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E-Book

Gebrauchsanweisung fürs Segeln

AutorMarc Bielefeld
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783492972963
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Warum segelt ein Boot überhaupt? Welche Klassen vom Finn-Dingi bis zum Superkatamaran gibt es? Und was ist eine Windhutze? Marc Bielefeld, der den festen Wohnsitz regelmäßig gegen sein Segelschiff eintauscht, weiß alles über das Leben auf dem Wasser: von wundersamen Begriffen wie Schwalbennester, Schapps und Stagreiter; von Seekarten, Sonnenaufgängen und Hafenpinten. Er trifft Blauwasser- und Tourensegler, Offshore Racer und Spießerjachties. Und erinnert sich an Begegnungen mit Dhauseglern in Arabien, Weltumseglern am Kap Horn und den Profis des America's Cup, die alle eins gemeinsam haben: den Wind als einzigen Antrieb. Am Ende wird man nie mehr vergessen, wo Backbord und Steuerbord liegen, und sich wünschen, endlich selbst an der Pinne zu sitzen.

Marc Bielefeld, 1966 in Genf geboren und in Hamburg aufgewachsen, lebte nach dem Abitur in Paris und als Vertreter und Werbetexter in Hamburg. Dort und in Washington, D.C. studierte er Literatur und Linguistik. Heute lebt er als freier Autor an der Elbe. Seine Texte und Reportagen sind in den letzten 25 Jahren in diversen Publikationen erschienen, darunter: Die Zeit, mare, Merian, National Geographic, Stern, Süddeutsche Zeitung, Yacht. Außerdem hat er die Zeitschrift Free Men's World mitentwickelt. Von ihm sind u.a. die erfolgreichen Bände »Wilde Dichter« (mit Rüdiger Barth), »Gebrauchsanweisung fürs Segeln«, »Wer Meer hat, braucht weniger. Über den Rückzug auf ein altes Segelboot« und »Den Wind im Gepäck« erschienen. 

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Leseprobe

Sturm und Poesie


Segeln? Beginnen wir gleich mit den Verrückten, den Hasardeuren.

Ich hatte einmal das Glück, zum südlichsten Zipfel Südamerikas reisen zu dürfen. Dorthin, wo das Land endet und die Polarsee beginnt. Nach endlosen Stunden und vier Flügen um die halbe Erde landete ich in dem argentinischen Ort Ushuaia, einem Haufen schiefer Holzhäuser, der an den Ausläufern der Cordillera Darwin klebt. Berge im Rücken, Meer vor der Nase.

Ich stieg aus dem Flugzeug, und schon wehte mir der eiskalte Wind um die Ohren. Im Ort wackelten die Autos und zitterten die Ampeln. Alle zwei Tage braut sich hier unten ein Sturm zusammen. An einem einzigen Tag könne man hier problemlos alle vier Jahreszeiten erleben, hatte ich gehört. Sonne, Regen, Hagel, Schnee. Temperaturen um die zwanzig Grad, dann wieder stürzen sie im Nu auf null. Und das mitten im südamerikanischen Hochsommer. Die Menschen, die hier leben, sagen: »Wenn du das Wetter bei uns nicht magst, warte fünf Minuten.«

Segeln? Hier? Um Himmels willen!

Ich blickte auf die See. Über den Beagle-Kanal droschen die Böen, das Wasser überzogen von weißen Schaumkronen auf dunkelgrauem Fond. Schwarze Wolken rasten wie Kriegsschiffe über dieses südliche Fitzelchen Erde. Hagel ging nieder, als ich unten auf einer Landzunge stand. Der Wind pfiff mir so kalt in Nacken und Gesicht, dass ich den Kragen hochschlug und mir die Wollmütze tief in die Stirn zog. Fazit der ersten Woche vor Ort: An fünf von sieben Tagen schoss der Wind mit zehn Beaufort über die kurzen, steilen Wellen der legendären Meeresenge.

Nein, kein Segelrevier für Schönwettermatrosen. Ein Revier, um sich vor den Kamin zu verholen.

Tags darauf nahm ich ein Schlauchboot auf die andere Seite des Beagle-Kanals. Eine schaukelnde Nussschale, die Platz für gerade mal acht Passagiere bot. Doch dies war der schnellste Weg, um von Ushuaia zur Isla Navarino zu kommen, noch weiter südlich, rüber nach Chile. Wir zurrten die Rettungswesten fest, und die beiden Argentinierinnen, die das Boot steuerten, sprachen kein Wort.

In Chile angelandet, blickten wir paar Reisende auf eine kahle Erde, grünbraune Bergrücken und von Biberfraß und Feuern verstümmelte Wälder. Hier und da lagen Fischerboote aufgepallt an den Ufern, wie Doraden auf dem Trockenen. Ich sah verlassene Farmen, zerschlissene Zäune und ein altes Windrad, dessen einziger Flügel in Fetzen hing.

Wir fuhren zwei Stunden über eine Schotterstraße, bis wir Puerto Williams erreichten. Ein Nest, durch das nachts wilde Pferde stromern und in dem der einzige Bankautomat ständig ausfällt. Zwei kleine Supermärkte, ein paar windschiefe Hostels, eine Bar. Mehr gibt es hier nicht. Der Ort, nicht mehr als ein Cowboy-Kaff, ist eine Basis der chilenischen Marine – und genau hier liegt auch der südlichste Yachtklub der Welt.

Ich ging runter zum Hafen, der gar kein Hafen ist. In einem schmalen Seitenarm des Beagle-Kanals rostet vielmehr ein alter Dampfer vor sich hin, er liegt im Matsch auf Grund, und eben-dieser alte Dampfer namens Micalvi ist der Yachtklub von Puerto Williams. Dreißig, vierzig Segelschiffe haben dort längsseits festgemacht, sie liegen in Päckchen nebeneinander, dicht an dicht vertäut. Es gibt eine kleine Bar auf dem Dampfer, mittschiffs auf dem Hauptdeck. Als ich fragte, wann die Bar öffne, sagte mir ein junger barfüßiger Chilene: »Wenn Luiz kommt.«

Luiz ist der Barmann am Ende der Welt. Meist taucht er gegen acht oder neun Uhr abends auf, und bei ihm treffen sich die Segler, die es bis hierher geschafft haben, in die hohen südlichen Breiten des Planeten. Jenseits der Rossbreiten am Äquator, jenseits der Falklandinseln und der Roaring Forties, der brüllenden Vierziger. Jenseits der wütenden Fünfziger-Breitengrade, ja sogar noch der Magellanstraße. Sie treffen sich auf der Micalvi, wenn die Sonne sinkt, und dann trinken sie ihre Biere und Pisco Sour und erzählen und erzählen. Die einen sind quer über den Atlantik gekommen. Manche wollen nach Tahiti segeln, nach Alaska, nach Südafrika. Andere haben ihre Yacht aus Brasilien hierhernavigiert und sind sechs Jahre auf Weltumrundung.

Dies sind die Salzbuckel unter den Seglern. Braune Füße, braune Hände. Die Haut gegerbt von Wind und Wetter. Man nennt sie auch Langfahrtsegler, Blauwassersegler oder Live-aboards. Jene, die ganz weit fahren und Jahre unterwegs sind. Die Hasardeure aber sind damit noch lange nicht gemeint.

Festgemacht neben der Micalvi haben auch zehn Schiffe, die ständig hier unten weilen. Fünfzehn, zwanzig Meter lange Stahl- und Aluminiumyachten, deren Wanten und Stage so stark und dick sind, als könne man ganze Hochhäuser daran aufhängen. Die Skipper dieser Schiffe verdienen ihr Geld damit, Gäste um Kap Hoorn zu segeln. Das berühmte Weltende liegt von hier aus nur neunzig Seemeilen entfernt, knapp 170 Kilometer weiter südlich, also quasi um die Ecke. Andere lokale Segler fahren noch weiter gen Süden und queren die Drake-Passage. Sie segeln bis in die Antarktis, bis zu den Pinguinen. Von Puerto Williams aus sind es »nur« noch tausend Kilometer bis ins ewige Eis.

Man kann diese Segeltörns am Ende der Welt tatsächlich buchen, und für viele zahlende Gäste sind diese zwei- bis vierwöchigen Törns die Reise ihres Lebens. Rund Kap Hoorn zu steuern ist für viele der Everest des Segelns. Der Wind umweht das berühmte Kap so heftig wie eh und je. Die Landschaft liegt karg und rau vor dem Bug, im Westen ragen steile Gletscher auf, und weit und breit zeigt sich kein Mensch, steht kein Haus, fährt kein Auto. Hier unten trifft man nur noch Albatrosse.

Das alles ist segeltechnisch ziemlich einschüchternd. Der ständige Sturm, das Eis, das bitterkalte Meer, die Fallwinde, die von den Gletschern herabstürzen wie unsichtbare Lawinen.

Um die zehntausend Seeleute sollen vor Kap Hoorn im Laufe der Jahrhunderte ertrunken sein, und noch heute geraten Schiffe hier in Seenot. Erst kürzlich fuhr eine amerikanische Segelyacht durch das Seegebiet. An Bord waren der Skipper, seine Frau und zwei Kinder. Als sie circa achtzig See­meilen westlich des Kaps standen, holte der Sturm sie ein, und der Mast kam von oben. Das sagen Segler, wenn der Mast bricht, in halber oder ganzer Länge knickt. Ein fürchterlicher Anblick. Vor dem Sinken so ziemlich das Schlimmste, was einer Yacht passieren kann. Die amerikanische Familie taumelte weit draußen auf See im Sturm, der Mann hatte sich zwei Rippen gebrochen. Schließlich fuhr die chilenische Marine aus, nahm Kinder und Frau an Bord. Der Skipper blieb auf seinem Segel­schiff, das unter beträchtlichen Gefahren nach Puerto Williams geschleppt wurde.

Glück gehabt. Denn mit dem Wind ist nicht zu spaßen hier unten. Vor nicht allzu langer Zeit wehte er mit 126 Knoten (und schon ab 64 Knoten Windgeschwindigkeit spricht man von Orkan). Das bekannte Denkmal am Kap – ein stilisierter Albatros aus Metall – knickte um wie ein Stück Pappe.

Die Skipper, die regelmäßig in diesen Gewässern segeln, gehen die Sache entsprechend an. Sie kennen jede Ankerbucht, jeden Schlupfwinkel. Sie haben jahrelange Erfahrung gesammelt. Sie besitzen gute Seekarten, beziehen die aktuellsten Wind- und Wetterberichte und segeln nur mit starken, schweren Schiffen, die den bis zu dreizehn Meter hohen Wellen da draußen gewachsen sind.

Mit anderen Worten: Die Segler von Puerto Williams waren so schnell nicht zu beeindrucken – bis eines Tages diese große Holzkiste aus Übersee angeliefert wurde.

Und nun kommen wir zu den Hasardeuren.

Vier Russen tauchten am Hafen auf, zwei Männer, zwei Frauen. Sie öffneten die Kiste und zogen diverse Teile und Gerätschaften heraus. Gummischläuche, Stangen, Leinen, Planen, Hebel, Pumpen und zwei kleine Segelsäcke. Sie begannen zu schrauben und zu knoten, und nach vier Tagen schoben sie ihr aberwitziges Gefährt ins schwarze, kalte Wasser des Beagle-Kanals: einen aufblasbaren Katamaran! Kaum mehr als eine besegelte Luftmatratze für Sommertage. Ein Witz. Ich habe das rudimentäre Vehikel mit eigenen Augen gesehen, und ich besitze sogar ein Foto davon.

Es zeigt zwei grüne Schläuche, stramm aufgepumpt zu zwei Rümpfen, verbunden durch vier Metallstreben. Gerade mal fünf Meter maß das Miniboot, es trug einen Mast so dünn wie eine Gardinenstange, besaß keine Koje, keine Kajüte. Als Unterschlupf diente lediglich ein kleines gelbes Zelt, das die Russen zwischen den Rümpfen aufgespannt hatten und durch das die Gischt schoss. Und mit exakt diesem Untersatz gingen die vier in See – und fuhren einmal um Kap Hoorn.

Über zwei Wochen waren sie auf ihrem verrückten Törn unterwegs. Sie hatten kaum Proviant dabei und nur sehr einfache Seekarten. Einer der Kap-Hoorn-Skipper, Osvaldo Escobar Torres sein Name, hatte die vier Russen ein wenig beraten und erzählte mir später, dass sie unter »unvorstellbaren Bedingungen« aufgebrochen seien. Im Sturm suchten sie Schutz in den Buchten von Wollaston Island, auf dem Rückweg in der Nähe von Puerto Torro. Einige Tage galten sie gar als vermisst, aber ein Hubschrauberpilot der chilenischen Marine überflog das Gebiet und entdeckte sie unten auf einem Kiesbett, wo sie während ihrer Umrundung pausierten. Zu viert kauerten sie neben dem Katamaran, eher ein winziges Floß mit Segel, und winkten, als wollten sie sagen: »Alles klar bei uns, keine Sorge, was soll denn schon sein?« Dann fuhren sie wieder raus in die graue See. Ein Punkt inmitten des düsteren Reliefs der Wellen.

Was für eine Tour! Der nackte Wahnsinn. Manche mögen solche Törns für lebensmüde halten,...

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