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Barebacking - 'Eine neue Art des Lebens'?

Qualitative Untersuchung zum sexuellen Risikoverhalten homosexuell lebender Männer und dessen Bedeutung für ihre Identitätsbildung

AutorCindy Bönhardt
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl154 Seiten
ISBN9783640199983
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis31,99 EUR
Diplomarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Psychologie - Sozialpsychologie, Note: 1,3, Ludwig-Maximilians-Universität München (Reflexive Sozialpsychologie), Sprache: Deutsch, Abstract: Die vorliegende qualitative Untersuchung erforscht die Frage, ob Männer, die Sex mit Männern (MSM) haben, auf Grundlage ihres sexuellen Risikoverhaltens - in diesem Fall 'Barebacking', also ungeschützter, beabsichtigter Sex mit einer anderen Person als dem Primärpartner - eine eigenständige Identitätsform entwickeln können. Diese Fragestellung wurde mithilfe der egozentrierten Netzwerkanalyse und des qualitativen Interviews untersucht. Sieben Interviews mit homosexuellen Männern, von denen allerdings nur sechs in die Auswertung eingehen konnten, bilden den Ausgangspunkt dieser Analyse. Ausgehend von der Definition von 'Identität' nach Keupp (1997) konnte gezeigt werden, dass eine 'Barebacker'-Identität existiert, welche sich aus einem Zugehörigkeitsgefühl zu der Eigengruppe der 'Barebacker', sozialer Anerkennung durch Sexualverhalten innerhalb dieser Gruppe, subjektiver Bedeutung des Sexes, alltagsstrukturierender Relevanz von Sexualität und umfassenden kognitiven Strategien in Bezug auf HIV und weiterer Risikofaktoren zusammensetzt. Ebenfalls wurde ersichtlich, dass die 'Barebacker' dieser Untersuchung oftmals ein diffuses Verantwortungsgefühl empfanden, da sie nicht genau bestimmen konnten, inwiefern und bis zu welchem Grad sie für ihre Sexualpartner verantwortlich sind, mit denen sie sich in diese sexuelle Risikosituation begeben. Den Abschluss bilden Überlegungen, wie diese Erkenntnisse in einem präventiven Kontext berücksichtigt werden sollen.

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Leseprobe

2 Methodik

 

Um zu eruieren, ob und inwiefern ein MSM, der „Bareback“-Sex vollzieht, eine Identität ausbildet, erscheint die Herangehensweise aus der Kombination eines qualitativen, halbstrukturierten Interviews und der Methode einer Netzwerkanalyse als das Vorgehen der Wahl sowie der Methoden-Triangulation qualitativer Forschung entsprechend. Identität ist, unabhängig davon, von welcher erwähnten Theorie man ausgeht, immer eine subjektive Konstruktion der jeweiligen Person. Da man ein solches individuell verschiedenes Selbstkonzept schlecht verallgemeinern und quantitativ erfassen kann, ist eine Erforschung dessen im persönlichen Gespräch wohl am adäquatesten. So haben die Interviewteilnehmer die größtmögliche Freiheit, eigene Erfahrungen und Einstellungen mitzuteilen, wobei durch die halbstrukturierte Form gewährleistet ist, dass das Schwerpunktthema „Bareback“ in all seinen Facetten abgefragt und innerhalb der Stichprobe verglichen werden kann.

 

2.1 Die Netzwerkanalyse

 

 Die subjektive Organisation der eigenen Erlebnisse und Werte hat großen Einfluss auf die Bewertung neuer Ereignisse sowie das Handeln darauf. Identität kann man demnach nicht losgelöst vom sozialen Umfeld betrachten, Handeln findet immer im Kontext sozialer Bezüge statt. Identitätsbildung ist demnach Teil eines sozialen Prozesses, wie Keupp bereits ausgeführt hat. Durch diesen Prozess wird Identität geformt und nicht nur allein subjektiv konstruiert, auch wenn die subjektive Theorie, die ein Mensch über seine eigene Person gebildet hat, eine Hauptkomponente von Identität ist  (vgl. Drewes 1993, S.7 ff.). Berger fasst dies treffend zusammen:

 

„So unmöglich es dem Menschen ist, sich in völliger Vereinzelung zum Menschen zu entwickeln, so unmöglich ist es im auch, in der Vereinzelung eine menschliche Umwelt zu produzieren. Vereinzeltes Menschsein wäre Sein auf animalischem Niveau, das der Mensch selbstverständlich mit anderen Lebewesen gemein hat. Sobald man spezifisch menschliche Phänomene untersucht, begibt man sich in den Bereich gesellschaftlichen Seins. Das spezifisch Menschliche des Menschen und sein gesellschaftliches Sein sind untrennbar verschränkt. Homo sapiens ist immer und im gleichen Maßstab auch Homo socius.“ (Straus 2002, S.111)

 

Eine Netzwerkanalyse bietet eine sinnvolle Möglichkeit, diese sozialen Bezüge eines Individuums sowie sein gesellschaftliches Umfeld zu erfassen und gleichzeitig deren Bedeutung für den einzelnen abzufragen. Netzwerke können dem Menschen Vertrauen, sowie Anerkennung und das Gefühl von Zugehörigkeit entgegenbringen. Da anhand der Analyse so eine wichtige Komponente von Identität, beziehungsweise worauf der Interviewte sein Identitätsgefühl aufbaut, dargestellt werden kann, wird zu Beginn des Interviews eine Netzwerkanalyse mit dem mutmaßlichen „Barebacker“ durchgeführt. Weitere Vorteile, dieses psychologische Hilfsmittel kombiniert mit einem Interview durchzuführen, bestehen darin, dass diese Untersuchung mögliche Defizite des Interviewleitfadens ausgleichen kann, Ressourcen des Interviewten aufzeigt und an den Anfang gestellt einen für den Gesprächspartner angenehmen Einstieg in das spätere Interview verschafft (vgl. Scheibelhofer 2006, S.313 f.). Darüber hinaus bietet die Netzwerkanalyse als standardisiertes Verfahren gute Auswertungsmöglichkeiten.

 

 2.1.1 Das egozentrierte Netzwerk

 

Für diese Untersuchung wurde die Form des egozentrierten Netzwerkes gewählt, da sie das soziale Netzwerk des Betroffenen, also all seine aktuellen positiven wie negativen  Beziehungen, umfassend darstellt, hilfreich für den Dialog zwischen Interviewer und Interviewten ist, einfach sowie flexibel anzuwenden ist, den Interviewten zu Selbstreflexion anregt und eine hohe Vergleichbarkeit zwischen den Versuchspersonen besitzt. Darüber hinaus ist es für den Interviewer eine hilfreiche visuelle Stütze, komplexe Beziehungsmuster zu verstehen und richtig einzuordnen, da man jederzeit die Möglichkeit hat, nachzufragen (vgl. Straus 2002, S. 215 f.).

 

 2.1.2 Methodisches Vorgehen

 

 Jeder Interviewteilnehmer erhält eine Grundkarte im A3-Format, auf der sechs konzentrische Kreise um das umkreiste ICH in der Mitte angeordnet sind[10]. Der erste Schritt besteht darin, dieses Netzwerk in seine eigenen Lebensbereiche, die je nach subjektiver Bedeutung unterschiedlich groß ausfallen, zu unterteilen. Dazu erhält jeder folgende Anweisung:

 

„Im Folgenden geht es um dein Netzwerk, das heißt, all die Personen, mit denen du derzeit in Beziehung stehst, egal, ob in positiver oder negativer Art. Wir haben dazu eine Karte, in der um das ICH mehrere Kreise gezogen sind. Das ICH in der Mitte stellt dich dar. Wir können mit der Familie beginnen, den Freunden, Kollegen oder was dir sonst für Leute einfallen. Stell dir vor, dieses dein Netzwerk sei eine Torte und soll nun in mehrere Tortenstücke  aufgeteilt werden. Wie groß soll beispielsweise das Stück ,Familie´, ,Freunde´ und so weiter werden? Wie viele Tortenstücke/Netzwerkbereiche  soll es geben? Wir werden die Größe der Bereiche erst einmal mit beweglichen Markierungen  stecken, welche du zu jeder Zeit verändern kannst.“ (vgl. Straus 2002, S.216 f.; leicht abgeändert von der Verf.)

 

 Bevor der Proband sein Netzwerk mit Hilfe von Papierstreifen, die zuletzt festgeklebt wurden, in Bereiche unterteilt, wird er dazu ermuntert, vorher auf einem Blatt Papier seine wichtigsten Bezugspersonen aufzuschreiben, jene dann den einzelnen Segmenten zuzuordnen und diese dann auf die Netzwerkkarte zu übertragen. Danach sollen die Personen den einzelnen Bereichen auf der Karte zugeteilt werden, wobei die Interviewten diese auf Haftnotizzettel schreiben können, um deren Position auf der Netzwerkkarte ebenfalls jederzeit verändern zu können. Dafür wird nachstehende Aufforderung verwendet:

 

„Nun zeichne bitte all jene Personen mit Namen oder Kürzel ein, die dir in dem jeweiligen Netzwerkbereich wichtig sind. Wenn jemand sehr wichtig für dich ist, kommt er näher an das ICH, wenn er weniger wichtiger ist, weiter nach außen. Wenn dieselben Personen in zwei Bereichen auftauchen, kannst du sie auch gern doppelt einzeichnen.“ (vgl. Straus 2002, S.217; leicht abgeändert von der Verf.)

 

Abschließend werden zu den einzelnen Personen auf der Netzwerkkarte Fragen gestellt, um ein tieferes Verständnis für die einzelnen Beziehungen zu gewinnen. Dazu gehörten unter anderem die Fragen nach dem Alter und der Sexualität der aufgeführten Personen, wie die Beziehung zwischen ihnen und dem Interviewten beschrieben werden kann, seit wann Kontakt zu diesen Personen besteht und wie regelmäßig beziehungsweise in welcher Art dieser stattfindet. Zum Schluss wird der Interviewpartner noch gefragt, in welchem Sektor er die größte Unterstützung erfährt und ob es einem Bereich gibt, in welchem ihm Anerkennung besonders wichtig ist. Hinter dieser Frage steckt die Annahme, die aus den vorangegangen Studien geschlussfolgert wurde, dass ein „Barebacker“ die meiste Anerkennung im Bereich seiner sexuellen Kontakte suche und es ihm dort auch am bedeutsamsten sei, beliebt zu sein.

 

 2.2 Das qualitative Interview

 

Bei dem Untersuchungsgegenstand, nämlich der Frage, ob und inwiefern eine „Barebacker“-Identität existent ist, handelt es sich um eine explorative Fragestellung, da hierzu wie bereits erwähnt kaum beziehungsweise nur lückenhaft Forschungsmaterial vorhanden ist. Aufgrund dessen und weil Narrationen allein es ermöglichen, persönliches Identitätsgefühl auszuführen (vgl. Höfer 2000, S.201), erscheint es der Verfasserin am sinnvollsten, die Netzwerkanalyse mit einem qualitativen Design, in diesem Fall mit einem halbstrukturierten, fokussierten Interview anhand einem hierfür kreierten Leitfaden, zu verknüpfen.  

 

Das Ziel qualitativer Forschung liegt im „methodisch kontrollierten Fremdverstehen“ (Hollstein 2006, S.17), welches die für den Probanden sinnhafte Struktur seiner sozialen Realität, seine Identität sowie den Kontext seiner Handlungen, dem ungeschützten Sex, nachvollziehen soll. Die Form des Interviews ist hierfür besonders geeignet, da es sich flexibel an die Bedürfnisse des Befragten anpassen lässt, subjektive Bedeutungsebenen mithilfe des Nachfragens transparent werden können und es durch den verbalen Zugang leichter ist, die persönliche Konstruktion der Identität des Einzelnen nachzuvollziehen. Man kann einfühlsamer auf den Befragten eingehen, ohne ihn im Erzählfluss zu stören (vgl. Drewes 1993, S.86f.). Zudem erleichtert aktives Zuhören von der Befragerseite aus, dass der Befragte sich angenommen fühlt, obgleich er vielleicht vermeintlich „sozial unerwünschte“ Themen und Erfahrungen anspricht, und es hilft, wesentliche Inhalte zu erfassen und zu generieren. Will man die persönliche Einzigartigkeit eines Menschen erfassen, der wichtigste Aspekt des Konzeptes „Identität“, ist eine Verwendung dieses qualitativen Designs nahezu Pflicht.

 

 Der verwendete Leitfaden[11], der anhand der bereits erwähnten Studien, der Definition von Identität nach Keupp, dem noch laufendem Projekt „Positives Begehren“ von Phil Langer und Überlegungen der Verfasserin...

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