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E-Book

Glücksspielsucht

AutorJörg Petry
VerlagHogrefe Verlag Göttingen
Erscheinungsjahr2003
Seitenanzahl124 Seiten
ISBN9783840914799
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR

Der Band informiert über die verschiedenen Erscheinungsformen des pathologischen Glücksspielverhaltens und erläutert das diagnostische und therapeutische Vorgehen bei Glücksspielsucht. Geldautomaten-, Casino-, Karten- und Würfel- sowie Lotto-Totosystem- und Börsenspiele sowie Pferdewetten sind verschiedene Varianten des Glücksspielens, die im Band beschrieben und mit Fallbeispielen veranschaulicht werden.

Es folgt eine differenzialdiagnostische Abgrenzung vom "pathologischen PC-Gebrauch". Verschiedene Störungstheorien und -modelle zur Erklärung der Glücksspielsucht zeigen den derzeitigen Stand des ätiologischen Wissens auf. Ausführlich wird auf das diagnostische Vorgehen sowie die symptomorientierte Behandlung der Glücksspielsucht eingegangen.

Hierzu werden Methoden der Motivierung und der kognitiven Umstrukturierung verzerrter Informationsverarbeitung sowie der Rückfallprävention erläutert. Ein Problemlösetraining sowie Techniken des Geld- und Schuldenmanagements werden vorgestellt. Zahlreiche Materialien für die Diagnostik und Therapie bieten eine wertvolle Unterstützung bei der Behandlung von Patienten mit einer Glücksspielsucht.  

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Kapitelübersicht
  1. Inhaltsverzeichnis und Vorbemerkung
  2. 1. Beschreibung des Störungsbildes
  3. 2. Varianten des Glücksspielens
  4. 3. Störungstheorien und -modelle
  5. 4. Diagnostikprozess und Indikationsstellung
  6. 5. Behandlung
  7. 6. Effektivität
  8. Weiterführende Literatur und Literatur
  9. Anhang
Leseprobe

3. Störungstheorien und -modelle (S. 35-36)

Zur Erklärung des pathologischen Glücksspielens liegt keine einheitliche Störungstheorie vor. Alternative Modellvorstellungen betonen (noch einseitig) einzelne Aspekte des Störungsbildes. Geordnet nach der Entstehungsgeschichte sind die wichtigsten das entwicklungspsychopathologische, suchttheoretische und kognitive Modell. Neuere integrative Ansätze können lediglich als abstrakte Übersichts- und Orientierungsschemata angesehen werden.

3.1 Der entwicklungspsychopathologische Ansatz

Die innerhalb der traditionellen Psychiatrie vertretene Unheilbarkeit der Glücksspielsucht (Fischer, 1905) wurde zuerst von der klassischen Psychoanalyse in Frage gestellt. Es bestand jedoch eine deutliche Skepsis bezüglich der Behandlungsmöglichkeiten fort, da es sich nach psychoanalytischer Auffassung bei der Glücksspielsucht um eine frühe Störung handelt, die mit Einschränkungen der Ich-Funktionen verbunden ist und auf Grund einer korrespondierenden Störung der Lust-Unlust-Regulation eine geringe Veränderungsmotivation angenommen wird.

Die tiefenpsychologischen Konzepte über die Glücksspielsucht spiegeln von ihren Anfängen bis heute die theoretische Weiterentwicklung der Psychoanalyse wider. Ursprünglich waren dies triebtheoretische Vorstellungen, wonach es sich um eine Regression auf frühe Stufen der Libidoentwicklung handelt, während aktuell objektpsychologischen Annahmen, die das pathologische Glücksspielverhalten als Selbstheilungsversuch auf dem Hintergrund einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ansehen, vertreten werden. Danach dient das Glücksspielverhalten dazu, Ich-Defizite, die aus der Frustration des frühkindlichen Bedürfnisses nach elterlicher Zuwendung entstanden sind, zu bewältigen (Schütte, 1987), was jedoch zu einer Störung der Affektregulation und damit süchtigen Impulshandlungen führt (Vent, 1999).

In den Anfängen wurden klinische Einzelfallstudien veröffentlicht, die unterschiedliche tiefenpsychologische Auffassungen über die Glücksspielsucht vertraten. Am bekanntesten ist der Interpretationsversuch des amerikanischen Psychiaters Bergler, der sich auf die Behandlung von mehr als 60 pathologischen Glücksspielern bezieht (Bergler, 1957). Anhand dieser Stichprobe von Karten- und Würfelspielern, Roulettespielern, Pferdewettern und Börsenspielern beschreibt er alle charakteristischen Merkmale des pathologischen Glücksspielens.

Unter Abgrenzung von unproblematischen Formen des Glücksspielens charakterisiert er die Zuspitzung des Glücksspielverhaltens als nicht mehr überwindbare Teufelskreise, die am Ende alle Lebensbereiche zerstörerisch erfassen. Im Mittelpunkt stehen die ausgeprägte Selbstwertproblematik mit einer nach außen gerichteten Fassade von Pseudoaggressivität, der beim Glücksspielen erlebte lustvoll-schmerzhafte Erregungszustand, die Rationalisierungsversuche und magischen Denkweisen als Reaktion auf negative Konsequenzen des Glücksspielens, die ausgeprägten Allmachtsund Gewinnfantasien, verbunden mit einer sozialen Vereinsamung und Entfremdung, die herausragende Bedeutung des Geldes für das Selbstwertgefühl sowie das gleichzeitige Auftreten affektiver und sexueller Störungen oder stoffgebundener Süchte.

Er beschreibt die tragikomische Entwicklung des pathologischen Glücksspielers als ein Verlustgeschäft, in dessen Verlauf aus dem großen Gewinner ein armseliger Einfaltspinsel wird. Bergler führt den negativen Entwicklungsverlauf und die vielfältigen Facetten der Glücksspielproblematik auf einen „psychischen Masochismus" als Kernursache zurück. Dem pathologischen Glücksspieler ist es in seiner Entwicklung nicht gelungen, seine reale Begrenztheit anzuerkennen, so dass unbewusste Größenfantasien fortbestehen. Auf Grund der damit verbundenen Aggressionen gegen die Eltern mit daraus resultierenden Schuldgefühlen besteht eine Tendenz zur Selbstbestrafung in Form des unbewussten Wunsches nach Verlust.

Der lustvoll-schmerzhaft erlebte Erregungszustand beim Glücksspielen erklärt sich aus den lustvoll erlebten aggressiven Größenfantasien auf der einen Seite und der schmerzhaften Erwartung einer gerechten Bestrafung auf der anderen Seite. Bei diesen Annahmen handelt es sich um eine Überinterpretation, die versucht, alle äußeren Erscheinungsformen eindimensional auf eine psychische Tiefenstruktur zurückzuführen, wobei die bewussten Motive wie das Streben nach Erfolg und Gewinn, dieVertreibung von Langeweile, die Bewältigung negativer Gefühle sowie verzerrte Denkmuster und defensive Verhaltensstrategien allein als Symptome eines unbewussten Strebens nach Bestrafung und Verlust begriffen werden.Von Spence (1993) wurde diese Form der Falldarstellung als „Narrative Metapher" analysiert, die in der Sherlock-Holmes-Tradition steht.

Der Therapeut als Meisterdetektiv wird mit einem bizarren und zusammenhanglosen Symptombild konfrontiert, welches ihm von einem verzweifelten und desorientierten Patienten präsentiert wird. Dabei ist der Therapeut in der Situation eines objektiven Beobachters, der in der Lage ist, die einzig mögliche Lösung des Puzzels zu finden, wobei die unvollständige Beweiskette aus den von seiner Autorität getragenen Plausibilitätsüberlegungen geschlossen wird. Im Falle Berglers werden die Fallgeschichten entsprechend immer wieder in Form glaubwürdiger Geschichten über den „unbewussten Wunsch zum Verlieren" präsentiert, so als handele es sich um ein tatsächliches Geschehen, an dessenWahrheitsgehalt nicht zu zweifeln ist.

Inhaltsverzeichnis
Danksagung5
Inhaltsverzeichnis7
Vorbemerkung9
1. Beschreibung des Störungsbildes11
1.1 Bezeichnung12
1.2 Definition13
1.3 Epidemiologie15
1.4 Verlauf und Prognose17
1.5 Differenzialdiagnose18
1.6 Komorbidität20
1.7 Diagnostische Verfahren21
2. Varianten des Glücksspielens26
2.1 Geldautomatenspieler26
2.2 Casinospieler27
2.3 Legale und illegale Karten- und Würfelspieler29
2.4 Lotto- und Totosystemspieler30
2.5 Pferdewetter31
2.6 Börsenspieler33
3. Störungstheorien und -modelle36
3.1 Der entwicklungspsychopathologische Ansatz36
3.2 Der suchttherapeutische Ansatz38
3.3 Der kognitive Ansatz41
3.4 Integrative Modellvorstellungen44
3.4.1 Ein Vulnerabilitätsmodell44
3.4.2 Ein Übersichtsmodell46
3.4.3 Ein klinisches Modell47
4. Diagnostikprozess und Indikationsstellung50
5. Behandlung53
5.1 Therapiemethoden53
5.1.1 Glücksspielabstinenz53
5.1.2 Symptomatisches Glücksspielverhalten54
5.1.3 Hintergrundproblematiken57
5.1.4 Problemlösetraining60
5.1.5 Geld- und Schuldenmanagement66
5.1.6 Angehörigenberatung und Familientherapie73
5.1.7 Medikamentöse Behandlung76
5.2 Differenzielle Methoden78
5.2.1 Glücksspielerinnen78
5.2.2 Migranten81
5.3 Probleme der Durchführung82
5.3.1 Behandlungsverlauf82
5.3.2 Versorgungssystem84
6. Effektivität88
6.1 Wirksamkeit der Methoden88
6.2 Katamnestische Studien90
Weiterführende Literatur97
Literatur98
Anhang114
CCCC-Questionnaire115
Kurzfragebogen zum Glücksspielverhalten (KFG)*116
Auswertungsrichtlinien des Kurzfragebogens zum Glücksspielverhalten ( KFG)117
Prozentrangnormen für die Eichstichprobe (N = 558)* des Kurzfragebogens zum Glücksspielverhalten ( KFG)118
Spezielle Anamnese zum pathologischen Glücksspielverhalten119
Leitfaden zur Diagnostik, Indikation und Therapieplanung121
Monatlicher Haushaltsplan122
Schuldenaufstellung123
Ausgabenprotokoll124

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