren, möglichst wenig importieren. Smith verwies zwar wiederholt auf die Tatsache, dass »der Binnenhandel wohl die wichtigste Handelssparte überhaupt [ist], in der sich mit gleich viel Kapital der Wohlstand des Landes am stärksten erhöhen und die größte Wirkung auf die Beschäftigung erzielen lässt«.1 Gleichzeitig beklagte er die Allgegenwart von Zöllen: »Wer sich nicht gut in den Zollgesetzen auskennt, kann überhaupt nicht ermessen, wie hoch die Zahl der Waren ist, deren Einfuhr nach Großbritannien entweder völlig oder unter bestimmten Umständen verboten ist.«2 Smith entwickelte vor diesem Hintergrund die Theorie der »absoluten Kostenvorteile«: Wenn ein Land A aufgrund seiner geografischen, klimatischen oder kulturellen Gegebenheiten bestimmte Güter kostengünstiger oder in besserer Qualität herstellen konnte als ein anderes Land, und Land B andere bestimmte Güter, läge es im Interesse beider Länder, diese »Spezialitäten« im freien Handel ohne Zollhürden auszutauschen. Smith leitete seine Theorie aus dem Prinzip der Arbeitsteilung ab und startete den Gedankengang in der Familie: »Ein Familienvater, der weitsichtig handelt, folgt dem Grundsatz, niemals etwas selbst herzustellen versuchen, was er sonst wo billiger kaufen kann.« Man merke: niemals. »So sucht der Schneider, seine Schuhe nicht selbst zu machen, er kauft sie vielmehr vom Schuhmacher. Dieser wiederum wird nicht eigenhändig seine Kleider nähen, sondern lässt sie vom Schneider anfertigen. Auch der Bauer versucht sich weder an dem einen noch an dem anderen, er kauft beides jeweils vom Handwerker«, so Smith, der nicht Familientherapeut war, sondern Moralphilosoph: »Alle finden, dass es im eigenen Interesse liegt, ihren Erwerb uneingeschränkt auf das Gebiet zu verlegen, auf dem sie ihren Nachbarn überlegen sind, und den übrigen Bedarf mit einem Teil ihres Erzeugnisses oder, was dasselbe ist, mit dem Erlös daraus zu kaufen.«3 »Uneingeschränkt« ist eine ebenso unvorsichtige Wortwahl wie »niemals«. Im nächsten Gedankenschritt überträgt Smith die Idee einer lokalen arbeitsteiligen Ökonomie auf ganze Nationen: »Was aber vernünftig im Verhalten einer einzelnen Familie ist, kann für ein mächtiges Königreich kaum töricht sein. Kann uns also ein anderes Land eine Ware liefern, die wir selbst nicht billiger herzustellen imstande sind, dann ist es für uns einfach vorteilhafter, sie mit einem Teil unserer Erzeugnisse zu kaufen, die wir wiederum günstiger als das Ausland herstellen können.«4 Diese Zeilen sind die Geburt der Freihandelsideologie.

Rasch wird bei dieser Ausgangsüberlegung jedoch klar, dass nicht alle Länder gleich viele und gleich häufig gebrauchte Güter am günstigsten herstellen können, weshalb es in einem globalen Handelssystem, das auf absoluten Kostenvorteilen beruht, GewinnerInnen und VerliererInnen geben würde: Ohne Ausgleichsmaßnahmen würde das System rasch aus dem Gleichgewicht geraten.

 

David Ricardo: Komparative Kostenvorteile


 

40 Jahre später, 1817, entwickelte deshalb David Ricardo den Grundgedanken von Adam Smith weiter. Er fand eine mathematische Lösung, wie ein Handelssystem allen beteiligten Ländern Vorteile verschaffen könnte, selbst wenn nicht alle Länder über absolute Vorteile bei bestimmten Gütern oder Dienstleistungen verfügten. Der Herr, dem Ricardo bei der Entwicklung seines Theorems diente, war das Gemeinwohl: »Bei einem System des vollkommen freien Handels wendet natürlich jedes Land sein Kapital und seine Arbeit solchen Zweigen zu, die für jedes am vorteilhaftesten sind. Dieses Verfolgen des individuellen Vorteils ist bewundernswert mit dem allgemeinen Wohle des Ganzen verbunden.«5 Ricardo führt seine Überlegungen anhand der Weinproduktion in Portugal und der Tuchproduktion in Großbritannien aus. Bei verteilten absoluten Vorteilen ist es verständlich, dass sich jedes Land auf das spezialisiert, was es besser kann als das andere. Doch selbst wenn Portugal sowohl Wein als auch Tuch billiger herstellen könnte als Großbritannien, würde es sich für beide lohnen, dass Portugal sein gesamtes Kapital in den Weinbau investiert und Großbritannien nur Tücher herstellt, weil Portugal in der Herstellung von Wein relativ besser ist: gemessen an dafür benötigten Arbeitsstunden (das wird später noch relevant). Lesen wir das Original: »England kann in einer solchen Lage sein, dass die Erzeugung des Tuches die Arbeit eines Jahres von 100 Leuten erfordert, und wenn es versucht, den Wein herzustellen, so wird vielleicht die Arbeit gleicher Zeitdauer von 120 Leuten benötigt werden. England wird daher finden, dass es seinen Interessen entspricht, Wein zu importieren und ihn mit Hilfe der Ausfuhr von Tuch zu kaufen. Um den Wein in Portugal herzustellen, ist vielleicht nur die Arbeit von 80 Leuten während eines Jahres erforderlich, und um das Tuch in diesem Lande zu produzieren, braucht es vielleicht die Arbeit von 90 Leuten während der gleichen Zeit. Es ist daher für Portugal von Vorteil, Wein im Austausch für Tuch zu exportieren.« Und jetzt kommt es: »Dieser Austausch kann sogar stattfinden, obwohl die von Portugal importierte Ware dort mit weniger Arbeit als in England produziert werden kann. Wenngleich es das Tuch durch die Arbeit von 90 Leuten erzeugen kann, wird Portugal dieses doch aus einem Land einführen, wo man zu seiner Herstellung die Arbeit von 100 Leuten benötigt, da es für Portugal von größerem Vorteil ist, sein Kapital in der Produktion von Wein anzulegen, wofür es von England mehr Tuch bekommt, als es durch Übertragung eines Teiles seines Kapitals vom Weinbau zur Tuchfabrikation produzieren könnte.«6

Möglicherweise ahnend, dass er seinen Gedanken noch nicht für alle verständlich auf den Punkt gebracht hatte, wird er in einer darauf folgenden Fußnote – der einzigen im Kapitel »Über den auswärtigen Handel« – unmissverständlich: »Zwei Menschen können beide Schuhe und Hüte erzeugen, und einer ist dem anderen in beiden Tätigkeiten überlegen. Aber in der Herstellung von Hüten kann er seinen Konkurrenten nur um ein Fünftel oder 20 Prozent überflügeln, und in der Schuherzeugung übertrifft er ihn um ein Drittel oder 33 Prozent. Wird es nicht in beider Interesse liegen, dass der Überlegene sich ausschließlich mit der Schuherzeugung und der Unterlegene mit der Hutmacherei beschäftigt?«7 Das Kronjuwel der Außenhandelstheorie steckt in einer Fußnote.

Wäre das Dasein eine mathematische Matrix; würden alle Menschen kalkulieren wie Maschinen; und ginge es im Leben vor allem ums Geld, dann hätte so eine – korrekte – mathematische Rechnung auch Praxisrelevanz. Doch im Leben geht es nicht primär ums Geld, und Ricardos Rechnung lässt so gut wie alles außen vor, was das Leben lebenswert und überhaupt ausmacht: Werte, Sinn, Gefühle, Beziehungen, Gemeinschaft, Demokratie, Traditionen, Umwelt, kulturelle Vielfalt … Der einleuchtende Vorteil von Ricardos Rechnung ist mehr Finanz-Effizienz. Doch geht es im Leben, geht es in der »Ökonomie« primär um Finanz-Effizienz?

Das Effizienzverständnis, das wir hier antreffen – Wie erreiche ich eine höhere Profitrate? Wie erziele ich die niedrigsten Preise? Wie erhöhe ich meine quantitativen Konsummöglichkeiten? –, ist bei genauer Betrachtung gar kein »ökonomisches«, sondern ein chrematistisches. In der Ökonomie geht es um das gute Leben; Geld und Finanz-Effizienz sind nur Mittel – anders als in der Chrematistik, dort geht es um Geld und Profit. Die Unterscheidung von »oikonomia« (die Ordnung des Hauses) und »chrematistike« (die Kunst des Gelderwerbs) verdanken wir Aristoteles.8 In der »oikonomia« gilt Geld nur als Mittel und dient dem »guten Leben« aller Haushaltsmitglieder und einer gerechten »Gesellschaft«. In der Chrematistik wird es zum Ziel und Selbstzweck, auch wenn es den Haushaltsmitgliedern oder dem Haus selbst (»oikos«) schlechter geht. Wenn Gelderwerb zum Ziel mutiert, ist mehr Geld, eine höhere Rendite, ein höherer Profit und ein höheres BIP prinzipiell immer besser – ganz egal, wie sich alles andere entwickelt, von der Gesundheit bis zur Demokratie. Das gute Leben, das Gemeinwohl, zieht in der Chrematistik den Kürzeren.

In der als »Ökonomie« verkleideten chrematistischen Wissenschaft, die sich auch noch als Leitwissenschaft versteht9, hat sich Ricardos Rechnung jedenfalls auf breiter Front durchgesetzt. Das Theorem der komparativen Kostenvorteile wird von Historikern als »Kronjuwel der Außenhandelstheorie«10 angesehen und von der WTO sogar als »mächtigste Einzelerkenntnis der ökonomischen Wissenschaft«11. Eine der höchsten Autoritäten der Wirtschaftswissenschaft, Lehrbuchautor und »Nobelpreis«-Träger Paul Samuelson, meinte in einem Gespräch mit dem Mathematiker Stanisław Ulam, dass es sich wahrscheinlich um die einzige Hypothese in der wissenschaftlichen Ökonomie handle, die zugleich wahr und nicht-trivial sei: »Dass sie logisch wahr ist, braucht man einem Mathematiker gegenüber nicht zu begründen; dass sie nicht trivial ist, dafür zeugen die vielen Tausend bedeutenden und intelligenten Menschen, die es niemals geschafft haben, diesen Lehrsatz zu erfassen oder sich von ihm zu...

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