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E-Book

Sieben Päpste

Wie ich sie erlebt habe

AutorHans Küng
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl384 Seiten
ISBN9783492971416
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Sein Leben lang hat Hans Küng der katholischen Kirche gedient (allerdings nicht immer zur Freude der Kirchenoberhäupter): als weltweit geachteter Theologe, als Priester und viel gelesener Autor. In dieser ganzen Zeit begegneten ihm eine Reihe von Päpsten. Nun blickt er zurück und schreibt über 'seine' sieben Päpste, die er selbst erlebt und begleitet hat: Der heftig umstrittene Pius XII. und der große Kirchenreformer Johannes XIII., der 'Pillenfeind' Paul VI. und Johannes Paul I. (der schon nach 33 Tagen im Amt verstarb), der 'Wunderpapst' Johannes Paul II., vor allem aber Benedikt XVI., der schon als Kardinal zu Küngs ärgsten Widersachern zählte, und der amtierende Papst Franziskus, der für die große Hoffnung auf eine Erneuerung der katholischen Kirche steht. Sieben ganz unterschiedliche Papstpersönlichkeiten, von Hans Küng meisterhaft porträtiert und in ihrer Leistung kritisch gewürdigt.

Hans Küng, geboren 1928 in Sursee/Schweiz, ist Professor Emeritus für Ökumenische Theologie an der Universität Tübingen und Ehrenpräsident der Stiftung Weltethos. Er gilt als einer der universalen Denker unserer Zeit. Sein Werk liegt im Piper Verlag vor. Zuletzt erschienen von ihm 'Was ich glaube' - sein persönlichstes Buch -, 'Erlebte Menschlichkeit', der dritte Band seiner Memoiren, sowie 'Sieben Päpste'.

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Leseprobe

I. Pius XII. – Eugenio Pacelli

»Unser« Papst: Pius XII.

Dunkle Schatten lägen über der Welt, erklärt uns im Päpstlichen Collegium Germanicum-Hungaricum zu Rom in seiner Tischrede am Tag der üblichen Priesterweihe 1948 der neue Apostolische Visitator für Deutschland, Alois Muench, Bischof von Fargo/USA. Aber niemals habe der Fels Petri so unerschüttert gestanden wie gerade heute. Was dies beweise? Es beweise die große Anhänglichkeit und Anerkennung, die dem Heiligen Vater von allen Seiten entgegengebracht werde. Mit Ergriffenheit hören wir Alumni sein Glückwunschtelegramm für unsere Neupriester, unterzeichnet von Giovanni Battista Montini, Substitut, dem wichtigsten Mann des Staatssekretariats.

Für unsere geistige Formung im Germanikum ist die Ergebenheit gegenüber dem Papst von kapitaler Bedeutung. Ich bin mit meinen 20 Jahren erst wenige Tage in Rom, da fahren wir »Erstjährigen« zusammen mit den Neupriestern und ihren Angehörigen in die päpstliche Sommerresidenz Castel Gandolfo, um dort von Pius XII. persönlich empfangen zu werden. Es ist der 13. Oktober 1948#. Ein großes Erlebnis, keine Frage. Selbst Protestanten und Sozialdemokraten damals sind von diesem Papst begeistert. Eine hohe, schlanke Gestalt, ein vergeistigtes Gesicht, sprechende Hände. Mit seiner perfekten Gestik, seinen Sprachkenntnissen, seiner Rhetorik, seiner klassischen Bildung erscheint Pius XII. allgemein als Idealbild eines Papstes schlechthin.

Für uns Deutschsprachige ist er überdies »der Papst der Deutschen«: ausgesprochen germanophil vor, während und nach der Nazizeit. Seit seiner Zeit als Nuntius in Deutschland ist er von einer fast gleichaltrigen, fähigen deutschen Ordensfrau, seiner höchst einflussreichen Vertrauten »Madre« Pasqualina Lehnert, betreut und von deutschen Mit- oder Zuarbeitern umgeben, zumeist Jesuiten, die unsere Professoren an der Päpstlichen Universität Gregoriana sind.

Noch wird in dieser Zeit keine öffentliche Kritik an Pacellis hochdiplomatischer »Judenpolitik« laut, noch ist seine diktatorische »Innenpolitik« nicht ruchbar geworden. Er erscheint als der »Pastor angelicus« – so lautet der Sinnspruch in der »Prophezeiung« des irischen Bischofs Malachias für ihn, den 106. Papst. Bis zum Weltende sollen es insgesamt 111 Päpste sein; bald werden wir in der Basilika von San Paolo fuori le mura die 111 Medaillons mit den Papstportraits (damals noch fünf leere) samt ihren Sinnsprüchen bestaunen. Inzwischen wissen wir freilich: diese »Prophezeiung« ist eine Fälschung aus dem Jahr 1590#. Viele glauben trotzdem an sie.

Wichtig für uns auch: Eugenio Pacelli ist unverkennbar ein Sympathisant unseres Kollegs. Als Nuntius in München und Berlin hatte er die Konkordate des Vatikans mit Bayern und Preußen abschließen können. Kaum war er von Pius XI. zum Kardinalstaatssekretär ernannt, hatte er schon einen offiziellen Besuch im Collegium Germanicum gemacht. Das war am 12. Januar 1933 gewesen. Nicht bekannt ist im Kolleg, dass derselbe Pacelli in diesen Tagen seinen Vertrauten und Vorsitzenden der katholischen Zentrumspartei, Prälat Ludwig Kaas, einen Altgermaniker, zu einer Koalition mit Hitler gedrängt hatte. Am 30. Januar 1933 war Hitler zum Reichskanzler ernannt worden, und bereits am 20. Juli desselben Jahres hatte er mit Pacelli das »Reichskonkordat« abgeschlossen. Ein unschätzbarer Prestigegewinn für den deutschen Diktator.

Aufschlussreich, was Pacelli damals als Kardinalstaatssekretär im Germanikum erklärt hatte. Die Erfahrungen seiner Mission jenseits der Alpen hätten ihm »die providentielle Bedeutung« des Kollegs in überzeugender und greifbarer Form vor Augen geführt«. Drei Vorzüge habe das römische Studium. Erstens: »Rom macht weltweit! Ohne den Sinn für die Heimat verkümmern zu lassen, gibt die Ewige Stadt Verständnis für den Mitmenschen anderer Länder und Zonen, Ehrfurcht vor seiner Art, Verbundenheit mit ihm durch das wunderbare Einheitsband derselben Liebe zu Christus und damit auch jene brüderliche Gesinnung, aus der die wahre Völkerversöhnung und der ersehnte Friede ersprießen.« Zweitens: »Rom gibt Liebe zur Kirche und zum Stellvertreter Christi! Nicht als ob diese Liebe dem anderen Klerus der Heimat fehlte. Aber die eigene Erfahrung unterbaut die Festigkeit der Liebe noch stärker und verleiht ihr den köstlichen Beigeschmack der persönlichen Vertrautheit.« Und drittens: »Rom und die Erziehung in diesem Hause schaffen einen hochwertigen Nährboden für späteres priesterliches Wirken!« »Ich glaube«, fährt Pacelli fort, »wir können den Geist Ihres Heims am besten mit zwei Worten bezeichnen: Selbstzucht und Übernatürlichkeit«, und schließt mit dem Satz: »Wenn Priestertum Gnade ist, dann ist der Weg zum Priestertum am Grabe des Felsenmannes unter der segnenden Hand des Papstes doppelte Gnade und doppelte Verantwortung.« Die ganze katholische Rom-Ideologie? Das war sie in nuce. Und die Germaniker applaudierten begeistert.

Freilich: Als am 2. März 1939 auf der Piazza San Pietro weißer Rauch aus der Sixtina aufsteigt, erzählt mir einmal der spätere Augsburger Bischof Stimpfle, rechnen die Germaniker keinesfalls damit, dass derselbe Pacelli zum Papst gewählt werden könnte. Schon immer galten die Kardinalstaatssekretäre als politisch zu exponiert und deshalb als für das Papstamt ungeeignet. Aber als das »Habemus Papam« auf den Namen »Eugenium Pacelli« geht, jubeln die Germaniker noch mehr als alle anderen. Sie wissen schon 1939, was wir Germaniker 1948 erst recht wissen: Dieser Papst ist aufgrund von Werdegang, Ausrichtung und Sympathie in ganz besonderer Weise »unser« Papst. Selbstzucht und Übernatürlichkeit! Pacellis Schlüsselworte werden uns noch beschäftigen.

Und in der Tat werden denn auch nie so viele Germaniker zu Bischöfen ernannt wie unter Pius XII.: von Luxemburg bis Brixen, von Speyer, Freiburg, Eichstätt und München bis Limburg und Würzburg … Der neue Bischof von Würzburg, Julius Döpfner (26. 8. 1913 – 24. 7. 1976), mit dem ich später als dem Kardinal von München und Präsidenten der Deutschen Bischofskonferenz zu tun bekomme, besucht uns als Deutschlands jüngster Bischof in unserem ersten Kollegsjahr 1948#. Einmalig in der Kollegsgeschichte: Er findet hier noch fünf Alumnen vor, die mit ihm den roten Talar der Germaniker getragen haben und 1939 auf dem Petersplatz dabei waren. Aber während Döpfner vom Kaplan zum Vizeregens des Priesterseminars und schließlich zum Bischof avancierte, mussten die anderen, weil in Deutschland zum Militärdienst eingezogen, zuerst hier ihre Studien abschließen, darunter der genannte Josef Stimpfle.

13. Oktober 1948: In Castel Gandolfo sehe ich Pius XII. zum ersten Mal »leibhaftig«, wie er unseren Neupriestern viel Erfolg in ihrem Apostolat und uns »Neorubri« (neu im roten Talar) Mut und Ausdauer im Studium wünscht. Ist es nicht erhebend, den Summus Pontifex so ganz nah zu erleben und seine Sympathie zu erfahren? Mit dem Apostolischen Segen versehen, fahren wir in froher Stimmung nach Rom zurück, wo nun nach all den Feiern der Ernst des Lebens beginnt. Schon zwei Tage darauf, am 15. Oktober, gehen wir zum ersten Mal an unsere Universität, die Pontificia Universitas Gregoriana, wo vom Rektor in feierlicher Inauguration das neue Schuljahr eröffnet wird. Die Gregoriana wird im Jahr 2001 ihren 450. Geburtstag feiern und 21 Heilige, 10 Päpste und mehr als ein Drittel der gegenwärtigen Kardinäle unter ihren früheren Studenten zählen.

Dem Papst ganz nahe

1950 ist in Rom ein besonderes, ein »heiliges« Jahr! Zum ersten Mal können zahllose deutsche Pilger nach Rom kommen. Großer Bedarf an Pilgerführern – warum nicht auch Germaniker? Dies ist das Argument von Don Carlo Bayer, Altgermaniker, Leiter des deutschen Pilgerkomitees in Rom. Der Rektor stimmt zu. Und bald sind wir, weil in unseren wehenden roten Soutanen überall leicht sichtbar, unter Pilgern und Pilgerinnen besonders beliebt. Wir sind ja auch keine gewöhnlichen Touristenführer, sondern junge Theologen, die den Menschen neben äußeren Daten und Fakten den inneren Geist der traditionellen Stätten des Christentums zu vermitteln trachten. Außer der willkommenen Tagesvergütung erhalten wir von unserer Pilgergruppe am Ende jeweils eine respektable Summe Trinkgeld. Ich deponiere das Geld vorschriftsgemäß beim P. Minister, um so etwas Kapital anzusammeln für die Rückreise in den Heimaturlaub nach drei Jahren, wofür ich schon früh einen größeren Umweg über Wien plane.

Der Höhepunkt der Romfahrt ist für die meisten Pilger die Papstaudienz, jetzt wegen der großen Scharen meist in der Peterskirche. Meine Gruppen zeigen sich dort jeweils nicht wenig erstaunt, wenn sie ihren Pilgerführer plötzlich vorn neben dem Papstthron vor der grandiosen Confessio Berninis stehen sehen. Ich weiß nicht mehr, wer mich da zuerst durch die hinteren Eingänge in die Basilika geführt hat, damit ich als Sprecher der Deutschsprachigen das »Vater unser« vorbete und »Großer Gott, wir loben Dich« anstimme. Jedenfalls sehe ich so, direkt unter der Kuppel Michelangelos, wie...

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