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Die Meister des Drachen-Samadhi

Kommentare zu den Koan des Denko-roku («Aufzeichnungen über die Weitergabe des Lichts»)

AutorSabine Hübner
VerlagWerner Kristkeitz Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl Seiten
ISBN9783932337925
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Der himmlische Drache ist das mythologische Wesen der Erleuchtung. So ist der Drachen-Samadhi die höchste Stufe der Erleuchtungserfahrung, die - anders als nur ein kleines Satori - den Menschen auf all seinen Ebenen vollständig umwandelt, ihn erst zur Vollkommenheit führt. Wie bei den großen, alten Patriarchen und Meistern, von deren Begebenheiten zur Selbstwesensschau dieses Buch erzählt, ist die gleiche Möglichkeit in jedem Menschen auf Erden angelegt und niemandem vorenthalten. Nur - gehen muss jeder seinen Weg selbst. So erfährt der Leser hier in 53 Kapiteln von den Erleuchtungserfahrungen der großen Meister und Nachfolger des Buddha: von Sakyamuni Buddha selbst über Mahakasyapa, Ananda ... Nagarjuna ... Bodhidharma bis hin zu Dogen und Ejo.

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Leseprobe

1 – Der Ehrwürdige Mahākāśyapa


Als einst der von der Welt Geehrte mit Augenzwinkern eine Blume in seiner Hand drehte, lächelte Kāśyapa.

Der von der Welt Geehrte sagte: «Ich habe den Augen-Schatz des Wahren Dharma, das Wunderbare Nirvāṇa-Bewusstsein. Dies übertrage ich dem Mahākāśyapa.»

Der Name «Kāśyapa» bedeutet «Lichtschlucker». Die Legende erzählt, dass bei der Geburt Kāśyapas das ganze Zimmer von einem goldenen Licht durchflutet wurde, welches von dem neugeborenen Kind geschluckt wurde.

Das Wort «maha» heißt «groß» und wird oft vor Namen von Heiligen gesetzt, dann in Form von «mahā», um diese zu ehren. Oft werden in den buddhistischen Klöstern Mahākāśyapa und Ānanda, die beiden ersten Zen-Patriarchen in Indien, zur Rechten und Linken des Buddha dargestellt.

Ursprünglich sollte nicht Kāśyapa, sondern Śāriputra der Nachfolger des Buddha werden. Śāriputra war der hervorragendste und fähigste Schüler des Buddha. Er war zusammen mit seinem Jugendfreund Mahāmaudgalyāyana in die Schülergemeinschaft des Buddha eingetreten. Auch Mahāmaudgalyāyana war einer der bedeutendsten Schüler des Buddha und wurde dessen enger Vertrauter auf dem Gebiet der höheren Jhāna-Praktiken. Er und sein Meister zogen sich oft ins Verborgene der Wildnis zurück, um sich den Übungen dieser höheren Jhāna-Stufen zu überlassen. Maudgalyāyana wurde wie auch Śākyamuni Buddha ein großer Meister der Abhiññā, der Praktiken und ausgereiften Fähigkeiten der außergewöhnlichen Kräfte. Auch Śāriputra und Maudgalyāyana werden oft rechts und links des Buddha gezeigt.

Da Śāriputra, der als Vipassanā-Meister sehr weise war, aus diesem Grund als Śākyamuni Buddhas Nachfolger vorgesehen war, frühzeitig und schon vor dem Buddha starb, trat Mahākāśyapa später an seine Stelle als erster Zen-Patriarch.

Mahākāśyapa war von sehr hoher und strenger Sittlichkeit und Reinheit, die er dank großer und sorgfältiger Disziplin erreichte. So war er ein leuchtendes Vorbild für die anderen Schüler. Wer sein Leben diszipliniert in der Hand hat, bringt es sehr weit in seiner menschlichen und spirituellen Entwicklung, und seine Geistesschulung zeigt großen Erfolg. Es gibt keine störenden Hindernisse auf dem Weg, keine täuschenden Gedanken und Gefühle, keine Steine emotionaler Art vor dem Fuß, und die «alten Sachen» sind aufgearbeitet.

Bei den Begriffen «Disziplin» und «strenge Sittlichkeit» ist nicht brutale Dressur einer falsch verstandenen Erziehung durch Eltern, Lehrer und andere Autoritäten gemeint, in der ein erwünschtes Wohlverhalten eingeprügelt und «eingestraft» werden, sondern hier geht es um die Eigenverantwortung und Selbsterziehung des Menschen, die bereits zu Beginn der spirituellen Schulung praktiziert werden, beispielsweise mit der Ausrichtung am Achtfachen Pfad, den der Buddha gelehrt hat, oder anhand der Vier Göttlichen Verweilzustände.

So sollte niemand, der sich selbst nicht erziehen konnte, die Verantwortung für ein verpfuschtes Leben seinen Eltern in die Schuhe schieben. Diese Verantwortung hat jeder Mensch selbst.

Dieses lebte Mahākāśyapa seinen Dharma-Brüdern in leuchtendem Beispiel vor.

Wie ihr wisst, wird der Achtfache Pfad schon lange vor dem Eintreten der Erleuchtungserfahrung eingeübt und in diesem Abschnitt des Weges «der Erste Achtfache Pfad» genannt. Die Einübung in den Ersten Achtfachen Pfad wird praktiziert, um Steine psychischer und charakterlicher Art aus dem Weg zu räumen, alte Verhaltensweisen zu «überschreiben», wie es in der buddhistischen Psychologie heißt.

Nach gemachter und ausgereifter Erfahrung fallen die Früchte der Praxis des Achtfachen Pfades dem Schüler mühelos zu. Er hat sich mit dem ganzen Universum als Eines erfahren. Da ist er eins mit dem Fluss des Lebens im erleuchteten Zustand, und alle Gesetze und Lebensregeln erfüllen sich harmonisch von allein. Diese so mühelose Art des Achtfachen Pfades wird «der Zweite Achtfache Pfad» genannt. Man könnte sagen, nun ist der Schüler auf dem Weg ein wirklicher Bodhisattva geworden.

Und nun könnt ihr verstehen, warum Mahākāśyapas hohe und disziplinierte Sittlichkeit für ihn keine Härte bedeutete, sondern voll Leichtigkeit und wie im Tanz vollzogen wurde. Für ihn war der Weg leicht geworden.

Auch ihr habt potenziell die gleichen Fähigkeiten wie Mahākāśyapa und braucht nicht bescheiden auf eure eigene wunderbare Entwicklung dieser Fähigkeiten zu verzichten.

In die Zeit nach Śāriputras Tod fällt die Begebenheit unseres heutigen Kōan.

Śākyamuni hatte seine Schüler auf dem Geierberg um sich versammelt, um ihnen eine Dharma-Unterweisung zu geben. Die Schüler standen also um den Welterhabenen herum und warteten auf das Teishō. Der Welterhabene aber sprach kein Wort. Er stand gelassen dort, eine Blume in der Hand. Und dann schließlich hob er diese Blume hoch und drehte sie, wie es hier heißt, augenzwinkernd in der Hand.

Niemand sprach ein Wort. Die Schüler warteten betreten. Sie warteten auf mehr. Wann würde der Welterhabene denn zu sprechen beginnen? Dabei hat die großartigste Predigt bereits stattgefunden! Die Welt war gerettet. Die Mönche standen jedoch verunsichert herum. Niemand merkte etwas. Wie schade!

Nur der große Kāśyapa lächelte.

Der von der Welt Geehrte lächelte ebenfalls und sagte der ganzen Schülerversammlung: «Ich habe den Augen-Schatz des Wahren Dharma, das wunderbare Nirvāṇa-Bewusstsein. Dies übertrage ich dem Mahākāśyapa.»

Im Mumonkan wird diese Geschichte im Fall 6, «Buddha hält eine Blume hoch», dargestellt. Hier sagt der Buddha, als er Kāśyapa lächeln sieht, die wunderbaren Worte:

«Ich habe das kostbare Auge des WAHREN DHARMA,

den wunderbaren GEIST des NIRVĀNA,

die WAHRE FORM der Nicht-Form,

das geheimnisvolle DHARMA-TOR.

Es hängt nicht von Buchstaben ab,

sondern wird auf besondere Weise

außerhalb aller Lehren übermittelt.

Jetzt vertraue ich es dem Mahākāśyapa an.»

Mit diesen Worten überträgt der Buddha seine Lehre dem Mahākāśyapa.

Er sagt, dass er das geheimnisvolle DHARMA-TOR dem Kāśyapa anvertraut.

Ānanda stand staunend dabei. Viel später – der Buddha war schon gestorben und der Lieblingsschüler des Buddha, Ānanda, war Kāśyapas Schüler geworden –, sollte Ānanda den großen Kāśyapa auf dieses Erlebnis der Dharma-Übertragung ansprechen.

So einfach ist das: Ein Meister sagt zu seinem Schüler: «Ich vertraue dir den Dharma an.» Oder er sagt: «Führe Schüler auf dem Weg!» Oder er sagt: «Ich übertrage dir den Wahren Dharma.» Oder: «Unterweise alle Wesen!»

Mit diesen Worten wird dem Schüler nicht von einem Augenblick auf den nächsten irgendetwas Zauberisches übertragen, sondern mit diesem Wort sagt der Meister: «Ich lade dir hier eine große Last auf den Rücken! Komm dieser Verantwortung nach und tu dein Bestes. Frage nicht, ob du dazu Lust hast oder nicht!»

Hat so ein Meister seinem Meister-Schüler nun irgendetwas übertragen? Hat er ihm etwas gegeben?

Er hat ihm gar nichts gegeben.

Den Dharma kann man nicht wirklich jemand anderem geben. Ich weiß schon, dass sehr viele Menschen in den westlichen Ländern glauben, sie müssten nur zu einem indischen Gūru gehen, der würde ihnen die Hand auflegen oder sie an der Stirn berühren oder ihnen auf den Rücken schlagen, und dann würde in ihnen eine herrliche Ekstase ausgelöst, und diese Ekstase wäre dann der Dharma, wäre die Erleuchtung.

Pustekuchen!

Ich habe einige Leute gesehen, die bei einem indischen Gūru waren, der in ihnen Ekstasen ausgelöst hatte. Diese Leute hatten keinen Dharma übertragen oder geschenkt bekommen. Ihr Zustand war nicht einmal empfehlenswert. Die Ekstase hatte jedenfalls nichts gebessert. Sie hatte nicht ihr Leben auf die Reihe gebracht und ihnen auch keine Einsicht in ihr eigenes Wesen ermöglicht. Am Tag nach der Ekstase war alles weg, und nichts blieb ihnen außer der Sehnsucht und dem Katzenjammer. Und sie hatten irrtümlich sogar geglaubt, ihr Gūru habe ihnen die Erleuchtung übertragen. Welch trauriges Missverständnis! Welche Enttäuschung!

Nein, es kann nichts übertragen werden. Auch die Meisterschaft kann nicht übertragen werden. Die Meisterschaft entwickelt sich bei einem Menschen im Lauf vieler Jahre – oder auch nicht. Sie kann nicht «gegeben» werden. Wenn ein Meister jemand anderen zu einem Meister erklärt, gibt es noch lange keine Gewähr dafür, dass hierdurch ein Meister entstanden ist. Vielleicht heißt er «Meister» oder «Gūru» oder «Rōshi», ist aber nicht unbedingt einer.

Nun, ich meine sowieso, dass ein anständiger Lehrer erst ein anständiger Lehrer durch seine Schüler wird. Es heißt ja auch, jeder Zen-Meister bekommt die Schüler, die er verdient hat. An der Qualität der Schüler kann man die Qualität des Meisters ablesen – und umgekehrt. Das ist schon wahr! Und so kann nicht aus einem rohen und unbehauenen Klumpen Mensch durch eine Dharma-Übertragung ein Meister entstehen.

Schüler und Meister müssen jahrelang ihr Bestes geben, und so formt sich das wunderbare, klar leuchtende Wesen aus dem rohen Klumpen heraus. Wenn der Schüler nach vielen Jahren reif geworden ist, andere Menschen – andere rohe Klumpen – anzuleiten und zu führen, dann wird der Meister ihm, wie man es nennt, den Dharma «übertragen». Aber zum Meister entwickelt haben muss er sich schon vorher, und um dies zu verwirklichen, braucht er keinen Titel.

Nun, in alten Zeiten wurde doch etwas übertragen: Der Meister gab seinem...

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