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Aggressiv-oppositionelles Verhalten im Kindesalter

AutorAnja Görtz-Dorten, Franz Petermann, Manfred Döpfner
VerlagHogrefe Verlag Göttingen
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl193 Seiten
ISBN9783844426489
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis21,99 EUR
Die Diagnostik und Therapie aggressiven und oppositionellen Verhaltens bei Kindern stellt eine besondere Herausforderung dar, weil diese Störungen sehr häufig auftreten, oft einen chronischen Verlauf haben und insgesamt schwer zu behandeln sind. Der Diagnostik- und Therapieleitfaden bietet wertvolle Hinweise und Anregungen zum konkreten therapeutischen Vorgehen. Der Band stellt zunächst den aktuellen Stand der Forschung hinsichtlich Symptomatik, Komorbidität, Pathogenese, Verlauf und Therapie aggressiv-oppositioneller Störungen dar. Anschließend werden die Leitlinien zur Diagnostik und Verlaufskontrolle, zur Interventionsindikation sowie zur Behandlung formuliert und ihre Umsetzung in die klinische Praxis ausführlich dargestellt. Diagnostische Verfahren und Interventionsprogramme, die in den verschiedenen Phasen der Therapie eingesetzt werden können, werden kurz und prägnant beschrieben. Materialien zur Diagnostik und Elternberatung sowie die Darstellung von zwei ausführlichen Fallbeispielen helfen dabei, die Leitlinien in die Praxis umzusetzen.

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Leseprobe

|35|2 Leitlinien


2.1 Leitlinien zur Diagnostik und Verlaufskontrolle


Grundlage für die spezifische Diagnostik aggressiv-oppopsitioneller Störungen im Kindesalter ist die allgemeine Diagnostik bei Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen, wie sie im Leitfaden zur Diagnostik psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter (Döpfner & Petermann, 2012) beschrieben ist.

Tabelle 6 gibt eine Übersicht über die Leitlinien zur Diagnostik und Verlaufskontrolle von Kindern mit aggressiv-oppositionellen Störungen. Die Explorationen der Eltern, des Kindes und der Erzieher/Lehrer stehen im Zentrum der Diagnostik. Die Exploration des Kindes bezieht auch die Verhaltensbeobachtung des Kindes während der Exploration und während anderer Untersuchungen (z. B. testpsychologische Untersuchung) sowie seine psychopathologische Beurteilung mit ein. Alle über diese Explorationen hinausgehenden diagnostischen Maßnahmen sind optional, aber häufig indiziert und hilfreich:

  • Standardisierte Fragebögen für die Eltern, das Kind und seine Erzieher/Lehrer können die Explorationen ergänzen und erleichtern. Falls eine Exploration der Erzieher/Lehrer nicht möglich ist, können Fragebögen diese auch ersetzen. Häufig erleichtern Fragebögen die Exploration, wenn sie vor der Exploration beantwortet werden. Der Untersucher kann dann die Informationen aus den Fragebögen zur gezielten weiterführenden Exploration nutzen.

  • Eine testpsychologische Untersuchung der Intelligenz oder des Entwicklungsstandes bzw. der schulischen Leistungsfähigkeit kann unter bestimmten Bedingungen angezeigt sein. Eine grundlegende kurze Prüfung der intellektuellen Leistungsfähigkeit ist jedoch meist indiziert.

  • Eine spezifische Anamnese zu körperlichen Symptomen während des letzten Jahres ist notwendig, um Hinweise auf etwaige komorbide Störungen zu gewinnen. Eine orientierende internistische und neurologische Untersuchung dient der Erkennung körperlicher Vorläufer- oder Folgesymptome.

|36|Tabelle 6: Übersicht über die Leitlinien zur Diagnostik und Verlaufskontrolle

L1

Exploration der Eltern und der Erzieher/Lehrer oder anderer Hauptbezugspersonen

L1.1

Exploration der Eltern und der Erzieher/Lehrer zur aktuellen oppositionellen oder aggressiven Symptomatik des Kindes

L1.2

Exploration der Eltern und der Erzieher/Lehrer zu aktuellen assoziierten psychischen Störungen und differenzial-diagnostische Abklärung

L1.3

Exploration der Eltern und der Erzieher/Lehrer zu spezifischen häufig kovariierenden psychischen Merkmalen

L1.4

Exploration der Eltern und der Erzieher/Lehrer zu besonderen Bindungen, relativen Stärken, Kompetenzen, Interessen und positiven Eigenschaften des Kindes

L1.5

Exploration der Eltern und der Erzieher/Lehrer zum familiären und sozialen Hintergrund

L1.6

Exploration der Eltern und der Erzieher/Lehrer zur störungsspezifischen Entwicklungsgeschichte des Kindes (hauptsächlich Elternexploration)

L1.7

Exploration der Eltern und der Erzieher/Lehrer zu Einstellungen zur Therapie

L2

Exploration und psychopathologische Beurteilung des Kindes

L3*

Fragebogen- und Beobachtungsverfahren zur Verhaltens- und Psychodiagnostik

L4*

Ergänzende psychologische Diagnostik

L5*

Anamnese bezüglich körperlicher Symptome und somatische Diagnostik

L6

Verlaufskontrolle

Anmerkung: * = optionale, aber häufig notwendige diagnostische Maßnahmen.

2.1.1 Exploration der Eltern und der Erzieher oder Lehrer

Leitlinie 1 gibt eine Übersicht über die Empfehlungen zur Exploration der Eltern und der Erzieher oder Lehrer. Wie die Diagnostik von Kindern mit aggressiv-oppositionellen Störungen generell, baut auch die Exploration auf den im Leitfaden zur Diagnostik psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter (Döpfner & Petermann, 2012) beschriebenen allgemeinen Explorationsleitlinien bei Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen auf. Bildet sich im Rahmen der allgemeinen Exploration ein Verdacht auf eine aggressiv-oppositionelle Symptomatik, dann sollten die in Leitlinie 1 aufgeführten spezifischen Aspekte in der Exploration besonders berücksichtigt werden.

Die Exploration der Eltern stellt den Kern der Diagnostik dar. Leitlinie 1 gibt eine Übersicht über die Rahmenbedingungen dieser Exploration, die detaillierter im Leitfaden zur Diagnostik psychischer Störungen im |37|Kindes- und Jugendalter (Döpfner & Petermann, 2012) besprochen sind. Die Elternexploration dient nicht nur der Informationsgewinnung; ebenso wichtig ist in dieser Phase der Aufbau einer therapeutischen Beziehung zu den Eltern. Trotz der vielfältigen Informationen, die in dieser Phase erhoben werden, sollte der Therapeut genügend Zeit haben, sich die Sorgen der Eltern in Ruhe anzuhören und ihnen Verständnis für ihre Situation zu signalisieren. Besonders bei aggressiv-oppositionellen Auffälligkeiten stehen die Eltern meist unter einem hohen Leidensdruck, der mitunter dazu führen kann, dass die Problematik dramatisiert wird und es den Eltern schwer fällt, die Verhaltensprobleme differenziert zu beschreiben.

Die Exploration wird mit mindestens einem Elternteil durchgeführt, günstiger ist jedoch eine gemeinsame Exploration beider Elternteile, weil so Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Bewertung des Kindes und seines Problemverhaltens sowie anderer familiärer Bedingungen deutlich werden können. Die Berichte von Müttern und Vätern stimmen nicht immer überein und decken sich oft nicht mit den Einschätzungen des Kindes selbst, den Beurteilungen von Erziehern oder Lehrern oder mit schriftlichen Berichten über Ereignisse in der Vergangenheit.

Initial...

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