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E-Book

Verstehen heißt nicht, einverstanden sein

Wie Sie respektiert werden, Freunde gewinnen und Stress meistern

AutorBoris Grundl
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl250 Seiten
ISBN9783843716536
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Wer versteht, gewinnt!   Verstehen ist der Erfolgsfaktor der Zukunft. Wer tief versteht, sieht klarer, erkennt, worum es im Kern geht, und trifft die besten Entscheidungen. Und wer tiefer verstehen will, muss überhaupt nicht einverstanden sein. Egal, ob es dabei um Wirtschaft, Politik, Gesellschaft oder Familie geht. Boris Grundl zeigt, wie wir uns von oberflächlichem Schwarz-weiß-Denken verabschieden und unseren Charakter formen. Wir lernen, wie wir klug hinhören, differenziert bewerten, Perspektiven wechseln und unsere Sicht erweitern. Wer verstanden hat, handelt aus Überzeugung. So bekommen wir Haltung, werden innerlich frei - und gewinnen.

Boris Grundl, geboren 1965, ist Managementberater, Unternehmer, Führungsexperte, Coach und Redner. Mit seinem Leadership-Institut berät er Firmen wie Daimler, SAP oder die Deutsche Bank. Er ist Gastdozent an mehreren Universitäten, hat regelmäßig Kolumnen in der Frankfurter Rundschau, in Wirtschaft + Weiterbildung sowie dem F&E Manager, er erforscht das Thema Verantwortung und setzt sich ehrenamtlich für Schüler ein.

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Leseprobe

1
VERSTEHEN ÜBERFLÜSSIG

Wer verstehen will, muss hinhören, aufnehmen. Und wer nicht hören will, muss fühlen. So war es mir ergangen. Ich hatte nicht auf meine innere Stimme gehört und hatte die Konsequenzen zu tragen.

Immer wieder ging mir im Drehbett die Situation auf der Klippe durch den Kopf.

Während meines Aufstiegs zu meinem letzten Sprung von ganz oben hatte ich gehört, wie der Wasserfall an mir vorbei in die Tiefe stürzte. Er war immer lauter geworden, und irgendwie war der Weg nach oben diesmal anders. Die Steine hatten noch glitschiger als vorher gewirkt, und das Klettern schien viel anstrengender zu sein. Vielleicht war ich einfach schon ein bisschen müde von dem ganzen Ausflug, von der Sonne. Aber da war noch etwas anderes, eine Stimme in mir sagte: »Muss das denn sein?« Aber ich hörte nicht auf diesen inneren Kompass und kletterte weiter.

»Na los, was man angefangen hat, bringt man auch zu Ende!«, trieb ich mich weiter an. »Wer A sagt, muss auch B sagen.« Außerdem war es viel leichter, von hier oben zu springen, als den ganzen Weg über die rutschigen Felsen wieder runterzuklettern. Wenn ich schon den ganzen Felsen hinaufklettere, könnte ich auch gleich springen, alles andere wäre viel zu mühsam. Außerdem hätte es nach Kapitulation ausgesehen. Überhaupt: Ich war jetzt schon von fast allen Punkten gesprungen. Dieser eine Sprung von ganz oben fehlt mir noch in meiner Sammlung. Der letzte Sprung von der höchsten Stelle. »Das bringst du jetzt noch zu Ende«, sagte ich mir!

HAKEN DRAN

Heute würde ich diesem fünfundzwanzigjährigen Jungen gerne zurufen: »Wer sagt das? Wer sagt denn, dass du musst?« Aber hätte er auf mich gehört? Wohl nicht. Ich kann ihn und das, was er tat, verstehen. Aber er und ich, wir sind uns in diesem Punkt nicht mehr sehr ähnlich. Er wollte etwas unreflektiert zu Ende bringen, durchziehen. Koste es, was es wolle. Ein Programm abspulen, funktionieren. Er wollte nach dem Urlaub sagen können: Wir waren tauchen und surfen, Boot fahren und schnorcheln, und dann bin ich auch noch von dem höchsten Punkt einer Felswand, vom Rand eines Wasserfalls, in eine Lagune gesprungen. Der Junge wollte einen Haken an die Sache machen sowie an all die anderen Abenteuer, die er bei dieser Reise schon erlebt hatte: San Diego – Haken dran, Fischen in Cabo San Lucas – Haken dran, das Mädchen rumkriegen – Haken dran, Puerto Vallarta – Haken dran, Lagunentour mit Felsensprung – Haken dran. Nicht der Weg war das Ziel, sondern das Ziel war das Ziel.

Ich fühlte mich als Mittelpunkt des Universums. Und war doch gelangweilt. Gelangweilt von der Leichtigkeit des Seins. Das sollte sich ändern.

Würde ich diese Reise heute machen, dann würde ich die Zeit nutzen, um noch näher zum Mittelpunkt meines Selbst zu reisen. Ich wäre vielleicht ein paar Mal gesprungen, vielleicht aber auch nicht, hätte diesen friedlichen Ort einfach nur bestaunt, mich von der Energie des Dschungels anstecken lassen, den Jugendlichen zugeschaut und mich mit ihnen gefreut. Mit allen meinen Sinnen »wahrgenommen«. Ich hätte alles in mir aufgesogen, mich so lange wie möglich daran zu erinnern, einfach geatmet, in mich hineingespürt, in mich hineingehört, gelebt.

Als junger Wilder, der ich damals war, hatte ich dafür noch keinen Blick und auf meiner Reise keinen Moment wirklich intensiv gelebt, gefühlt oder genossen. Dafür fehlte mir das Bewusstsein, denn es galt, ein Programm zu absolvieren, von A nach B zu reisen und jetzt noch diesen einen Sprung hier zu machen. Warum? Das fragte ich mich nicht. Sonst wäre mir vielleicht klargeworden, dass ich einem Zwang folgte. Deshalb hatte ich auch nicht mehr die Leichtigkeit der Jugendlichen, die sprangen, ohne zu planen, ohne zu funktionieren, und die aufhörten, wann immer sie keine Lust mehr hatten – und denen deshalb auch nichts geschah. Weil sie mit sich selbst stimmig waren.

INTUITION ODER ANGST

Ich stand irgendwann ganz oben, und jede einzelne Zelle meines Körpers schien zu schreien: »Lass es sein, spring nicht!« Aber ich achtete nicht auf dieses innere Signal, ignorierte, dass ich nicht eins war mit mir. Nicht bei mir war. Mein Kopf entschied rational gegen mein körperliches emotionales Empfinden, gegen mein Bauchgefühl und gegen mein Herz. Gleich würde ich springen. Ich hatte wacklige Knie, als ich auf dem Felsen stand, und ein flaues Gefühl im Magen. Die Steine unter meinen Füßen waren rutschig, ich fand kaum Halt, der Wasserfall machte hier oben ein schier ohrenbetäubendes Getöse. Ich schaute hinunter …

Heute höre ich besser auf meine Intuition, meine innere Stimme oder meinen Kompass, wie immer man es nennen will. Ich höre bei weitem nicht an allen Tagen, was mir die Stimme rät. Das »Müssen« ist immer mal wieder in mir, schreit nach Beachtung. Doch das »Dürfen« behält jetzt meist die Oberhand. Ich bin sensibilisiert und höre immer öfter in mich hinein. Wenn ich es nicht tue, falle ich früher oder später auf die Nase, und je länger ich die Signale ignoriere, desto schlimmer sind die Folgen. Es ist wichtig, die Balance zwischen inneren und äußeren Einflüssen zu halten.

Warum hatte ich damals nicht hören wollen?

Heute weiß ich, ich war viel zu viel mit mir selbst beschäftigt. Heute weiß ich, dass es vielen so geht. Meine Gedanken kreisten oft um mich selbst, innerhalb meines kleinen Tellerrands. Das nennt man wohl »Egozentrik«. Und die unterscheidet sich von Egoismus oder Egomanie. Der Egomane ist von der Angst durchdrungen, er könnte zu kurz kommen. Er ist nicht selten süchtig nach Anerkennung. Deswegen unternimmt er viel, um aufzufallen, egal, wie. Dem Egoisten fehlen Empathie und Einfühlungsvermögen für die Gefühle anderer. Egozentriker können sehr einfühlsam bei anderen sein, doch in ihrem »inneren Erleben« kreisen sie ständig um sich selbst. Unnötiges Hineinsteigern in Belanglosigkeiten oder die Tendenz zur Hypochondrie sind Ausprägungen dieser Spezies. Aus einer Mücke einen Elefanten machen, sagt der Volksmund. Oder Kritik viel zu sehr persönlich nehmen.

Ich wollte damals stark sein, souverän sein. Heute würde ich sagen, ich wollte stark wirken. Ich wollte nicht stark werden, ich wollte stark sein. Das ist ein großer Unterschied, und es kostet viel Kraft, stark wirken zu wollen, obwohl die Stärke tief im Inneren gar nicht vorhanden ist. Kraft, die der tatsächlichen Findung verlorengeht und auch noch obendrein schlecht investiert ist. Eine Menge Kompensationen – wie zum Beispiel überzogener Ehrgeiz – können dadurch entstehen.

GEFÜHLTE UNGERECHTIGKEIT

Ich stelle in meinen Seminaren meinen Zuhörern immer mal wieder die Frage: »Wenn Sie die Wahl hätten zwischen zwei Tüten. In der einen befindet sich Stärke und in der anderen die Fähigkeit, stark zu werden. Welche Tüte würden Sie wählen?« Oder ein anderes Beispiel: »In der einen Tüte ist ein erfülltes und erfolgreiches Leben. Und in der anderen stecken die Fähigkeiten dafür. Wohin greifen Sie instinktiv?« Oder ganz verwegen: »Welche Tüte willst du haben? Die mit einer Million Euro oder die mit der Fähigkeit, eine Million zu erwirtschaften?«

Die meisten entscheiden sich intuitiv nicht für die Tüte mit den Fähigkeiten, sondern für die Tüte mit dem Ergebnis. Und genau hier liegt es im Argen. Diese Menschen denken, sie sind schon etwas, und wollen nichts mehr werden, nichts mehr lernen. Sie halten sich für besser, als sie sind. Und deswegen haben sie ein Recht auf die jeweils erste Tüte. Und zwar jetzt, sofort. Bloß nicht mehr zuhören und aufnehmen, sondern gleich haben wollen. Denn eigentlich hätten sie mehr verdient. Jetzt! Alles andere ist ungerecht. Doch was steckt dahinter? Es gibt zwei Antworten: die »Selbstwertfalle« und die »Selbstvertrauensfalle«.

Die Selbstwertfalle zeigt sich in einer Überlegenheitsillusion und ist ein weit verbreitetes Phänomen. Es lässt sich sehr einfach verstehen und ist sehr schwer abzustellen. Zum Verständnis eine Frage: Was ist denn einfacher, die Defizite anderer oder die eigenen Defizite erkennen? Die Frage so gestellt, liegt es auf der Hand: Wir wissen, dass wir die Fehler anderer leichter erkennen als unsere eigenen.

Dazu passt folgende Geschichte: Zwei Ehepaare treffen sich zum Kaffeetrinken. Nach zwei Stunden gehen sie auseinander. Über wen wird im Anschluss geredet? Richtig, es wird über das jeweils andere Paar gesprochen. Und wie wird über das andere Paar geredet? Wird darüber geredet, was die anderen so toll machen und was man von ihnen lernen kann? Oder wird darüber gesprochen, wo deren Verbesserungspotential in der Beziehung liegt? Wir kennen die Antwort.

Und warum ist das so? Indem wir andere kleinerreden, fühlen wir uns selbst besser. Unser geringer Selbstwert sorgt dafür, dass wir negativ über andere sprechen, um uns selbst besser zu fühlen. Es entsteht eine Illusion von Überlegenheit, die Überlegenheitsillusion. Deswegen denkt fast jeder, er müsste eigentlich mehr verdienen: mehr Respekt, mehr Wertschätzung, mehr Liebe, mehr Geld. Alles andere wäre ungerecht. Und deswegen wäre es gerecht, mehr zu haben. Jetzt. Und deswegen ist klar, nach welcher Tüte gegriffen wird.

Auch die Selbstvertrauensfalle sorgt für den Griff in die »Jetzt-haben-wollen-Tüte« anstatt in die »Etwas-werden-wollen-Tüte«. Tief im Inneren trauen wir es uns selbst nicht zu. »Was ich hab, das hab ich!« Wir vertrauen nicht darauf, dass wir es mit unseren Fähigkeiten selber schaffen könnten. Deswegen bevorzugen wir das Ergebnis, ohne Anstrengung. Nicht mehr lernen – es bringt ja eh nichts, ich kann ja sowieso...

Blick ins Buch

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