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Arbeit und Bürgerstatus

Studien zur sozialen und industriellen Demokratie

AutorWalther Müller-Jentsch
VerlagVS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl310 Seiten
ISBN9783531917900
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis40,00 EUR
Die in dem Band versammelten Aufsätze sind zentrale Beiträge des Autors zur Etablierung der 'Industriellen Beziehungen' als einer - nach angelsächsischem Vorbild - sozialwissenschaftlichen Teildisziplin. Sie reflektieren Genese und Entwicklung, erörtern Wesen und Funktion von Institutionen und Akteuren des Arbeitsmarktes und der Arbeitsbeziehungen. Dabei handelt es sich um Institutionen, die dem Widerspruch zwischen dem Status des freien Bürgers und seiner sozialen Unterlegenheit als Lohnabhängiger - als 'Fabrikuntertan' - entsprangen und die daraus resultierenden Konflikte bearbeiten. Einleitend wird das ihm zugrunde liegende Spannungsverhältnis zwischen dem Wirtschaftssystem des Kapitalismus und der Zivilgesellschaft mit ihrer politischen Verfassung dargestellt. Die weiteren Themenbereiche - Gewerkschaften und Tarifautonomie, Mitbestimmung in Organisationen und Theorien industrieller Beziehungen - fächern das Spektrum der die Warenfiktion der Arbeit kompensierenden 'industriellen Bürgerrechte' (T. H. Marshall) auf. Zugleich thematisieren sie die heutige Problematik mit den Herausforderungen der Globalisierung durch die Infragestellung des rheinischen Kapitalismus.

Dr. Walther Müller-Jentsch ist em. Professor für Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum.

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Leseprobe
"7 Versuch über die Betriebsverfassung – Mitbestimmung als interaktiver Lernprozess (S. 152-153)

Der wechselvollen Geschichte des Betriebsrats verdanken wir die Einsicht, dass die betriebliche Mitbestimmung, wie sie uns heute geläufig ist, das Ergebnis eines langen Lernprozesses durch Institutionen darstellt. Als eine eigenständige, gesetzlich abgesicherte Institution der Mitbestimmung wird der Betriebsrat zwar heute von Gewerkschaften wie Unternehmern weitgehend anerkannt und geschätzt, in der Vergangenheit stand er nicht selten im Widerstreit der Meinungen der an der Regelung der Arbeitsverhältnisse beteiligten Akteure. Auch in der Sphäre sozialwissenschaftlicher Reflexion erfuhren Rolle und Funktion des Betriebsrats unterschiedliche Bewertungen.

I.

In seiner Abhandlung über „Die deutsche Betriebsverfassung"" erklärt Otto Neuloh die Entstehung der betrieblichen Mitbestimmung aus drei „Handlungslinien"": der „Angebotslinie der Unternehmer"", der „Forderungslinie der Arbeiterbewegung"" und der „Gesetzgebungslinie"" (1956: 109). Anfänglich taten sich Unternehmer wie Arbeiterbewegung mit dem Problem der Betriebsrepräsentanz allerdings sehr schwer. Wenn auch die ersten Realformen „betrieblicher Mitbestimmung einigen sozial eingestellten Betriebsleitungen"" (Teuteberg 1961: 525) zu danken waren, so beharrte doch die Mehrheit der Arbeitgeber auf der ungeteilten Autoritätsausübung in ihren Unternehmen, sei es aus absolutistischer, sei es aus patriarchalischer Gesinnung (Grebing 1966: 73ff.).

Auch Gewerkschaften und Sozialdemokratie lehnten die Vorläufer des Betriebsrats, die Fabrik- und Arbeiterausschüsse, die im späten Kaiserreich ihre erste gesetzliche Verankerung fanden,68 prinzipiell ab. Der Führer der deutschen Sozialdemokratie, August Bebel, vermochte anlässlich der Reichstagsdebatte über die Einführung von Arbeiterausschüssen in ihnen nicht mehr als ein „scheinkonstitutionelles Feigenblatt"" zur Verhüllung des Fabrikfeudalismus zu erkennen (zit. n. Teuteberg 1961: 381).

Und in den Freien Gewerkschaften hatten die Erfahrungen mit den wirtschaftsfriedlichen, „gelben"" Werkvereinen, wie Heinrich Potthoff darlegt, starke Aversionen gegen eigenständige Betriebsorganisationen erzeugt (1987: 190). Mit der Burgfriedenspolitik während des Ersten Weltkriegs änderten die Freien Gewerkschaften und die Mehrheits-Sozialdemokratie indessen ihre Ansichten über betriebliche Vertretungsorgane.

Die mit dem Gesetz über den Vaterländischen Hilfsdienst von 1916 vollzogene Anerkennung der Gewerkschaften und vorgeschriebene Einrichtung von Arbeiterausschüssen in Betrieben mit über 50 Beschäftigten feierte die Gewerkschaftsführung „als wichtigen Schritt auf dem Weg zur Verwirklichung ihrer sozialpolitischen Reformvorstellungen"" (Schönhoven 1987: 260). Aber weniger die mit dem Hilfsdienstgesetz für die gesamte Wirtschaft obligatorisch gemachten Arbeiterausschüsse als die revolutionäre Rätebewegung setzte die Frage der Betriebsrepräsentanz gegen und nach Ende des Krieges auf die Tagesordnung.

Die Revolutionären Obleute und die erstmals in den Massenstreiks von 1917 und 1918 auftauchenden Arbeiterräte besetzten, „als Sprachrohr der Arbeiterschaft gegenüber Unternehmern und Staat"" ein von der Gewerkschaftsführung „nur unzureichend erschlossenes Feld"" (Potthoff 1987: 160). Von ihr verkannt wurde ebenfalls die betriebsdemokratische Bedeutung dieser Basisvertretungen, mit der Mehrheits-Sozialdemokratie hegte die ADGBFührung die Erwartung, sie würden als „politische Organe der Revolution"" bald wieder verschwinden. Statt dessen drohten, vornehmlich in der Metallindustrie und im Bergbau, „betrieblich orientierte und organisierte Räte den etablierten Verbänden den Rang abzulaufen"" (ebd.: 161)."
Inhaltsverzeichnis
Inhalt5
Über den Tag hinaus ...7
Kapitalismus und Zivilgesellschaft10
1 Über Produktivkräfte und Bürgerrechte11
2 Management und Industriekultur34
Gewerkschaften und Tarifautonomie46
3 Gewerkschaften als intermediäre Organisationen47
Postskriptum – Intermediaritätsthese revisited75
4 Versuch über die Tarifautonomie. Entstehung und Funktionen kollektiver Verhandlungssysteme in Großbritannien und Deutschland83
Postskriptum – Tarifautonomie als Konfliktpartnerschaft117
5 Berufs-, Betriebs- oder Industriegewerkschaften120
Postskriptum – Nach den Fusionen: Rückkehr der Berufsgewerkschaften?134
6 Kapitalismus ohne Gewerkschaften?138
Mitbestimmung in Organisationen151
7 Versuch über die Betriebsverfassung – Mitbestimmung als interaktiver Lernprozess152
8 Industrielle Demokratie – Von der repräsentativen Mitbestimmung zur direkten Partizipation166
9 Mitbestimmung zwischen wirtschaftlicher Effizienz und demokratischem Anspruch. Eine Argumentation in zehn Thesen173
10 Wie robust ist das deutsche Mitbestimmungsmodell?192
Theorien industrieller Beziehungen202
11 Technik als Rahmenbedingung und Gestaltungsoption industrieller Beziehungen203
12 Theorien industrieller Beziehungen228
Anhang273
Nachweise274
Literaturverzeichnis277
Personenregister296

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