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E-Book

Zukunft der Kommunen

VerlagVerlag Bertelsmann Stiftung
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl320 Seiten
ISBN9783867936422
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis1,99 EUR
Welche Perspektiven haben schrumpfende Städte in Europa? Wie weltoffen und bürgernah präsentieren sich die deutschen Kommunen? Gibt es in puncto Bürgerbeteiligung einen Mentalitätswandel in den Verwaltungen? Mit welchen Konzepten kann der Haushaltskrise von Städten und Gemeinden begegnet werden? Und wie lassen sich die Bildungsstrukturen einer Region transparent gestalten? Der vorliegende E-Book-Reader ergänzt die Schwerpunktausgabe 'Zukunft der Kommunen' unseres Magazins change im Dezember 2014. Die Beiträge befassen sich mit den Themen demographischer Wandel, Willkommenskultur, Bürgerbeteiligung, Haushaltspolitik und regionale Bildungslandschaften. Bei den Texten handelt es sich um Auszüge aus Büchern des Verlags Bertelsmann Stiftung.

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Leseprobe

Reportagen


Stadt. Land. Flucht.

Bin ich eigentlich ein Stadt- oder ein Landmensch? Diese Frage lässt sich klar beantworten – glauben wir zumindest. Dann schauen wir von unserem Haus auf dem Land nachdenklich über die Weite der winterlich kargen Felder. Graue Wolken ziehen, Krähen schreien, und wir fragen uns, wo denn bitte schön in uns der Stadtmensch stecken soll? Egal, wir wollten eh gerade los zum Einkaufen im fünf Kilometer entfernten Supermarkt. Außerdem muss noch geklärt werden, ob es heute Abend mit dem Kino klappt. Die Straße ist glatt und eine Stunde Fahrt in die City ist schon so kein Vergnügen.

Auch in der Stadt fällt der Blick hinaus, hinaus aus der Altbauwohnung auf das Haus gegenüber, wo die alleinstehende Frau aus dem dritten Stock schon wieder die Fenster putzt. Das zweite Mal in dieser Woche. Autos hupen, die Sonne verschwindet früh hinter den hohen Fassaden, und wir fragen uns, wo denn bitte schön in uns der Landmensch stecken soll? Egal, lieber mit der neuesten Ausgabe von »Landlust« aufs Sofa, noch ein bisschen in den Dekotipps stöbern und überlegen, wohin man mit den Kindern am Wochenende ins Grüne fahren könnte. Man kommt ja viel zu wenig raus.

Stadt oder Land? Wo wir leben, wo wir wohnen – das fragen sich auch die Demographen. Die Menschen also, die sich Gedanken darüber machen, wie sich unsere Bevölkerung in den nächsten Jahren entwickelt. Eine Bevölkerungsvorausberechnung der Bertelsmann Stiftung liefert dazu viele Daten. Sie reichen bis 2030, und ihnen lässt sich unter anderem entnehmen, dass ländliche Regionen nicht wirklich der Renner sind – zumindest nicht für die Zukunft und nicht für die breite Masse. Besonders im Osten und in der Mitte Deutschlands nehmen die Einwohnerzahlen auf dem Land in den nächsten zwei Jahrzehnten teilweise dramatisch ab. Mehr und mehr sammeln wir uns in städtischen Ballungsräumen und Metropolregionen.

Das gilt auch für Schleswig-Holstein, das Land zwischen den Meeren. Was hier neben Touristenzahlen und Kohlköpfen noch wächst, ist die Anzahl der Köpfe in Kiel und Flensburg sowie in den Landkreisen Pinneberg und Stormarn. Deutschlands nördlichste kreisfreie Stadt, Flensburg, verzeichnet mit einem Plus von 6,1 Prozent vom Jahr 2009 bis zum Jahr 2030 noch den stärksten Einwohnerzuwachs. Ansonsten wird das platte Land wieder ein Stück übersichtlicher. So verliert beispielsweise Dithmarschen an der Westküste bis 2030 knapp fünf Prozent seiner Bevölkerung. Ist aber nicht so schlimm, denn unterm Strich kommt Schleswig-Holstein mit einem landesweiten Rückgang von knapp einem Prozent relativ glimpflich davon.

Das Dorf neu erfinden

Stadt oder Land? Katrin Sagener, 37, ist Schauspielerin und Tanzpädagogin. Zusammen mit einer Kollegin betreibt sie ihr eigenes mobiles Kindertheater, die »BühneBumm«. Der Großstadtmensch Katrin fand in der Metropole Hamburg die große Liebe, lebte mit dieser und erstem Kind auf 50 Quadratmetern im Stadtteil Ottensen, mit Blick auf »Hunderte Fenster im Hinterhof«. Das gab ihr das Gefühl, mittendrin zu sein, unter Menschen – auch wenn sie eigentlich kaum einen der Nachbarn kannte. Aber da waren ja noch die Spielplätze, Cafés, Turnvereine und Elternschulen, wo sie andere Mütter traf und den ganzen Tag so viel quatschte, dass sie abends gar keine Lust mehr hatte zu reden. Doch da es ihrem Freund genauso ging, waren beide froh, wenn es abends auch mal still war.

Katrin Sagener ist Bewohnerin des sozial-ökologischen Wohnprojekts Allmende und Mutter von drei Kindern. Neben ihrem mobilen Kindertheater »BühneBumm« betreibt sie das »Circustheater Allmendus« und gibt jeden Mittwoch Rückenkurse in der projekteigenen Sporthalle. Der Landmensch in ihr zog mit Freund und drei Kindern ins Grüne, baute ein Energiesparhaus mit viel Lehm und Holz, kannte schon vom ersten Tag an einige Nachbarn, sah aber beim Blick aus dem Fenster nur Bäume und Rehe. Das gab ihr das Gefühl, ganz weit draußen zu sein, irgendwie weg vom Leben, denn es war plötzlich Stille. Aber weil sie sich nicht schon den ganzen Tag »beim Quatschen verausgabt« hatte, kam abends plötzlich die Lust zu reden. Und da es ihrem Freund genauso ging, konnten sie auf einmal auf ganz neue Weise über sich und ihren Alltag sprechen.

Katrin Sagener und ihre Familie leben in Wulfsdorf bei Ahrensburg. Das liegt in Schleswig-Holsteins südlichem Landkreis Stormarn und gehört zur Metropolregion Hamburg. Diese Region hat massiven Einfluss darauf, wie sich die Bevölkerung im hohen Norden entwickelt und zusammensetzt. Immerhin leben und arbeiten hier 4,3 Millionen Menschen. Darunter auch 150.000 Beschäftigte, die jeden Tag von Schleswig-Holstein zur Arbeit nach Hamburg pendeln. Sie wohnen in dem einen Bundesland, arbeiten in dem anderen – und wo sie eigentlich leben, können sie oft gar nicht so genau sagen. Das war zunächst auch bei Katrin so, die bis heute regelmäßig in Hamburg arbeitet und die anfangs so gern eine Stadtwohnung behalten hätte. »Es ist ja nicht so, dass ich damals aus Hamburg wegwollte«, sagt die 37-Jährige. »Wir haben dort halt nur nichts gefunden. Also nichts Bezahlbares und Passendes für uns als Familie.«

Da war es ein Lichtblick, als sie zum ersten Mal vom sozial-ökologischen Wohnprojekt Allmende hörte. »Die Idee vom Dorf neu erfinden – das klang gut«, erzählt Katrin Sagener, die schon während ihrer Ausbildung in mehreren Wohnprojekten gelebt hatte. Als sie dann allerdings feststellte, wo Allmende lag, wollte sie auf keinen Fall mehr dort hin. Der vermeintliche Lichtblick befand sich eine ganze Autostunde von ihrer damaligen Wohnung in Ottensen entfernt. Irgendwann standen sie und ihr Freund Gero, 42, dann doch draußen »auf Allmende«. Weil »mal gucken« ja nichts kostet. Der Besuch war ein erster Prüfstein, wie Katrin erzählt: »Als wir hier ankamen, hat es geregnet. Vieles war unfertig. Es war irgendwie überhaupt nichts schön.« Dann waren da noch die vielen älteren Leute bei der Infoveranstaltung. Es gab keine Generationenquote, und Allmende hätte durchaus auch ein Seniorenprojekt werden können.

Ist es aber nicht, im Gegenteil. Vergleicht man Allmendes heutige Altersstruktur mit der Entwicklung in Schleswig-Holstein, wirkt eher das Bundesland wie ein Seniorenprojekt. Ein Viertel der 300 Allmender ist jünger als 18 Jahre, gerade mal 13 Prozent sind älter als 65 Jahre. In Schleswig-Holstein gehörten dagegen schon 2009 knapp 22 Prozent der Bevölkerung zur Altersgruppe 65plus – Tendenz: rapide steigend. Besonders für die Hochbetagten weisen die Vorausberechnungen der Bertelsmann Stiftung eine überdurchschnittliche Zunahme aus. Bis zum Jahr 2030 steigt im Vergleich zu 2009 die Zahl der über 80-Jährigen um knapp 77 Prozent – bundesweit dagegen »nur« um gut 59 Prozent.

Wie schön, dass es da Matti gibt. Matti schwingt sanft auf einer Schaukelmatte im warmen Licht der Mittagssonne, das durch eine große Fensterfront hereinflutet. Mit seinen vier Monaten ist er der jüngste Zuwachs der Familie Sagener-Pflaum. Matti folgte auf Fritz, der 2006 als erster »Ureinwohner« von Allmende das Licht der Welt erblickte. Zusammen mit Schwester Lola, 10, bilden die Geschwister einen überdurchschnittlichen Beitrag, um das nördlichste Bundesland nicht ganz so schnell vergreisen und schrumpfen zu lassen. Denn der Saldo aus Geburten und Sterbefällen ist in Schleswig-Holstein negativ: Pro neugeborenem Kind sterben statistisch 1,4 Schleswig-Holsteiner.

»Das Schwierigste war der Übergang«

So gesehen kann das Land froh sein über Menschen wie Katrin und Gero. Nicht nur wegen ihrer drei Kinder, sondern weil sie aus Hamburg zugezogen sind: Ohne die Zuwanderung von außen würde Schleswig-Holsteins Bevölkerung sehr viel schneller abnehmen. Der Rückgang bis 2030 läge in sämtlichen Landesteilen deutlich über dem Bundesdurchschnitt von –3,7 Prozent. Besonders die an Hamburg angrenzenden Kreise Stormarn, Pinneberg und Segeberg sowie das Herzogtum Lauenburg profitieren von ihrer Lage in der Metropolregion. Jedes Jahr ziehen mehr Hamburger in diese Landkreise als von dort zurück in die Hansestadt.

Stadt oder Land? Für Katrin und Gero war es bis zuletzt eine schwierige Entscheidung. Es ging ja nicht nur darum, ob sie Cafés und Schaufenster gegen Biobauernhof und Badeteich vor der Tür tauschen wollten. Es ging auch um die Frage: Hamburg oder Schleswig-Holstein? Mietwohnung oder eigenes Haus? Ein normales Mietverhältnis mit Vermieter und Mieter oder sozial-ökologisches Mehrgenerationen-Wohnprojekt? »Das Schwierigste war eigentlich der Übergang, weil wir uns nicht vorstellen konnten, wie alles mal wird«, erzählt Katrin Sagener. Heute, im Rückblick, hat sie mehr Klarheit. »Damals, mit einem Kind, war Ottensen perfekt. Heute, mit drei Kindern, ist Allmende perfekt. Wir haben hier Bullerbü.«

Das...

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