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Gewalt und Rassismus im deutschen und italienischen Fußball

AutorSohrab Dabir
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl60 Seiten
ISBN9783640890378
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Bachelorarbeit aus dem Jahr 2010 im Fachbereich Sport - Sportsoziologie, Note: 1,0, Universität Osnabrück (Sozialwissenschaftliches Institut), Sprache: Deutsch, Abstract: Fußball ist des Deutschen liebstes Kind, so sagt man. Die Bundesliga bricht jedes Jahr aufs Neue Zuschauerrekorde und die Weltmeisterschaft in Südafrika begeisterte erneut das ganze Land. Doch abseits des Spielgeschehens muss sich der Fußball auch mit unschönen Entwicklungen auseinandersetzen. Die vorliegende Bachelorarbeit trägt daher den Titel 'Gewalt und Rassismus im deutschen und italienischen Fußball'. Wie kommt es, dass sich Fußballfans untereinander prügeln? Wieso wird das Stadion von Rechtsextremen oft als Bühne für ihre rassistische Haltung missbraucht? Was für Maßnahmen ergreifen Fans, Vereine sowie Verbände gegen diese Strömungen anzugehen und kann man Gewalt und Rassismus überhaupt komplett aus dem Fußball verbannen? Und welche Rolle spielen dabei die Ultras? Dies sind einige Aspekte, die in den folgenden Kapiteln beleuchtet werden sollen. Die Tatsache, dass es sich bei den ausgewählten Ländern um jene mit einer faschistischen Vergangenheit handelt, ist für die Bearbeitung dieser Arbeit nicht von Bedeutung. Daher wird kein Bezug auf die politische Vergangenheit beider Länder genommen. Der Grund, wieso dieses Thema gewählt wurde, liegt zum einen in meinem generellen Fußballinteresse. Darüber hinaus beschäftige ich mich seit langer Zeit intensiv mit Fanszenen, Rivalitäten zwischen einzelnen Fangruppen sowie dem Gewalt- und Rassismusproblem im Fußball. Daher war es für mich ein großes Anliegen, mich in meiner Abschlussarbeit diesem Thema zu widmen.

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Leseprobe

4. Gewalt im deutschen Fußball


 


4.1 Hooliganismus und Gewalt im heutigen Fußball


 

Wie bereits in den Kapiteln 3.3 und 3.4 erklärt wurde, spielen Hooligans in den deutschen Stadien heutzutage kaum noch eine Rolle. Was sind die Gründe dafür? Marius Birnbach stellt vier Motive fest. Das härtere Eingreifen von Polizei und Justiz habe den „Spaßcharakter des Hooligandaseins“[56] zunichte gemacht. Konsequenzen für Beruf, Schulen oder ihre Familien würden demnach die Hooligans abschrecken. Als zweiten Grund sieht Birnbach die Tatsache, dass „die Rechtsradikalen- und Skinheadszene in Sachen Möglichkeiten der Gewaltausübung dem Hooliganismus den Rang abgelaufen“[57] haben. Zudem seien diejenigen Hooligans, die keinerlei Interesse am Fußball hatten, von der Art des Hooligan-Daseins an Spieltagen nicht befriedigt gewesen, da laut Birnbach der Hooligan-Alltag weniger aus Schlägereien, sondern vielmehr aus „Ritualen, Rennereien und permanenter Anwesenheit der Polizei“[58] bestand. Als vierten Grund sieht er die unüberschaubar gewordene Anzahl der einzelnen Gruppen. Die Neulinge, meist im jungen Alter, erwiesen sich mit der Zeit als Nachteil, da sie die Aufmerksamkeit der Polizei mehr und mehr auf sich lenkten und zudem meist gegen den Ehrenkodex der Hooligans verstießen.[59] Dieser Ehrenkodex beinhaltet unter anderem den Verzicht auf Waffen. Weiterhin darf eine am Boden liegende Person nicht mehr angegriffen werden. Eine weitere Regel lautet, dass ein Angriff auf eine zahlenmäßig weit unterlegene Gruppe verboten ist und dass auf Anzeigen und Kooperation mit der Polizei verzichtet wird. Des Weiteren beinhaltet der Kodex, dass Angriffe auf unbeteiligte Personen verboten sind.

 

Dieser Ehrenkodex wird heutzutage nur noch bei Kämpfen angewandt, die fernab der Stadien verabredet werden. Bei spontanen Auseinandersetzungen wird er meist missachtet.[60] Diese Problemfans, die sich im engeren Kreis der Hooligans aufhalten, jedoch nicht zu ihrem Kern gehören, zeichnen sich laut Lösel et al. durch „besondere Brutalität und Unberechenbarkeit“[61] aus.

 

Doch wie sieht es heutzutage nun mit gewalttätigen Auseinandersetzungen aus? Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze meldete in der Saison 2008/2009 579 verletzte Personen (Vorjahr 501), davon 155 verletzte Polizeibeamte, 208 verletzte Störer sowie 216 Unbeteiligte.[62] Die letzte Ziffer lässt darauf schließen, dass es sich bei den meisten Gewalttätern nicht um den harten Kern der Hooligans, sondern um die jüngeren Problemfans gehandelt haben könnte. Die Tatsache, dass die Anzahl der verletzten Personen auf einen Höchststand innerhalb der letzten zwölf Jahre angestiegen ist, lässt auf eine Zunahme der Gewalt jener Fans schließen. Im Zuge dessen kann auch ein Anstieg der Strafverfahren festgestellt werden. In der Saison 2008/2009 kam es zu 6030 Strafverfahren (Vorjahr 4577).[63] Da aber Strafverfahren, wie bereits beschrieben, nicht nur wegen Gewaltdelikten, sondern auch schon für das Abfeuern von Pyrotechnik eingeleitet werden, kann der Anstieg der eingeleiteten Strafverfahren nicht zwangsläufig mit einem generellen Anstieg der Gewalt im deutschen Fußball in Verbindung gebracht werden. Weiterhin wurde in Kapitel 3.3 bereits festgestellt, dass sich die traditionellen Hooligangruppen mehr und mehr von der Stadionumgebung gelöst und ihre Aktivitäten auf abgelegene Orte, wie z.B. Waldstücke, verlegt haben. Heutzutage begeben sich Hooligans zum Großteil nur noch zu besonderen Spielen ins Stadion, um sich dort zu Schlägereien mit verfeindeten Gruppen treffen, so z.B. bei brisanten Derbys (Leverkusen-Köln, Dortmund-Schalke usw.).

 

Die Verabredungen außerhalb des Stadionumfeldes bedürfen bei den Hooligangruppen zudem einer sorgfältigen Vorbereitung. Meist erfolgt die Kontaktaufnahme zwischen den verschiedenen Gruppen über das Internet oder per Mobiltelefon. Es kann jedoch auch vorkommen, dass sich die Anführer der Hooligangruppierungen treffen, um die Logistik zu besprechen. Dabei ist es wichtig, vor allem am Spieltag selbst der Polizei aus dem Weg zu gehen. Zu diesem Zweck werden verschiedene Anreisewege oder Transportmittel benutzt.[64]

 

Beliebte Ziele der Hooligans sind darüber hinaus auch belebte Orte wie die Innenstadt, da es für die Polizei in dem Getümmel schwieriger ist, die Personen auszumachen. So kam es z.B. am Rande der Zweitligapartie zwischen Fortuna Düsseldorf und dem FC Hansa Rostock zu Ausschreitungen beider Hooligangruppen in der Düsseldorfer Altstadt. Dabei zählte die Polizei 14 verletzte Beamte sowie 159 Festnahmen.[65]

 

Um der enormen Polizeipräsenz in den Bundesligastadien zu entgehen, besuchen Hooligans auch vermehrt Spiele der Ameteurvereine ihrer Klubs, da dort die Polizei weitaus weniger vertreten ist als in der Profiliga. Daher kommt es in letzter Zeit vermehrt zu Auseinandersetzungen bei Amateurderbys wie z.B. Dortmund – Schalke oder Leverkusen – Köln.

 

Die Gewalt im deutschen Fußball ist demnach immer noch vorhanden und sie wird auch nie komplett von der Bildfläche verschwinden. Diese Erkenntnis lieferten auch die Ereignisse in Berlin in der Saison 2009/2010. Unmittelbar nach der 1:2-Niederlage von Hertha BSC Berlin gegen den 1. FC Nürnberg stürmten dutzende Hooligans den Platz des Olympiastadions und machten mit Fahnenstangen bewaffnet Jagd auf die Spieler des Hauptstadtklubs. Die Bilanz: 30 Festnahmen, vier verletzte Polizeibeamte sowie eine nicht endende Diskussion über die Gewalt im deutschen Fußball.[66] Zwar sind solche Szenen in der ersten Spielklasse eine Seltenheit geworden, dennoch stellt die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze in ihrem Jahresbericht 2008/2009 fest, dass ein „Rückgang des gewaltbereiten Potentials in den Anhängerschaften“[67] nicht zu erkennen sei. Ein maßgeblicher Grund dafür könnten die Ultras sein.

 

4.2. Die Rolle der Ultras


 

In Kapitel 3.4. wurde schon beschrieben, dass sich viele Ultras mehr und mehr den gewalttätigen Auseinandersetzungen hingeben und von der Polizei zumindest teilweise innerhalb der Kategorien B und C aufgelistet werden. Auch geraten sie, wie schon erwähnt, durch ihre Affinität zur Pyrotechnik immer öfter in Konflikt mit der Polizei. In Folge dessen erteilen Vereine, auf Anraten der Polizei, Ultras immer häufiger Stadionverbote. In einem Interview schätzt Prof. Gunter A. Pilz etwa „zehn bis zwanzig Prozent“[68] der deutschen Ultras als ‚gewaltbereit’ ein. Weiterhin betont er, dass zwar nur ein kleiner Teil der Ultras zur Gewalt neige, doch würde sich der Rest mit ihnen gegen das gemeinsame Feindbild solidarisieren: die Polizei. Zum Spannungsverhältnis zwischen Polizei und Fans, insbesondere Ultras, wird an einer anderen Stelle dieser Arbeit eingegangen.

 

Die Zentrale Informationsstelle Polizeieinsätze stellt bei den Ultras seit der Saison 2006/2007 einen Anstieg bei Gewaltdelikten fest. Besonders in der Altersgruppe der 18- bis 20-jährigen sei eine Gewaltzunahme um 2,3% festzustellen. Insgesamt entfallen knapp ein Viertel (25,5%) aller Gewaltdelikte im Rahmen des Fußballs auf die oben genannte Altersgruppe. Die ZIS sieht darin ihre Behauptung bestätigt, dass dieser Wert das „aggressive und störorientierte Verhalten der […] Ultraszenen […]“[69] widerspiegle, was sich durch einige Beispiele belegen lässt: In der Saison 2006/2007 kam es auf einer Autobahn-Raststätte in der Nähe von Würzburg zu Auseinandersetzungen zwischen Ultras des 1. FC Nürnberg und des FC Bayern München. Dabei wurde eine unbeteiligte Frau schwer verletzt. Der FC Bayern sprach nach dem Vorfall 73 Stadionverbote gegen die eigene Ultragruppe Schickeria München aus. Zu Beginn derselben Saison kam es beim Spiel FC Schalke 04 gegen Eintracht Frankfurt in der Gelsenkirchener Innenstadt zu Schlägereien zwischen den beiden Fangruppen, woraufhin 40 Fans Stadionverbote erhielten.[70] Darüber hinaus kommt es gelegentlich auch zu Konflikten mit den eigenen Spielern des Vereins.[71]

 

Auch seitens der Ultras selbst lässt sich teilweise eine der Gewalt nicht komplett abgeneigten Haltung erkennen. So schreibt die Gruppe Eastside Bremen: „Gewalt darf von uns bestenfalls als unbedingt notwendige Reaktion erfolgen. Wer uns oder einem von uns auch nur Gewalt androht, muss mit der angebrachten Reaktion leben können. Nicht mehr und nicht weniger.“[72] Sommerey stellt darüber hinaus fest, dass ein Gewaltdiskurs innerhalb der Ultraszene fast nur dann stattfindet, „wenn repressive Kontrollmaßnahmen […] wichtige Freiräume im Stadion beschneiden.“[73] Weiterhin erkennt er eine „Zweiteilung der Ultraszene zwischen neuen und alten Bundesländern“[74], da sich Ultras in ostdeutschen Fußballstadien weitaus gewaltbereiter zeigen als im Westen.

 

4.3 ‚Im Osten nichts Neues’ – Das Gewaltproblem der neuen Bundesländer


 

Bereits zu Zeiten der DDR entwickelte sich in Ostdeutschland eine starke Hooliganszene....

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