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E-Book

Friedrich Barbarossa

Eine Biographie

AutorKnut Görich
VerlagVerlag C.H.Beck
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl782 Seiten
ISBN9783406621499
FormatePUB/PDF
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis22,99 EUR

Der Zufall hatte dem Staufer Friedrich auf den Thron verholfen: Der Sohn König Konrads III. war bei dessen plötzlichem Tod zu jung, und so fiel die Wahl auf den Herzog von Schwaben, der als Kaiser Barbarossa in die Geschichte eingehen und maßgeblich unser Bild vom Mittelalter prägen sollte. Doch bewundern wir vielleicht nur ein Trugbild?
Knut Görich befreit in seiner grundlegenden Biographie den Stauferherrscher aus dem Rankenwerk der Legendenbildung und zeigt ihn einerseits als Genie des Ausgleichs im Umgang mit den Großen des Reiches. Andererseits gelingt es ihm herauszuarbeiten, in welchem Maße Friedrich I. in allen seinen politischen und militärischen Handlungen auf die Wahrung und Mehrung seines eigenen Rangs und auf die Ehre des Reiches bedacht war.
So entsteht insgesamt das nuancierte Bild eines realen mittelalterlichen Menschen, das sich deutlich von all jenen Projektionen unterscheidet, die ihren Ausgang in einer nationalistisch orientierten Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts genommen und bis heute unsere Wahrnehmung des historischen Barbarossa bestimmt haben.



Knut Görich lehrt als Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Leseprobe

DENKMALSENTHÜLLUNGEN


Friedrich Barbarossa ist gewissermaßen eine Entdeckung des 19. Jahrhunderts – und zu einem guten Teil auch dessen Erfindung. Noch 1795 bedauerte Georg Wilhelm Friedrich Hegel zutiefst, daß in der Phantasie des deutschen Volkes zwar biblische Könige wie David oder Salomon lebendig seien, die «Helden unseres Vaterlandes» wie etwa der Stauferkaiser aber in den Geschichtsbüchern der Gelehrten schlummerten.[1] Was sich im Laufe des folgenden Jahrhunderts veränderte, veranschaulicht recht deutlich ein Kindheitserlebnis Kaiser Wilhelms II. Als in Aachen ein Denkmal für seinen Vater, den 1888 verstorbenen Kaiser Friedrich III., enthüllt wurde und er aus diesem Anlaß eine seiner vielen Ansprachen hielt, erwähnte er, sein Vater habe ihn als Kind «in einem Prachtwerke blättern lassen, in welchem die Kleinodien, Insignien, Gewänder und Waffen der Kaiser und schließlich die Krone selbst in bunten Farben dargestellt waren. Wie leuchteten ihm die Augen, wenn er dabei von Krönungsfeiern in Aachen und ihren Zeremonien und Mählern erzählte, von Karl dem Großen, von Kaiser Barbarossa und ihrer Herrlichkeit. Stets schloß er damit: ‹Das alles muß wiederkommen, die Macht des Reiches muß wiedererstehen, und der Glanz der Kaiserkrone muß wieder aufleuchten! Barbarossa muß aus dem Kyffhäuser wieder erlöst werden!›»[2] Tatsächlich hatte Friedrich III. verschiedene Initiativen ergriffen, um den neugegründeten Nationalstaat in der tausendjährigen Geschichtstradition des Alten Reichs zu verankern. Dazu gehörte auch die Idee, sich bei seiner eigenen Thronbesteigung als Nachfolger der drei staufischen und habsburgischen Kaiser namens Friedrich den Namen und Titel «Friedrich IV.» zu geben – bevor es dann doch bei der Zählung der preußischen Friedriche blieb, die ihn als dritten Friedrich zum Nachfolger Friedrichs des Großen machte.[3] Aber eines war damals doch schon offenkundig geworden: Barbarossa schlummerte nicht länger in den Geschichtsbüchern.

Wilhelm II. war 1859 geboren worden – die Szene, die er schilderte, spielte also sicher noch vor dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, der in die Gründung des Deutschen Reichs und die Proklamation seines Großvaters, des preußischen Königs Wilhelm I., zum Deutschen Kaiser in Versailles mündete. Bei dem «Prachtwerk», in dem der kleine Wilhelm blättern durfte, handelte es sich um die unerhört aufwendig gestaltete und mit 220 Talern auch unerhört teure zweibändige Edition «Die Kleinodien des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation», die der Aachener Kanoniker Franz Bock 1864 dem österreichischen Kaiser Franz Joseph I. widmete.[4] Dieses Buch dürfte kaum einer von Wilhelms Aachener Zuhörern jemals gesehen haben, seine Anspielung auf den Kyffhäuser aber war jedem verständlich. Die Gebrüder Grimm hatten die Sage vom Kaiser, der im Berg schläft, 1816 in ihrer vielgelesenen Märchen- und Sagensammlung unter dem Titel «Friedrich Rotbart im Kyffhäuser» veröffentlicht und damit erstmals einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Die Popularisierung, der dann Friedrich Rückert 1817 den Stoff unterworfen hatte, kannte jeder: «Der alte Barbarossa,/Der Kaiser Friederich,/Im unterirdschen Schlosse/Hält er verzaubert sich./Er ist niemals gestorben,/Er lebt darin noch jetzt;/Er hat im Schloss verborgen/Zum Schlaf sich hingesetzt./Er hat hinab genommen/Des Reiches Herrlichkeit,/Und wird einst wiederkommen,/Mit ihr, zu seiner Zeit. […]/Er nickt als wie im Traume,/Sein Aug’ halb offen zwinkt;/Und je nach langem Raume/Er einem Knaben winkt./Er spricht im Schlaf zum Knaben:/Geh hin vors Schloss, o Zwerg,/Und sieh, ob noch die Raben/Herfliegen um den Berg./Und wenn die alten Raben/Noch fliegen immerdar,/So muß ich auch noch schlafen/Verzaubert hundert Jahr.»[5]

ABB. 1 An der Außenfassade des Saalbaus in der 1910 fertiggestellten Kaiserresidenz in Posen wurden Statuen Karls des Großen und Friedrich Barbarossas angebracht. Dem Karolinger ließ Kaiser Wilhelm II. seine eigenen Gesichtszüge geben, dem Staufer die seines Vaters, des 1888 verstorbenen Kaisers Friedrich III.

Daß Barbarossa zum deutschen Nationalmythos werden konnte, war den politischen Sehnsüchten des frühen 19. Jahrhunderts geschuldet: die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806, die Niederlagen gegen Napoleon, die beklagte Zersplitterung Deutschlands und die Hoffnung auf einen künftigen deutschen Nationalstaat bildeten den zeitgeschichtlichen Hintergrund, vor dem die Geschichte vom schlafenden, aber wiederkehrenden Kaiser zum Symbol der erhofften nationalen Einheit werden konnte.[6] Der Staufer war binnen weniger Jahrzehnte zum so selbstverständlichen Bezugspunkt des nationalen Macht-, Reichs- und Einheitsgedankens geworden, daß selbst jene, die auf demokratische Gestaltung der Nation hofften und die Monarchie als künftige Staatsform zurückwiesen, sich noch auf den Kaiser bezogen, indem sie ihn ablehnten: Heinrich Heine empfahl in seinem 1844 erschienenen «Deutschland. Ein Wintermärchen», Barbarossa möge als altes Fabelwesen doch einfach im Kyffhäuser bleiben. Aber die Gründung des Deutschen Reichs unter Preußens Führung bescherte dem Kaiser dann doch noch einen festen Platz im Geschichtsbewußtsein der Deutschen, denn Geschichte und Legitimation des neuen Reichs wurden im Mittelalter gesucht, als dessen Höhepunkt die Zeit der staufischen Kaiser galt. Zum Empfang der 1871 aus Frankreich zurückkehrenden Truppen wurden in den Hoftheatern heute vollständig vergessene Stauferdramen zur Aufführung gebracht – in Stuttgart «Kaiser Rotbarts Erwachen», in Karlsruhe «Kaiser Rotbart» und in Berlin «Barbarossa. Dichtung in einem Aufzug». Der Münchener Professor Johann Nepomuk Sepp (1816–1909), Abgeordneter der Bayerischen Patriotenpartei und Befürworter der Reichseinigung, fühlte sich bemüßigt, Rückerts «Barbarossa» zu Ende zu dichten: «Erfüllt ist jetzt die Sage,/Gekommen ist zugleich –/Gott segne diese Tage! –/Der Kaiser und das Reich.»[7] Bereits in Dietrich Grabbes 1829 entstandenem Schauspiel «Kaiser Friedrich Barbarossa» war jener Gedanke angeklungen, der nach 1870/71 immer wieder zur Stiftung geschichtlicher Kontinuität in Anspruch genommen wurde und die Reichsgründung mit der Aura historischer Notwendigkeit umgab – daß nämlich die preußischen Nachfahren der schwäbischen Grafen von Hohenzollern das Erbe ihrer früheren staufischen Lehnsherren annehmen und deren historischen Auftrag vollenden würden. Die historische Ansippung der Hohenzollern an die Staufer wies in die Zukunft, Wilhelm I. «Weißbart» (Barbablanca) hatte Friedrich I. «Rotbart» (Barbarossa) aus dem Berg erlöst. Die mit großem persönlichem Einsatz betriebenen Bemühungen Wilhelms II., das Andenken an seinen Großvater als das an «Wilhelm den Großen» zu sichern, setzte vollends den Prozeß staatlicher Mythenaneignung in Gang, die der Reichsgründung ihre historische Tiefendimension verleihen sollte. Staufer- und Hohenzollernkaiser wurden geradezu typologisch aufeinander bezogen, der mittelalterliche Kaiser zum Vorgänger seines preußisch-kleindeutschen Nachfolgers stilisiert. Bilder und Denkmäler bedienten das Bedürfnis nach politischer und kultureller Selbstvergewisserung. Die Pfalz der salischen Kaiser in Goslar wurde in der Absicht, ein Zeugnis mittelalterlicher Kaiserherrschaft in ein Denkmal des neuen Kaisertums zu verwandeln, nach 1871 aufwendig im Geschmack des Historismus restauriert. Der Bilderzyklus des Kaisersaals von Hermann Wislicenus, der das deutsche Kaisertum in Märchen und Sage, in Vergangenheit und Gegenwart feierte, wurde 1896 vollendet, im gleichen Jahr wie das gewaltige Denkmal, das die im konservativen «Deutschen Kriegerbund» vereinigten Veteranen der Kriege von 1866 und 1870/71 ihrem verstorbenen Feldherrn auf dem Kyffhäuser setzten. Vor dem steil aufragenden Turm mit dem Reiterdenkmal Wilhelms I. saß am Sockel auf seinem Thron der erwachende Barbarossa, der Staufer und der Hohenzoller erscheinen als Repräsentanten einer das versunkene und das neue Reich überspannenden, personalisierten Reichsidee – ein Zusammenhang, den auch Wilhelm II. in seiner Festrede vor den versammelten deutschen Fürsten und 30.000 Kriegsveteranen herstellte: «Noch heute wird das deutsche Gemüt mächtig ergriffen von der glanzvollen Herrlichkeit des Hohenstauferreiches.» Die Einweihung des Denkmals hatte der Kaiser im fünfundzwanzigsten Jahr der Reichsgründung mit Bedacht auf den 18. Juni 1896 gelegt: An diesem Tag war 1815 Napoleon in der Schlacht von Waterloo besiegt worden, an diesem Tag war 1871 Wilhelm I. nach dem Sieg über Frankreich in Berlin eingezogen.

ABB. 2 Die 1900/01 errichteten Reiterdenkmale für Wilhelm I. und Barbarossa vor der Goslarer Kaiserpfalz.

Die Datumssymbolik weist darauf hin, in welchem...

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