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Serienmörder im Visier. Gewaltverbrecher und ihre Hintergründe

AutorChristof Niemann, Marcus Gießmann, Sten Cudrig
VerlagScience Factory
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl238 Seiten
ISBN9783656505563
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis34,99 EUR
Von Jack the Ripper bis Ted Bundy: Die Verbrechen von Serienmördern stoßen ab und faszinieren gleichermaßen. Abnorme Gewaltexzesse führen zur immer wiederkehrenden Frage: Wie sind solche Taten möglich? Dieses Buch ist ein Versuch, Erklärungsansätze zu liefern. Es behandelt die Typologie, psychologische Verfassung und Sozialisation der Täterpersönlichkeit sowie das Phänomen des Serienmordes in der modernen Gesellschaft. Aus dem Inhalt: Erklärungsansätze der Entwicklung zum Serienmörder; Soziologische Erklärungsmodelle für Verbrechen; Kategorisierung von Serienmördern; Rechtliche Qualifizierung von Serienmord; Serienmord und Gesellschaft; Täterprofilforschung: Zur Generierung von Täterprofilen

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Leseprobe

Ausgewählte Verfahren des Profilings


Die Tathergangsanalyse (Crime Scene Analysis)


Die „Crime Scene Analysis“, oder „Tathergangsanalyse“ wie sie in Deutschland genannt wird, die in den 1970er und 1980er Jahren von der BSU entwickelt wurde, bildet das Kernstück psychologisch-kriminalistischer Untersuchungen von Tötungdelikten und sexuell motivierten Gewaltverbrechen und ist damit zugleich als Vorraussetzung für eine Täterprofilerstellung zu be-greifen. (Hoffmann und Musolff 2000: 158) „Ziel ist dabei vor allem, das Verhalten des Täters herauszuarbeiten. Von besonderem Interesse sind Handlungsweisen, die über das unmittelbar für die Tatdurchführung notwendige Verhalten hinausgehen, da diese als potentiell aussagekräftig für die Persönlichkeit des Täters betrachtet werden. Weiteres Augenmerk gilt denjenigen Punkten, an denen der unbekannte Täter eine Entscheidung zwischen verschiedenen Handlungsalternativen trifft, da sich auch hier seine Individualität offenbart.“ (ebd.)

Das folgende Schema zeigt den Ablauf einer Tathergangsanalyse. Im weiteren Verlauf soll nun auf die einzelnen Punkte näher eingegangen werden.

Abbildung 2: Ablauf einer Tathergangsanalyse (Crime Scene Analysis)

(Quelle: Hoffmann und Musolff 2000: Fallanalyse und Täterprofil; S.162)

Ein bestimmtes Mindestmaß an Informationen ist unerlässlich um eine seriöse Rekonstruktion des Verbrechens zu ermöglichen. So ist es zunächst notwendig alle tatrelevanten Örtlichkeiten und deren Umgebung umfangreich zu dokumentieren, um in einem späteren Schritt auch die Entscheidungen des Täters nachvollziehen zu können. Immanent wichtig sind Informationen zum Opfer selbst. Beispielsweise forensische Daten, wie der Obduktionsbefund und Laborbe-richte, aber auch detaillierte Angaben zur Biographie des Opfers. Ferner sind visuelle Dokumente äußerst wichtig. So werden stets Fotographien vom Tatort gemacht, aber auch Luftaufnahmen sowie ausführliches Kartenmaterial bleiben nicht unberücksichtigt. (Hoffmann 2001: 119)

Im Entscheidungsprozess werden die Profiling-Eingabedaten zu sinnvollen Mustern strukturiert. So wird zunächst in der Mordklassifikation die Tat dahingehend eingeordnet, ob es sich um einen Einfach-, Doppel-, Dreifach- oder Serienmord oder gar um einen Amoklauf handelt. Bei der Beurteilung des primären Motivs unterscheidet das FBI zwischen Beziehungs-, Bereicherungs- und Sexualdelikten sowie zwischen gruppendynamischen Taten. Die Einschätzung des Opfer- und Täterrisikos schließlich bildet eines der zentralsten Konzepte überhaupt. Hier spielen Faktoren wie Alter, Beruf oder die Lebenssituation des Opfers, aber auch Kontexteinflüsse wie die Tageszeit des Verbrechens oder die Belebtheit des Tatortes mit hinein. Opfer- und Täterrisiko stehen zumeist im komplementären Verhältnis zueinander. (ebd.: 119f.) „Der Beruf einer auf der Straße arbeitenden Prostituierten stellt einen hohen Risikofaktor für das Opfer dar. Für den Täter dagegen macht diese Tatsache die Gefahr, die er beim Erstkontakt eingehen muss, kalkulierbarer. Er weiß, wo er sein Opfer findet und kann es, ohne auffällig zu werden, in seine Kontrolle bringen, …“ (ebd.: 120) Ferner bildet in der Kategorie „Zeitfaktoren“ die Dauer ein wesentliches Kriterium. Also wie lange sich der Täter am Tatort aufhält, etwa indem er sein Opfer missbraucht, es ermordet, den toten Körper manipuliert oder die Leiche verbirgt. „Hier können etwa Kriterien wie die subjektive Tatortberechtigung bedeutsam sein, also das Gefühl des Täters sich am Tatort sicher zu fühlen, was evtl. auf eine räumliche Nähe zu seinem alltäglichen Umfeld hinweist.“ (ebd.: 121) Schließlich beschreiben Ortsfaktoren die Anzahl, die Lage und Charakteristika der in einem Verbrechen auftretenden Tatorte, wie dem des Überfalls, der Tötung oder der Ablage der Leiche. (ebd.)

Die Verbrechensanalyse hat die genaue Rekonstruktion der Tat zum Inhalt. Hier werden die einzelnen Handlungselemente von Opfer und Täter beschrieben und einer Bewertung unterworfen. Dabei bildet die Tatrekonstruktion das Rückgrat der Tathergangsanalyse und ist zugleich die Voraussetzung für das Erstellen eines Täterprofils. (ebd.) „Die Einstufung unterschiedlicher Sequenzen und Handlungsbereiche des Tatverlaufs in geplante und nicht geplante Anteile vermag viel von der Tiefenstruktur des Geschehens offen zu legen und damit auch einiges über die Täterpersönlichkeit auszusagen, etwa hinsichtlich der Impulsivität, der Affekte, der Vorbereitung usw.“ (ebd.) Beim Konzept der Inszenierung wird untersucht, ob bei dem jeweiligen Verbrechen bewusst Spuren manipuliert wurden, um eine andere Motivation der Tat als die eigentlich handlungsrelevante vorzutäuschen. Die Beurteilung des individuellen Motivs gilt als nicht einfach, da oft tiefliegende psychische Strukturen des Täters eine große Rolle spielen. „Allerdings wird davor gewarnt prinzipiell allein von einem Motiv auszugehen. Beispielsweise können bei einem Raubmord auch sexuelle Bedürfnisse wirksam sein, ein Sexualmord mag motivational aufgeteilt sein in ein Streben nach Dominanz bei der Vergewaltigungshandlung und in eine Vermeidung von Entdeckung bei der Tötungshandlung.“ (ebd.) Die Interpretation der spezifischen Dynamik eines Verbrechens schließlich, erfordert das Zusammenspiel der einzelnen Tatelemente im Gesamtkontext zu betrachten. (ebd.)

Die Täterprofilerstellung fußt letztlich als empirische Basis auf der vorangegangenen Interpretation des Täterverhaltens und der Rekonstruktion der Tat. Ausmaß und Qualität der dort erarbeiteten Informationen bestimmen und begrenzen also über welche konkreten Aspekte der Täterpersönlichkeit im Profil Aussagen gemacht werden können. Allgemein können in einem qualitativ gut ausgearbeiteten Profil Aussagen getroffen werden über „Alter, Geschlecht und physische Eigenschaften des Täters, Persönlichkeitscharakteristika wie Intelligenz, Emotionalität oder soziale Fertigkeiten, Familienstand, Beruf und Ausbildung, Gewohnheiten, Mobilität, Wohnort und Lebenssituation sowie das Verhalten vor und nach der Tat, wobei bei dem letzten Punkt Faktoren wie übermäßiger Alkoholkonsum oder das mehrtägige Fortbleiben vom Arbeitsplatz besonders hilfreich für die Bewertung potenziell verdächtiger Personen sein können.“ (ebd.: 122)

Nach Abschluss der Täteranalyse, in Form eines Täterprofils, werden die Ergebnisse in einer Feedback-Schleife nochmals mit dem Entscheidungsprozess und der Spurenlage abgeglichen und gegebenenfalls überarbeitet. Entgegen einer verbreiteten Ansicht, stellt somit ein Täterpro- fil keineswegs ein statisches Gebilde dar, sondern ist Teil eines analytischen Prozesses, der bis zur Aufklärung oder Einstellung des Falles andauern kann. (ebd.)

Für die polizeiliche Ermittlungsarbeit wird letztlich ein schriftlicher Bericht der Tathergangsanalyse und des Profils verfasst und der Polizeibehörde zugestellt. Dabei sind die ermittelnden Beamten angehalten eigenverantwortlich mit der Analyse zu verfahren und diese nach eigenen Vorstellungen für die Überführung des unbekannten Täters zu nutzen. Sollten sich neue Ergebnisse bezüglich des Falles zeigen, sollten diese idealerweise in einer erneuten Rückkoppelungs- schleife das Schema nochmals durchlaufen und die getroffenen Aussagen gegebenenfalls validiert oder modifiziert werden. (ebd.: 122f.)

Wird der Täter schließlich überführt, sollten Tathergangsanalyse und Profil mit dem tatsächlichem Geschehen und der Person des Täters exakt abgeglichen werden. „Im Sinne einer unmittelbaren Qualitätskontrolle erlaubt dies, die konkrete Analyse und ihre Umsetzung bei der Ermittlungsarbeit auf Schwächen und Stärken hin zu überprüfen, in einer generelleren Sichtweise könnte ein vielfacher Vergleich von aufgeklärten Taten mit den Analyseverfahren helfen, die Methodik des Profilings kontinuierlich weiterzuentwickeln.“ (ebd.: 123) Denn die Ergebnisse der Tathergangsanalyse sind keinesfalls als unverrückbare Wahrheiten zu begreifen, vielmehr befinden sich in einem steten Fließprozess der Wahrheitsfindung und müssen den aktuellen Ermittlungsergebnissen angepasst werden.

Soviel zur Tathergangsanalyse, im nächsten Kapitel soll nun der englische Strang des Profilings und hier insbesondere die Arbeiten eines Psychologen Erwähnung finden, der sich um die Weiterentwicklung fallanalytischer Methoden sehr verdienst gemacht hat. Die Rede ist von David Canter. Dabei soll zunächst auf einen historischen Fall eingegangen werden, der in unmittelbarer Nähe zu Canters anfänglichen Arbeiten stand.

Täterprofilforschung der Canter-Gruppe


Londons Bevölkerung wurde 1986 von einem Serienvergewaltiger in Angst und Schrecken versetzt. Der Unbekannte war bis dato für 24 Vergewaltigungen verantwortlich, wobei alle Taten in Nähe von Bahnhöfen stattfanden, was ihm in der englischen Presse den Beinamen „Railway Rapist“ einbrachte. (Hoffmann und Musolff 2000: 107) Die Polizei war ratlos und als noch die Leichen zweier junger Frauen entdeckt wurden und sich nach der forensischen Analyse heraus- stellte, dass der Railway Rapist zum Mörder geworden war, wuchs der öffentliche Druck auf die Londoner Polizei. Daraufhin wurde der Psychologieprofessor David Canter der „University of Surrey“ gebeten, eine Beschreibung des unbekannten Täters für die Polizeilichenbehörden zu erstellen, da Canter als Experte auf dem Gebiet der Verhaltensanalyse galt. (ebd.) Aufgrund des von Canter erstellten Profils wurde schließlich im November 1986 der 29-jährige John Duffy überführt und zu lebenslanger Haft verurteilt. (ebd.: 107f.)

Der Fall des „Railway...

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