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Neue Welt und neuzeitliche Medizin

Guajakholz als Heilmittel und Handelsware

AutorFelicitas Söhner
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl120 Seiten
ISBN9783640237036
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis24,99 EUR
Masterarbeit aus dem Jahr 2008 im Fachbereich Medizin - Alternative Medizin, Note: 1,7, FernUniversität Hagen, 238 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Hauptaugenmerk der Arbeit ist die historische Darstellung der neuzeitlichen Medizin beeinflusst durch die Neue Welt sowie die Einordnung des Guajakholzes in Bezug auf seinen Stellenwert in der Syphilistherapie und als Handelsware. Die Untersuchung beleuchtet das therapeutische Spektrum des 'heiligen Holzes' sowie Voraussetzungen und Hintergründe für den Wandel der europäischen Medizin.

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Leseprobe

2. Arzneipflanzen aus Südamerika 

 

 „Nachdem die Entdeckung Amerikas weitere botanische Schätze erschlossen hatte, setzte nun die explosionsartige Globalisierung und der interkontinentale Austausch von Nutzpflanzen unter kolonialer Kontrolle ein.“[14] Die Pflanzenvielfalt Amerikas beeindruckte schon die Konquistadoren „und noch heute verfallen plant hunters dem Zauber der immer noch nicht völlig erforschten und klassifizierten Flora des Doppelkontinents.“[15] Die ersten Pflanzen Amerikas, die in Europa eintrafen, waren Mais, Tabak, Sonnenblume und die Kartoffel. In der Meinung, den Weg zu den Gewürzinseln gefunden zu haben, zielten die Eroberer darauf, den Gewürzhandel an sich zu ziehen. Da Spezereien nicht nur als Statussymbole und Aphrodisiaka, sondern auch als Heilmittel galten, waren sie neben Händlern und Krämern auch bei Apothekern zu erhalten. „Mit der Doppelbedeutung der exotischen Spezerei als Würz- und Heilmittel ist bereits ein drittes Motiv der europäischen Expansion angeschnitten: die Suche nach Drogen.“[16]

 

Als Christoph Columbus[17] in der Neuen Welt gelandet war, hielt er auch Ausschau nach bisher unbekannten Arzneien. „Auf Cuba will er Mastixharz entdeckt haben – ein traditionell auf der griechischen Insel Chios gewonnenes und in Europa begehrtes Medikament gegen Magenleiden[18].“[19] Die Entdecker des Neuen Kontinents stießen auf zahlreiche Drogen, die bis dahin in der materia medica unbekannt waren. „Wo der Entdecker und Eroberer hinkommt, da folgt bald (…) der Kaufmann, der Missionar, der Arzt und der Drogenhändler.“[20]  beschrieb Paul Diepgen[21] die Tatsache, dass auf der Wunschliste der Auftraggeber der Expeditionen Drogenspezialisten meist gleich nach den Mineralkundigen angeführt wurden. Die Heilkundigen, die die Entdeckungsreisen begleiteten, entwickelten sich zu Fachleuten bislang unbekannter Pflanzen und waren sichtlich beeindruckt vom Artenreichtum der amerikanischen Pflanzenwelt, denn „unquestionably no country in the world has afforded so vast a collection of drugs, herbs, and medical plants as America.“[22]  

 

Viele dieser neuartigen Heilmittel wurden rasch in die materia medica eingeführt, was nicht immer bedeutete, dass diese genauso rasch auf dem Markt akzeptiert wurden. Fest steht, dass Kolonialwaren lange Zeit nicht zu den alltäglichen Gebrauchsgütern gehörten. „Tabak, Rohrzucker, Kakao, Vanille oder Farbstoffe galten auf dem europäischen Markt bis ins 18. Jahrhundert und zum Teil bis ins 19. Jahrhundert als Luxusgüter.“[23] Die Gier nach Gold und Silber blieb jedoch zentrales Motiv der Entdeckungsfahrten, die schließlich in eine aggressive Expansionspolitik führten. „Dann es haben die Spanier von Anfang mit so grossem Begier vvnd Geitz die Ertzgruben an Gold vnnd Silber also gar außgegraben vnnd erschœpffet/ dass man heutigs tags schier kein Kœrnlein mehr darinn findt“[24]

 

2.1 Voraussetzungen und Entdeckungshoffnungen

 

 

Offizin einer Apotheke mit Standgefäßen in den Regalen, in der Mitte des Raumes der Rezepturtisch

Quelle: Wulle 1999

 

Die Entdeckung des unbekannten Kontinents bereicherte die materia medica mit neuen Drogen und nährte die Hoffnung, in der Neuen Welt auf ein universelles Heilmittel zu stoßen. Berichte über die Existenz von Wunderkuren und einer Panazee[25] nährten einen wachsenden Bedarf an amerikanischen Heilpflanzen in Europa[26]. Jedoch überwog im Alten Europa immer noch die Skepsis an deren Wirksamkeit.[27] Die in Südamerika lebenden Kolonisten halfen sich mit der traditionellen Medizin des Landes – in manchen Fällen weil sie von deren Wirksamkeit überzeugt waren, meist auch nur weil es an europäischen Alternativen mangelte. Die Substitution europäischer Arzneien und die gleichzeitige Suche nach effektiven und auch lukrativen Heilmitteln für die Alte Welt begründeten das botanische Interesse der Konquistadoren.

 

Bis in die 90er Jahre des 16. Jahrhunderts hinein wurden jedoch nur einige wenige amerikanische Drogen in Europas wichtigsten Heilpflanzenbüchern beschrieben. Dies liegt sicher zum einen an der Langsamkeit, mit der das neue Wissen gesammelt und weitergegeben wurde, zum anderen auch an der zurückhaltenden Akzeptanz der neuen Heilmittel[28]. Als Beweis für die keimende Akzeptanz einzelner amerikanischer Heilpflanzen lässt sich deren langsam zunehmendes Auftreten in europäischen Büchern ab den 1590er Jahren sehen.  In den medizinischen Werken zwischen 1600 und 1800 wurde dennoch gerade die Hälfte der von Monardes beschriebenen Drogen in den medizinischen Büchern der Alten Welt veröffentlicht. Antreibender Motor für die Suche nach neuen Heilmitteln war der Traum eine „Wunderdroge“ zu finden oder auch herzustellen, die alle Krankheiten heilen konnte, einschließlich der Syphilis. Diese Vision versprach einen Funken Hoffnung für die Opfer der grassierenden Epidemien in Europa. Die zahlreichen Veröffentlichungen über die Syphilis und die experimentierfreudigen Heilmethoden zielten auf einen revolutionären Fortschritt der Medizin, der vierhundert Jahre später eine „Panazee“ hervorbrachte, die die Syphilis heilen konnte. Erst mit der Entdeckung des Penicillins war nach jahrhundertelangem Kampf ein Medikament gegen die venerische Krankheit gefunden.

 

2.2 neues Wissen durch Botaniker und Ärzte

 

Die europäische Schulmedizin der Renaissance war vom Konzept der Humoralpathologie geprägt. In dieser Vier-Säfte-Lehre[29], die schon in der Antike von Hippokrates und Galen begründet wurde,  liegt der therapeutische Ansatz der zeitgenössischen Medizin. „Jetzt wird das Interesse der europäischen Medizin an den außereuropäischen Gewürzen und den Substanzen Guajakholz, Sarsaparillawurzel und Sassafrasholz verständlich. Ihre purgierende und schweißtreibende Wirkung prädestinieren sie als Mittel für Körperentgiftung uns Regulierung des Säftehaushalts.“[30] Aus diesem Grund wurde bereits Anfang des 16. Jahrhunderts das schweißtreibende Guajakholz populär. Es wurde nicht nur als Wunderwaffe gegen die in Europa wütende Seuche Syphilis[31], sondern auch gegen Brust- und Magenleiden, rheumatische Erkrankungen, Wassersucht, Blasensteine und viele Krankheiten mehr gepriesen. Den gleichen Ruf genossen die ebenfalls schweißtreibende Sarsaparillawurzel und das Sassafrasholz, die in der Neuen Welt entdeckt wurden. [32]Als in der Provinz Venezuela Balsam entdeckt wurde, richtete der spanische König 1531 die Anweisung an den dort amtierenden Gouverneur, dieses wie auch andere „drogas“ nach Europa zu schicken[33]

 

2.2.1 Martin de la Cruz

 

Neuspanien – das heutige Mexiko – wurde als Spaniens Vizekönigreich besonders intensiv auf seine Pflanzenwelt untersucht. Im Jahr 1552 schrieb der aztekische Kräuterarzt Martin de la Cruz die Bilderhandschrift Libellus de medicinalibus indorum herbis in Náhuatl-Sprache, welches später von Juan Badiano, einem Indianer aus Sochimilco, ins Lateinische übersetzt wurde. Der Codex Badianus ist heute Bestandteil der medizinischen und wissenschaftlichen Handschriften-Sammlung der Vatikanischen Bibliothek.[34] Im Jahr 1940 hat Emily Walcott Emmart eine Faksimile-Ausgabe mit ausführlich kommentierter Übersetzung ins Englische und Verzeichnissen der aztekischen, der Drogen- und der Krankheitsnamen herausgegeben.

 

2.2.2 Francisco Hernández

 

 

Seite des Libellus de Medicinalibus Indorum Herbis Quelle:http://commons.wikimedia.org

 

Nachdem in Spanien bereits verschiedene Werke über die bei den Azteken gebräuchlichen Heilpflanzen erschienen sind, fasste König Philipp II.[35] folgenden Plan: Er sandte 1570 seinen Leibarzt Francisco Hernández[36], einen der renommiertesten Ärzte Spaniens, nach Mexiko, um dort mit einer systematischen Heilmittelsuche zu beginnen. Dahinter stand nicht nur der Gedanke, für die Spanier in Übersee geeignete Substitutionsmittel zu entdecken, sondern auch lukrativen Handel mit medizinischen Pflanzen aus Neuspanien in Europa zu treiben.

 

Hernández und seine Begleiter sammelten in Mexiko zahlreiche Kräuter, Mineralien und Tiere. Der Forscher beschrieb die Funde und ließ Zeichnungen von ihnen anfertigen. Schon sechs Jahre später hatte Hernández über 3000 Heilpflanzen aus dem aztekischen Arzneischatz erfasst und katalogisiert und präsentierte diese seinem König in einem reich illustrierten Manuskript.[37] Hernández berichtete über die Heilmittel die den Eingeborenen von ihren Vorfahren überliefert worden sind und in derselben Weise an ihre Nachkommen weitergegeben...

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