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E-Book

Das 18. Jahrhundert

Zeitalter der Aufklärung

AutorIwan-M. D´Aprile, Winfried Siebers
VerlagDe Gruyter Akademie Forschung
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl257 Seiten
ISBN9783050049656
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis299,00 EUR

Akademie Studienbücher - Literaturwissenschaft

- Diskussion von Epochenbegriff und Epochengrenzen
- Autor, Markt und Publikum: Strukturwandel der literarischen Öffentlichkeit
- Die Epoche im Spiegel der zeitgenössischen Debatten, z. B.: Nationalliteratur, Antike, Ästhetik, Religion
- Popularisierung von Wissen und literarische Wissensvermittlung
- Kulturtransfer und Fremderfahrung
- Gattungsinnovationen und Gattungswandel: Drama, Roman, Publizistik und Literaturkritik, Fabel und Prosaerzählung, Dialog und Essay

Kommentare zum Buch:

"Im Rahmen eines vom Umfang her begrenzten Handbuchs eine instruktive, anregende, forschungswissenschaftlich anspruchsvolle und nutzerfreundliche Vorlage [...]."
Dr. Ernst Stöckmann vom Germanistischen Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

"Dieses Studienbuch ist sehr informativ, verständlich und auf dem neuesten Forschungsstand. Ferner ist es interdisziplinär und interkulturell orientiert, sodass es als relevante Sekundärliteratur gilt."
Prof. Dr. Annette Runte von der Universität in Rouen, Frankreich

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Leseprobe

4.1 Religion und literarisches Leben (S. 55-56)

Innerhalb der gesamteuropäischen Aufklärungsbewegung stellte sich das Verhältnis zwischen Religion und Aufklärung in Deutschland komplexer dar als andernorts. Die Trennungslinien zwischen dem Klerus und der Aufklärungsbewegung waren vor allem im protestantischen Teil Deutschlands mit seinen unterschiedlichen Spielarten des Lutheranismus, des Pietismus und des Calvinismus weniger scharf gezogen als in katholischen Ländern. Gerade in der Frühaufklärung gab es zahlreiche Schnittmengen zwischen dem protestantischen Gebot der Erkenntnis Gottes durch selbstständige Bibellektüre und der aufklärerischen Forderung des Selbstdenkens. Toleranzpolitik als Duldung bestimmter religiöser Minderheiten gehörte zum Kalkül der Machtpolitik im gesamten protestantischen Teil Europas: in England, Holland, Schweden oder Brandenburg-Preußen (Toleranz-Edikt von Potsdam 1685). Mit den Josephinischen Reformen hielt sie ab 1780 auch Einzug im katholischen ¤sterreich. Zudem entstammten die weitaus meisten Aufklärer in Deutschland einem protestantischen theologischen Hintergrund, der sowohl durch das Elternhaus als auch das eigene Studium geprägt war (vgl. Schöne 1958) – wenngleich das Theologiestudium als ,Arme-Leute-Studium‘ häufig nur aus Geldnot betrieben wurde. Schließlich hat die religiöse Reformbewegung des Pietismus durch ihren individualisierten und emotionalisierten Glaubensbegriff auf die Sprache der Empfindsamkeit gewirkt (vgl. Langen 1968) und literarische Werke unmittelbar beeinflusst, etwa Friedrich Klopstocks Messias (1748ff.) oder Johann Heinrich Jung-Stillings Lebensgeschichte (1777ff.). In der neueren Aufklä- rungsforschung werden die vielfältigen Querverbindungen und Ausdifferenzierungen konfessionell unterschiedlich geprägter Aufklärungsformen – pietistische, hugenottisch-calvinistische, katholische, jüdische – verstärkt zum Gegenstand gemacht (vgl. Klueting 1993, Beutel 2006).

Gleichwohl war das literarische Leben in Deutschland wie in anderen Ländern auch von ständigen Auseinandersetzungen um den Anspruch von Schriftstellern und Philosophen auf eine säkulare und unabhängige öffentliche Aufklärungskultur einerseits und um den kulturellen Hegemonieanspruch der Theologen andererseits geprägt. Dies schlägt sich in zahlreichen Debatten des 18. Jahrhunderts nieder: So wurden die Spannungen zwischen Aufklärung und pietistischer Innerlichkeit spätestens mit dem Skandal um die Hallenser Dekanatsrede Christian Wolffs im Jahr 1721 offenbar. Wolff hatte in seiner Rede mit dem Titel Sittenlehre der Sineser die nicht-christliche Kultur Chinas zu einem Musterfall eines vernünftig organisierten und sittlich integren Staates erklärt und daraus die Thesen abgeleitet, dass Moralität und christliche Religion unabhängig voneinander bestehen könnten und dass ethisch richtiges Verhalten allein in der Vernunftfa ¨higkeit der Menschen begründet sei. Die pietistischen Theologen der Halleschen Universität, Joachim Lange und Hermann August Francke, betrieben daraufhin erfolgreich die Entlassung und Verbannung Wolffs von preußischem Territorium. ¥hnlich exemplarisch waren der Streit um Immanuel Kants Widerlegung der Möglichkeit von Gottesbeweisen in der Kritik der reinen Vernunft (1781) oder die Auseinandersetzungen um das Religionsedikt des preußischen Ministers Johann Christoph von Wöllner (1788), in dem ausdru ¨ cklich die Aufklärung für den vermeintlichen allgemeinen Sittenverfall verantwortlich gemacht wurde. All diese Debatten fanden ihren Widerhall in der Literatur ihrer Zeit, die sie gleichermaßen beeinflussten wie sie selbst von ihr beeinflusst wurden.

Als direkte argumentative Stellungnahmen in der Auseinandersetzung zwischen Rationalisten und Pietisten sind z. B. die Komödie Die Pietisterey im Fischbein-Rocke (1736) von Luise Adelgunde Victorie Gottsched und Friedrich Nicolais Berlin-Roman Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker (1773–76) zu verstehen. Beide Werke zeichnen sich als ideengeschichtliche Quellen mit zahlreichen Querverweisen auf zeitgenössische Debatten der Aufklärungszeit aus. Gegen die fanatische Religio ¨ sität der zumeist pietistischen Theologen, die als Doppelmoral enttarnt wird, verteidigen diese Werke die Lebensweise des Stadtbürgertums, die als liberal, tolerant, vernünftig und natürlich dargestellt wird.

Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
1 Epochenbegriff und Epochengrenzen10
1.1 Das pragmatische und das europäische Jahrhundert12
1.2 Phasen der Aufklärung14
1.3 Debatten der Aufklärung16
2 Literarisches Leben und kulturelle Zentren22
2.1 Strukturwandel der literarischen24
2.1 Strukturwandel der literarischen Öffentlichkeit24
2.2 Autor, Markt und Publikum26
2.3 Kulturelle Zentren30
3 Hofkultur und Nationalliteratur38
3.1 Hof und Aufklärung40
3.2 Der Begriff der „Nationalliteratur“42
3.3 Lessings46
3.4 Die Debatte um Friedrichs II.49
4 Aufklärung und Religion54
4.1 Religion und literarisches Leben56
4.2 Religionskritik beim späten Lessing59
4.3 Die jüdische Aufklärung63
5 Wissenschaft und Literatur68
5.1 Literarische Wissensvermittlung70
5.2 Experimentelles Denken: Naturforscher als Autoren75
5.3 Die neuen Humanwissenschaften und die Literatur78
6 Das Jahrhundert der £sthetik82
6.1 Ästhetik zwischen Theorie der Sinnlichkeit und Kunsttheorie84
6.2 Empfindsamkeit als Kulturmodell89
6.3 Literarische Rehabilitierung der Sinnlichkeit93
7 Antike und Moderne98
7.1 Die Verzeitlichung des Denkens100
7.2 Varianten und Funktionen der Antikerezeption102
7.3 Schillers geschichtsphilosophische Ideengedichte108
8 Kulturtransfer und Fremderfahrung114
8.1 Universalgeschichte und Kulturtheorie116
8.2 Reiseliteratur als Forschungsfeld117
8.3 Der Reisebericht als Gattung120
8.4 Das Jahrhundert der Übersetzungen123
9 Pluralisierung des Gattungsspektrums128
9.1 Wandel der Gattungspoetik130
9.2 Fabel und Erzählung132
9.3 Dialog und Essay136
10 Drama der Frühaufklärung und Bürgerliches Trauerspiel142
10.1 Das Drama der Gottsched-Schule144
10.2 Lessings Theorie des Trauerspiels149
10.3 Lessings Bürgerliche Trauerspiele152
11 Geschichts- und Gesellschaftsdrama158
11.1 Innovationen des Dramas im Sturm und Drang160
11.2 Goethes Götz von Berlichingen161
11.3 Die Komödie als Medium der Sozialkritik bei Lenz164
11.4 Schillers frühe Historiendramen167
12 Die Neupositionierung des Romans174
12.1 Romantheorie und Romantypen176
12.2 Zwischen Empfindsamkeit und Empfindsamkeitskritik179
12.3 Empirisierung und Popularisierung183
13 Zeitschriften und Literaturkritik190
13.1 Die periodische Presse192
13.2 Literarisch-kulturelle Zeitschriften196
13.3 Literaturkritik200
14 Wirkungsgeschichte206
14.1 Die Geschichtlichkeit literaturgeschichtlicher Kategorien208
14.2 Aufklärungs- und Zivilisationskritik209
14.3 Rehabilitierungen der Aufklärung213
14.4 Forschungsperspektiven217
15 Serviceteil222
15.1 Allgemeine bibliografische Hilfsmittel222
15.2 Forschungsinstitutionen und Web-Adressen224
15.3 Werkausgaben, Periodika und Institutionen zu einzelnen Autoren225
16 Anhang236
16.1 Zitierte Literatur236
16.2 Abbildungsverzeichnis248
16.3 Personenverzeichnis249
16.4 Glossar253

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