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Evolution und Schöpfung in neuer Sicht

AutorHans Kessler
VerlagButzon & Bercker GmbH
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783766641069
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Der Konflikt zwischen Schöpfungsglaube und Evolution ist überraschend heftig wieder aufgeflammt. Prominente Biologen wie Richard Dawkins vertreten einen aggressiven Atheismus, während die Vertreter eines 'Intelligent Design' beweisen wollen, dass bestimmte Phänomene nur durch Gottes planendes Gestalten zu erklären sind. Hans Kessler analysiert sorgfältig und nüchtern die Erkenntnislage der Naturwissenschaften und die Blickweise der Religion, bringt sie in Bezug zueinander und entwickelt so eine fundierte Schöpfungstheologie im Gespräch mit den Herausforderungen heutiger Naturwissenschaft. Die Bilanz eines zwanzigjährigen interdisziplinären Dialogs.

Hans Kessler, geboren 1938, Dr. theol., ab 1972 Professor für Systematische Theologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2003 emeritiert; 1986 Mitbegründer der interdisziplinären Forschungsgruppe 'Naturwissenschaft und Theologie' an der Goethe- Universität und bis Ende 2005 deren Leiter

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Leseprobe

II. Die biblischen Schöpfungstexte – was sie wollen und was sie nicht wollen


Die Kreationisten und ebenso ihre atheistisch-naturalistischen Kontrahenten lesen die biblischen Schöpfungstexte, wie wir sahen, als naturkundliche Berichte (als Schöpfungs-„berichte“). Naturalisten verstehen sie dann natürlich als naive, überholte Erklärungsversuche von etwas, was wir heute besser wissen. Hier ist zuerst Klarheit zu schaffen. Was sagen und was wollen diese Texte eigentlich?

Um das zu erfassen, ist zuvor ein Blick auf die sogenannten Schöpfungsmythen der altorientalischen Umwelt nötig, weil auf diesem Hintergrund die biblischen Schöpfungsaussagen erst in ihrer ganzen Besonderheit erkennbar werden.

1. Die altorientalischen Schöpfungsmythen als Hintergrund und die Besonderheit biblischen Schöpfungsdenkens

Das altorientalische Weltbildungs- und Weltordnungsdenken bildet den großen Horizont, in dem das kleine biblische Israel seine ureigenen Geschichts- und Gotteserfahrungen macht. Sie wirken dann auf das Verständnis dieses großen Horizontes zurück, den Israel ganz neu und anders begreift (vgl. Keel & Schroer 2002).

a) Kreatives Chaos: Schöpfungsmythen der altorientalischen Hochkulturen

Streng genommen sprechen die altorientalischen Hochkulturen gar nicht von Schöpfung, sondern – wie sich gleich zeigen wird – von Weltbildung, Weltformung und Weltordnung. Sie tun das in Hymnen/Gebeten und besonders in sogenannten „Schöpfungs“-Mythen.

1) Was ist hier mit Mythen gemeint? Im Unterschied zum „Logos“ (= das bedachte, begriffliche Wort, das Vernünftiges vorbringt und auf Gespräch zielt) bedeutet das griechische „Mythos“ das bildhaft erzählende Wort, das die bestehende Wirklichkeit von ihren Ursprüngen her als einen großen Zusammenhang deuten will, in welchem der Mensch – inmitten der Erfahrungen von Bedrohtsein – Stand und Orientierung finden kann.

Der Mythos spricht also nicht von Vergangenem, sondern vom Je-Jetzt. Treffend hat Salustius (4. Jh.) vom im Mythos Erzählten gesagt: „Dies geschah niemals, ist aber immer.“ Das heißt: Im Mythos werden die archetypischen Urmuster oder Urmodelle und die ewig gleichen, sich wiederholenden Grundstrukturen alles irdischen Geschehens dargestellt.

Solche später sogenannten „Schöpfungs“-Mythen hatten – z. B. in Babylon – ihren Sitz in zwei kritischen Momenten des Lebens voller Ungewissheit: am Beginn des agrarischen Neuen Jahres (Weltschöpfungs-Mythos) und bei der Geburt eines Kindes (Menschenschöpfungs-Mythos). Im Rahmen eines dramatischen Kultrituals wurde das mythische, archetypisch-modellhafte Urgeschehen der dem Chaos abgerungenen lebensfreundlichen Ordnung erzählt, um seine gründende Kraft in den ungesicherten Neuanfang des Jahreskreislaufs (Wiedererwachen der Natur, der Fruchtbarkeit usw.) bzw. des neugeborenen Lebens hinein beschwörend zu vergegenwärtigen.

Solche „Schöpfungs“-Mythen haben daher eine doppelte Funktion: Zum einen geben sie eine ätiologische, d. h. auf ein Urgeschehen bildhaft rückverweisende, Erklärung der vorhandenen Welt (wie es kommt, dass das Gegebene so ist, wie es erfahren wird: schön, geordnet, zugleich gefährdet, vielfach gestört und immer neu bedroht). Zum andern zielen sie auf Bestandssicherung der gegenwärtigen Ordnung (der Natur, des Staates, des Rechts, der eigenen Sippe), die gestiftet und verpflichtend ist (wie es sein soll), die aber immer wieder durch das zerstörerische Chaos (Gewalt, Katastrophen, Krankheit) bedroht ist. Es geht also um die Grundfrage nach der Halt gebenden Weltordnung: Sie wurde „einst“ dem Chaos abgerungen, und dieser gute „Anfang“ wird jetzt vergegenwärtigt, um ihn neu zu beleben.

2) Viele dieser „Schöpfungs“-Mythen haben eine ähnliche Struktur.15 Sie gehen aus von den grundlegenden empirischen Gegebenheiten der vorfindlichen Welt und fragen hinter sie zurück, indem sie von ihr (in einer Art Subtraktionsmethode) alle Ordnung, alles Geformte, Gegliederte, Konkrete abziehen: „Als noch nicht entstanden waren“ Himmel, Erde, Gebirge, Täler, Schilf, Getreidehalme, Schafe, Menschen, Götter, ja „als noch nicht zwei Dinge entstanden waren“, – so beginnen viele dieser Mythen, z. B. das akkadisch-babylonische Weltschöpfungsepos „Enuma elisch“ aus dem 12. Jh. v. Chr. (Beyerlin 1975, 107 f; vgl. 33 f; Eliade 108 f; Sproul 212 ff). – Übrig bleibt dann ein ungegliedertes Einerlei, ein amorphes Urelement, das uranfängliche Chaos (das griechische Wort „Chaos“ begegnet allerdings erst bei Hesiod um 700 v. Chr.). Dieses uranfängliche Chaos wird je nach geografischem Kontext gedacht: als undefinierbare finstere Urflut (z. B. im Enuma elisch; vgl. auch Gen 1,2), als wasser- und leblose öde Wüste (vgl. auch Gen 2,5) usw. – Man dringt also nicht vor bis zu dem Punkt, wo es noch „nichts“ gab; ein Nicht-Sein können sich die antiksemitischen Kulturen weder vorstellen noch es denken. Die Frage nach der Herkunft des Chaos stellt keiner der altorientalischen Texte.

Dieses chaotisch-amorphe Urelement wurde irgendwann aus sich heraus eigenschöpferisch tätig (oft gedacht nach dem Modell von sexueller Differenzierung und Vereinigung, Zeugung und Geburt) und brachte als erste Gestalten das erste Götterpaar hervor (z. B. im Enuma elisch das Götterpaar Apsu/Süßwasser und Tiamat/ Salzwasser), das sich dann vermehrte. Die Götter sind also selbst entstanden (= Theogonie), sind Produkt eines ihnen vorausliegenden Werdeprozesses aus chaotischen Naturkräften; sie sind die Tiefenkräfte der Natur, gehören zu ihr, sind ihr gegenüber nicht transzendent (ein Kennzeichen jedes Polytheismus; auch wo eine Urzeugung durch den Sonnengott angenommen wird, wie teilweise in Ägypten, bleibt dieser eine Kraft der Natur). – Alles geht aus der chaotischen (evtl. vergöttlichten) Urgewalt hervor, ist von ihr umfangen und fällt in sie wieder zurück. Die Allgewalt der apersonalen Natur ist die dominante Erfahrung, sie hat einen resignativen Zug (Geborgen- und Ausgeliefertsein).

Der Theogonie, dem Entstehen der Götter, folgt die Kosmogonie, das Werden des Kosmos. Schaffen/ Bilden von Welt heißt – in Umkehrung des Weges der Subtraktion – vorhandenes Chaos gliedern/scheiden (Himmel-Erde, Wasser-Land), formen (Berge, Tiere, Menschen), ausschmücken/ordnen („Kosmos“; Kanäle usw.). Das ist eine titanische Anstrengung, ein gewaltiges Werk der Götter (vor allem des jeweiligen Hauptgottes), in dramatischen Kämpfen den chaotischen Urgewalten abgerungen. Das wird häufig dargestellt mit dem Motiv des Chaosdrachenkampfes (Texte bei Beyerlin 1975, 107 ff; Eliade 1964, 134 ff), aber auch der mühevollen Arbeit des Töpfers usw.

Die Götter formen sich dann die Menschen als Frondiener, damit sie ihnen die Arbeit abnehmen, die im Kosmos getan werden muss (z. B. sumerische Eridu-Genesis

3. Jtsd; Atramhasis-Mythos 18. Jh. v. Chr.); Arbeit ist also im Ansatz schon negativ verstanden. Außerdem ist das Böse (Rebellion, Feindschaft, Krieg) schon ursprünglich in den Menschen angelegt; denn sie sind aus einer Abspaltung des Bösen im göttlichen Bereich geformt: „einen Gott (den rebellischen Kingu) soll man schlachten, mit seinem Fleisch und Blut Ton vermischen und daraus Menschen formen“ (Enuma elisch; ähnlich Atramhasis u. a.).

b) Gott als kreativer Urgrund: Zur Eigenart biblischen Schöpfungsdenkens

Israels Schöpfungsdenken bezieht manche Motive aus diesem gemeinsamen orientalischen mythischen Hintergrund, und doch fällt es – von seiner geschichtlichen Erfahrung mit Gott (JHWH) her – entscheidend anders aus. Indem vorgegebene Motive des Mythos vereinzelt und anders verwendet werden, wird der Mythos ausgetrieben oder entmythisiert.

1) Es fehlt jede generative Herleitung Gottes aus einem vorausliegenden Chaos (es gibt keine Theogonie). Gott ist einfach und von Anfang an da (in Ex 3,14 wird der Name JHWH als „Ich bin da, als der ich da bin und da sein werde“ gedeutet). Gott ist das erste Subjekt, das die Bibel erwähnt (in Gen 1 gleich 30mal wiederholt), die Grundvoraussetzung von allem. Er allein liegt allem voraus und zugrunde, nichts ist ohne ihn. Alles außer Gott ist „Kreatur“: So erst ist die Schöpfungsvorstellung konsequent durchgeführt. Und der Gottesgedanke ebenso: Gott ist der, ohne den nichts ist (man kann deshalb streng genommen von Gott keinen Plural bilden, die Rede von Göttern, Geistern und anderen objekthaft übernatürlichen Wesen führt in die Irre).16 Gott ist das einzig Beständige in allem Unbeständigen: Und wenn schon alles wackelt und vergeht, Du bist für immer „mein Fels“ (Ps 62,7 f; 73,26; 90). Er entzieht sich jedem Zugriff und ist doch der unfassbar nahe Gott: „Und ob ich schon wanderte in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir.“ (Ps 23,4)

Gott allein ist der absolut geltende Bezugspunkt, in dem die Menschen „sich gründen“ und „festmachen“ dürfen (das hebr. hä’ämin, gewöhnlich mit „glauben“ übersetzt, meint: sich festmachen in dem, was festen Halt gibt; vertrauen und sich verlassen auf das, was allein absolut verlässlich ist). Alle sonstigen – und sei es noch so bedrohlichen oder viel versprechenden – Mächte und Größen sind keine „letzte“ (alles bestimmende) Instanz mehr. Der Unterschied zwischen Gott und Welt/Mensch ist daher, genau besehen, ein wohltuender, heilsamer Unterschied. Denn nichts in der Welt braucht dann mehr vergöttlicht und abgöttisch verehrt zu werden, auch nicht die Natur; der Mensch darf froh und dankbar dieser endliche Mensch sein, der sich nicht selbst fundamental begründen muss, weil er schon fundamental begründet ist. Und...

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