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E-Book

A. F. Marcus & J. L. Schönlein

100 Jahre Bamberger Medizingeschichte

AutorChristoph Schindler, Gerhard Aumüller
VerlagVerlag Friedrich Pustet
Erscheinungsjahr2016
Reihekleine bayerische biografien 
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783791760858
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Die Leben von Adalbert Friedrich Marcus (1753-1816) und Johann Lucas Schönlein (1793-1864) umfassen Aufklärung, napoleonische Zeit, deutsche Revolution und den deutsch-deutschen Krieg - Ereignisse, die das Leben der bedeutenden Mediziner, die in besonderer Weise mit der Stadt Bamberg verbunden sind, prägten. Marcus stieg zum Leibarzt des Fürstbischofs Franz Ludwig von Erthal auf und stieß bedeutende sozial-medizinische Projekte an. Schönlein wurde zu einem der Begründer der naturwissenschaftlichen Medizin, zu einem politisch Verfolgten im Vormärz, zum Leibarzt Friedrich Wilhelms IV. und zum Förderer von Kunst und Kultur seiner fränkischen Heimat.

Gerhard Aumüller, Dr. med., geb. 1942, 1977-2008 Professor für Anatomie und Direktor des Anatom. Instituts in Marburg; Medizinhistoriker. Christoph Schindler, Dr. med., geb. 1961, Facharzt für Neuropathologie und Pathologie, seit 2009 als Pathologe niedergelassen.

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Leseprobe

2   Studium und frühe ärztliche Tätigkeit


Die Universität Göttingen


Am 30.10.1772 schrieb Israel Marcus sich an der Universität Göttingen ein. Geplant bereits seit 1732 unter dem englischen König George II., der als Georg August zugleich hannoverscher Kurfürst war, etablierte sich ab 1736 die Georgia Augusta unter der umsichtigen Planung und Leitung ihres Kurators, Gerlach Adolph von Münchhausen (1688–1770), als eine ganz den Zielen der Aufklärung verpflichtete Reform-Universität, die sich zum Teil am Modell der 1696 gegründeten preußischen Universität Halle orientierte.

Die Gründe für die Wahl seines Studienortes lagen zum einen in den relativ günstigen Promotionsbedingungen, denn die Erlangung des Dr. med. stellte zugleich die Zulassung zur ärztlichen Tätigkeit dar, insbesondere aber in den Persönlichkeiten der Professoren. Die Lernfreiheit ermöglichte es dabei den Studenten, nicht nur die Kapazitäten des eigenen Studienfachs zu hören, sondern auch solche anderer Fakultäten. Die eigentlichen medizinischen Fächer vertraten in der Anatomie Heinrich Andreas Wrisberg (1739–1808), der auch die Entbindungskunst lehrte, in der Chirurgie und Augenheilkunde August Gottlieb Richter (1742–1812) und in der Medizinischen Klinik und Therapie Rudolf Augustin Vogel (1724–1774) und Ernst Gottfried Baldinger (1738–1804). Wrisberg, dessen Schüler Blumenbach und Samuel Thomas Soemmerring (1755–1830) zu den bedeutendsten Anatomen am Ende des 18. Jhs. wurden, scheint auf Marcus keinen sonderlichen Eindruck gemacht zu haben, wohl ganz anders als Richter und Vogel, die beide nicht nur glänzende Lehrer waren, sondern mit ihren Sammelwerken »Chirurgische Bibliothek« bzw. »Neue medicinische Bibliothek« wichtige Impulse für Marcus’ eigene spätere Publikationstätigkeit lieferten. Richter hatte sich zudem als Augenoperateur und bei der Behandlung von Brüchen einen Namen gemacht und galt neben dem Würzburger Carl Caspar von Siebold (1736–1807) als der bedeutendste zeitgenössische deutsche Chirurg.

Ernst Gottfried Baldinger als klinischer Lehrer


Die eigentliche Leitfigur für Marcus’ Selbstverständnis als Arzt wurde sein späterer »Doktorvater« Baldinger. Als Sohn eines Pfarrers in Großvargula bei Erfurt geboren, sollte er nach der Schulzeit in Gotha und Langensalza in Erfurt Theologie studieren, wendete sich aber schon bald der Medizin zu, wechselte nach Halle und Jena, wo er das Studium 1760 mit der Promotion abschloss. Nach Tätigkeit als Militärarzt in Torgau, erneutem Studium in Wittenberg und ärztlicher Praxis in Langensalza erhielt er 1768 einen Ruf als ordentlicher Professor der Medizin nach Jena, von wo aus er 1773 nach Göttingen berufen wurde. Dort konnte er seine Erfahrungen als klinischer Lehrer und innovativer medizinischer Schriftsteller voll entfalten. 1783 folgte er einem Ruf nach Kassel als Leibarzt des Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Kassel, wo er gemeinsam mit dem Geburtshelfer Stein am Collegium Carolinum wirkte, nach dessen Auflösung aber bereits 1785 nach Marburg wechselte und der dortigen darniederliegenden Universitätsmedizin zu neuem Glanz verhalf. 1804 ist er in Marburg verstorben.

Eine der ersten Maßnahmen, die Baldinger in Göttingen einführte, war die Einrichtung eines »Collegium Clinicum«, eines praktischen Studentenunterrichts am Patienten, wie er dies selbst während seiner Studienzeit in Halle kennengelernt hatte. Als typischer Vertreter der Aufklärung, der die Unzulänglichkeit der immer noch auf der klassischen Säftelehre basierenden Theorie der Medizin erkannte, kultivierte er eine Art »Bibliotheksmedizin«, bei der auch neue Entwicklungen der Philosophie z. B. Kants als vermeintlich rationale Basis der Medizin herangezogen wurden. Baldinger schaffte dafür eine umfangreiche Bibliothek an, die er auch seinen Studenten zugänglich machte und deren Inhalt und eigene Forschungsergebnisse er über das »Magazin vor Aerzte« (ab 1779 »Neues Magazin für Aerzte«) der medizinischen Öffentlichkeit erschloss. Zudem gründete er 1782 in Göttingen ein »Medicinisches Lese-Institut«, das den Studenten die aktuelle Literatur verfügbar machen sollte. Natürlich gliedern sich diese Unternehmungen in den Zeitgeist mit seinem ungeheuren Publikations- und Lesebedarf ein, aber sie führten auch zu einem geänderten Selbstverständnis der Ärzte als wissenschaftliche Experten, die zunehmend die Deutungshoheit von Krankheiten und die Aufsicht über die Patienten für sich beanspruchten.

 

 

Abb. 2: Der »Doktorvater« Ernst Gottfried Baldinger

 

Die Dissertation


Marcus erfüllte die hohen Erwartungen, die sein Lehrer Baldinger in ihn setzte, mit seiner am 21.7.1775 vorgelegten und am 2. August verteidigten Dissertation »de diabete« (Über die Zuckerkrankheit) in so vollem Maße, dass sein Lehrer sie nicht nur in den »Göttingischen Gelehrten Anzeigen« besprechen ließ, sondern zusammen mit vier weiteren Dissertationen sowie mit einem vorangestellten eigenen Essay zum Geltungsanspruch der Hallerschen Irritabilität veröffentlichte. Baldinger fügte der 44 Seiten umfassenden Abhandlung seines Schülers eine längere lateinische Eloge an, in der er den ungewöhnlichen Fleiß des Doktoranden lobt. Er werde eine Zierde seines Volkes sein, das zu aller Zeit bedeutende Ärzte hervorgebracht habe, darunter den von ihm so sehr geschätzten Hirschel. Marcus werde ohne Zweifel ein sorgfältiger und bewährter Arzt sein, dem er zum Abschluss des Studiums gratuliere und der ihn nicht vergessen möge.

Eine weitere Gratulation stammt von Marcus’ Opponenten, mit dem er seine Thesen bei der Disputation zu diskutieren hatte, dem späteren Altdorfer Professor der Medizin, Johann Christian Gottlieb Ackermann (1756–1801), der zusammen mit Baldinger von Jena nach Göttingen gekommen war. Ackermann schildert Marcus als besonders engen und treuen Freund, der Tag und Nacht mit größtem Fleiß studiert habe und der für alle Kranken, die er künftig behandle, ein Glücksfall sei. Ackermann und der später so berühmte vergleichende Anatom und Anthropologe Blumenbach waren offenbar Marcus’ engere Freunde in Göttingen, vielleicht auch Soemmerring, der später als Anatom, Arzt und Naturforscher in Kassel, Mainz, Frankfurt und München wirkte, aber ähnlich wie Blumenbach Marcus kaum in seinen Schriften erwähnt.

Marcus hatte seine Dissertation dem Fürstbischof von Würzburg und Bamberg, Adam Friedrich von Seinsheim (1708–1779), gewidmet, der sich so sehr um die Wirtschaft und Schulbildung in Franken verdient gemacht hat. Die Verbindung zu Seinsheim ist vermutlich über eine ältere Schwester Marcus’ zustande gekommen, die wenig zuvor zum katholischen Glauben übertreten war und in Würzburg, wie es heißt, außerordentlich begünstigt lebte. Marcus ging zunächst im Herbst 1775 zurück in seine Heimatstadt Arolsen. Dort als Arzt tätig zu werden, war so gut wie ausgeschlossen, denn nach dem Tode des alten Landphysicus und Leibarztes Herlitz 1772 war der Pyrmonter Brunnenarzt Hilmar Adolph Ludwig Giesecken (1727–1803) an dessen Stelle getreten, und für einen weiteren Arzt war die Stadt zu klein.

 

 

Abb. 3: Das Juliusspital in Würzburg

 

Klinische Ausbildung am Juliusspital


Bereits im Herbst 1776 zog der frisch promovierte Dr. Marcus nach Würzburg, um sich am berühmten Juliusspital bei dem bedeutenden Chirurgen Siebold weiterzubilden. 1579 von Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn für arme Kranke, Geisteskranke, Pilger und Pfründner gestiftet und mit großzügigen Besitzungen ausgestattet, war das Spital erst 1749 nach einem Brand erweitert und verschönert worden, besaß im Prinzip aber noch die ursprüngliche Hospitalstruktur mit großen, auf die Kirche ausgerichteten Krankensälen. Sie waren eng, enthielten meist bis zu 12 Betten, waren schlecht zu heizen und zu reinigen und reichten für die große Zahl der Kranken kaum aus. Angeschlossen waren ein Botanischer Garten und ein zum Anatomie-Gebäude umgebauter früherer Gartenpavillon, Wirkungsstätte des berühmten »Oberwundarztes« und Ordinarius für Chirurgie Siebold. Er verband in seiner Person demnach die Geschicklichkeit und Erfahrungen des handwerklich arbeitenden Chirurgen mit der systematischen Schulung des akademisch gebildeten Arztes. Sein ganz auf die Verbindung praktischer Ausbildung und theoretischer Fundierung ausgerichteter Chirurgie-Unterricht, seine auf rasche Wundheilung abzielenden Operationen in einem eigenen Operationsraum und ihre systematische Vorbereitung, Durchführung und Nachsorge machten ihn zu einem der bedeutendsten Chirurgen seiner Zeit. Durch sein Organisationstalent und seine Führungsstärke sorgte er für eine geregelte Ausbildung auch der Hebammen und Wundärzte und war damit in mehrfacher Hinsicht beispielgebend für Marcus’ spätere Tätigkeit. Mit Ernst Gottfried Baldinger befreundet, hat er sich dessen Schützling besonders angenommen, der auch später nach seinem Wechsel nach Bamberg mit ihm in freundschaftlicher Verbindung blieb.

Allerdings war Marcus’ Interesse weniger auf die Chirurgie gerichtet als vielmehr auf die Erkennung und Behandlung innerer Krankheiten. Zuständig dafür war das 1769 vom Professor der Medizin Franz Heinrich Meinolph Wilhelm (1728–1794) nach Wiener Vorbild eingerichtete »Clinicum medicum«. Es bestand allerdings nur aus zwei Krankenzimmern und besaß keinen eigenen Hörsaal; der Unterricht musste in der Offizin der Spitalapotheke durchgeführt werden.

Über die persönlichen Umstände während Marcus’ Aufenthalt in Würzburg, etwa ob er bei seiner Schwester wohnte, welche Kollegen er näher kennenlernte und welche kulturellen Eindrücke er an dem musisch so...

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