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Professionalisierung durch Supervision

Perspektiven im Wandlungsprozess sozialer Organisationen

AutorGertrud Siller
VerlagVS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl294 Seiten
ISBN9783531910697
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis49,99 EUR
Vorgestellt wird eine neue Perspektive kontextbezogener empirischer Supervisionsforschung, die sich als Teil sozialwissenschaftlicher Beratungsforschung versteht und der rekonstruktiven Sozialforschung zuzuordnen ist. Die Studie zeigt auf der Basis von Fallrekonstruktionen, wie Reorganisationsprozesse im Non-Profit-Bereich in der arbeitsweltbezogenen Reflexionsform Supervision als individuelle berufliche Orientierungs- und Entwicklungsnotwendigkeiten zum Ausdruck kommen. Als neue Eckpfeiler der Anforderungen an professionelles Handeln erweisen sich eine größere strukturelle Selbststeuerung der Arbeit auf der einen Seite und eine Orientierung an standardisierten Qualitätskriterien auf der anderen. Professionstheoretisch wird deshalb die Spezifik professionellen Handelns im Sozial- und Gesundheitswesen neu diskutiert. Vor dem Hintergrund dieser empirischen und theoretischen Analysen werden Entwicklungslinien aufgezeigt, mit denen das supervisorische Setting der Mehrperspektivität zu flexibilisieren und gleichzeitig zu stärken ist. Dies kann nur gelingen, so die These, wenn die Debatte zur Professionalisierung von und durch Supervision um eine sozialpolitische Dimension erweitert wird.

Dr. Gertrud Siller ist Privatdozentin an der Universität Göttingen und freiberufliche Supervisorin (DGSv).

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Leseprobe
7. Handlungstypen zwischen flexibler Anpassung, traditioneller Professionalität und reflexiver Integration (S. 229-230)

Mit der Einführung formalisierter Steuerungs- und Dokumentationssysteme professioneller Sozialer Arbeit in der Organisation für Menschen mit Behinderungen entsteht für Führungskräfte der unteren und mittleren Ebene eine komplexere, ökonomisch- fachliche Verantwortung für die zielgerichtete Planung, Dokumentation, Sicherung und Kontrolle der Effektivität und Effizienz ihrer Arbeit, die sich von ihrer bisherigen, allein professionell legitimierten Verantwortung für die fachliche Qualität der Interaktion mit den Klienten und damit zusammenhängender Arbeitsabläufe unterscheidet.

Mit dieser neuen, komplexeren Form der Verantwortung wird den Fach- und Führungskräften ein Teil der bisher der Organisation zugeschriebenen Leistungen übertragen. Durchgängig ist vor diesem Hintergrund in den beiden im Vorangegangenen ausführlich dargestellten Fallrekonstruktionen die Erfahrung grundlegender Neugestaltungsnotwendigkeiten der professionellen Rolle, die es zu entwickeln gilt. Dies führt zu Verunsicherungen, die sehr unterschiedlich erlebt werden. Die in den Einzelfällen deutlich gewordenen Wahrnehmungs- und Bewältigungsformen werden im Folgenden in typisierender Form dargestellt.

Das heißt, im Mittelpunkt stehen nicht mehr, wie in den vorangegangenen Fallrekonstruktionen, einzelne Menschen mit ihren Wirklichkeitskonstruktionen, sondern ihre verdichteten Handlungs- und Orientierungsmuster. Erlebt wird insgesamt ein hoher Anpassungsdruck an die neuen Organisationsstrukturen, dem zum Teil unreflektiert nachgegeben, zum Teil mit Vorsicht und Misstrauen, aber auch konstruktiv-kritisch begegnet wird. Eine Typologisierung der vorgefundenen Handlungsorientierungen führt zunächst zu zwei gegenläufigen Mustern, deren vielfältige Dimensionen in den beiden Fallrekonstruktionen bereits zum Ausdruck gekommen sind: Der Typus des „flexibel Angepassten" Der Typus des „flexibel Angepassten" hat einen hohen Bedarf an existenzieller Absicherung und Anerkennung durch die obere Leitungsebene der Organisation. Vor diesem Hintergrund werden ihm seine Anpassungsbereitschaft und -fähigkeit an veränderte Anforderungen von Seiten der Organisation zum Prinzip und zum Kriterium für Erfolg.

Die flexible Anpassung und Mitgestaltung struktureller Veränderungen ist stark außengeleitet, eine individuelle professionelle Orientierung und Gestaltung wird deckungsgleich ausgerichtet an den jeweiligen Leitlinien der Organisation. Dabei bleibt jedoch gleichzeitig die Vorstellung gemeinschaftlich geteilter Grundwerte als Leitbild professioneller Handlungsorientierungen erhalten. Auf einer prinzipiellen Ebene steht die Organisation qua Funktion für die Verwirklichung von Gemeinschaft mit Menschen mit Behinderungen. Gemeinschaft und Organisation werden darüber eins. Leitbild bleibt eine Organisationskultur, die alle – Klienten und MitarbeiterInnen – gemeinschaftlich trägt bzw. versorgt, wobei die Diskrepanz zwischen einem solchen Bild und einer funktional ausgerichteten Dienstleistungsorganisation nicht reflektiert wird.

Die Anpassung an neue Organisationsleitlinien und die berufsbiographisch entwickelten gemeinschaftsorientierten Leitbilder bestehen unverbunden nebeneinander. Letztere werden zwar vom Anpassungsdruck an organisatorische Veränderungen überdeckt, aber nicht den neuen Bedingungen entsprechend aktiv weiterentwickelt. So stellen die Veränderungen für diesen Typus einen Prozess dar, dem er sich anpasst und den er mitgeht, aber den er nicht steuern und wenig gestalten kann. Mit diesem Orientierungsmuster wird es möglich, sich mit den Entwicklungen in der Organisation zu arrangieren, mit ihm ist aber auch ein vorauseilender Anpassungsprozess verbunden, in dem es keinen eigenen Raum gibt, weder für Differenzierungen oder Kritik noch für eigene Positionierungen. Eine vermittelnde Form der Kommunikation entsteht nicht.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis5
1. Einleitung7
2. Was ist Supervision und wem dient sie wozu?13
2.1 Modelle „integrativer Supervision“ – Ein Versuch, die Komplexität von Supervision mit einer Metatheorie zu systematisieren22
2.2 Supervision zwischen Organisation und Profession – aktuelle Diskussionsschwerpunkte34
2.3 Schlussfolgerungen für eine gegenstandsbezogene Supervisionsforschung als Professionalisierungsinstrument47
3. Supervision als Gegenstand empirischer Forschung55
3.1 Evaluationsstudien zur Wirksamkeit und zum Nutzen von Supervision56
3.2 Forschungsarbeiten zum Supervisionsprozess66
3.3 Offene Fragen und forschungsrelevante Schlussfolgerungen80
4. Strukturveränderungen in Non-Profit- Organisationen und ihre Auswirkungen auf Bedingungen professionellen Handelns83
4.1 Die radikalisierte Moderne83
4.2 Dienstleistungsorientierung und Professionalisierungsbestrebungen – zwei Seiten einer Medaille?87
4.3 Neue Anforderungen an Supervision98
5. Anlage der Untersuchung und methodisches Vorgehen103
5.1 Methodologische Überlegungen104
5.2 Fallrekonstruktion und Typenbildung107
5.3 Begründungen des Samples und des Interviewsettings114
6. Organisationswandel und Supervision aus der Sicht von Nachfragenden – Ergebnisse der Einzelfallanalysen117
6.1 Frau Wage: „Also, ich glaube, das muss man immer weiter neu sortieren und sich immer neu einstellen“ – Die Dynamik wird zum Prinzip und die Supervision zur emotionalen Heimat117
6.2 Herr Weise: „Jetzt setzen wir uns alle mit Qualität auseinander, ohne sie wirklich zu produzieren“ – Supervision als exklusiver „ eigener“ Raum und Gegenpol einer formalisierten Qualitätssteuerung166
7. Handlungstypen zwischen flexibler Anpassung, traditioneller Professionalität und reflexiver Integration228
Der Typus des „flexibel Angepassten“229
Der Typus des „traditionellen Professionalisten“230
Der Typus der „reflexiv Integrierenden“ – Versuche, organisatorische Umstrukturierungsprozesse reflexiv zu gestalten und in die professionelle Arbeit zu integrieren234
7.1 Supervision als individuelles Orientierungsinstrument zur Überbrückung kommunikativer Leerstellen in der Organisation242
8. Herausforderungen für professionelles Handeln im Wandlungsprozess sozialer Organisationen247
Exkurs: Klassische professionstheoretische Eckpfeiler und ihre Grenzen249
8.1 Professionelles Handeln zwischen Eigenlogik, Effektivität und Effizienz256
9. Theoretische und konzeptionelle Entwicklungslinien professioneller Supervision – ein Ausblick275
Literatur285

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