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E-Book

Paradigma der Medizin im 21. Jahrhundert

AutorFelix Unger
VerlagSpringer-Verlag
Erscheinungsjahr2007
Seitenanzahl146 Seiten
ISBN9783540390169
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR

Medizin für das 21. Jahrhundert. Sie stützt sich auf drei Säulen: Zuwendung, Ultramedizin, Gesunderhaltung. Dieses Paradigma ist Grundlage der modernen Ausbildung junger Ärzte: Zuwendung zum Patienten motiviert ihn dazu, mit gesunder Ernährung und Sport selbst einen entscheidenden Beitrag zur Gesundheit(serhaltung) zu leisten. Ultramedizin steht für immer speziellere und minimal invasive Methoden, die bei Diagnostik und Therapie helfen.



Felix Unger, Prof. Dr.Dr.h.c., Vorstand der Universitätsklinik für Herzchirurgie der PMU Salzburg, Präsident der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste

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Leseprobe
Tod, Ende des Lebens (S. 45-46)

Natürlicher Tod

Leben und Tod sind zentrale Fragen des menschlichen Lebens und selbstverständlich auch in der Medizin, die am Beginn des Lebens und beim Tod ständig zum Tragen kommen. Diese tief menschlichen Eckpunkte sind im Prinzip sehr schlichte Vorgänge.

Der Tod ist ein zentraler Bestandteil des Lebens und spielt daher auch in der Medizin eine wichtige Rolle. Definitionsgemäß beginnt er mit dem Erlöschen der Hirnfunktionen. Der hiervon abgeleitete Begriff des Hirntods hat in der Bevölkerung allerdings wiederholt für Unbehagen gesorgt. Er stammt von der im Jahr 1959 von MOLLARET und GOULLON geprägten Bezeichnung des „Coma dépassé", dem irreversiblen Funktionsausfall von Groß- und Stammhirn. Im deutschsprachigen Raum wurde der Begriff „coma dépassé" als Hirntod übersetzt, im englischsprachigen entsprechend als „brain death". Schon BICHAT bemerkte, dass der Tod eines Menschen beim Gehirn beginnt und dann auf die anderen Körperteile übergreift. Dieser Prozess kann Stunden bis Tage dauern und entspricht der Beschreibung von SCHOPENHAUER (zitiert bei HAMPERL), wonach ein Mensch nicht stirbt, sondern aufhört zu leben. Diese Beobachtungen wurden freilich in einer Zeit gemacht, in der die Medizin noch sehr viel weniger leistungsfähig war und die Menschen größtenteils im häuslichen Umfeld starben. In unserer Zeit spielen sich der Anfang und das Ende des Lebens demgegenüber häufiger im Krankenhaus ab.

Der Tod wird hier aber oft zum Störenfried, passt er doch nicht in unsere Vorstellung einer optimalen Therapie. Eine mit allen Mitteln der modernen Medizin erzielte Lebensverlängerung kann den Prozess des Sterbens unnötig hinauszögern, ja in eine unerträgliche Qual verwandeln. Das Gebot der Menschlichkeit gebietet es indes, die Grenzen des medizinisch Machbaren zu erkennen und den Patienten in Frieden sterben zu lassen. Die Verlagerung des Todes aus dem familiären Kreis in das eher unpersönliche Umfeld der Krankenhäuser mag auch einer der Gründe sein, weshalb die Definition des Hirntods als endgültiger Tod des Menschen auf so viel Skepsis stößt. Denn mit Hilfe der modernen Medizin lassen sich die Kreislauffunktionen hirntoter Menschen vielfach noch lange Zeit aufrechterhalten. Dies erlaubt es, die für eine Transplantation vorgesehenen Organe am Leben zu halten. Außenstehende gewinnen dabei allerdings mitunter den Eindruck, der Patient sei noch gar nicht verstorben und werde daher bei lebendigem Leib „ausgeschlachtet". In den letzten Jahren haben die Vorbehalte in der Bevölkerung, was die Verpflanzung der Organe hirntoter Menschen angeht, daher spürbar zugenommen.

Diese ernstzunehmenden Bedenken lassen es dringlich erscheinen, den Begriff des Hirntods zu verlassen und durch einen anderen, weniger belasteten zu ersetzen. In Frage kommt dabei der Ausdruck Coma egressum, ein dem ärztlichen Handeln sehr viel näher stehender Begriff. Dieser bezeichnet das endgültige, über das Leben hinausreichende Koma, das den körperlichen Tod des Menschen bedingt und aus dem der Mensch nicht mehr erwacht. Dabei kommt es zu einem irreversiblen Ausfall aller Hirnfunktionen, der sich in einer Instabilität des Kreislaufs, einem Diabetes insipidus und einer Hypothermie äußert. Hervorgerufen wird das Coma egressum unter anderem durch schwere Blutungen, Verletzungen, ausgedehnte Tumore des Gehirns, Sauerstoffmangel des Hirngewebes, eine Hirnschwellung und Vergiftungen. Das bei solchen Schädigungen auftretende Hirnödem hat zur Folge, dass die Hirndurchblutung zum Erliegen kommt und das Hirngewebe abstirbt.

Der das „Coma egressum" kennzeichnende Funktionsausfall des Gehirns entspricht jenem des so genannten Hirntods und lässt sich ebenso zweifelsfrei feststellen. Wie bei der Diagnose eines Hirntods kommt es dabei darauf an, den Ursprung der Hirnläsion zu kennen, reversible Ausfälle der Hirnfunktion auszuschließen und zudem nachweisen zu können, dass die Hirnstammreflexe fehlen, das EEG keine elektrische Aktivität mehr aufweist und das Hirn nicht mehr durchblutet ist. Bei Erwachsenen sollte die Beobachtungszeit dabei zwölf Stunden betragen, bei Säuglingen 72 Stunden.

Die Feststellung des Coma egressum ist von entscheidender Bedeutung:

. Für die Intensivtherapie bedeutet das Coma egressum, dass die Maximaltherapie beendet und das Sterben eingeleitet werden sollte.
. Für die Angehörigen bedeutet das Coma egressum das endgültige Abschiednehmen.
. Für die Organspende ist die Feststellung des Coma egressum unabdingbar und mit den heutigen Methoden und Wissen einwandfrei belegbar.

Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Vorwort7
Verzeichnis der Autoren9
Inhalt11
Einführung15
Kern der Medizin17
Der Patient und sein Arzt17
Arzt-Patient-Nukleus18
Arztberuf im Wandel20
Das Wesen Mensch22
Der Körper (Soma)23
Seele (Psyche)26
Seele und Gehirn27
Geist (Spiritus)30
Reflexionen zum Wesen des Menschen31
Das Wesen der Medizin33
Der Mensch und die Heilkunde in der Sichtweise der Naturwissenschaft33
Der Mensch und die Heilkunde in der Sichtweise der Geisteswissenschaft34
Der Mensch und die Heilkunde in der Sichtweise der Kulturwissenschaft34
Der Mensch und die Heilkunde in der Sichtweise der Sozialwissenschaft34
Der Mensch und die Heilkunde innerhalb der Technik- und Biowissenschaften35
Menschenbilder in der Medizin35
Gesundheit39
Krankheit40
Forschung in der Medizin43
Erkennen der Krankheitsursache (Diagnose)45
Aufklärung oder Motivation des Patienten48
Die Behandlung kranker Menschen50
Persönlicher Bereich: Zuwendung und Pflege52
Medikamentöser Bereich: die internistische, Zuwendung und Pflege53
Interventioneller Bereich: interventionelle Therapie53
Chirurgischer Bereich: operative Medizin54
Tod, Ende des Lebens56
Natürlicher Tod56
„Künstlicher Tod – neue Ethik?“57
Die aktive Sterbehilfe und der Tod auf Verlangen58
Euthanasiegesetze in der Vergangenheit60
Ethik und Ästhetik in der Medizin61
Ethik61
Ästhetik66
Menschenwürde67
Schutz der Integrität des Menschen67
Würde bei Abhängigkeit und Gebrechlichkeit69
Würde und Person69
Medizin, eingebettet in die Wissenschaften71
Wissenschaften aus der Beziehung des Menschen zur Natur: Natur-, Technische und Umweltwissenschaften71
Wissenschaften aus dem Zusammenleben der Menschen: Gesellschaftswissenschaften73
Beziehung des Menschen zum Geistigen: Wissenschaften vom Geistigen75
Medikogonie76
Medizin und Gesellschaft77
Medizinausbildung – Ausbildung zum Arzt77
Health is Wealth – ein modernes europäisches Gesundheitssystem79
Paradigmen im Laufe der Menschheitsgeschichte81
Grundbedingungen83
Archaisches Paradigma der Medizin84
Antikes Paradigma85
Mittelalterliches Paradigma87
Naturwissenschaftliches oder mechanisches Paradigma (Maschinenparadigma)89
„Was ist passiert?“92
Paradigma im 21.Jahrhundert95
Das neue Paradigma99
1. Zuwendung – Patient als Subjekt99
2. Ultramedizin99
3. Gesundheitserhaltung100
Auswirkungen des neuen Paradigmas100
Rezeptionen in interdisziplinärer Sicht101
Rezeption aus der Sicht des Medizinhistorikers102
Das medizinische Paradigma – aktuelle und historische Aspekte102
Rezeption aus der Sicht eines Theologen106
Rezeption aus der Sicht eines Philosophen107
Rezeption aus der Sicht des Psychiaters109
Der Mensch und die Heilkunde in der Sichtweise der Geisteswissenschaft110
Der Mensch und die Heilkunde in der Sichtweise der Naturwissenschaft110
Der Mensch und die Heilkunde in der Sichtweise der Kulturwissenschaft111
Der Mensch und die Heilkunde in der Sichtweise der Sozialwissenschaft111
Rezeption aus der Sicht eines Hirnforschers113
Neurobiologische Argumente für eine integrative Medizin113
Rezeption aus der Sicht eines Juristen115
Die Aufgabe des Arztes115
Ärztliches Handeln als Kultur des Maßes116
Die Mitte der Medizin: der Mensch in seiner Würde116
Ganzheitliche Medizin ist stets universitär und akademisch118
Das Recht auf medizinische Behandlung und die Knappheit der Ressourcen119
Die Differenzierung des ärztlichen Auftrags120
Gesundheit als medizinisch herstellbarer Erfolg und als Teil einer schicksalhaften Entwicklung122
Rezeption aus der Sicht eines Bioethikers122
Die Medizin – eine besondere Wissenschaft122
Verwerfungen und Herausforderungen122
Ein Modell – ein Versuch einer Antwort125
Rezeption aus der Sicht der bildenden Kunst125
Zur möglichen Parallelität von Kunst und Medizin125
Gebrauchsanleitung zum Umgang mit zeitgenössischer Kunst127
Rezeption aus Sicht der Industrie129
Vom Massenprodukt zur Individualtherapie129
Rezeption aus der Sicht eines Politikers131
Einleitung131
Effizienzkapital nutzen132
Die Konsequenzen140
Epilog145
Literatur146
Allgemein146
Literatur zu Menschenbild in der Medizin Literatur zu Euthanasie und Psychiatrie147
Literatur zur Medizingeschichte148
Literatur zu Alter und Menschenwürde148
Literatur zur Psychiatrie148
Literatur zur Bioethik149
Sachregister150

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