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E-Book

Armut heute

Eine Bestandsaufnahme für Deutschland

AutorEleonora Kohler-Gehrig
VerlagKohlhammer Verlag
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl177 Seiten
ISBN9783170360884
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis25,99 EUR
Das Buch bietet eine profunde Einführung in das Phänomen Armut in Deutschland. Der begrifflichen Klärung folgt zunächst der Blick auf die Statistik. Auf dieser Basis werden die individuellen von Armut geprägten Lebenslagen in Deutschland beschrieben. Besonders eingegangen wird auf die Risikogruppen: Arbeitslose, Alleinerziehende, Ältere sowie Kinder und Jugendliche. Auf diese Weise öffnet sich die lebensweltliche Dimension von Armut, denn Armut tangiert Gesundheit, Wohlbefinden, Bildung, soziale Beziehungen und Verhalten. Das Buch bietet so Sozialwissenschaftlern, Sozialarbeitern, Praktikern in Sozialämtern, Job-Agenturen und Sozialverbänden äußerst verdichtet und auf dem aktuellsten Stand fundamentales Wissen für ihre unterschiedlichen Arbeitsfelder.

Prof. Dr. Eleonora Kohler-Gehrig lehrt an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg.

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Leseprobe

1          Begriff der Armut


 

 

 

Viele setzen Armut mit Hunger gleich. Die UN hat im Jahr 2000 die Milleniumsziele proklamiert. Sie hat sich das Ziel gesetzt, dass im Jahr 2015 der Hunger in der Welt gegenüber dem Jahr 1990 halbiert werde, es ab 2030 eine Welt ohne Hunger geben solle. Nachdem über Jahre hinweg die Zahl der hungernden Menschen in der Welt sank, stieg sie von 777 Millionen im Jahr 2015 auf 815 Millionen hungernde Menschen weltweit wieder an. Klimakatastrophen und Kriege haben zu diesem Anstieg beigetragen.

Doch Armut ist mehr als Hunger. Armut ist ein soziales Phänomen. Darunter wird ein Zustand gravierender sozialer Benachteiligungen mit der Folge einer Mangelversorgung mit materiellen Gütern, Dienstleistungen, aber auch einem Mangel an Teilhabe- und Verwirklichungschancen verstanden. Es ist ein normativer Begriff, ein moralisch-politisch wertender Begriff, abhängig vom Standpunkt des Betrachters und seiner Intention.

Zur Messung von Armut wurden verschiedene Indikatoren entwickelt. Eine Seite von Armut ist die wirtschaftliche Armut, die Einkommensarmut. Bei der Betrachtung von wirtschaftlicher Armut gibt es zwei verschiedene Ansätze: Zum einen ist das die absolute Armut, die ein Leben am Rande des Existenzminimums markiert. Zum anderen ist es die relative Armut, bei der ein Einkommen deutlich unter dem mittleren Einkommen eines Landes liegt.

Absolute Armut, auch extreme Armut genannt, ist in Schwellen- und Entwicklungsländern anzutreffen. Sie war nach dem 1. Weltkrieg und ebenso nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland bis 1948 – dem Jahr der Währungsreform – verbreitet. Die Weltbank hat aktuell die monetäre Grenze von 1,90 Dollar pro Tag und Person als Indikator für absolute Armut gesetzt. Dem ist entgegen zu halten, dass mit der absoluten Einkommensarmut weitere essentielle menschliche Bedürfnisse nicht berücksichtigt werden. Ein sicheres Dach über dem Kopf, der Zugang zu sauberem Wasser, Strom, Brennstoffen, sanitären Einrichtungen, Gesundheitsversorgung sind neben dem Einkommensindikator für die Lebensqualität essentiell. Für die Lebensqualität und Entwicklungschancen von Menschen sind gut funktionierende öffentliche Dienstleistungen im Bereich Bildung, Gesundheit bedeutsam. Bedeutsam sind obendrein Ernährungssicherheit und Infrastruktur.1

Der Begriff der relativen Armut versteht Armut im Vergleich zum jeweiligen sozialen Umfeld eines Menschen. Sie wird in einem Prozentsatz des mittleren Einkommens der Bevölkerung ausgedrückt. Anknüpfungspunkt ist nicht das arithmetische Mittel aller Einkommen, sondern der mittlere Wert in der Einkommensverteilung. Der mittlere Wert in der Einkommensverteilung, auch Median genannt, ist geringer als das arithmetische Mittel. Da die relative Armut aus einem Prozentsatz des mittleren Einkommens abgeleitet wird, erfasst der Begriff der relativen Armut zwangsläufig in jedem Staat einen Teil der Bevölkerung. Selbst in reichen Staaten gibt es eine arme Bevölkerung. »Armut ist hierzulande keine Kalorienfrage« (Heribert Prantl). Armut ist wie Reichtum ein relativer Begriff, der sich am Wohlstandsniveau einer Gesellschaft misst. Sie ist Ausdruck einer Einkommensungleichheit. Der Begriff der relativen Armut besagt nichts darüber aus, ob und welche materiellen Entbehrungen gegeben sind.

In den EU-Mitgliedstaaten bestimmt sich das relative Armutsrisiko als Anteil der Personen in Haushalten, deren bedarfsgewichtetes Netto-Äquivalenzeinkommen weniger als 60 % des Mittelwertes aller Einkommen beträgt.

Beim Äquivalenzeinkommen werden alle Einkommen eines Haushalts addiert. Dieses Gesamteinkommen des Haushalts wird durch die Zahl aller Mitglieder dividiert, wobei die Mitglieder nicht gleich gewichtet werden. Nach einer OECD-Skala wird für die erste erwachsene Person 1 angesetzt, für die zweite und jede weitere Person über 14 Jahren 0,5 und für jedes Kind bis zum 14. Lebensjahr 0,3. Dieser Skalierung liegt der Gedanke zugrunde, dass die Kosten der Haushaltsführung eines jeden nicht so hoch sind, wenn sich mehrere Personen einen Haushalt teilen, und die Kosten der Lebensführung für Kinder geringer sind als für Erwachsene. Größere Haushalte benötigen mehr Wohnraum, Lebensmittel, Kleidung. Hingegen teilen sich mehrere Personen Küche, Bad, Versicherungen.

Aus dem Netto-Äquivalenzeinkommen werden unterschiedliche Aussagen für relative Armut abgeleitet:

•  60 % des Äquivalenzeinkommens gilt als Armutsrisiko(-quote), auch Armutsschwelle genannt

•  50 % des Äquivalenzeinkommens steht für Armut und

•  40 % des Äquivalenzeinkommens wird als strenge Armutbezeichnet.

2016 belief sich laut dem Statistischen Bundesamt die Armutsschwelle in der Bundesrepublik

•  969 € für eine Einzelperson

•  2036 € für zwei Erwachsene mit 2 Kindern unter 14 Jahren.

Dem relativen Armutsbegriff wird entgegengehalten, dass Geld nicht alles sei. In einer Gesellschaft, in der die Teilhabe an Waren und Dienstleistungen an Geld geknüpft ist, geht nichts ohne Geld – auch wenn daneben noch andere ideelle Werte wie Gesundheit, Lebensfreude, Zufriedenheit, kulturelle Teilhabe maßgeblich für das Hier und Heute sind. Ohne finanzielle Mittel lassen sich diese Werte schwerlich schaffen und erhalten.

Diese statistischen Werte besagen wenig über die konkrete Lebenslage: Sparsame Menschen, Menschen auf dem Land oder in einem Netzwerk von Verwandten und Freunden verankert haben mehr zur Verfügung als andere mit gleichem Einkommen, die in teuren städtischen Mietwohnungen mit hohen Nebenkosten leben. Kranke und behinderte Menschen haben zusätzliche Ausgaben für Medikamente, Diäten, Hilfsmittel. Bei gleichem Einkommen wie gesunde Menschen sind sie trotzdem schlechter gestellt. Armut ist mehr als ein Mangel an finanziellen Mitteln. Wohlergehen kann nicht allein mit Einkommen erklärt werden. Jedoch bedarf es der absoluten und der relativen Armut als Richt- und Vergleichsgröße. Sie sind Indikatoren für Armut und nicht mehr. In einer Gesellschaft, in der Teilhabe regelmäßig über Geld erkauft wird, führt kein Weg an finanziellen Größen vorbei. Verwirklichungschancen werden weithin mit Geld realisiert. Neben dem Einkommen können und müssen weitere Kriterien herangezogen werden.

Relative Armut macht sich obendrein durch sozio-kulturelle Verarmung bemerkbar, wobei der Mangel an Teilhabe an bestimmten sozialen Aktivitäten als Folge des finanziellen Mangels gemeint ist. Stehen nur wenige finanzielle Mittel zur Verfügung, können selten oder gar nicht kulturelle Veranstaltungen besucht werden. Schon die Fahrtkosten zu einem Konzert, ins Theater, ins Kino stellen eine finanzielle Belastung dar. Dies wird erweitert um den Lebenslagenansatz, wonach Armut neben dem Mangel an Einkommen und Vermögen ein Mangel an Teilhabe- und Verwirklichungschancen ist. Zum menschlichen Wohlergehen zählen obendrein Erwerbstätigkeit, Gesundheit, Bildung, Wohnen, familiäre Beziehungen, soziale Netzwerke, politische Chancen und Partizipation.

Von der statistischen Definition des relativen Armutsrisikos unterscheidet sich das soziokulturelle Existenzminimum, das in der Bundesrepublik im Sozialrecht abgesichert ist und das auf tatsächlichen Verbrauchsausgaben basiert. Diese bekämpfe Armut erfasst Personen, die existenzsichernde Leistungen des Staates erhalten. Der Erhalt dieser Leistungen zur Sicherung des soziokulturellen Existenzminimums kann ihnen im Einzelfall Einkünfte über der Armutsgrenze sichern und kann in einem anderen Fall deutlich darunter liegen. Gleichwohl ist der Erhalt solcher Leistungen ein Armutsindikator. Haushalte mit Kindern können mit staatlichen Transferleistungen über die 60 %-Schwelle gelangen. Kinderlose Haushalte, die existenzsichernde Leistungen erhalten, bleiben eher unter der 60 %-Schwelle.2

Es gibt eine Vielzahl staatlicher Transferleistungen, die auf viele verschiedene Leistungsträger, Behörden und Ämter verteilt sind. Manche stehen nebeneinander, andere schließen sich gegenseitig aus und nochmals andere werden aufeinander angerechnet. Der Weg durch das Leistungslabyrinth ist mehr als verwirrend. Er verschlingt viel Zeit und Energie, bindet Arbeitskräfte und treibt die Kosten der Verwaltung in die Höhe.

Nicht alle Menschen, die Anspruch auf staatliche Transferleistungen zur Minderung der Armut haben, machen diesen Anspruch geltend. Sie empfinden es erniedrigend, zum »Amt« zu gehen, wollen nicht als Bittsteller gelten. Andere glauben, dass sich das nicht lohne. Wieder andere wissen nicht um ihre Rechte. Erhebungen über die Inanspruchnahme von Sozialleistungen weisen diese verdeckte Armut, die Dunkelziffer der Armut, nicht aus.

Armut kann zeitweise oder dauerhaft vorhanden...

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